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Banater Post

In der großen Welt meine kleine Welt

Die Künstlerin begutachtet eine neue Druckgrafik. (Foto: Archiv BP)

Hildegard Kremper-Fackner: Letzte Allerheiligen daheim, Tempera auf Leinwand.

Hildegard Kremper-Fackner: Lebensabschnitte (aus dem Zyklus „In einem

Ein Gedenkblatt für die Banater Künstlerin Hildegard Kremper-Fackner (1933-2004) - Am 8. Juli dieses Jahres wäre Hildegard Kremper-Fackner achtzig geworden. Die 1933 in Temeswar geborene und 2004 in Berlin verstorbene Grafikerin und Malerin nahm jahrzehntelang eine Sonderstellung im Banater Kunstbetrieb ein und zählt zu den bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des Banater Deutschtums.  

Hildegard Kremper-Fackner hatte schon immer einen Hang zum Musischen, dessen Wurzeln in der anregenden Atmosphäre und den Traditionen ihrer Familie lagen. Der Großvater Karl Kremper, Nachfahre einer Tiroler Familie, die 1812 im Gefolge der Freiheitskriege ins Banat kam, war Dekorationsmaler, an dessen größten Auftrag – das Ausmalen der Milleniumskirche in Temeswar – auch seine drei Söhne, die das gleiche Handwerk erlernten, mitgewirkt haben. Der Vater der Künstlerin, Ladislaus Kremper, versuchte sich nebenher auch im Schreiben und spielte Zither und Xylophon. Die Mutter Elisabeth, geborene Augustin, hatte ihr Leben lang große Freude am Singen. Die musische Begabung der Tochter, vor allem ihr zeichnerisches und malerisches Talent, erfuhr an der Notre-Dame-Schule in Temeswar (1940-1948) ideale Förderung, und so entschied sie sich für die Kunst. 

Lehrer von Format

Das Kunsthandwerk lernte Hildegard Kremper von 1948 bis 1952 am Temeswarer Lyzeum für bildende Kunst von der Pike auf: Das Zeichnen lernte sie von dem anspruchsvollen Julius Podlipny und das Malen von Franz Ferch. Der erfolgreichen Aufnahme an der Bukarester Hochschule für bildende Kunst „Nicolae Grigorescu“ folgte bis 1958 eine akademische Ausbildung mit Schwerpunkt Grafik bei den Professoren Vasile Kazar und Fred Micoş. Die strebsame Studentin eignete sich in den gut ausgestatteten Ateliers der Hochschule eine Menge Ausdrucksmöglichkeiten und Finessen der Druckgrafik an: vom Holz- und Linolschnitt über die Lithographie bis hin zu dem auch physisch anstrengenden Metallstich und den üblichen Ätztechniken Aquaforte und Aquatinta.

Nach Abschluss des Studiums kehrte Hildegard Kremper-Fackner als freischaffende Künstlerin in ihre Heimatstadt zurück. Inzwischen waren viele ge Künstler in die Stadt an der Bega gekommen und hatten die vom Künstlerverband zur Verfügung gestellten Ateliers im Künstlerhaus im Rosengarten bezogen. Auch Kremper-Fackner wurde hier 1959 ein Atelier zugewiesen, das sie mit ihrer Kollegin und Freundin Lidia Ciolac teilte. Ein Jahr später heiratete sie den aus Siebenbürgen stammenden Bauingenieur Simon Fackner, mit dem sie in ihrem vertrauten Elternhaus wohnte. 1965 wurde Sohn Ragnar, das einzige Kind der Familie, geboren. Nach Jahren rastloser Arbeit gelang der Grafikerin der künstlerische Durchbruch mit ihrer ersten Eigenausstellung in Temeswar im Jahr 1968. Dank ihrer Redlichkeit und Beliebtheit bei ihren Künstlerkollegen wird sie in die Leitung des Verbandes der bildenden Künstler Rumäniens gewählt. 1978 steigt sie sogar zur Vizepräsidentin des Landesverbandes auf. Den glücklichen Umstand, dass in Temeswar 1962 eine Fakultät für bildende Kunst ins Leben gerufen wurde, machte sich auch Hildegard Kremper-Fackner zunutze. Sie wurde als Lehrkraft eingestellt und widmete sich mit Hingabe und Eifer der Ausbildung der Studenten. Doch schon 1974, als die Sparwut des Regimes um sich schlug und als erste Opfer das Schulwesen und Kultureinrichtungen traf, war der Traum ausgeträumt: Die Fakultät wurde aufgelöst und Hildegard Kremper-Fackner betätigte sich wieder als freischaffende Künstlerin. 1989, noch vor dem Umsturz, wanderte sie mit ihrem Mann nach Deutschland aus. Die Familie ließ sich in Berlin nieder, wo der Sohn schon einige Zeit lebte. Nach schwerem Leiden ist die Künstlerin am 5. März 2004 verstorben.

