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Banater Post

Die Zipser im Wassertal

Zur Neuerscheinung »Die mythische Erzählwelt des Wassertals« von Anton-Joseph Ilk

Der bekannte Autor des vorliegenden Buches, Anton-Joseph Ilk aus Alkoven bei Linz, stammt aus dem nordrumänischen Viseu de Sus (Oberwischau) und promovierte als österreichischer Volkskundler im Mai 2009 an der Universität Wien mit Bestzensur über das Thema „Die mythische Erzählwelt des Wassertales“. Es ist die Arbeitswelt seiner zipserischen Landsleute, die zum Großteil Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Salzkammergut in die Karpatenukraine und in die nördliche Maramuresch eingewandert sind. Ihr reiches Erzählgut wird im vorliegenden Band vorgestellt und analysiert. Der Verfasser hat sich seit vierzig Jahren mit Bräuchen, Überlieferungen und dem Erzählgut seiner zipserischen Landsleute befasst, die heute bairisch sprechen, und dazu zahlreiche Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften und auch eigene Büchern veröffentlicht (vgl. unter anderem Ilk, Anton-Joseph: Zipser Volksgut aus dem Wassertal: Marburg: N. G. Elwert Verlag 1990, Schriftenreihe der Kommission für ostdeutsche Volkskunde, Bd. 48). Dieser Band ist eine Erweiterung seiner in Wien vorgelegten, 323 Seiten umfassenden Promotionsarbeit, die sich auf über 400 Interviews mit 70 Erzählern und 30 Seiten Literatur stützt. So wurde die mythoepische Erzählwelt des Maramurescher Wassertales (Wassertal – das bewaldete Gebirgstal in den Ostkarpaten wird vom Fluss Wasser, rum. Vasar, durchflossen) vorbildlich beschrieben und die Rolle phantastischer Wesen im Leben der altösterreichischen Holzknechte anhand mündlich überlieferter Erzählungen in den abgelegenen Waldkarpaten und – zum Vergleich – im ursprünglichen Salzkammergut untersucht. Außer dem Erzählwert der Beschreibungen ist auf deren wissenschaftliche Einordnung durch hunderte umfangreicher und bestens dokumentierter Fußnoten und Dokumentationsfotos zu verweisen. Der Band geht von der geografischen, historischen, ökonomischen und demographischen Beschreibung des Verwaltungskreises Maramuresch, des Wassertales und der Stadt Oberwischau / Viseu de Sus aus. Anschließend untersucht er die Erzählsituationen und Erzählformen der Zipser und danach sieben Typen von phantastischen Wesen nach Geschlecht, Eigenschaften, Funktionen, Herkunft und Verbreitung, wobei sie mit entsprechenden phantastischen Wesen im Salzkammergut und in rumänischen und slawischen Sagen verglichen und auch in Bezug zur Literatur und Kunst gesetzt werden; eine umfassende und gelungene Analyse dieses komplexen Themas. Die phonetisch notierten Beispieltexte ermöglichen auch eine Analyse des „Wischaudeutschen“ mit seiner Entwicklung von salzkammergütlerischen und Zipser Grundlagen zur heutigen oberösterreichischen Prägung und dem sichtbaren Einfluss der benachbarter Ethnien.

