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Banater Post

Banater Geschichten mit filmreifer Kulisse

Überlegungen zum Roman „Jacob beschließt zu lieben“ von Catalin Dorian Florescu. 

Das Banat und die Banater Schwaben mit ihrer wechselvollen Geschichte in diesem südöstlichen Zipfel Mitteleuropas sind in den letzten Jahrzehnten eher durch die Literatur ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit gerückt worden als durch die Geschichtsschreibung oder die allgemeine  Medien-Berichterstattung. Die Autoren der „Aktionsgruppe Banat“ erreichten mit ihren auf das Banat und auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im kommunistischen Rumänien bezogenen Bücher eine ungewöhnlich starke Medien-Resonanz im deutschen Sprachraum. Zusehends wandten sie sich der näheren und auch ferneren banatschwäbischen Geschichte zu, so Richard Wagner und Johann Lippet. Die der Aktionsgruppe nahe stehende Autorin Herta Müller hat schließlich mit ihrem Deportations-Roman „Atemschaukel“ und dem ihr daraufhin verliehenen Nobelpreis für Literatur ein nie da gewesenes öffentliches Interesse am Banat, den Banater Schwaben und allgemein an den Deutschen in Rumänien geweckt. Neuerdings nehmen sich auch Autoren der Banater Thematik an, die diesen Landstrich und die banatschwäbische Mentalität und Lebensweise – sie ist ja inzwischen größtenteils Geschichte – kaum erlebt haben. So die deutsche Autorin und literarische Übersetzerin Esther Kinsky mit dem Roman „Banatsko“ (Berlin 2010) und der in Temeswar 1967 geborene, 1982 emigrierte und heute in der Schweiz lebende Schriftsteller und Sucht-Therapeut Catalin Dorian Florescu mit seinem neuen Buch „Jacob beschließt zu lieben“ ( C. H. Beck, München 2011).
Florescu löste mit seinem Roman ein zwiespältiges Echo aus, einerseits meist lobende Kritiken in den Medien, andererseits heftige Ablehnung und auch Empörung bei ehemaligen Bewohnern des Dorfes Triebswetter.

Der Autor erzählt die Geschichte der Familie Obertin, die  - wie die Mehrheit der Ansiedler des Dorfes Triebswetter – aus Lothringen ins Banat eingewandert ist. Die  Generationenfolge der Obertins umspannt im Romangeschehen drei Jahrhunderte: von der Mitte des 17. Jh. in dem  vom verheerenden Dreißigjährigen Krieg heimgesuchten Lothringen bis hin zu den Deportationen der Banater Schwaben in die Sowjetunion und in den Baragan nach dem Zweiten Weltkrieg. Das vorwiegend, aber nicht kosequent aus der Perspektive des jungen Jacob Oberin erzählte Geschehen spielt sich auf der Gegenwartsebene im Banat in knapp drei Jahrzehnten ab, von der Mitte der zwanziger Jahre des 20. Jh., als Jacob geboren wurde, bis zum Beginn der fünfziger Jahre, als er und sein Vater mit Tausenden Banatern – Deutschen, Rumänen, Ungarn, Serben - in der Baragan-Steppe ausgesetzt wurden. Die wichtigsten Schauplätze des sprunghaften Geschehens sind Triebswetter und „Temeschwar“. Die episodenreiche Gegenwartshandlung wird durch weit zurückreichende historische Rückblenden unterbrochen. Ereignisse aus der Zeit der Ansiedlung des Dorfes Triebswetter 1772 werden  ebenso bildhaft beschrieben wie die vorangegangene, unglaublich  abenteuerliche Auswanderungs-geschichte des Frédéric Aubertin auf der Donau von Ulm über Wien bis ins Banat. Sein Name sollte bei der Einwanderung zu Frederick Obertin werden, die französischen Lothringer in Triebswetter allmählich zu Banater Schwaben. Der Ich-Erzähler Jacob Obertin behauptet entschieden, dass er kein Banater Schwabe sei. Sein Vater, die weithin dominante Figur des Romans in scharfem Kontrast zu Jacob, war kein Triebswetterer und auch kein Obertin und gehörte nie ganz dazu. Er kam als Fremder ins Dorf, „wie ein Naturereignis“. Fast biblisch heißt es: „Er war von den Karpaten herabgestiegen.“ Und alles drehte sich plötzlich um ihn, wie bei Helden in typischen  amerikanischen Filmen, an die der Autor an anderer Stelle sinnigerweise erinnert. Schon die Eingangsepisode weist Florescu als einen extrem einfallsreichen Erzähler aus, dem allerdings hin und wieder „die Pferde durchgehen“. Es handelt sich denn auch eher um einen Abenteuerroman als um einen historischen Roman, der sorgfältiger mit gesicherten geschichtlichen Fakten umgehen müsste, was auch für die Alltagskultur einer Siedlergemeinschaft gilt.

