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Banater Post

»Bukarester Tango« zum Roman »Belüge mich« von Richard Wagner

Richard Wagner gibt uns in seinem Bukarest-Roman „Belüge mich“ mit zwei ungeklärten Mordfällen ein Rätsel auf. Die Geschichte in der Geschichte wird spannend und dramatisch aufgerollt. Ein Buch, das man nicht aus der Hand legen kann, ohne es in einem Atemzug zu Ende zu lesen. Die Familiengeschichten in diesem Roman sind geheimnisvoll, verschachtelt, kompliziert, und die Familienmitglieder sind geheimnisumwittert. Ob Wagner seinen Roman „Belüge mich“ im Nachhall der in letzter Zeit in der deutschen Öffentlichkeit vielzitierten und umstritten diskutierten Securitate-Akten, Spitzel- und Informantenfälle geschrieben hat, können wir nur ahnen und vermuten. Der Roman entstand jedenfalls im Umfeld dieser Aufdeckungen, Aufklärungen und den Versuchen einer Vergangenheitsbewältigung der kommunistischen Zeit Rumäniens. Es ist eine literarische Aufarbeitung eines Teils rumänischer Geschichte, die eine Brücke von den Ereignissen der dreißiger Jahre in Bukarest bis in die Gegenwart nach München und Frankfurt schlägt. Eine Familiengeschichte, die sich auf mehreren Ebenen abspielt, die jedoch alle miteinander verwoben sind. „Ja, ja die Familiengeschichten … Sie sind zeitlos, sie sind witzlos. Immer hängt ein Geheimnis dran. Erstaunlich nur, was die Leute alles zum großen Geheimnis machen und womit sie ihre Geheimniskrämerei begründen“, stellt eine der Figuren im Roman fest (S.134).

Vergangenheitsbewältigung besonderer Art ist das zentrale Thema des Romans: Die Journalistin der Münchner Frauenzeitschrift Simone, Sandra Horn, erhält den Auftrag, nach Bukarest zu reisen, um dort eine rumänische Dependance der Frauenzeitschrift zu gründen. Sandra ist die Tochter der aus Rumänien stammenden Paul und Mara Horn, die das Land vor etwa zwanzig Jahren verlassen haben, als Sandra vierzehn Jahre alt war. Sandra, deren Geschichte in der dritten Person erzählt wird und die sich wie eine fortsetzende Tagebucheintragung liest (Bukarest. Tag eins. Bukarest. Tag zwei. Bukarest. Tag drei …), „ist nicht wegen der Vergangenheit hier, sondern wegen der Gegenwart“ (S. 26). Sie erinnert sich plötzlich an viele Dinge aus ihrer ehemaligen Heimat: an ihre Jugendliebe Marcel Toma, den Bukarester Wirtschaftsanwalt, verheiratet mit ihrer einst besten Freundin Vicky; an das Haus ihrer Großeltern Ypsilon und an Doina Horn im jüdischen Viertel der Stadt, an den Plattenbau, wo sie mit ihren Eltern gewohnt hat, an den Stadtpark, den Boulevard, das Kino, an die Sprache sowie an alte Geschichten über die „Tangobar“, über ihre Ausreiseumstände usw. Die Vergangenheit begegnet ständig der Gegenwart im Roman.

Die Handlung spielt vordergründig im Bukarest des Jahres 2005. Im Hintergrund werden jedoch Geschichten aus den dreißiger, fünfziger, sechziger, siebziger und achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eingeflochten und vergegenwärtigt. Die Schlüsselgeschichte ist die über „Lauretta Luca, der schönen Kommunistin, Ypsilon Horn, dem gnadenlosen Kommissar, Felix Toma, dem Mann an der Seite von Lauretta, Remo Savin, dem sie verehrenden Tangosänger, und Victor Albu, dem Kellner und Geheimpolizisten, dem heimlich in sie Verliebten, der als Kellner keine Chance bekam und später als Rächer auftreten sollte“ (S. 137). Sandra Horn wandelt auf den Spuren dieser ineinander verwobenen Lebensgeschichten, sie spricht mit Zeitzeugen, liest das unvollendete Romanmanuskript vom Großvater ihres Jugendfreundes, dem Historiker Radu Toma. Sie durchstöbert den Keller des Hauses ihrer Großeltern in Bukarest, wo sie die Garderobe der Tangosängerin findet, aber auch eine geheime Kammer, die womöglich als Gefängnis diente. Die Rolle ihres Großvaters in der Geschichte versucht Sandra zu entschlüsseln und gerät so auf immer neuen Spuren zu neuen Personen: dem Journalisten Buddy Pavel (Chefkommentator des großen Boulevards), dem Oberst Igrec (Geheimdienstmitarbeiter), dem Exilphilosophen aus Bukarest sowie der Figur des Exil-Hofdichters. Sandra Horn tappt zuweilen im Dunkeln. Ihr Großvater, Ypsilon Horn, ein Deutscher, war Abteilungsleiter des „Kommunistischen Untergrunds“ in den dreißiger Jahren und später Berater für den Aufbau einer Observation der Staatsfeinde der Kommunisten; Remo Savin, der bekannte Tangosänger der Bukarester Tangoszene, war Großvaters Freund. Sein Schwager Victor Albu, einst Kellner der „Tangobar“, hatte sich später bei der Geheimdienstpolizei verpflichtet und verhörte Personen im Keller des Hauses Horn. Die Personen stehen irgendwie alle miteinander in Verbindung. Die Tangosängerin Lauretta Luca, die „Schöne von der Komintern“, Tochter des Altkommunisten Emil Luca und womöglich eine Spionin, stirbt in ihrem Apartment durch Zyankali aus einem Weinglas. Bei der Aufklärung dieses Todesfalles gerät Sandra selbst ins Zwielicht, wird verhaftet und des Mordes an ihrem Jugendfreund Marcel Toma beschuldigt, der auf die gleiche Weise umkam wie Lauretta Luca.

