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Banater Post

Plädoyer für das Heimatbuch (Teil 2)

Heimatbücher der »jüngeren« Generation

Zum Studienband »Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik, Wirkung« (2).  Im ersten Abschnitt des von Mathias Beer herausgegebenen Sammelbandes „Das Heimatbuch. Geschichte, Methodik,Wirkung“ (Göttingen 2010) stehen Fragen nach dem Begriff dieser „Buchklasse“ im Vordergrund sowie die damit verbundene Forschungsgeschichte, mitbegründet vom Volkskundler Gustav Schöck (nicht Rudolf, wie es fälschlicherweise im ersten Teil der Rezension heißt).

Christel Köhle-Hezinger fasst eingangs ihres engagierten Beitrags („Das Heimatbuch. Passt Heimat in ein Buch?“) zusammen, was sie für die Essenz des „Heimatbuchs“ hält: „Das Heimatbuch ist (…): festgehaltenes Gut und wieder aktivierte, lebendige Erinnerung. Mit ihm kann Vergangenheit, kann Erinnerung zurückgerufen werden.“ Es geht ihr aber zunächst um die Verdeutlichung der innigen Beziehung des Menschen zur „Buch-Heimat“, zu den Büchern, die für ihn Teil der Heimat sind, ihn durchs Leben begleiten. Eigene Beobachtung und praktische Erfahrungen aus Feldforschung und Lehre sowie Selbstbiographisches im weiteren Sinne liegen dem Beitrag der Kulturwissenschaftlerin zugrunde. Die Frage, warum Mutter und Groß-mutter jeweils in ihrer eigenen, wenn auch kleinen „Buch-Heimat“ kein „Heimatbuch“ nach heutigem Verständnis hatten, beantwortet die Autorin unter anderem damit, dass man die „Heimat im Buch“ noch nicht so recht brauchte, denn „die Heimat war konkret, sie war eigen, real, gegenwärtig“. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts begann sich dies zu ändern, und zwar für immer mehr Menschen, die den Ort ihrer Herkunft verließen oder verlassen mussten; ein Phänomen, das im und nach dem Zweiten Weltkrieg viele Millionen Menschen betroffen hat. Für sie wurde Heimat zu „Verlust und Erinnerung“.

Dass Heimat sehr wohl in ein Buch passt, wenn auch in ganz unterschiedlichen Ausprägungen und aus verschiedenen Perspektiven, weist die Verfasserin an der Entstehung und Wirkung von Heimatbüchern aus Orten des Neckar-Raums und von der Schwäbischen Alb nach. Aufschlussreich für den gegenwärtigen Umgang mit dem Thema sind die vorgestellten Beispiele über „tastende Suche nach Heimat und Identität“ der Studierenden, etwa in den Fächern wissenschaftliche Volkskunde oder Kulturwissenschaften allgemein. Die Verwendung des Begriffs „Heimat“ im aufgeklärten Sinn braucht dabei aber wahrlich niemand mehr zu scheuen.

In ihrem auch vielschichtigen und historisch weit gespannten Beitrag („Entstehung und Aufstieg des Heimatbuchs“) weist Jutta Faehndrich auf die wichtige Rolle der Heimatkunde als Unterrichtsfach bei der Herausbildung des „Heimatbuchs als Schriftenklasse hin. Eine besondere Bedeutung spricht sie dabei der Heimatkunde-Konzeption des Pestalozzi-Kenners Christian Wilhelm Harnisch (1787 bis 1864) zu, an der sich „die Heimatkunde in der Schule und in der Laienforschung im Grunde bis heute“ orientiere. Die Etablierung des Heimatkunde-Unterrichts beschreibt Faehndrich vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund: Wilhelminische Epoche und Weimarer Republik, sodann Hinweis auf die „völkische“ Instrumentalisierung der Heimatkunde in der NS-Zeit sowie auf den „kleinen Aufschwung“ dieses Schulfachs in der jungen Bundesrepublik und auf dessen extreme Ablehnung durch die Achtundsechziger-Bewegung, auf die die große Heimatwelle der achtziger Jahre folgte.