Zweifellos hat Catalin Dorian Florescu ein unterhaltsames, ein spannendes Buch vorgelegt, das den Leser in seinen Bann zieht, gewissermaßen dem Sensationsbedürfnis entgegenkommt. Totschlag und Raubmord gehörten zum Lebenswandel der ehemaligen Aubertins, nicht nur im Dreißigjährigen Krieg, auch auf der Wanderung ins Banat. Und da steigt hundertfünfzig Jahre später, um 1924, ein Jakob-ohne-Nachnamen von den Banater Bergen herab, um die aus Amerika mit etwas Geld nach Tiebswetter heimgekehrte Elsa Obertin zu ehelichen. In einer Zeitung hatte er gelesen, dass die wohlhabende junge Frau einen Mann sucht. Er war ganz sicher, dass nur er gemeint sein kann. Merkwürdigerweise passt er in die Galerie der Obertins, ist  in seiner aufbrausenden gewalttätigen Art den Ahnen dieser Familie im Lothringischen, wie Caspar und dann auch Frédéric vergleichbar. Letzterer ging vor der Auswanderung ins Banat auf „Zigeunerjagd“, um damit Geld zu verdienen. Er tötete sie und schnitt ihnen die Ohren ab, als Nachweis.

Jakob (mit k geschrieben), der neue Obertin, eigentlich hieß er ja Franz – aber das hier zu erläutern führte zu weit - also der Vater des jungen Jacob (dieser mit c geschrieben!) war zwar jähzornig und brutal, verbannte seinen Schwiegervater, den angesehenen letzten Obertin, aus der guten Stube ins Gesindehaus und misshandelte seinen Sohn Jacob. Er mehrte aber das Vermögen der frömmelnden Elsa Obertin, das nun sein eigenes war. Dass auch der Zigeunerjunge Sarelo sein Sohn war, erfährt man erst im letzten Teil des Romans. Ihn, dessen Mutter Ramina einst mit dem Bulibasa auf dem Zigeunerhügel lebte, nimmt er ins Haus und vererbt ihm die ganze Bauernwirtschaft der Obertins, während er seinen Sohn Jacob den Russen für die Deportation ausliefert. Geschichten voller Überraschungen und Dramatik. Mit dem Kriegsende und der Machtübernahme durch die Kommunisten war es mit dem Vermögen dann sowieso vorbei. Da zog Sarelo in die guten Stuben und steckte seinen Vater Jakob ins Gesindehaus.

