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Banater Post

Johann Lippet - ein eigenwilliger Schriftsteller und Dichter aus dem Banat

Bei der Lesung am 26. April in Landshut wurde Johann Lippet (links) von Prof. Dr. Anton Sterbling vorgestellt. Fotos: KV Landshut

Lippets neuester Roman »Bruchstücke aus erster und zweiter Hand« (Pop-Verlag Ludwigsburg, 2013)

Landshuts Kulturbürgermeister Gerd Steinberger war von der Lesung Johann Lippets zum Auftakt der Kultur- und Heimattage der Banater Schwaben in Bayern äußerst angetan und meinte, dass er in der Beschreibung des ländlichen Lebens viele Parallelen zu seiner Heimat auf dem Land in Niederbayern erkannt hätte. Für Anton Sterbling ein Beleg, dass es sich um gute Literatur handle, da sie Allgemeingültigkeit erreiche. Den knapp vierzig erschienenen Zuhörern, darunter Literaturliebhaber aus München, aus den Reihen der Siebenbürger Sachsen und der einheimischen Bevölkerung, präsentierte Lippet Auszüge aus dem Roman „Bruchstücke aus erster und zweiter Hand“ (2012) und dem Gedichtbuch „Tuchfühlung im Papierkorb“ (2012). Kreisvorsitzender Hans Szeghedi bedankte sich mit einem Präsent bei dem Autor. Im Folgenden dokumentiert die Banater Post die Einführung von Prof. Dr. Anton Sterbling zur Lesung von Johann Lippet.

 

Johann Lippet, den ich hier anlässlich seiner Lesung aus seinem kürzlich erschienenen Buch mit dem Titel „Bruchstücke aus erster und zweiter Hand“ (Pop-Verlag Ludwigsburg, 2013) vorstellen darf, ging immer seinen Weg, seinen eigenen Weg. Und er ging diesen nicht immer einfachen Weg mitunter eigenwillig, aber stets konsequent, intellektuell redlich und offen und ehrlich seinen Freunden gegenüber, zu denen ich mich glücklicherweise schon sehr lange zählen darf. Dazu – das heißt mithin auch zu den Anfängen des literarischen Arbeitens und Schreibens von Johann Lippet – möchte ich einige Anmerkungen machen, einen kurzen Rückblick geben.

»Aktionsgruppe Banat« und Lyzeum Großsanktnikolaus

Das erste Stichwort, das nahezu allen dazu einfallen dürfte, ist wohl „Aktionsgruppe Banat“. Wenn Herta Müller in ihrer „Tischrede“ bei der Verleihung des Nobelpreises unter anderem sagte: „Zum Glück traf ich in der Stadt Freunde, eine Handvoll junge Dichter der »Aktionsgruppe Banat«. Ohne sie hätte ich keine Bücher gelesen und keine geschrieben. Noch wichtiger ist: Diese Freunde waren lebensnotwendig. Ohne sie hätte ich die Repressalien nicht ausgehalten. Ich denke heute an diese Freunde. Auch an die, die auf dem Friedhof liegen, die der rumänische Geheimdienst auf dem Gewissen hat“, so ist damit nicht nur freundschaftliche Erinnerung, sondern auch ein Stück ernster und für uns alle nachwirkender und folgenreicher Realität angesprochen. Dabei hat die „Aktionsgruppe Banat“ ihren eigentlichen Ursprung – und dies wird manchmal bewusst oder unbekannterweise übersehen – am Lyzeum von Großsanktnikolaus, einem Städtchen im westlichen Zipfel des rumänischen Banats. 

Im zeitlichen Kontext der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien im Jahre 1967 und der sogenannten „Tauwetterperiode“ in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde bereits im Jahre 1966 eine deutschsprachige Abteilung am Lyzeum von Großsanktnikolaus eingerichtet. Zu den Schülern der 9. Klasse des ersten deutschsprachigen Jahrgangs am Lyzeum zählten unter anderen Werner Kremm, William Totok und eben Johann Lippet, die später auch zu den Gründungsmitgliedern der „Aktionsgruppe“ gehörten. Ein Jahr später, mit dem zweiten deutschsprachigen Jahrgang des Lyzeums, kam der aus Perjamosch stammende Richard Wagner dazu. Im folgenden Jahr wechselte ich selbst in die 9. Klasse des Lyzeums, wobei ich mit den anderen Genannten schon früher erste Kontakte hatte und Gespräche über Literatur und andere Zeitfragen führte. Zunächst wohl im Rahmen eines von unserer engagierten und literaturbegeisterten Deutschlehrerin Dorothea Götz geleiteten Literaturkreises, der am Lyzeum bestand. Dann später intensiv untereinander.

