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Banater Post

Ein interessantes Buch aus Temeswar

Nimmt man das im vorigen Jahr erschienene Buch „Stafette. Sammelband des Deutschen Literaturkreises Temeswar“ in die Hand, so fällt zunächst die stattliche Liste auf, die auf dem rückwärtigen Buchdeckel zu sehen ist. Vierzig Titel legen Zeugnis ab von der Tätigkeit der jungen Mitglieder dieser seit 1992 bestehenden Vereinigung von Freunden des schöngeistigen Schrifttums, in der saubere und kontinuierliche Literaturarbeit und Pflege der deutschen Sprache geleistet wird. „Die Autoren, ausnahmslos ehemalige und derzeitige Schüler der Lenau-Schule haben in den letzten Jahren konstant Texte in den Stafette-Sammelbänden veröffentlicht, an zahlreichen Lesungen im In- und Ausland teilgenommen und für ihr Schaffen Literaturpreise erhalten“, notiert Balthasar Waitz, einer der bekanntesten und erfolgreichsten im Banat lebenden deutschsprachigen Schriftsteller und Journalisten, an einer Stelle im Buch.

Mit der „Stafette“ wird nicht zuletzt eine altbewährte Temeswarer Tradition (etwa die der ehemaligen Literaturkreise Nikolaus Lenau, Adam Müller-Guttenbrunn und andere) unter neuen Gegebenheiten fortgeführt. Der „Stafette“Literaturkreis straft all jene Lügen, die den Untergang der rumäniendeutschen Literatur prophezeit und sogar Nachrufe diesbezüglich veröffentlicht haben. Fakt ist, dass es ein deutschsprachiges Schrifttum in Rumänien nach wie vor gibt. Es sei am Rande vermerkt, dass sich zu dieser Kontinuität nach 1990 vor allem der aus Kronstadt stammende Schriftsteller Ingmar Brantsch immer wieder in Wort und Schrift geäußert hat. Allerdings sollte von der doch ein wenig hochtrabenden Bezeichnung „fünfte deutsche Literatur“ Abstand genommen werden. Hierzulande wird dieser Terminus nicht verwendet; spätestens seit der Wiedervereinigung Deutschlands ist der Gebrauch der Termini erste und zweite deutsche Literatur ohnehin anachronistisch. Das deutschsprachige Schrifttum im Banat wird jedoch nicht mehr, wie vielleicht noch vor gut zwanzig Jahren, vorwiegend von Vertretern der deutschen Minderheit getragen, deren Exodus nach 1990 jedenfalls zu dieser Situation beigetragen hat; hingegen melden sich immer mehr perfekt deutsch sprechende Rumänen zu Wort (hier sei die positive Rolle der Lenau-Schule nochmals unterstrichen), die den Fortbestand der rumäniendeutschen Literatur gewährleisten. Die „Stafette“ spielt dabei eine nicht zu übersehende Rolle.