Die politischen Verhältnisse dieser Jahrzehnte – der um sich greifende Einfluss nationalsozialistischer Ideologie im öffentlichen Leben der Banater Schwaben, bis hinein in die Familien, die Diskriminierung der Juden und Zigeuner usw. - sowie zeitgeschichtliche Ereignisse wie der Kriegsausbruch,  die Beteiligung banatschwäbischer junger Männer am Krieg auf deutscher Seite, die Bombardierung Temeswars und der Vormarsch der Russen, schließlich die Russlanddeportation. Diese Fülle von Episoden werden größtenteils aus der Perspektive des jungen Jacob Obertin erlebt und durch seinen Werdegang strukturiert. Als übergeordnetes Spannungsfeld gibt der andauernde Vater-Sohn-Konflikt dem Romangeschehen einen gewissen Zusammenhalt.
Wann Jacob zu lieben beschließt, wie der Romantitel ankündigt, muss jeder Leser selbst herausfinden. Ob dies mit der feinfühlig erzählten Liebesgeschichte zwischen Jacob und dem serbischen Mädchen Katica beginnt oder mit Jacobs später Zuneigung zum nun gebrechlichen, hilfsbedürftigen Vater, der ihn in der Kindheit und Jugend so sehr gequält hatte, bleibt offen. Jacob, der kränkliche Dorfjunge und Außenseiter, erlebt aus bitteren Erfahrungen – sie gipfeln im Verrat durch den Vater und in der Flucht aus dem Deportations-Waggon – eine innere Wandlung, eine Art Läuterung. Seine innige Beziehung zum Großvater, der Zugang zur Welt der Bücher, aber auch die seltsame Nähe zur Zigeunerin Ramina und seine geradezu christliche Aufnahme und wundersame Rettung durch den Knochen sammelnden Popen Pamfilie prägen den heranwachsenden Jakob stärker als es die ihm nahezu fremd gebliebene banatschwäbische Umgebung vermochte. Man kann in der Gestalt des Jacob Ansätze zu einem „Simplicissimus“ sehen. Dies nicht wegen der vordergründigen Szenen aus dem Dreißigjährigen Krieg und des dazu gehörenden „Schwedentrunks“, sondern bestimmt von seiner wachsenden Einsicht in die Abgründe des menschlichen Lebens und in die Willkür der geschichtlichen Abläufe.

So kann man den Roman lesen. Wo in Catalin Dorian Florescus Buch die Grenze zwischen großer Literatur und dem exotischen Unterhaltungsroman verläuft, muss offen bleiben. Jedenfalls ranken sich um Jacobs junges Leben unglaubwürdige Geschichten, die ihm selbst widerfahren oder ihm erzählt werden – vom Großvater, von der Zigeunerin Ramina oder vom Popen Pamfilie. Sie waren alle große Erzähler, wie Jacob selbst, der über seine eigene Geburt auf dem Mistwagen des Großvaters berichtet, die unter Mithilfe von Ramina und unter den Augen des halben Dorfes vonstatten ging. Im Popen, der auf einem „Knochenberg“ lebte, massenhaft aus der Tiefe der Geschichte stammende Knochen barg und bestattete, hat Jacob, so heißt es im Roman, „nicht nur einen Meister gefunden, sondern auch einen geschickten Erzähler. Einer mehr in meinem so kurzen Leben. Ob wahr oder erfunden, das war ihm und letztendlich auch mir egal.“  Diese Haltung eignet sich Jacob schließlich im Umgang mit Geschichten an. Nach fünfjährigem Aufenthalt, kaum achtzig Kilometer von Triebswetter entfernt, beim Popen Pamfilie, bei dem er, was Wunder, auch dem entschwundenen Bulibașa begegnet, taucht Jacob als vermeintlicher Sibirien-Heimkehrer wieder in seinem Geburtsort auf und gibt seine erfundenen  Deportierten-Geschichten zum Besten. Die auf die Rückkehr der Deportierten hoffenden Familien hörten ihm zunächst gebannt zu. Doch: „Sie hatten gemerkt, dass meine Geschichten vage blieben, dass ich ihnen kaum etwas Konkretes sagen konnte, so sehr ich mich auch darum bemühte, vor ihren Augen die glaubwürdige Geschichte meiner grausamen Deportation entstehen zu lassen. Ich war nicht unglücklich darüber, denn inzwischen hatte ich Angst, entlarvt zu werden.“

Florescu pflegt einen anschaulichen, zupackenden Erzählstil. Man könnte ihn verführerisch nennen, wie Jacob seine falschen Sibirien-Geschichten sinngemäß bezeichnet. Er liebt die dramatische Zuspitzung, die Auftritte in Massenszenen. Das Wunderliche, das Zauberische, der Fluch der Zigeunerin – vieles grenzt ans Märchenhafte. So auch die als real erzählte Rückwanderung hunderter Familien aus Triebswetter nach Lothringen nach dem Zweiten Weltkrieg und der Enteignung durch die kommunistischen Machthaber. Zwei Güterzüge und ein Personenzug nahmen sie mit ihrem letzten Hab und Gut mit auf die Reise in den Westen. Es dauerte lange, bis sie eingesehen hatten, dass es unmöglich ist, auch die Kirche mit zu nehmen. Soll dies eine Groteske sein wie die Deportation der Ramina nach Transnistrien an den Bug, an der ein ganzer rumänischer Militärkonvoi beteiligt war?  

