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Banater Post

Mundarten im Blickpunkt

Dr. Walter Engel

Zum Symposium im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar. Das „Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten“ ist auf einem guten Weg: Noch in diesem Jahr soll das Manuskript des ersten Bandes beim Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas in München abgegeben werden. Das sagte Peter Kottler auf dem Symposium „Mundarten im Blickpunkt“. Es fand am 21. und 22. Oktober in Temeswar im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus statt. Organisiert wurde es vom Demokratischen Forum der Deutschen in Temeswar, vom Literaturkreis „Stafette“ sowie von der Landsmannschaft der Banater Schwaben.

Peter Kottler, der bis 2009 als Dozent am Germanistik-Lehrstuhl der Temeswarer West-Universität arbeitete, koordiniert die Herausgabe des Wörterbuchs. Wie er berichtete, haben die Arbeiten daran schon 1957 begonnen. Dass es mehr als ein halbes Jahrhundert dauerte, bis sich die Herausgabe des ersten Bandes abzeichnet, liegt Kottler zufolge daran, dass es niemals hauptamtlich Angestellte gegeben habe, die sich ausschließlich mit dem Wörterbuch beschäftigten. Ständig habe bei dem Vorhaben improvisiert werden müssen. Ursprünglich sind Mitarbeiter des Germanistiklehrstuhls auf die Banater Dörfer gefahren und haben dort Mundartaufnahmen gemacht. Als das Geld für Ausfahrten nicht mehr reichte, begannen sie, aus Mundarttexten zu exzerpieren. Später wurden auch Diplomarbeiten ausgewertet. Mittlerweile füllt das Mundartmaterial, das Lehrkräfte und Studenten zusammengetragen haben, 400000 Zettel. Viel Material liegt zu den ersten fünf oder sechs Buchstaben des Alphabets vor, weniger für die nachfolgenden. Peter Kottler zufolge wird der erste Band die Buchstaben A, B und C behandeln und einen Umfang von etwa 450 Seiten haben. Bei jedem Wort soll zwischen fünf Mundarten unterschieden werden: Erstens: Rheinfränkisch (unter das im Wörterbuch auch Moselfränkisch fällt), zweitens: Alemannisch, drittens: Ostfränkisch (unter das im Wörterbuch auch Südfränkisch fällt), viertens: Bairisch, fünftens: Bairisch-Fränkische Mischmundarten.

Noch steht nicht fest, wie das Wörterbuch heißen wird. Gute Chancen hat der Titel „Banater deutsches Dialektwörterbuch“. Was sich Peter Kottler wünscht, ist, dass ein hauptamtlicher Mitarbeiter eingestellt wird, der sich ausschließlich um das Wörterbuch kümmert.

Mundart auf dem Rückzug

Mit der Bedeutung der Mundart früher und heute beschäftigte sich Dr. Walter Engel in seinem Festvortrag. Der frühere Leiter des Gerhart - Hauptmann - Hauses in Düsseldorf machte deutlich, dass Mundarten allgemein auf dem Rückzug sind. Dies gelte für „deutsche Sprachinseln“ wie jene im Banat, im Sathmarer Gebiet oder in Siebenbürgen ebenso wie für Regionen im deutschen Sprachraum. Parallel dazu sei allerdings auch eine Gegenbewegung festzustellen, nämlich die Rückbesinnung auf die Besonderheiten der eigenen Heimatregion, „zu der vielerorts die Mundarten gehören“. Zu denjenigen, die sich für die Mundart stark machen, gehört der Saarländische Rundfunk, der alle zwei Jahre einen „Mundartpreis“ vergibt. Im Ausschreibungstext fasst er Funktion und Literaturfähigkeit der Mundart folgendermaßen zusammen: „Mundart gibt uns das Gefühl der Vertrautheit und Geborgenheit, das Gefühl, daheim zu sein. In der Mundart bleiben wir zu Hause, auch wenn wir schon lange in der Fremde sind. Aufgeschrieben erreicht Mundart nicht selten literarische Qualität.“

Auf die Kraft und Ausdrucksstärke der Mundart setzt auch die „Bosener Gruppe“. Sie ist ein loser Zusammenschluss von Autoren, die anspruchsvolle Texte in rhein- und moselfränkischer Mundart schreiben. Die Gruppe trifft sich in der Bosener Mühle im nördlichen Saarland, daher ihr Name. Zu ihr gehören Schriftsteller aus dem Saarland, Rheinland-Pfalz, Loth-ringen und dem Elsass. Da Rhein- und Moselfränkisch auch im Banat beheimatet sind, könnten auch Banater Autoren aufgenommen werden. Darauf hat die Sprecherin der Bosener Gruppe, Karin Klee, schon vor Jahren hingewiesen. Voraussetzung sei allerdings, dass die Texte dem hohen literarischen Anspruch gerecht werden. (Die Banater Post berichtete darüber.)

