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Banater Post

Der Einfall der Dichter. Zum 40. Geburtstag der Aktionsgruppe Banat (I)

Horst Samson in der Temeswarer Universität, neben dem Tagungsplakat. Foto: Elke Sabiel

Horst Samsons letzter Lyrikband "Und wenn du willst, vergiss" (2010)

Ende April dieses Jahres fand in Temeswar eine wissenschaftliche Tagung anlässlich des 40. Jahrestages der Gründung der »Aktionsgruppe Banat« statt – eines Zusammenschlusses von deutschen Schriftstellern mit regimekritischer Haltung. Die Banater Post berichtete darüber in ihrer Ausgabe vom 5. Juni. Nachfolgend veröffentlichen wir – mit freundlicher Genehmigung des Autors – den Vortrag des Schriftstellers und Journalisten Horst Samson bei der Tagung.

„Alle glauben, Zeugen der Zeit zu sein. Wer sind dann die Täter?“, fragte der Schriftsteller Wolfgang Eschker vor vielen Jahren aphoristisch und ironisch in die Runde. Ich las diesen Satz nach der revolutionären Wende und es war, als hätte mir jemand die Wörter ins Hirn gebrannt, damit ich sie mir ewig merke. Ich sollte noch öfter an dieses Zitat denken. Zeitung auf, Zeitung ab begegnete man damals urplötzlich nur noch Zeitzeugen, das Land war voll davon, der gesamte Osten Europas lief geradezu über ... vor Zeitzeugen des diktatorischen Elends.

Und so bin ich froh, dass ich, schon damals ein zwar noch nicht grauer, aber in entscheidenden Augenblicken doch sehr einsamer Baragansteppenwolf war, zumindest in den literarischen und diplomatischen Angelegenheiten der „Aktionsgruppe Banat“ (1972–1975). Ich bin kein echter Zeitzeuge, da ich mich zu jener Zeit in Hermannstadt aufhielt, um Lehrer zu werden.

Kein Zeuge also! Aber ich bin auch kein Täter, war auch keiner. Das zeigt meine rund tausendseitige Securitate-Akte zur Verfolgung und Ausschaltung meiner Person. Laut IM-Berichten und Offiziersanalysen war ich ein staatsfeindliches Element, stand im Verdacht, ein westdeutscher Spion zu sein. Die Aktenlage
spitzte sich zu. Nach einer dreiseitigen handschriftlichen Notiz von IM Voicu (alias Franz Thomas Schleich) vom 16. Juni 1982 zog ein General schief in der linken Ecke des Papiers mit einem Farbstift in dicker Strichstärke sein Fazit: „Samson ist ein feindliches Element. Wir bearbeiten ihn mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln!“ Sie behielten mich im Auge, verwanzten mehrfach unsere Wohnung. Zeitweise hegten die Beobachter laut Akten den dringenden Verdacht, ich würde noch einige große Räder drehen, nachdem ich im Zuge der Protestbrief-Affäre als emotional durchbrennender Wortführer im Streitgespräch mit Propagandasekretär Florescu und Geheimdienstschef Cristescu einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen hatte.

Ich war als gefährlich aufgefallen. Aber ich konnte nicht anders; im Gymnasium hatte mich eine Kleist-Novelle über die Maßen in Bann gezogen. Den Leitsatz meiner jungen Jahre: „Fiat iustitia, et pereat mundus!“ (auf Deutsch: „Es werde Recht, selbst wenn darüber die Welt zugrunde ginge!“) brachte ich mit dem Protagonisten jener Novelle in Verbindung, was mir immer wieder mal Probleme bescherte, etwa als ich in einer spontanen und heftigen Protestreaktion gegen bodenlose Unterstellungen binnen einer Minute meinen Posten als Redaktionsleiter der „Frankfurter Neuen Presse“ verlor. Oder als ich nur haarscharf der Relegation vom Pädagogischen Gymnasium in Hermannstadt entging, weil ich den Aufstand gegen eine Lehrkraft geprobt hatte, „fiat justitia …“, die ich gerne als Plakat an die Wand geklebt hätte. Als sie ein paar
Jahre später unter einer Schneelawine begraben wurde, tat es mir unsäglich leid um sie, längst hatte ich ihr unseren Streit um Steckenpferde und divergierende pädagogische Ansichten vergeben.