Die dörfliche Gemeinschaft, das öffentliche Dorfleben bleibt jedenfalls, bis auf wenige Szenen und Anspielungen, im Hintergrund, so dass dieser Roman zur banatschwäbischen Kultur- und Mentalitätsgeschichte wenig beiträgt, was im Sinne des Autors sein dürfte. Manches eingeflochtene Detail ist nachweislich nicht authentisch und verzerrt das geschichtlich überlieferte Erscheinungsbild der Banater Schwaben. Ein Apotheker  war beispielsweise in Banater Ortschaften in der Zwischenkriegszeit eine Respektperson und kein ungepflegter Jammerlappen. Überhaupt war der vielfach beschriebene Dreck und Gestank in Banater schwäbischen Dörfern verpönt, viel eher war übertriebene Ordnung und Sauberkeit typisch. Säufer hat es wohl auch gegeben, sie sind aber sicher nicht in Rudeln aufgetreten und haben sich auch nicht im Staub gebalgt, um hingeworfene Münzen zu ergattern. Weitere Beispiele ließen sich aufzählen. Übertreibungen mögen zum effektvollen, spektakulären Erzählen beitragen, doch eignen sie sich nicht zur Kritik an ideologischen Auswüchsen. Da reicht die Beschreibung der Fakten völlig aus. Der nicht mehr junge Apotheker nahm sein Schießgewehr und zog als erster freiwillig in den Krieg, erzählt Florescu. Die Banater Schwaben hatten aber keine Gewehre im Haus und auch keine Uniformen. Das gab es und gibt es vielleicht heute noch bekanntlich in der Schweiz. Banatschwäbische Jugendliche haben sich, wie man weiß, mehr oder weniger begeistert und freiwillig als deutsche Soldaten an die Front begeben. Sie hatten aber keine deutschen Uniformen zu Hause! In „Temeschwar“ ging man indessen und auch nach dem Krieg in „Mosis" (Kino) und trank Wein aus „Bakowia“, während auf dem Josefstädter Markt „matschiges oder vertrocknetes Gemüse und Obst angeboten wurden“. Das muss wohl im „Aprozar“ gewesen sein. Von den kleinen Schönheitsfehlern in der ansonsten sinnlichen und farbigen Sprache seien hier nur zwei erwähnt: Man kann nicht jemand „am Pranger durchs Dorf“ führen, denn der Pranger war im Mittelalter ein „Schandpfahl“, an dem die armen Verurteilten „zur Schau gestellt“ wurden, also stehen mussten. Dass der Ulmer Schiffer „ein Berg von einem Mann“ war, ist nicht einfach zu verstehen, vielleicht ein Mann wie ein Berg.

Catalin Dorian Florescu hat mit seinem Roman „Jacob beschließt zu lieben“ Erfolg bei der Kritik und beim Publikum. Das Buch ist keine geschichtliche Dokumentation und enthält selbst Hinweise auf das Phantastische, auf erfundene Geschichten. Insofern ist es als spannender Unterhaltungsroman zu lesen, der allerdings wichtige Wendepunkte der banatschwäbischen Geschichte in eigenwilliger Weise beleuchtet, was ja der Literatur zugestanden wird. Ein großer literarischer Wurf ist das Buch nicht. Es hat erzählerische Höhen und Tiefen: Neben glänzend erzählten Episoden stehen Passagen, die dem Trivialroman zuzuordnen sind. Fazit: Kritische Auseinandersetzung mit diesem Roman ist nötig, eine Verteufelung scheint mir jedoch nicht angebracht.

Catalin Dorian Florescu: Jacob beschließt zu lieben, Roman, Verlag C. H. Beck München, ISBN 13978-3-406-61267-1, Preis 19,95 Euro. Zu beziehen über den Buchhandel.