Mundart als Refugium in Zeiten der Diktatur

Einen großen Teil seines Vortrags widmete Dr. Walter Engel der Bedeutung der Mundart in den Jahrzehnten der kommunistischen Diktatur in Rumänien. Wie er sagte, hat es nach 1945 nicht nur für die banatschwäbische, sondern für die gesamte rumäniendeutsche Literatur einen Stillstand von mindestens einem Jahrzehnt gegeben. Themen wie die Folgen des Zweiten Weltkriegs, die misslungene Flucht, die Kriegsgefangenschaft, die Russland- und später die Baragan-Verschleppung seien tabu gewesen. Dem Referenten zufolge gingen erste Impulse für die Erneuerung der banatschwäbischen Mundartdichtung von der Bühne aus. „Zunächst lebte die bereits in der Vorkriegszeit begründete Tradition des Dorftheaters wieder auf, das nun auch von der staatlichen Kulturpolitik unterstützt wurde, bis schließlich das Temeswarer Deutsche Staatstheater vor allem mit den Stücken von Hans Kehrer / Stefan Heinz und Ludwig Schwarz erstaunliche Erfolge verbuchen konnte.“ Wie Dr. Engel sagte, hat die regionale Presse erheblich dazu beigetragen, dass sich die Mundart im kulturellen und literarischen Bereich etablierte. „Ohne die Pipatsch, die Mundart-Beilage der Neuen Banater Zeitung mit ihrem Dreigestirn Hans Kehrer, Ludwig Schwarz und Nikolaus Berwanger wäre das Aufleben der banatschwäbischen Dichtung – als Lyrik, Kurzprosa oder in Form von Dramen-Texten inklusive Sketches – nicht möglich gewesen.“ Aber auch die Hermannstädter Zeitung habe regelmäßig Mundart-Texte veröffentlicht und zusammen mit der Monatszeitschrift „Volk und Kultur“ einen Wettbewerb für Theaterstücke ausgeschrieben, bei dem Texte in siebenbürgisch-sächsischer Mundart und in Hochdeutsch gleichberechtigt eingereicht werden konnten. Mitunter war in der Mundart möglich, was in Hochdeutsch nicht gegangen wäre. Ein Beispiel dafür ist die Serie „Dem Alter die Ehr“, die der Bukarester Neue Weg ab 1969 herausbrachte. Wie Dr. Engel sagte, haben in dieser Serie hochbetagte Menschen aus dem Banat in Mundart und in der Umgangssprache erzählt, was sie im Ersten Weltkrieg, aber auch in der Russlanddeportation erlebt haben. Zu der Zeit, so der Referent, hätten solche Texte in der Hochsprache in Rumänien wohl nicht erscheinen können. Die Veranstalter, aber auch die Medien, vor allem die in Rumänien erscheinende Banater Zeitung und die in Deutschland erscheinende Banater Post, ermutigte Dr. Engel, an der Pflege und Förderung der Mundart festzuhalten.

In weiteren Vorträgen ging es um den Publikationsstand des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs, um Besonderheiten der Mundart der Sathmarer Schwaben, um morphologische Merkmale der deutschen Stadtsprache von Temeswar sowie um die Zeit der Mundart und danach. Peter-Dietmar Leber, der Bundesvorsitzende der Landsmannschaft der Banater Schwaben, rundete das Symposium mit einem Vortrag über Leben und Denken der Banater Schwaben ab, die zu Beginn der 1950-er Jahre in Frankreich angesiedelt wurden. Unter anderem haben sie La Roque-sur-Pernes, ein Dorf in der Provence, vor dem Aussterben bewahrt. Zu ihrer Identität haben sie ein zwiespältiges Verhältnis. Während sich die einen weiterhin als Banater Schwaben betrachten, auch an ihrer Mundart festhalten, sehen sich andere als Franzosen.