Die Würfel waren Anfang der achtziger Jahre gefallen. Man wollte mich zerstören, das ging am effektivsten auf dem weiten Feld der Ehre. Man drohte mir, man würde mich kaltmachen. Bekanntlich beherrschte damals schon überall der Mangel das Land. Es betraf auch das Methodenarsenal der Securitate. Die Auswahl war nicht überwältigend. Hätte ich wählen müssen, hätte ich wählen können – zwischen einem Nagel im Kopf oder einem Verkehrsunfall mit dem Fahrrad?. Es war ein russisches Modell, ein Rennrad, mit dem ich damals täglich in die Redaktion fuhr. Genau betrachtet, war die Qual der Wahl nicht besonders groß, aber heftig. Das Veröffentlichungsverbot, das man Mitte der achtziger noch über mich verhängte, war dagegen reinster Balsam für die Seele. Aber all das reichte nicht.

Man hatte im Mistbeet einen Staatsfeind entdeckt, den wollte man auch zügig mit Schädlingsbekämpfungsmitteln isolieren, vernichten. Das war nichts Neues mehr, erging es doch 1975 der Aktionsgruppe schon so. Erst unterstellte man damals als Verhaftungsgrund Republikflucht, doch vom „Grenzgängertum“ war bei den Verhören dann nur noch in völlig anderem Sinne die Rede. Statt der Staatsgrenze wurde die Grenze der Literatur abgesteckt, die von den jungen Dichtern im Blickfeld der Staatsschützer auf den Observatorien der Demarkationslinien eindeutig überschritten war. Neben der Schlinge „staatsfeindliche Literatur“, die über ihnen baumelte, schwebte auch die umstürzlerische Bandenbildung als berüchtigter Anklagepunkt in Diktaturen wie ein Vorschlaghammer über den Köpfen von Gerhard Csejka, Gerhard Ortinau, William Totok und Richard Wagner. Gefährliche Elemente, die der Republik den Rücken zudrehen oder sie gar auf den Kopf stellen wollten, sah man in ihnen, dabei hatten sie lediglich ihre Textwerkzeuge hervorgeholt und dazu angesetzt, den von der Theorie des sozialistischen Realismus überwucherten Garten zu lichten, umzugraben und neu zu bepflanzen. Für solche Gärtnerei konnte sich der Geheimdienst aber nicht begeistern, und so kam es einige Zeit später dazu, dass William Totok erneut festgenommen und fast neun Monate lang – wegen „antisozialistischer Propaganda“ – in Untersuchungshaft festgehalten wurde. Darauf herrschte im Mistbeet eine Zeit lang Ruhe.

„Wer Gedichte veröffentlicht, wirft ein Rosenblatt in den Grand Canyon und wartet auf das Echo“, erklärte der amerikanische Schriftsteller Don Marquis (Donald Robert Perry Marquis, 1878–1937). Das ist ein spannender Satz, dem ich als Dichter schon seit einigen Jahrzehnten wartend nachhorche. Da werfe ich heute Rosenblatt um Rosenblatt ins All, doch das Echo ist so gut … wie unhörbar. Aber im Rumänien der siebziger und achtziger Jahre mussten wir nicht lange auf das Echo warten. Es erreichte unser Ohr mitunter schon am nächsten Tag.

Die Strategie der Securitate schien in meinem Fall nach dem 14. Mai 1982, dem Tag meiner Verhaftung, und spätestens nach dem Auftritt wegen unseres Briefes an die Macht im Herbst 1984 gefestigt zu sein. Die Agenten und Informanten verbreiten in einem konzertierten Feldzug, dass dieser Horst Samson, den sie unter dem Codenamen „Sandu“ seit 1981 verfassungsdienstlich behandelten, ein Spitzel und ein Verräter und ein Kollaborateur ist.

Als Zielgruppen für diese Desinformationskampagne hatten sie die nächsten literarischen Freunde im Visier, also Mitglieder der Aktionsgruppe, außerdem werden Schulen, Kulturinstitutionen und Fabriken genannt. Der Erfolg ihrer Isolierungskampagne – ich merkte es in einem der damals dramatischsten Momente meines Lebens – war niederschmetternd. Im Untergrund schuftete das eingespannte Wort, um aus mir einen Schuft zu machen, arbeitete die Angst in menschlichen Werkzeugen, die ihre Aufgaben erfüllten. Beides zersetzte die Wahrheit und das Bild meiner Person. Mit hoher Effektivität, wie sich zeigen sollte. Selbst die Nächsten wendeten sich von mir ab, entzogen mir still ihr Vertrauen, ohne dass ich es auch nur geahnt hätte. Und so fiel ich aus allen Wolken, als ich eines nachts via „Deutsche Welle“ vom Nachrichtensprecher reinen Wein eingeschenkt bekam – Spätburgunder mit penetrantem Korkengeschmack.