Spannend und dramatisch erzählt Wagner die vielschichtige Geschichte: Geschichtsreflexionen, Ereignisse (wie das Erdbeben von 1977), Bemerkungen über das rumänische Volk, seine Mentalität, Tradition und Gepflogenheiten sind in den Romantext eingeflochten. Liedtexte und Filmtitel tauchen auf. Als kundiger Leser der Geschichte, der Literatur- und Musikszene Rumäniens fühlt man sich herausgefordert, zu erraten, wer oder was sich hinter den jeweiligen fiktiven Figuren versteckt, wie zum Beispiel dem Altkommunisten Luca, dem Ex-Hofdichter, dem Bildreporter Fan Brenner (S. 164) oder gar Sandras Großvater Ypsilon. Anspielungen auf einen jungen Filmemacher aus den Sechzigern mit dem Film über „einen Treff
zwischen Illegalen“ in einem Fahrstuhl aus den dreißigern in einem Bukarest Altbau; an die Fliegerin Mariana Dragescu von der Weißen Staffel für den Marschall (S. 154) oder gar dem Tangosänger Remo Savin mit Zitaten seiner Liedtexte, zum Beispiel des bekannten Liedes „Zaraza“ (bei Wagner wird es zu „Sarasa“) und aus „Minte-ma” (Belüge mich) der dreißiger Jahre lassen den neugierigen Leser nachdenklich zurück. In der Fiktion steckt viel Authentisches. Vielleicht geht es ja Wagner auch darum, authentisch und wahrhaft zu sein. Das Rätselhafte jener „Glanzzeit“-Epoche wird aufgedeckt und vergegenwärtigt sich in der Geschichte. Der Schauplatz ist die Hauptstadt Rumäniens in ihrer Vielseitigkeit. Der „Boulevard“ steht stets im Mittelpunkt des Geschehens und verbildlicht sich in der kurzen und knappen Bildsprache Wagners: „Alles lag am Boulevard. Die Tanzschule, die Kinos, die Kirche. Am Boulevard war das Leben, am Boulevard war der Tod. Das Palaver vom Leben und das Schweigen vom Tod. Und was immer man auch vom großen Palaver und dem anhaltenden Schweigen erfuhr, es wäre, so die Überzeugung des Tanzlehrerpaars, mit einer Tanzfigur – der richtigen – zu meistern gewesen“ (S. 37). Die Bukarester Boheme, die Mahala – Sänger, Künstler, Spione, Journalisten, Politiker, Reisende – alle tummeln sich am Boulevard. Die Handlung ist auf dem Prinzip der „elektronischen Fenster“ aufgebaut, die sich aus einem Detail der Handlung öffnen und sich neue Realitäten im Geschehen auftun. So wird der Leser zum Leser eines Romans im Roman. Dieses Stilmittel erfordert einen besonders aufmerksamen Leser, der zwischen den Handlungssträngen hin- und herschwenken kann. Liedertexte durchziehen die Romanhandlung: „Minte-ma“ (Belüge mich), „Frumoasa Zaraza“ (Schöne Sarasa) kennen wir, die den rumänischen Kommunismus erlebt haben, noch aus jener Zeit. Obwohl Christean Vasile mit „Zaraza“ nicht mehr gespielt wurde, wurde das Lied auch später von Gica Petrescu gesungen.

Im Rumänien der dreißiger Jahre regierte König Karl II., der für seinen Lebensstil eines hochstaplerischen Prinzen auch in der europäischen Presse einen Namen hatte und für Thomas Mann sogar zeitweise als Vorbild für die Figur seines „Felix Krull“ galt, wie eine Ausstellung im Literaturhaus München dokumentierte. Das Bukarest der Zwischenkriegszeit mit seiner schillernden Caféhausszene wird lebendig. Wagner, der nie in Bukarest lebte, hat für dieses Milieu, in dem Liebe, Intrige, Leidenschaft, Politik, Spionage, Wirtschaft, Kunst und Musik eine Rolle spielen, den Titel eines Tangos gewählt: Belüge mich!

In dem Roman mit 10 Kapiteln, die mit Versen oder Liedtexten eingeleitet werden und dessen Verse des ersten Kapitels sich im letzten Kapitel wiederholen („Den Hut in den Himmel geworfen / Den Tango ohne Tangoschritt / Begonnen / Den großen Krach / Mit einem Witz / Sag mir die Wahrheit / Belüge mich“), wiederholt sich auch die Mordgeschichte: Marcel, der Geliebte Sandra Horns, stirbt durch Zyankali aus einem Weinglas wie ehedem die Tangosängerin Lauretta Luca. „Nicht alles lässt sich erklären, in manchen Dingen schweigt sich die Geschichte eben aus. Dagegen kann man nicht viel tun“, hat Toma abschließend gesagt, „außer spekulieren“ (S. 137). Das mag auch für den Leser dieses schönen Romans gelten.

Richard Wagner: „Belüge mich“, Aufbau-Verlag, Berlin 2011, 315 Seiten, 22,95 Euro.