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Banater Post

Der Einfall der Dichter. Zum 40. Geburtstag der Aktionsgruppe Banat (IV)

Bei der 40-Jahr-Feier der Aktionsgruppe Banat in Temeswar. Im Bild: links der ehemalige BRD-Gastlektor an der Uni Temeswar, Thomas Krefeld, vierter von links in der vorderen Reihe Lektor Peter Kottler, rechts daneben die langjährige NBZ-Redakteurin Maria Stein, daneben der Konsul der Bundesrepublik Deutschland in Temeswar, Klaus Christian Olasz.

Horst Samsons Gedichtband »La victoire« (erschienen 2003)

Gerhard Ortinau und Dr. Sabina Kienlechner bei der Tagung »40 Jahre Aktionsgruppe Banat« in Temeswar. Fotos: Horst Samson

Es gibt klassische spekulative Fragen zur Literatur, die häufig zu großen Kontroversen unter Diskutanten führen: Was wäre gewesen, wenn ... Romeo und Julia nicht in zarten Jugendjahren in den Tod getrieben worden wären? Welch ein Verlust für die deutsche Literatur hätten wir zu verkraften gehabt, wenn Faust Gretchen geheiratet hätte? Und ich wage gar nicht daran zu denken, welche Katastrophe es gewesen wäre, wenn der Kaufmann Hans Kohlhase, der im 16. Jahrhundert in Cölln an der Spree im Brandenburgischen lebte, sich nicht am 1. Oktober des Jahres 1532 auf den Weg zur Leipziger Messe gemacht hätte, die damals noch keine Buchmesse war. Auf jenem gefährlichen Weg wurde er zwar nicht – wie die Aktionsgruppenautoren – kurzerhand von der Securitate verhaftet, sondern geriet in die Klauen des Junkers von Zaschnitz, der den Unrechtsstaat pflegte und ihm zwei seiner Pferde abnahm mit der Begründung, er hätte sie gestohlen. Klar, etliche Häuser in Wittenberg wären nicht in Flammen aufgegangen, Hans Kohlhase wäre vermutlich in Berlin nicht öffentlich gerädert worden, aber ob Heinrich von Kleist uns noch jenen grandios verbohrten bürgerlichen Aufständischen, den deutschen Don Quichotte Michael Kohlhaas, als literarische Figur von bleibender Größe geschenkt hätte, das ließe sich bezweifeln. Was wäre ge-wesen, wenn Herta Müller in Berlin nicht zufällig Oskar Pastior kennengelernt hätte? Darauf gibt es gewiss viele mögliche Antworten, aber vielleicht gäbe es keine „Atemschaukel“, keine Banater Weltbürgerin als Nobelpreisträgerin, die sich mit publizistischem Echo und einer gewissen Effizienz einsatzfreudig in chinesische Zusammenhänge einbringt und vielleicht, ja vielleicht wäre sie heute auch hier unter uns wie früher immer und hätte den er-weiterten Kreis der „Aktionsgruppe Banat“ mit uns allen hier geschlossen. So bleibt dieses Treffen in aller Geschlossenheit, die uns vom Grundsatz her eint, ein ... offener Kreis.

Ich bitte um Nachsicht für Nostalgie, für die Melancholie, die mich hier und heute, in diesen Banater Gefilden umtreibt, und ich gestehe, ich bin schuldig, denn nachdem Herta die allerhöchste literarische Auszeichnung dieser Welt zugesprochen bekommen hatte, da hegte ich, lassen Sie mich hoch greifen, ähnlich wie Martin Luther einen Traum, allerdings einen Wachtraum. Der träumte sich in etwa so: Nikolaus Berwanger, der nimmermüde Vorsitzende des AMG, hatte mal wieder eine Gruppenlesung in Temeswar angedacht, Thema: „Grenzen los!“ Ort der Lesung: der verwanzte Saal im ARLUS! Aber das störte keinen, bekümmerte uns nicht! Nach der Lesung, die wie immer heterogen ausfiel, feierten wir alle zusammen wie früher bei den AMG-Preisverleihungen – bei Live-Jazz, Gedichtvorträgen, Sketchen, Laudationen und Danksagungen, bei unfiltriertem Gerstensaft aus der Temeswarer Bierfabrik und Riesling aus Marienfeld, bis der Morgen graute.

Und was wäre gewesen ... wenn man im Herbst 1975 die drei rumäniendeutschen Autoren Gerhard Ortinau, William Totok, Richard Wagner und den Literaturkritiker Gerhard Csejka nicht verhaftet hätte, die damals in einem Auto im rumänischen Grenzgebiet unterwegs nach Großkomlosch waren, ins Heimatdorf von William Totok? Wie lange hätte das ungereimte Fähnlein der neun Aktionsgruppen-mitglieder, die vorwiegend Dichter waren, noch knatternd im Winde geweht?