Zu den Auswirkungen von Politik und Zeitgeschichte auf das Heimatbuch, das im Mittelpunkt des zweiten Teils der Studie von Jutta Faehndrich steht: „Das Heimatbuch als Schriftenklasse hat all diese Wandlungsprozesse in seiner Popularität und seinen Auflagenzahlen weitgehend unbeeinträchtigt überstanden.“ Die Entstehungsgeschichte des Heimatbuchs wird von der Verfasserin in enger Beziehung zur „Heimatkundebewegung“ dargestellt. Sie beschreibt exakt die regional unterschiedliche Verbreitung des Heimatbuchs – an der Spitze standen zunächst die preußischen Provinzen (als erste Hessen-Nassau), dann Böhmen und das Baltikum – und die sich wandelnde Funktion und Qualität der Heimatbücher sowie deren Varianten. Den Schlussteil des Beitrags bildet ein geraffter Überblick zum Thema „Heimatbücher nach 1945“: Bundesrepublik und DDR sowie Vertriebenenheimatbücher. Bei der letztgenannten Kategorie müsste allerdings –um auf der historisch-geografischen Ebene zu bleiben – korrekterweise stehen: ehemalige deutsche Ostgebiete, vielleicht mit dem Zusatz: nach Flucht und Vertreibung.

Als einer der zigtausend deutschen Aussiedler, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts „freiwillig-gezwungen“ ihre Heimat in den Ostblockstaaten verlassen mussten und nach Deutschland kamen, berichtet Georg Schmidt, geboren und aufgewachsen im Banater Ort Semlak, unter dem Titel „Warum habe ich ein Heimatbuch geschrieben? Ein Erfahrungsbericht“ über seine Arbeit als Verfasser bzw. Mitgestalter von rund dreißig „recht unterschiedlichen Büchern“ – Familienbücher, Ortsmonografien, Schulmonografien, ein Periodikum –, die er dem „Genre des Heimatbuches“ zuordnet. Georg Schmidt schreibt und veröffentlicht aus dem Erfahrungshintergrund des Betroffenen, aus dem „Bedürfnis, über die eigene Herkunft aufzuklären, der selbsterlebten Zwangsmigration einen Sinn zu geben“. Er merkt an, dass die Frage nach einer auf das Materielle beschränkten „Kosten-Nutzen-Rechnung“ beim Verfassen von Heimatbüchern falsch sei. Es kommt ihm auf „die immaterielle Belohnung“ an, die er „in Form von anerkennenden Worten“ der Leser erfährt. Für die Menschen sind heimatbezogene „Kleinigkeiten“ von Bedeutung, die von der etab-lierten Geschichtsforschung kaum beachtet werden, ihren Platz aber in den Publikationen der Heimatforscher finden. Die eigene Kulturleistung sei es wert, argumentiert Georg Schmidt, „sowohl im Bewusstsein meiner Landsleute wachgehalten, als auch der Bevölkerung der neuen Heimat weitergegeben zu werden. Auch deshalb schreibt man ein Heimatbuch!“ Er berichtet sodann über Entstehung, Inhalt und Verbreitung einiger von ihm maßgeblich mitverfassten und mitgestalteten Publikationen. Es handelt sich um den in zwangloser Folge erscheinenden „Semlaker Heimatbrief“, die Ortsmonographie „Heimatbuch Kleinjetscha“ und eine Schulmonographie „Deutsche Pädagogische Lehranstalt Temeswar 1953–1957. Ein Banater Lehrerjahrgang hält Rückschau“ (Gesamtredaktion Katharina Schmidt, 2007). Im Buchabschnitt „Regionale und zeitspezifische Ausprägungen“ setzen sich die Historiker Wolfgang Kessler, Josef Wolf und Andreas Schmauder mit dem Phänomen Heimatbuch bzw. mit ortsgeschichtlicher Forschung in einer jeweils anderen Großregion auseinander: Nordostdeutschland, donauschwäbischer Siedlungsraum und Südwestdeutschland.