Das Hauptverdienst im guten Funktionieren des Temeswarer deutschen Literaturkreises kommt zweifelsohne der rührigen Mitbegründerin und Leiterin Dr. Annemarie Podlipny-Hehn zu, promovierte Germanistin, Kunsthistorikerin und selber Autorin. So trägt auch der eingangs erwähnte Band in vielen Hinsichten ihre Handschrift, eine Publikation, die doch wiederum anders geartet ist als die bisherigen: Das Buch besteht nämlich aus zwei thematisch unterschiedlichen Teilen. Da ist zunächst der erste Teil mit literarischen Beiträgen, vor allem kürzere Prosa (ein Romanfragment ist auch darunter) und weniger Lyrik der bereits etablierten „Stafette“-Autoren wie Lucian Manuel Varsandan. Petra Curescu, Henrike Bradiceanu-Persem, Lorette Bradiceanu-Persem, Balthasar Waitz, Robert Tari und der (derzeit) weniger bekannten Bianca Barbu, Karina Körösi, Cristian Paul Popa, Sebastian Dan, Ariana Barmayoun, Roxana Paraschiv, Laura Alexa, Laura Purtator, Vanessa Cutui, Alexandra Nita, Beatrice Jurescu, Diana Dehelean, Domi Heidenfelder, Miruna Popa, Ioana Ecaterina Berariu, KarinaIngrid Zaporojan und Lara Bîrsete. Bei einer solchen – man muss schon sagen – beeindruckenden Zahl von Beiträgen ist es nicht möglich, auf bessere oder weniger gelungene Produktionen abzuheben oder die Schreibweise der Autoren zu analysieren. Relevanter dürfte die Erkenntnis sein, dass in unserer hochtechnisierten Welt von Computer, Facebook usw. junge Menschen am Verfassen und Diskutieren von literarischen Texten Gefallen finden, und das in Temeswar und noch dazu in deutscher Sprache. Es gereicht dem Literaturkreis zur Ehre, dass vier Mitglieder, Vertreter der derzeitigen Banater deutschen Literaturszene, nämlich Annemarie Podlipny-Hehn, Petra Curescu, Lucian Varsandan und Balthasar Waitz, Mitglieder der internationalen Exil-P.E.N.-Literaturvereinigung wurden, deren internationale Jahrestagung im Rahmen der Temeswarer Kulturtage unter dem Motto „Heimat – gerettete Zunge“ im Oktober dieses Jahres stattfindet, wobei auch das zwanzigjährige Jubiläum der „Stafette“ gefeiert wird. Eine kritische Anmerkung zu dem jüngsten „Stafette“-Buch kann allerdings nicht vermieden werden: Bedauerlicherweise sucht der Leser vergebens nach biographischen Informationen über die einzelnen Autoren, wie man sie von ähnlichen Publikationen gewohnt ist.

Der zweite thematische Teil des vorliegenden Buches ist der dritten Auflage des Symposiums der deutschen Mundarten und Mundartliteratur mit dem Titel „Mundarten im Brennpunkt“ gewidmet, das im Adam-Müller-Guttenbrunn-Haus in Temeswar am 21. und 22. Oktober 2011 stattgefunden hat. Organisatoren waren das Demokratische Forum der Deutschen in Temeswar (DFDT), der Literaturkreis „Stafette“ und die Landsmannschaft der Banater Schwaben in Deutschland mit Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Rumänischen Regierung. Die Banater Post brachte im November 2011 darüber unter dem Titel „Mundarten im Blickpunkt“ eine ausführliche Berichterstattung von Ernst Meinhardt, die in den Sammelband aufgenommen wurde und übrigens auch über die Homepage der Landsmannschaft einzusehen ist. Der interessierte Leser kann jetzt überdies alle Vorträge in ungekürzter gedruckter Form zur Kenntnis nehmen.

Es war nicht das erste Mal, dass sich Wissenschaftler und Mundartautoren zusammenfanden, um das Phänomen Mundartliteratur zu erörtern. Im Juni 1994 hat eine von Barbara und Reinhardt Gaug organisierte Kulturtagung des Landesverbands Nordrhein-Westfalen der Landsmannschaft der Banater Schwaben im Düsseldorfer GerhartHauptmann-Haus stattgefunden, bei der einer der Schwerpunkte die Banater Mundartliteratur war. Direktor des Gastgeberhauses war damals Dr. Walter Engel. In der gleichen Funktion fungierte Walter Engel auch als Mitorganisator einer Tagung und als Mitherausgeber des ebenfalls im Temeswarer Cosmopolitan-Art-Verlag erschienenen Sammelbandes „Mundarten im Blickpunkt. Deutsche Mundarten in Rumänien. Symposium, Autorenlesungen. 14.–15. Oktober 2005“, zusammen mit Annemarie Podlipny-Hehn als Vorsitzende des DFDT und Leiterin des Literaturkreises „Stafette“.