Wir versuchten uns mit der modernen deutschsprachigen Literatur des Westens vertraut zu machen, uns an deren Schreibweisen und Verständnismöglichkeit heranzuarbeiten, aber uns auch sonst über die Welt und ihre kulturellen und politischen Fragen zu informieren sowie mit avantgardistischer Kunst insgesamt auseinanderzusetzen. In diesem Rezeptions- und Verarbeitungsprozess spielten die immer häufigeren gemeinsamen Gespräche über das Gelesene eine zentrale Rolle – wie auch über das Selbstgeschriebene, das uns immer wichtiger wurde, zumal zunächst auf der Schülerseite der Neuen Banater Zeitung und dann auch in anderen Zeitungen und Zeitschriften durchaus Möglichkeiten zur Veröffentlichung der eigenen literarischen Texte oder anderer Artikel bestanden.

Biographische und autobiographische Anmerkungen

Lippet und Totok kamen schon nach der 4. Klasse an die Schule und in das Internat nach Großsanktnikolaus. In seinem Prosaband „Migrant auf Lebzeiten“ (Pop- Verlag Ludwigsburg, 2008) beschreibt Lippet, wie er bereits 1962 mit einem „Molotow“, dem neuen Lkw der Kollektivwirtschaft von Wiseschdia, mit anderen deutschen Schülern seines Heimatortes als Fünftklässler ins Jungeninternat, in der ehemaligen deutschen Schule, nach Großsanktnikolaus kam. So heißt es rückblickend: „Der Vetter Niklos bedeutete ihnen, abzusteigen, sie waren angekommen. (…) Über zwei Steinstufen betreten sie den Korridor, der Vetter Niklos geht voraus und dirigiert sie durch die offenstehende Tür in den zweiten Schlafsaal auf der rechten Seite. Zwei Reihen Eisenbetten stehen darin, paarweise auf jeder Seite.“ So begann also Johann Lippets weiterführender Lern- und Bildungsweg in Großsanktnikolaus. Und in so präziser Erinnerung und so vertrauter Sprache beschreibt er nicht nur hier die Vergangenheit, verschiedene Episoden seines Lebens und Erlebens, ebenso die wechselvolle Geschichte seiner Heimatgemeinde Wiseschdia und des Banats als seiner weitläufigen Heimat und vieles mehr, sondern auch in seinen rund zwanzig Büchern. Dabei hat Lippets Biographie insofern einen besonderen Anfang, als er 1951 in Wels (Österreich) geboren wurde und seine Eltern mit ihm und seinen Geschwistern erst später, nämlich im Jahr 1956, ins Banat kamen bzw. zurückkamen.

Zum literarischen Werk Johann Lippets

Unter seinen literarischen Arbeiten und Büchern möchte ich nur kurz auf einige wenige hinweisen. In dem 1990 erschienenen Buch „Protokoll eines Abschieds und einer Einreise oder Die Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten“ (Wunderhorn-Verlag Heidelberg) werden jene aufreibenden und belastenden Geschehnisse und Erlebniszusammenhänge, jene schmerzhaften „Einzelheiten“ genau festgehalten, die im Zusammenhang mit der Ausreise Lippets und seiner Familie aus Rumänien und mit der Ankunft in Deutschland standen, aber auch mit den Schikanen und Repressionen, den Beklemmungen und Ungewissheiten, die dem vorausgingen. Manches wird von anderen Aussiedlern ähnlich erlebt und erlitten worden sein, manches ist indes sehr spezifisch und gibt tiefe Einblicke in besondere Lebenssituationen, Gefühlszustände und nicht selten von Sorgen und Spannungen geprägte Reflexionen des Autors.

„Dorfchronik, ein Roman“ (Pop- Verlag Ludwigsburg, 2010) kann vielleicht als das bisherige Hauptwerk Johann Lippets angesehen werden. In dieser besonderen, letztlich zu einem eindrucksvollen literarischen Prosatext verdichteten „Chronik“, geht es insofern um ein Dorf, als es vor allem um die Menschen eines Dorfes – des Heimatortes des Autors – geht; um ihre Familiengeschichten, um ihre vielfach kompliziert verflochtenen Schicksale und Lebenswege, um die Einlagerung dieser Einzel- und Familienschicksale in die übergreifenden Irrungen und Wirrungen der Zeitgeschichte, die insbesondere in den Auswirkungen der historischen Großereignisse des 20. Jahrhunderts auf die deutschen Bewohner des Ortes für diese keine einfachen Lebensbedingen schufen, sondern ihnen vielfach einen harten Lebens- und Überlebenskampf abforderten, mit dem Einzelne mehr oder weniger gut zurechtkamen. Die Idee und der Stoff zu diesem Roman sind wohl schon früh entstanden. Es liegen frühe Fragmente und frühere Versuche vor, dieses Vorhaben literarisch anzugehen und zumindest Teile davon zu realisieren. Auch die Securitate hat wohl von der Beschäftigung mit solchen Themen und Gegenständen erfahren und sich dafür offenbar – aus sicherlich nicht gerade literaturfreundlichen Gründen – intensiv interessiert.