Kemper-Fackners reiches grafisches Werk ist thematisch zusammenhängend in Zyklen gruppiert. Die Künstlerin hatte je ein Thema aufgegriffen und den Stoff in verschiedenen Kompositionsvarianten und graphischen Techniken wiedergegeben.

Die wichtigsten Inspirationsquellen, derer sich die Künstlerin bediente, waren die Natur und der Mensch. Ausgesprochene Landschaften finden wir selten, zumeist sind es einzelne gewachsene Formen wie Bäume, Wurzeln, Früchte, Blumen, Vögel, Insekten, Fische und Meerestiere.

Die menschliche Gestalt ist in der ersten Schaffensperiode leicht geometrisch stilisiert, später aber der Physiognomie wegen genauer wiedergegeben. Die Figuren erzählen von Schicksalen, wie sie in Mythen und Märchen überliefert wurden, von „Unglaublichen Geschichten“ („Prometheus“, „Der Sturz des Ikarus“) oder von „Banater Legenden“, die die Burgruinen von Wilagosch, Lippa und Schoimosch umweben. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Krieg und seinen Folgen widerspiegelt sich in Bildern wie „Der erste Tag des Friedens“ oder „Die Nacht des Schreckens und der Menschlichkeit“. Hier ist die Spannung durch Gegenüberstellung von Ruinen als Zeichen von Vernichtung und eines in einem Lichtkreis dargestellten behüteten Kindes plastisch fast plakativ suggeriert. Auch die enigmatischen Gesichtsausdrücke und Fratzen („Masken“, „Der Faun“) sowie das bedrückende Milieu („Die Stunde der Erinnerung“) faszinieren durch einen subtilen Unterton.

Blick in die Geschichte

Temeswar, seine Baudenkmäler und deren Details, insbesondere die schmiedeeisernen Balkone oder Zäune, dienen als Bildmotive im Zyklus „Alt-Temeswar“. Eine Komposition heißt „In der großen Welt meine kleine Welt“. Es ist der Rhythmus der Stäbe eines Eisentores, der mit dem Krug voller Malpinsel optisch im Gleichgewicht steht. Im Hintergrund die Weltkugel, in der sich das Elternhaus der Künstlerin widerspiegelt. Die während ihrer Studienreisen oder Stipendienaufenthalten in Wolfsburg, Wien, Prag oder Magdeburg festgehaltenen Eindrücke werden bei Kremper-Fackner nicht als Veduten dargestellt, sondern aus einzelnen Teilen zusammengesetzt. So dient ein Rathausturm, der Eingang zur Wiener Hofburg, ein Spitzbogen oder eine Brücke als suggestives Wahrzeichen der dargestellten Orte. Bloß die wuchtigen, roten Felsen von Helgoland ragen aus den brausenden Wogen (aus dem Zyklus „Eine Sommerreise“).

