zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Wer sind die Banater Schwaben?

Habilitation von Dr. Gwenola Sebaux über Identitätsfragen der Deutschen aus dem Banat. Am 5. Februar 2011 erschien in der Banater Post ein Artikel von Marius Koity unter dem Titel „Was war, was ist, was wird“, in dem über ein Forschungsprojekt von Frau Dr. Gwénola Sebaux von der Katholischen Universität des Westens in Angers (Université Catholique de l’Ouest Angers) über Identitätsfragen der Banater Schwaben im Rahmen ihrer angestrebten Habilitation berichtet wurde. Dies verband sich mit der Bitte an den Leserkreis zur Mitwirkung an einer schriftlichen Befragung zu dieser Problematik. Die Ergebnisse dieser schriftlichen Befragung, an der sich letztlich 145 Landsleute beteiligten, bilden denn auch eine wesentliche empirische Grundlage der Hauptschriften des am 8. September an der Universität Nantes erfolgreich abgeschlossenen Habilitationsverfahrens.

Im Rahmen dieses Verfahrens wurden von Frau Dr. Sebaux insgesamt vier Bände wissenschaftlicher Arbeiten und entsprechender Forschungsergebnisse vorgelegt. Diese umfassen einen Syntheseband unter dem Titel: „Politique migratoire et questions identitaires dans l’Allemange post-nationale. Une approche critique“ („Migrationspolitik und Identitätsfragen im post-nationalen Deutschland. Ein kritischer Ansatz“, Band I, 153 Seiten mit Anhängen), eine Sammlung in französischen und deutschen Publikationen veröffentlichter Aufsätze zum weitläufigen Problemkreis deutscher Minderheiten im östlichen Europa, ihrer Identitätsfragen, Aussiedlung sowie der entsprechenden Aufnahme- und Integrationspolitik in der Bundesrepublik Deutschland (Band II, 335 Seiten). Sodann eine neue, breit angelegte Studie unter dem Titel „Les Allemands du Banat entre Allemagne et Roumanie. Topographie d’une appartenance“ („Die Deutschen aus dem Banat zwischen Deutschland und Rumänien. Topographie einer Zugehörigkeit“, Band IIIa, 295 Seiten), die als Hauptschrift des Habilitationsverfahrens zu betrachten ist, sowie ein Dokumentationsband zu dieser Untersuchung unter dem gleichen Titel (Band IIIb, von über 600 Seiten), in dem sich insbesondere die durchgeführten Interviews und die bereits angesprochenen schriftlichen Befragungen, aber auch andere Materialien nachgewiesen finden. Dabei ist das hier dokumentierte Befragungsmaterial schon für sich genommen sehr aussagekräftig und in vielen Hinsichten aufschlussreich. Bei den 21 Interviews im Rahmen der Feldforschungen in Rumänien wurden vornehmlich deutsche Intelektuelle sowie kulturelle und politische Funktionsträger in Temeswar, aber auch auf dem Lande und im Banater Bergland befragt.

Im Hauptband werden in einer interdisziplinär breit angelegten Weise und auf theoretisch höchst anspruchsvollem Niveau sowohl historische Aspekte der Entwicklung der kollektiven Identität und des Selbstverständnisses der
Banater Schwaben, von der Ansiedlung bis zur Gegenwart im Banat und in Deutschland, dargelegt wie auch – auf der Grundlage des eindringlich analysierten empirischen Befragungsmaterials – viele Fragen und Aspekte ihrer Identität und Zugehörigkeit zu klären und zu erklären versucht. So wird nicht nur die trotz der demokratischen Entwicklungen und Aufnahme Rumäniens in die Europäische Union recht komplizierte Lage der im Banat verbliebenen Deutschen in vielen problematischen sozialen Aspekten und kulturellen Identitätsfragen treffend erfasst. Als ein wesentlicher Befund der Untersuchungen wird zudem herausgearbeitet, dass sich die berufliche und soziale Integration der Banater Schwaben in der Bundesrepublik Deutschland als weitgehend gelungen darstellt und sich entsprechend auch im subjektiven Selbstverständnis erkennen lässt. Darin werden vielfach emotional grundierte wie auch historisch reflektierte Herkunftsbezüge und fortbestehende Verbundenheiten mit dem banatschwäbischen Herkunftsmilieu ausgedrückt und zugleich auch eine deutliche Identifikation mit der Bundesrepublik Deutschland als wesentliche kulturelle und soziale Bezugseinheit artikuliert. Dabei lässt die Autorin vielfach das Material selbst sprechen, ohne indes auf eigene, theoretisch reflektierte Deutungen zu verzichten.

Die Habilitationskommission, der Prof. Dr. Jean-Paul Cahn von der Universität Sorbonne in Paris, Prof. Dr. Jérôme Vaillant von der Universität Lille, Prof. Dr. François Genton von der Universität Grenoble, Prof. Dr. Philippe Alexandre von der Université de Lorraine in Nancy/Metz, Prof. Dr. Anton Sterbling von der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg (Oberlausitz) sowie, als Hauptbetreuer der Arbeit, Prof. Dr. Patrice Neau von der Universität Nantes, angehörten, waren von den vorgelegten Arbeiten wie auch von der Art, wie Frau Dr. Sebaux diese in der vierstündigen Habilitationsprüfung vertrat und gegen kritische Einwände der vorgelegten Gutachten zu verteidigen vermochte, ausnahmslos beeindruckt. Das Verfahren wurde mithin auch entsprechend erfolgreich abgeschlossen. Anders als in Deutschland, wo – zumindest vor der Einführung der sogenannten „Junior-Professuren“ – der erfolgreiche Abschluss einer Habilitation in der Regel die „Befähigung“ und – mit der Verleihung des Titels des „Privatdozenten“ – auch die Befugnis zur uneingeschränkt eigenständigen universitären Hochschullehre und Prüfungstätigkeit zuerkannt wird, stellt die französische „l’Habilitation à diriger des recherches“, die Frau Dr. Gwénola Sebaux vorzüglich bestanden hat, die Befähigung und Befugnis zur Forschungsanleitung, zur Leitung größerer und sicherlich auch großer Forschungsvorhaben, fest. Damit sind nunmehr eigentlich beste Voraussetzungen gegeben, dass die Forschungen von Frau Dr. Sebaux, auch und nicht zuletzt über die Banater Schwaben, eine interessante Fortsetzung und weitere Vertiefung finden können.