Zur Auseinandersetzung mit den Securitate-Akten

In seinem Sach- und Aufklärungsbuch „Das Leben einer Akte. Chronologie einer Bespitzelung“ (Wunderhorn Verlag Heidelberg, 2009) hält Lippet mit eindringlicher Aufmerksamkeit und zugleich mit der nüchternen Sachlichkeit eines vor allem an den Fakten orientierten „Chronisten“ und Betrachters fest, was er vor allem seinen eigenen Securitate-Akten an Bespitzelungen und Verrat entnehmen konnte, auch seitens von Kollegen, von deutschen Intellektuellen, Künstlern und Schriftstellern. Selbst wenn in dem Buch keine Klarnamen genannt werden, weiß man zumeist, um wen es geht. Dies ist ein besonders trauriges Kapitel unserer Geschichte, die auch noch kaum befriedigend aufgearbeitet erscheint. Vor einigen Jahren habe ich in Görlitz mit dem heutigen Bundespräsidenten Joachim Gauck bei einem gemeinsamen Mittagessen ein längeres Gespräch geführt. Dabei ging es auch und nicht zuletzt um die Idee der Freiheit, die dem heutigen Bundespräsidenten wohl von zentraler Bedeutung war und ist und die auch für uns, den ehemaligen Mitgliedern der „Aktionsgruppe Banat“, wesentliches Schreib- und Handlungsmotiv war. Es ging aber auch – so erinnere ich mich – um die damals noch nicht oder nur teilweise erfolgte Öffnung der Archive der Securitate für die Opfer und für die Forschung. Wir waren damals gemeinsam der Meinung, dass es zur Konsolidierung von Demokratie und Freiheit notwendigerweise dazu gehört, das Unrecht der Diktaturen aufzuarbeiten, in Rumänien ebenso wie in Deutschland durch die „Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“, die der heutige Bundespräsident ja viele Jahre leitete.

Die noch lebenden Angehörigen der „Aktionsgruppe Banat“ hofften, dass wir durch den Zugang zu den Akten der Securitate endlich mehr über die Machenschaften dieser berüchtigten politischen Polizei in Rumänien, aber auch über ihre Helfer und Helfershelfer erfahren würden, auch über solche aus den Reihen rumäniendeutscher Schriftsteller und Intellektueller, die wir als Spitzel der Securitate teilweise bereits seinerzeit kannten. Was wir uns als Opfer allerdings nicht vorstellen konnten, war, dass wir in einem Rechtsstaat wie der Bundesrepublik Deutschland, auf Grund von Rechtsurteilen enttarnte „Informanten“ und „Denunzianten“ nicht mehr beim Namen nennen dürfen. Das ist der denkbar schlimmste Ausgang für die Opfer, dass sie von den Tätern gleichsam nochmals zu Opfern gemacht werden. Und davon ist wohl auch ein großer Schaden für das Vertrauen in die Rechtsstaatlichkeit und Demokratie zu erwarten, denn solche ungerechten und unverständlichen Rechtsurteile wirken ja weit in die intellektuelle Öffentlichkeit hinein. Solange es auch nur ein lebendes Mitglied der ehemaligen „Aktionsgruppe Banat“ gibt, wird solches Unrecht, solche Entstellung der Wahrheit – das kann ich Ihnen hier versprechen – nicht hingenommen. Wir waren, sind und werden in aller Konsequenz den Wertideen der Freiheit, der Wahrheit und der intellektuellen Redlichkeit verpflichtet bleiben, wie lange und schwierig der Kampf gegen die Unkenntnis kommunistischer Verbrechen, der Instrumente und Mechanismen kommunistischer Gewaltherrschaft wie auch der bereitwilligen Verdrängung oder der Naivität in solchen Fragen in Deutschland sein mag. Ich vermute, Johann Lippet denkt innerlich genauso empört wie ich über diese Dinge, ist aber stets leiser, zurückgenommener, sachlicher im Ton. Und doch nicht weniger wirkungsvoll.

Zur Lyrik und lyrischen Prosa Johann Lippets

So kommen wir auch zum Lyriker, zu den Gedichten Johann Lippets, sind doch ein guter Teil seiner Bücher eigentlich Gedichtbände. Ein Teil der Gedichte zeichnet sich durch fließende Übergänge zur lyrischen Prosa aus, sind veritable „Poeme“. Lassen Sie mich mit einem Zitat aus dem „Gedichtbuch“ abschließen, das im letzten Jahr erschien und den Titel „Tuchfühlung im Papierkorb“ (Pop Verlag Ludwigsburg) trägt:

„Auch hinfort wird zu erzählen bleiben von der Herkunft / gottverlassenes Dorf die Einstufung als geographischer Hinweis Banater Tiefebene nicht / Heide wie gemeinhin bezeichnet zur Eingrenzung die Namen von Flüssen verdankt die / einstige Sumpflandschaft ihre Fruchtbarkeit vor Zeiten als die Kornkammer Europas / bezeichnet zur Präzisierung das Land Rumänien / zu schreiben wird sein vom Gehen / vom Abschied / erzwungen mit einem Koffer in der Hand / wie ich im Morgengrauen stand am Grenzbahnhof / wo entlang der Läufe von Kalaschnikows der Weg / führte zum Gleis und Hunde zerrten an den Leinen (…)“