Das Erzählen gehört zum Leben der Wassertaler Einwohner wie das tägliche Brot. Das Erzählgut der Zipser – besonders das aus dem Holzschlag – ist mehrschichtig und umfasst Mära – im allgemeinen märchenhafte Erzählungen; Kasska (ostslaw., kazat, sprechen, sagen, russ. skaska, Märchen) sagenhafte Erzählungen und Gschichtn (schwankähnliche, humorvoll-kritische Kurzerzählungen). Viele davon gibt es in dem Band Ilks „Zipser Volksgut aus dem Wassertal“ Marburg 1990. Die Erzähler sind alle deutsche Siedler des Wassertales. Die Analyse der etwa vierzig phantastischen Wesen steht im Mittelpunkt des Bandes. Die genaue Gliederung listet auf: menschliche, tierische, dämonische, geisterhafte und zwergähnliche Wesen, männlichen und weiblichen Geschlechts. Dazu kommen dämonisch-magische Kräfte und antidämonische Kräfte, auch als Abwehrzauber bekannt. So handeln die Erzählungen von verschiedenen Waldmännern und Pestmüttern, Hexen und Teufeln, Milchräubern und gefährlichen ukrainischen Wahrsagerinnen, aber auch von einer anderen Sichtweise der Oberwischauer Waldarbeiter. So wurde die gefährliche altheidnische Wilde Jagd abgeschwächt, der Wildn Jacht des Wassertales wurde sogar eine positive Rolle zugesprochen: Im Geheul des Wilden Heeres wurden nämlich die Seelen ungetauft verstorbener Kinder wahrgenommen, denen man so zur Taufe verhelfen konnte. Ein Vergleich mit der Sagenwelt des Salzkammergutes zeigt ähnliche Aspekte auf. Das obligate Faschingsfeiern, im Salzkammergut sogar als „heilige drei Tage“ bezeichnet, wurde im Wassertal sogar auf ein „göttliches Gebot“ zurückgeführt und als Faschingsunntag, -mantag und -dienstag personifiziert. Sie verlangten eine nötige Ruhepause der schwer arbeitenden Waldarbeiter. Das Waldweibl entwickelte sich im Wassertal zum idealen Frauentypus schlechthin und erlangte auf diese Weise einen wesentlich höheren Stellenwert als die anmutige Salige, sein Pendant im Salzkammergut. Ihre positiven Eigenschaften beruhen auf ihrer Beliebtheit unter den Männern, die sich ständig nach ihren Frauen sehnten, zu denen sie die ganze Woche keine Verbindung hatten. Die überlieferten Sagengestalten des Salzkammergutes mischten sich mit bodenständigen rumänischen, ukrainischen unter anderem Schreckgestalten wie Hexe, Pestmutter, Werwolf, Eule als Totenvogel, schwarzer Hund, Feuer- und Wassermännchen, Teufelskind usw., welche Ängste der einsamen Waldarbeiter in ihrem unübersichtlichen und bedrohlichen Umfeld personifizierten und dadurch überwinden halfen. Die gewonnenen Erkenntnisse aus der vierzigjährigen Forschungstätigkeit des Autors und aus der Analyse der Rolle und Funktion dieser phantastischen Gestalten sollen den gesamteuropäischen Traditionen zugeführt werden. Es ist wichtig, die sprachlich-kulturellen Besonderheiten des Wassertales, aber auch das gesamte Kulturgut der südosteuropäischen Sprachinseln vor ihrem unaufhaltsamen Untergang zu dokumentieren und für die Folgegenerationen und die wissenschaftliche Fachwelt zu erhalten.

Die technische Realisierung des Bandes ist lobenswert. Dabei ist auf die zahlreichen dokumentarischen Fotos, die Vielzahl erläuternder und weiterführender Fußnoten, die umfassende Fachliteratur sowie die Erzähler-, Namen- und Sachverzeichnisse zu verweisen. Die inhaltsreiche und dennoch preisgünstige Publikation wendet sich an Laien und Wissenschaftler gleichermaßen und sollte sowohl in Bibiotheken als auch in die Wohnungen möglichst vieler Leser aus dem Wassertal, dem Banat und dem Salzkammergut Eingang finden. Der Band setzt die Abhandlung „Geschichte des deutschen Schulwesens von Oberwischau“ (Nürnberg: Verlag Haus der Heimat 2009) fort und erschien in der Reihe „Veröffentlichungen zu den Zipsern im Wassertal“. Weitere Bände in dieser Reihe sind geplant.

Anton-Joseph Ilk: Die mythische Erzählwelt des Wassertales. Hg. Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, Linz 2010, ISBN 978-3-900424-86-2. Hardcover 17 x 24 cm, 400 Seiten, über 100 Abbildungen, Karten und Pläne. Preis: 20 Euro zuzüglich Versandkosten. Bestelladresse in Deutschland: Theresia Makrai, Tel. 09951 / 590560; E-Mail: Theresia.Makrai gmx.de.