Von der Nähe zum heimatlichen Banater Umfeld zeugt der schon erwähnte Alt-Temeswar-Zyklus. Hildegard Kremper-Fackner hat aber auch die Welt des Banater schwäbischen Dorfes und dessen dramatischen Wandlungen in eigenständigen Kompositionen und Zyklen festgehalten. Als typische Beispiele sollen hier drei Werke vorgestellt werden. Das großformatige Blatt „Lebensabschnitte“ stellt eine junge Schwäbin dar mit heiterem Blick. Links im Bild sind auf einem Kinofilmstreifen vier Fotogramme senkrecht angeordnet, die die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen darstellen: im Kinderwagen auf der Dorfstraße; mit der Großmutter, die das Kind mit seinem Umfeld vertraut macht; Schüler beim Pauken; das erste Rendezvous. Die zweite Grafik mit dem Titel „Volksfest“, nach ähnlichem Bildaufbau gestaltet, zeigt einen jungen Kirchweihbuben mit Rosmarinstrauß, links einen geschmückten Kirchweihbaum und im oberen Teil ein waagerecht verlaufender Fries mit Tanzpaaren. Beide Grafiken mit sparsamer Farbgebung stammen aus dem Zyklus „In einem Schwabendörfchen“. Wenn die Motive der beiden Bilder die kommende Verödung der schwäbischen Dörfer noch nicht explizit andeuten,  so ist das dritte Bild mit dem Titel „Die schwäbische Braut“ als der tragische Schlussakkord eines geschichtlichen Abschnitts zu interpretieren.

Es zeigt ein junges Mädchen in einem prächtigen, mit filigraner Handarbeit verzierten weißen Brautkleid. Der Blick in die Ferne gerichtet, trägt es auf dem Haupt einen bunten Kranz. Erst jetzt entdeckt der Betrachter rechts im Bild im bläulichen Dunst die seit Stefan Jäger vertrauten Silhouetten der Ansiedler; links, im tiefen Schatten, stehen Menschen mit gepackten Koffern, offensichtlich die Ausreisewilligen. Das nach links gewandte ernste Gesicht der Braut harrt stumm des Ausgangs der Dinge. Das mit Pastellkreide gemalte Bild entstand 1986 aus Anlass der 200-Jahr-Feier der Ortsgründung von Bakowa. Damals zählte die deutsche Einwohnerschaft des Dorfes noch an die tausend Personen. Den baldigen Exodus  konnte beim besten Willen noch kein Mensch erahnen.

Hommage an Ferch

Nach einer schweren Operation haben die Ärzte der Künstlerin geraten, die Druckgrafik wegen des Umgangs mit schädlichen Säuren aufzugeben. So führte sie ihre Werke ab 1982 ausschließlich in Tusche, Kohle, Pastell, Tempera oder Acryl aus. Dieser Phase entstammen sehr interessante Arbeiten, wie die großformatige Rötel- und Kohlezeichnung „Stunde der Erinnerung“. Die mit Feder, Tusche und Acryl gestaltete Serie entstand nach der Wende. Die dynamische Panik der Flüchtenden oder die verlogene Emphase der Applaudierenden wird in dieser Serie kleinformatiger Zeichnungen treffend thematisiert. Erwähnt seien noch drei große Tempera-Gemälde: „Kerweih - Lust und Freud“, „Letzte Allerheiligen daheim“ und „Banat, deine Dörfer weinen“. Letzteres ist eine Hommage an ihren verehrten Lehrer Franz Ferch. Der Meister blickt zurück auf das schwäbische Dorf, das sich in der oberen Bildhälfte noch als intakt darstellt; die untere Hälfte aber ist das Zerrbild der oberen und wiederspiegelt den Untergang. Ein großes weinendes Auge ist ostentativ in der Bildmitte platziert. Die für Kremper-Fackner recht ungewöhnlich kräftige Farbgebung ist zugleich ein später Versuch, andere kreative Wege des künstlerischen Ausdrucks zu erproben.

Kremper-Feckner präsentierte ihre Arbeiten in mehreren persönlichen Ausstellungen in Rumänien und im Ausland. Zu erwähnen sind die großen Retrospektiven in Temeswar 1983 und in Arad 1989. In Deutschland zeigte sie eine Retrospektive 1991 in Ingolstadt. Ihre Werke sind in alle Himmelsrichtungen verstreut, Museen aus vielen Ländern besitzen Arbeiten von ihr. Das Ulmer Kulturzentrum der Landsmannschaft der Banater Schwaben hat einen repräsentativen Teil ihres Nachlasses erworben. Die Arbeiten sind zurzeit im Kulturzentrum ausgestellt.