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Banater Post

„Kein Schweigen bleibt ungehört“

Erinnerung steht im Mittelpunkt der Gedichte von Horst Samson. Man könnte mit Jean Paul sagen, dass die Erinnerung auch für Samson das „einzige Paradies“ sei, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Erinnerungsliteratur ist sie trotzdem nicht nur, die Samsonsche Lyrik und Prosa. Seine Gedichtbände haben so sinnliche Titel wie „Kein Schweigen bleibt ungehört“, „Und wenn Du willst, vergiss“ „Wer springt schon aus der Schiene“, „Was noch blieb von Edom“ – rhetorische Fragen, die Horst Samson in seinen Gedichtbänden beantwortet: „Das Land schwimmt davon, sage ich dir, / Und auf großen Geldscheinen / Rudern westwärts die Freunde“ („Regengedicht für Edda“, 1986) – so der Dichter vor seiner Ausreise 1987 nach Deutschland im neuesten Gedichtband „Kein Schweigen bleibt ungehört“. Eigentlich will er erinnern und nicht vergessen: an den Dezember 1989, an den „Nachtwächter“ im Dorf, an „Weihnachten im Westen“, an Temeswar, die Stadt, aus der „Keiner entkommt“, an eine „Brennende Zeit“, eine „Nacht im Donaudelta“ sowie an einen „Unvollendeten Dezember“, an die Ankunft in Nürnberg: „1987 – Erster Ausgang“ und „Nürnberg im März“. Samson erinnert an die Vergangenheit, an erlebte Geschichte und Geschehnisse, an Dinge wie die „Matrosenbluse“, an den „dritten Brief nach Hause“, auch an Orte, wie Tîrgu Jiu mit einem ehemaligen KZ neben der endlosen Brâncuşi-Säule, den Grenzbahnhof Curtici, den Wannsee und Kleist; an Personen: „für Rolf“ (Rolf Bossert), der 1986 in Frankfurt starb, mit den Zeilen „Coram Publico“, an den Dichter Urmuz, den Begründer des Surrealismus, an „Radu“, den Clown, an „Iwan Iljitsch“ (eine Figur aus einer Tolstoi-Erzählung), an die Freunde in „Noch einmal Oktober“ oder in „Fahrwind“ (für Erna und Dan), an Ingeborg Bachmann in „Das Meer“

Der Dichter verleiht der Erinnerung ein Bild für die Nachwelt, für die sehnsuchtstragenden Leser, die Bilder zum Vergleichen suchen für ihre eigenen Erinnerungen, für die Neugierigen und die Entdecker einer vergangenen, aber nicht vergessenen Realität. Manchmal jedoch hat man auch das Gefühl, dass für Samson einige „Reizwörter“, die von der Zensur verboten waren, wie „Wanzen“, „Schubladen“, „Zensor“ „Emigranten“ „Verbot“ und andere, die eigentlichen Anhaltspunkte sind beim Schreiben von Gedichten, die vor 1989 entstanden sind. Seine Gedichte machen uns die Grenzen, die Begrenzungen und Einengungen des Daseins bewusst, die nicht nur im einstigen Kommunismus präsent waren, sondern auch in der freien, neuen Welt anzutreffen sind: Einsamkeit, Schlaflosigkeit, Verlassensein, Selbstbestimmung.

Stimmungsvoll und präzise, sachlich nüchtern, lyrisch und reimlos – klassisch modern präsentieren sich die 130 Gedichte dieses Bandes, die nicht chronologisch geordnet, manche mit Jahreszahl der Entstehung versehen, andere generell und allgemeingültig dastehen. Die wunderbaren Wortspielereien, die dichten Stimmungsbilder Horst Samsons sind einzigartig und bleiben dem Leser im Kopf: seine Zweifel, seine Konflikte, seine Selbstüberprüfung, seine Hoffnung und seine Irrtümer. Samson, der viele seiner Gedichte auch selbst vertont hat und so manche Leser durch seine Gesangsauftritte verzaubert, hat im Brechtschen Sinne auch in diesen Band zwei Kreuzreimgedichte eingestreut: „Kofferlieder“ und „Kanzone“, deren Metrum bereits beim Lesen die Melodie anklingen lässt: „Hab ein Eisenbett für die Nacht, / Liege über meinem Sohn. / Hab die Fremde zugemacht, / Flüchte in ein Saxophon.“ Entgegen der Brechtschen Lyrik gibt Samson viel Privates preis in seinen Gedichten. Der Leser gewinnt so den Eindruck eines direkten Teilnehmers am Leben des Dichters. Eine Art Vergewisserung gegen das Vergessen.

Den Gedichtband schließt mit einer kurzen Prosa „Die Endlosschleife“ ab – ein weiteres Erinnerungsstück an den Vater Martin Samson, der aus den „Weiten Russlands“ als Meldefahrer der SS und Nordland-Panzerdivision ein Foto auf einem schwarzen Motorrad der Marke NSU als Erinnerung aus dem Krieg mitbrachte. Dieses Foto begleitet den Vater in seinem weiteren Leben – als Erinnerungsstück in der Brieftasche. Auch der Sohn kommt nicht von diesem Bild des jungen Soldaten Samson los, der trotz Krieg, Deportation, Entfremdung von der Heimat glücklich und traurig zugleich zu sein scheint auf seiner schwarzen NSU. Und wie der Vater sein Glück in diesem Erinnerungsstück fand, findet der Sohn sein Glück in den Erinnerungszeilen mit dem Bild des Vaters im Kopf, dem er eines seiner besten Gedichte widmete: „Pünktlicher Lebenslauf“.

Samson, der als Generalsekretär des Exil-PEN stets für deutschsprachige Autoren unterwegs ist, wurde   in Salcâmi im Bărăgan geboren und war in Kleintermin, einem Dorf nahe der ungarisch-serbischen Grenze, beheimatet. Er arbeitete bei der „Neuen Banater Zeitung“, gehörte zur Temeswarer Literaturszene um Herta Müller und Richard Wagner und war vor der Ausreise Redakteur der „Neuen Literatur“. Zurzeit arbeitet Samson als Zeitungsredakteur in Bad Vilbel.

Samsons wunderbarer Gedichtband „Kein Schweigen bleibt ungehört“ spiegelt eine „Generation in ihrem existentiellen Verständnis“ – wie es auf dem Rückumschlag heißt.

          

Horst Samson: Kein Schweigen bleibt ungehört. Gedichte. Ludwigsburg: Pop Verlag 2013, 161 Seiten. ISBN 978-3-86356-055-3. Preis: 14.99 Euro. Zu bestellen über den Buchhandel oder bei Amazon.