Mit der Heimatbewegung in den nordöstlichen Provinzen Preußens – Pommern, Westpreußen und Ostpreußen – Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich parallel mit der Heimatgeschichtsschreibung eine Heimatpublizistik. Wolfgang Kessler erfasst und bewertet in seiner Untersuchung „Von der Aneignung der Region als Heimat zur Dokumentation des Verlorenen. Heimatbücher zum historischen Norddeutschland“ einleitend die Entstehung und Entfaltung der unterschiedlich ausgeprägten heimatkundlichen Literatur der drei Provinzen vor und nach dem Ersten Weltkrieg. Auch für diese Großregion des deutschen Sprachraums wird die Wechselwirkung zwischen Heimatkunde und Heimatbuch nachgewiesen sowie deren Prägung durch zeitgeschichtliche Faktoren beleuchtet. So befasst sich Wolfgang Kessler ausführlich mit den besonders für diese Region so einschneidenden Folgen des Versailler Vertrags auf Inhalte und Zielrichtung der Heimatbücher sowie mit deren ideologischen Instrumentalisierung in den dreißiger Jahren im Sog der nationalsozialistischen Kulturpolitik.

Die Herausgabe von Heimatbüchern kam in den Kriegsjahren in Nordostdeutschland völlig zum Erliegen, setzte dann aber – nach Flucht und Vertreibung – ab den fünfziger Jahren in Westdeutschland wieder ein. Dieses komplexe Kapitel der Heimatbuch-Geschichte der Nachkriegszeit erhält seine besondere Note aus der traumatischen Erfahrung des Heimatverlustes. Es handelt von jahrhundertealter Geschichte jetzt verlassener Orte und Landschaften, die es im Heimatbuch zu bewahren gilt als geistiges Heimat-Erbe, das weiterzugeben ist an die folgenden Generationen. Wolfgang Kessler bietet eine Inventur der von 1951 bis 1978 vom „Göttinger Arbeitskreis“ herausgegebenen Heimatbücher, die vorwiegend ostpreußischen Heimatkreisen gewidmet sind. Er bezeichnet sie als „Heimatkreisdokumentationen“ – eine weitere Untergattung des „Heimatbuchs“ also. Dazu gehören auch die fast flächendeckend über Landkreise Westpreußens und Pommerns (östlich der Oder) seit den sechziger Jahren erschienenen „sogenannten ostdeutschen Heimat-bücher“. Die Kreisdarstellungen wurden Ende der siebziger Jahre, so Kessler, vom „Ortsheimatbuch“ abgelöst.

Als „Spezifika der Heimatbücher nach 1945“ führt er unter anderem an: Aussparung der NS-Zeit, Rekonstruktion der Vergangenheit, Erinnerungstransfer zwischen den Generationen. Diese Heimatbücher seien „heimat- und erinnerungspolitisch konzipiert“: „Das Motiv ist nicht kritisches
Interesse, sondern emotionale Bindung, auch generationenübergreifend. Ausgangspunkt der Folge-generationen ist oft Familienforschung, die Frage, wie die Vorfahren gelebt haben.“ Die heutige polnisch- oder russischsprachige regional- und ortsgeschichtliche Forschung im früheren Nordostdeutschland wird von Wolfgang Kessler marginal und unkritisch erwähnt. Ausgespart wird die Frage, ob und wie darin die deutsche Heimatgeschichtsschreibung zu diesen früheren Reichsgebieten berücksichtigt wird. Diesen Aspekt der aktuellen Heimatforschung in den ehemaligen Ostgebieten – analog auch in den deutschen Siedlungsgebieten Südosteuropas – sollten die Regionalhistoriker nicht einfach übergehen. Eingangs seines kohärenten Beitrags „Donauschwäbische Heimatbücher. Entwicklungsphasen und Ausprägungen“ nennt Josef Wolf die Zielsetzungen seiner Untersuchung: den Forschungsstand zur Heimatgeschichtsschreibung der donauschwäbischen Siedlungsgebiete darzustellen; die entwicklungsgeschichtlichen Konturen des donauschwäbischen Heimatbuchs als Schriftengattung nachzuzeichnen und dessen definitorische Merkmale zusammenzufassen.