Wäre – so darf man satirisch räsonieren – Nicolae Ceausescu noch Staatspräsident geworden oder hätte die rumänische Kommunistische Partei vorher die Wahlen zur Großen Nationalversammlung verloren? Hätte die dichterische Arbeit und das von der Securitate befürchtete energische Sägen der Dichter Albert Bohn, Rolf Bossert, Werner Kremm, Johann Lippet, Gerhard Ortinau, Anton Sterbling, William Totok, Richard Wagner und Ernst Wichner oder der Autoren aus dem erweiterten AG-Kreis – Herta Müller, Horst Samson, Balthasar Waitz oder Helmuth Frauendorfer – am Stuhle der RKP und der Republik gar dazu geführt, dass man das Banat irgendwann in den Achtzigern als unabhängige Republik ausgerufen hätte, an deren Spitze ein Dichter, natürlich nicht Mircea Dinescu, sondern Richard Wagner oder vielleicht Nikolaus Berwanger die politischen Geschäfte geführt hätte?

Wer weiß, wie alles gekommen wäre, wer weiß, wer weiß es schon!? Darüber könnten wir nur spekulieren, im Nebel herum-stochern. Fakt ist unsere Schwierigkeiten mit der Securitate und dem Regime in den achtziger Jahren hatten ihre Wurzeln in dem Jahrzehnt davor. Die Securitate war jedenfalls 1975 alarmiert und befand sich scheinbar in heller Aufregung, als sie die verblüffende Entdeckung machte, dass die bedeutendsten Geheimnisse und Positionen der jungen Dichter-gruppe in den Gedichten und Zeitungen, in Anthologien und Gedichtbänden offen nachzulesen waren. Daher kann man schon verstehen, dass die sich ausgehebelt und genarrt vorkam, wahrscheinlich auch maßlos enttäuscht, als sie das herausgefunden hatte und nach Übersetzern und Deutern der Verszeilen rief. Als sie hörte, was sie nicht lesen konnte, verschlug es der Securitate scheinbar die Sprache, packte sie die Wut. Umso verärgerter war sie auf die zuverlässlich unzuverlässlichen Elemente, die vom Rande aus das Land mit Buch-staben beschossen, die Hand in Hand mit dem Klassenfeind und mit kapitalistischen Spionage-agenten das Innere der Republik nach außen stülpen wollten, bis dem Vaterland und seinem Prä-sidenten keine Kappen mehr passten. Das kam ihnen seltsam und gefährlich vor, solch freies Sprechen und Schreiben konnten sie nicht zulassen. Zu allem entschlossen, gründete sie jetzt ihrerseits eine Aktionsgruppe, und die schlug zu, um eine Zeit ziemlich systematisch – alle zwei Jahre.

Aber das ist lange her, es trug sich sogar in einem anderen Jahrhundert zu. Lasst uns – trotz der Schicksale von Rolf Bossert und Roland Kirsch, die in ihren Büchern und in uns weiterleben – zuversichtlich und nicht im Zorn, mit Melancholie, aber auch mit Humor zurückblicken auf die siebziger und achtziger Jahre, jene zwei Jahrzehnte der Aktionsliteratur im Banat. In diesem Zusammenhang sei unbedingt noch ein Ausläufer der Aktionsgruppe erwähnt, der Dichter und ehemalige Fernsehjournalist Helmut Frauendorfer, der als Jüngster unabtrennbar zu uns gehörte und dessen bleibender Verdienst es ist, einem außergewöhnlichen Kapitel der rumäniendeutschen Literaturgeschichte mit dem abendfüllenden Dokumentationsfilm „An den Rand geschrieben. Rumäniendeutsche Schriftsteller im Fadenkreuz der Securitate“ ein monumentales Denkmal gesetzt zu haben.

Da man um Richard Wagner nie rumkommt – begibt man sich in jene fernen literarischen Gegenden der siebziger und achtziger Jahre zurück –, will ich zum Finale noch drei Zeilen eines Wagnerschen Frühwerks aus der Tiefkühltruhe jener Zeit holen, drei Zeilen aus dem Hermann Kant geschuldeten Fünfzeiler „zuversichtlich“. Und die gehen so:

hier ist niemand tot und hier ist auch niemand zornig und hier wird schon noch geredet werden.

Es ist wunderbar, dass wir heute nahezu vollzählig hierhergekommen sind nach Temeswar, um den 40. Geburtstag der Aktionsgruppe zu feiern. Hier hat uns die Securitate verfolgt, sie wollte uns demütigen und bestrafen, hier bedrohte und schikanierte sie uns, sie wollte uns hinter schwedische Gardinen verpflanzen und mit den Wurzeln ausmerzen. Wir entkamen haarscharf, verhaftet wurden lediglich die Pronomen. Und bei meiner Ausreise, in der Nacht vom 5. zum 6. März 1987, im Grenzbahnhof Curtici auch meine Schreib-maschine – Modell „Unser Favorit“, viel Plastik dran, nichts Besonderes, Herkunft Versandhaus Quelle. Ich vermisse sie bis heute. In jenem Grenzbahnhof bei Arad hat man uns reihum in den Zug gesetzt, uns ruckartig physisch und geographisch aus dem verriegelten Vaterland über die ungarische Grenze genau dahin befördert, wohin wir mit unserer Literatur von Anfang an gelangen wollten, in das Herz Europas, in die uns ferne schöne alte große Welt.

Abschließend lassen sich unsere gemeinsamen Banater Jahre im Rückblick mit der nötigen Gelassenheit auf sechs Wörter zusammenfassen: Wir haben Glück gehabt, la Victoire!

Ich gratuliere den Geburtstagskindern herzlichst zum Vierzigsten mit dem traditionellen Gruß: „La anul si la multi ani!“ Ich freue mich, dass es Euch gibt!