Lesung der Mundartautoren

Im zweiten Teil des Symposiums, den die Vorsitzende des Demokratischen Forums der Deutschen in Temeswar, Helen Alba, in Banater Schwäbisch moderierte, kamen Mundartautoren zu Wort. Einige von ihnen leben im Banat, andere im Ausland. Zu den im Ausland lebenden zählt Maria Barac. Speziell für das Temeswarer Symposium schrieb die aus Kleinbeschtkerek stammende Wahl-Berlinerin drei Kurzgeschichten. Besonders viel Applaus erhielt sie für „Es Kathi kann nimmi Schwowisch“. In dieser Geschichte hält die langjährige „Pipatsch“-Mitarbeiterin ihren ausgewanderten Landsleuten den Spiegel vor. Nachdem sich im Jahre 2010 die Banater Schwaben auf einem Mundartfestival in Lothringen (Frankreich) präsentierten, wurden jetzt im Gegenzug Lothringer Autoren zu dem Symposion nach Temeswar eingeladen. Wegen Terminüberschneidungen konnten sie leider nicht kommen. Marianne Haas-Heckel schickte den Veranstaltern aber einige ihrer Texte, darunter „Die Geschichte vom Suppen-Kaspar“ von Heinrich Hoffmann, die sie in ihre Lothringische Muttersprache übertragen hat. Wie eng verwandt das Lothringer Rheinfränkische mit dem Rheinfränkischen vieler Banater Dörfer ist, zeigen folgende Zeilen:

De Kaschper, der war kerngesund,
Gudd muggeldich un kugelrund.
De Bäckelcher scheen rot un frisch,
Er esst so gär sin Supp om Disch.
Vun heijt uff morje saaht er : Bää !
Ich ess kenn Supp meh, nä un nä !
Un noch mol nä, ich will kemmeh !
Die Supp, die mohn ich gaar nimmeh!

Helen Alba hat diesen Text so gekonnt vorgetragen, dass manch einer im Publikum den Eindruck hatte, die Lothringer Autorin selbst stünde vor ihm. „Nicht jeder Mundarttext ist Literatur“, sagte Dr. Walter Engel in seinem Vortrag. Er erinnerte an den „billigen Humor und seichten Witz auf der Bühne“, gegen den seriöse Kritiker bereits lange vor der Wende in Rumänien gewettert hätten, allen voran Emmerich Reichrath, der langjährige Literaturkritiker und Theaterrezensent des Neuen Wegs und spätere Chefredakteur der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ). Wäre Reichrath noch unter den Lebenden, hätte er sich bei der einen oder anderen Lesung in Temeswar in seiner Kritik bestätigt gefühlt. Er hätte aber auch Texte zu hören bekommen, die höchsten Ansprüchen genügen und die für eine Bewerbung bei der Bosener Gruppe geeignet wären. Zu ihnen zählt ohne Zweifel „Dort is die Heed!“, Helen Albas Antwort auf Johann Szimits‘ berühmtes Gedicht „Wu is die Heed?“. Hier ein Auszug daraus:

Dort wu die Kerch am Sunntach leer,
de Pharre kummt vun weitem her,
wu die Kercheuhr lang nimi geht,
dort is die Heed.
Dort wu die Kaule trucke sin,
ke Gäns un aach ke Ente drin,
ke Schwob mer gsieht nit weit un breet,
dort is die Heed ...

Auf dem Symposium wurde der aus Perjamosch stammende und in Nürnberg lebende Mundartautor Stefan Michael Müller mit der Stefan-Jäger-Ehrenmedaille ausgezeichnet. Er erhielt sie anlässlich seines 80. Geburtstags für sein Gesamtwerk und für seine langjährige Mitarbeit im Literaturkreis Stafette. Die Auszeichnung wurde ihm von Horst Martin (Direktor der Banater Stiftung für internationale Kooperation) überreicht. Die Laudatio auf Peter Müller hielt Balthasar Waitz. Grußworte an die Teilnehmer der Tagung richteten der deutsche Konsul in Temeswar, Klaus Olasz, Dr. Karl Singer (Vorsitzender des Demokratischen Forums der Banater Deutschen), Peter-Dietmar Leber (Bundesvorsitzender der Landsmannschaft der Banater Schwaben), Ernst Meinhardt (Vorsitzender des Landesverbandes Berlin der Landsmannschaft), Robert Tari (Schriftsteller und Mitglied des Temeswarer Literaturkreises „Stafette“), Erwin Tigla (Vorsitzender des Vereins der Banater Berglanddeutschen) und Elke Sabiel (Vertreterin der Friedrich - Ebert-Stiftung). Dr. Sigrid Haldewang präsentierte einen Bericht zum Publikationsstand des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs, Helmut Berner einen Vortrag über die sathmarschwäbischen Mundarten, Karin Dittrich ein Referat über die deutsche Stadtsprache in Temeswar und Dr. Sorin Gadeanu zu Aspekten der kommunikativen Funktion des Deutschen im täglichen Sprachgebrauch in Schulen mit multiethnischer Zusammensetzung am Beispiel des Neuarader deutschen Lyzeums.