Im historischen Schrifttum zum Banat, zur Batschka und zu den transdanubischen Siedlungsgebieten der Deutschen spielt die „lokalgeschichtliche Monografienliteratur“ nach Wolf ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Die erste gedruckte Monografie einer Banater Ortschaft war die „Kurzgefasste Local-Geschichte des Marktfleckens Liebling“ (1869) von Samuel Hetzel, der auch Leitlinien einer Heimatkunde für den Unterricht publiziert hat. Zu der Zeit wurde das Unterrichtsfach Heimatkunde an der österreichischen Volksschule eingeführt (wenige Jahre später in Preußen), was die Heimatforschung belebt hat. Anlässe für die Veröffentlichung von Ortsmonographien waren meist Jubiläen der Gemeinde: Ortsgründung, Einweihung der Kirche unter anderem. Den historischen Inhalt der donauschwäbischen Ortsmonographien prägte ein bis heute lebendiger Leitgedanke: die opferreiche Umwandlung der bei der Ansiedlung vorgefundenen öden, sumpfigen Landschaft in einen fruchtbaren, liebenswerten Lebensraum. Daraus entwickelte sich eine wesentliche Komponente der Gruppenidentität und des Geschichtsbewusstseins der jungen Siedlergemeinschaft. Die donauschwäbischen Ortsgeschichten sollten – vergleichbar mit jenen im binnendeutschen Raum – im Grunde die Kenntnis über die Heimat und die Liebe zur Heimat fördern. Am Beispiel der von Ludwig Baróti (Grünn, 1856–1933) verfassten Ortsgeschichte von Perjamosch (1889) weist Josef Wolf zudem auf den Beitrag heimatgeschichtlicher Literatur zur „historischen Traditionsbildung“ durch „die Überführung mündlicher Überlieferung in schriftliche Form“ hin; ein Aspekt, der für die ortsgeschichtlichen Publikationen in diesem Siedlungsraum bezeichnend sein dürfte.

Unter „Heimatbuch“ wurde bis zum Ersten Weltkrieg in den donau-schwäbischen Siedlungsgebieten eher der Heimatroman oder die gut erzählte Dorfgeschichte verstanden und nicht eine auf Forschung beruhende Ortschronik. Erst in den zwanziger Jahren zeichnete sich, so Josef Wolf, ein „Bedeutungswandel des Terminus’“ ab, der mit der Etablierung des Schulfachs Heimatkunde und dem wachsenden Interesse an der lokalen Geschichtsschreibung einherging. Starke Impulse für diesen Bereich gingen im Banat von der großen Ansiedlungsfeier 1923 aus. Insbesondere das aus diesem Anlass vom Schriftsteller Karl von Möller ( 1876–1943) veröffentlichte heimatgeschichtliche Werk „Wie die schwäbischen Gemeinden entstanden sind“ (Teil 1–2, Temesvar 1923–1924), das nach Josef Wolf „wesentlich zu den thematischen Inhalten und zur Rhetorik narrativer Bilder künftiger heimatkundlicher Publikationen“ beigetragen hat, bewirkte eine Hochkonjunktur der Ortsmonographien im Banat.

Für die Entfaltung des Heimatbuchs als Gattung in der Batschka hat der Pädagoge Friedrich Lotz (1890–1980) sowohl durch seine Publikationsreihe Batschkaer Heimatbücher als auch durch den Entwurf eines „empirisch handhabbaren Modells des Heimatbuchs“ (Wolf) einen herausragenden Beitrag geleistet. Im donauschwäbischen Siedlungsraum wurde der Gattungsbegriff „Heimatbuch“ allerdings erstmalig im Titel einer Banater Ortsmonographie von dem Sankt Huberter Landwirt und Lokalforscher Nikolaus Heß (1888 bis 1944) verwendet: „Heimatbuch der drei Schwestergemeinden Sveti Hubert, Charlevil und Soltur im Banat. 1770–1927“ (Sv. Hubert, 1927). Die spezifische Entwicklung des Heimatbuchs bei den Ungarndeutschen erläutert Josef Wolf am Beispiel der von Hans Göttling unter Mitwirkung von Jakob Bleyer und Peter Jekel zusammengestellten Publikation „Aus Vergangenheit und Gegenwart des deutsch-ungarischen Volkes“ (Budapest 1930).

(Fortsetzung und Schluss in der nächsten Ausgabe)