Es war also naheliegend, Walter Engel für das Grundsatzreferat des Symposiums zu gewinnen. Der Titel seines Festvortrags lautete „Die Mundart als Refugium in Zeiten der Diktatur. Zur Banater Mundartdichtung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Der Referent stellte zunächst die Frage nach der Banater Mundart und Mundartdichtung in den weiteren Kontext der gesamtdeutschen und europäischen Standortbestimmungen, um dann geradezu diachronisch die Entwicklung der Banater deutschen Mundartliteratur in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu beleuchten. Nach einer Zeit des Stillstands, bedingt vor allem durch die allbekannten Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs, kam es dann doch noch zu einer Wiederbelebung des Geisteslebens und der künstlerischen Betätigung der Deutschen aus Rumänien – Engel nennt dies „von der Stunde Null zur Hochkonjunktur“ – trotz der Festigung des kommunistischen Regimes. Diesem versuchte man Paroli auf vielfältige Weise zu bieten, wobei die Mundartliteratur, die eine richtige Renaissance erlebte, eine nicht geringe Rolle spielte, traute man sich doch, in der Mundart manche Dinge unterschwellig zur Sprache zu bringen, die in der Hochsprache gefährlich hätten sein können. Zu vermerken ist aber nicht nur dieser Aspekt, sondern generell eine Zunahme der thematischen und formalen Vielfalt banatschwäbischer Dialektdichtung. Walter Engels Referat, gleichsam ein vorweggenommenes Fazit des wissenschaftlichen Teils der Veranstaltung, schloss mit einem Plädoyer für die Erstellung einer literaturgeschichtlichen Überblicksdarstellung des banatschwäbischen Schrifttums von den Anfängen bis in unsere Gegenwart wie auch für die Herausgabe einer repräsentativen Anthologie der banatschwäbischen Mundartdichtung.

Von den übrigen Referaten bezogen sich zwei auf andere als die Banater Mundarten; sie erweiterten den Themenkreis der Tagung. An dieser Stelle seien die Referenten und die Titel der Beiträge aus Platzgründen lediglich genannt – ausführliche würdigende Kommentare kann man bei Ernst Meinhardt nachlesen. Es handelt sich um die Beiträge „Einige Daten zur Erforschung der banatschwäbischen Mundart“ (Peter Kottler), „Zum Publikationsstand des Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuchs“ (Sigrid Halden-wang), „Einige morphologische Merkmale der deutschen Stadtsprache von Temeswar“ (Karin Dittrich), „Zu den Erscheinungsformen der Temeswarer Stadtsprache: von den südbairischen mundartlichen Einflüssen zur gehobenen Fremdsprachlichkeit“ (Sorin Gadeanu), „Die Banater in Südfrankreich oder Das Wunder von La Roque sur Pernes“ (Peter-Dietmar Leber), „Sathmarschwäbische Sprichwörter und Redewendungen“ (Helmut Berner).

All das erfährt man aus dem Buch, von dem hier die Rede ist. Und noch einiges mehr enthält der Band: Informationen über Literaturpreise und deren Verleihungen, nachgedruckte Artikel aus der Banater Post, wie beispielsweise Annemarie Podlipny-Hehns Aufsatz über Emil Lenhardt, der gern als der dritte Schwabenmaler des Banats neben Stefan Jäger und Franz Ferch bezeichnet wird, aus der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) oder aus deren Beilage Banater Zeitung. Aufgenommen in den Band wurde auch der Aufsatz von Alexander Gerdanovits „Vom Akt zur Abstraktion“, der über eine Ausstellung des österreichischen Malers Hans Staudacher und des rumänischen Bildhauers ungarischer Herkunft Béla Szakáts berichtet. Alles in allem ist dieses Mixtum compositum ein lesenswertes Buch sowohl für Fachleute als auch für all jene, die sich für das deutschsprachige Geistesleben im heutigen Temeswar interessieren.

 

 

»Stafette«-Sammelband mit Vorträgen des Symposiums »Mundarten im Blickpunkt«ist zum Preis von 8 Euro (zuzüglich Versand) erhältlich bei der Landsmannschaft der Banater Schwaben, Sendlinger Str. 46, 80331 München, Tel. 089 / 2355730, E-Mail landsmannschaft@banater-schwaben.de.