Über den Äther erfuhr ich 1986, zu mitternächtlicher Stunde, dass eine Gruppe rumäniendeutscher Schriftsteller aus Temeswar wegen einer Mordbedrohung, die allerdings  m i c h  ereilt hatte (Wochen später wurden dann auch Johann Lippet in Temeswar und Ernest Wichner in West-Berlin bedroht), vom Verband der Schriftsteller in Westberlin als Mitglieder aufgenommen worden seien, um sie durch diese Maßnahme in dem kommunistischen Ceausescu-Staat vor eventuellen Repressionen zu schützen. Mein Name war nicht darunter! Mein Name war nicht genannt.

Ich saß mit meiner Frau vor unserem portablen russischen Rundfunkgerät „Selena“ mitten in der stockdunklen rumänischen Nacht und war sprachlos. Erst lief es mir kalt über den Rücken, dann warm über die Wange. Ich kam mir wie erschlagen vor. In jenem Augenblick hatte ich zum ersten Mal Angst gehabt. Ich fühlte mich ausgegrenzt und war es auch.

Genau wie drei Jahre später, 1989. Ich verbuchte erste literarische Erfolge in der Bundesrepublik Deutschland, wurde Jahresstipendiat des Deutschen Literaturfonds und als Dichter zum Kandidaten für zwei wichtige Literaturwettbewerbe nominiert, für den „Leonce und Lena“-Preis (unter anderem zusammen mit Kurt Drawert, Durs Grünbein, Rainer Schedlinski und Lutz Rathenow) und für den „Kranichsteiner Literaturpreis“. Das freute mich. Parallel dazu erfuhr ich dann irgendwann aus den Medien, dass der „Deutsche Sprachpreis“ der Henning-Kaufmann-Stiftung zur Pflege der deutschen Sprache vergeben worden war, und zwar an eine Gruppe rumäniendeutscher Autoren. Das waren Gerhardt Csejka, Helmuth Frauendorfer, Klaus Hensel, Johann Lippet, Herta Müller, Werner Söllner, William Totok und Richard Wagner. Mein Name war nicht dabei, ich war auch diesmal nicht genannt. Auch zum Zweiten Marburger Literaturforum, das sich vom 8. bis 11. Oktober 1989 mit dem „Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur“ befasste, war ich nicht eingeladen. Es war, als wäre ich … nicht mehr vorhanden! So schien es mir jedenfalls.

Damals beschloss ich – weil mich Selbstmordgedanken umtrieben und ich mich in Hanau arbeitslos und einsam hinter der Welt fühlte –, meinen Versuch, als freischaffender Autor zu leben, abzubrechen und die journalistische Laufbahn einzuschlagen. Ich hatte sie mit schnellem Erfolg in der Bundesrepublik Deutschland begonnen, war in Leonberg (bei Stuttgart) nach Ablauf meiner dreimonatigen Probezeit zum stellvertretenden Redaktionsleiter der „Leonberger Kreiszeitung“ ernannt worden. Diese Position gab ich 1989 aus freien Stücken auf, weil meine Frau eine Lehrerstelle mit Verbeamtungsmöglichkeit in Hanau angeboten bekommen hatte. Wir zogen wieder einmal um. Es schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein, freier Schriftsteller zu werden. Das Experiment endete schnell und desolat, aber ich überlebte den Zusammenbruch meines Weltbildes, meines Selbstvertrauens und meiner Dichter-Illusionen. Ich landete aus der Wolke.

So traf mich das Ungeheure auch in der freien Welt, und ich rätselte damals noch vergeblich warum! Die Flüsterorgie der Securitate war – wie ich heute aus
meiner Akte weiß – auf fertiles Terrain gefallen und folgte mir als übler Nachruf in die Fremde, als Nachruf zu Lebzeiten. Ins unbescholtene Leben zwischen die Freunde zurückgeholt hat mich also rund zwanzig Jahre später – so pervers sind Diktaturen – die … Securitate. Die Öffnung der Geheimarchive und meiner Akte der Verfolgung sind der Schlüssel zu Vergangenem. Jede Zelle meines Hirns ist bis heute über die erwähnten Ausgrenzungen traurig!

Ich war, ich bin ergo – ob ich das will oder nicht und wie immer man es drehen mag – also doch ein Zeuge, ein Zeitzeuge sogar.

(Fortsetzung folgt)