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Banater Post

Alltag in der Diktatur: bedrohlich und absurd

„Schnüffler schleichen um die Häuser, nur wer kriechen kann, lässt sich noch blicken, so mancher hat seinen Gesichtspunkt aus den Augen verloren.“ (Aufnahmezustand)

Beklemmende Texte wie dieser enthält der Erzählungsband „Anastasius und andere Staatsbürger“ von Kristiane Kondrat. Anastasius, der Titelgeber des Bandes, geht einer ordentlichen, geregelten Arbeit nach wie viele andere Staatsbürger in der Stadt an der Treuburg. Als er eines Tages den Eindruck hat, verfolgt zu werden, verstrickt er sich in einem selbst geknüpften Netz aus skurrilen Gegenmaßnahmen, das ihn letztlich nicht beschützt, sondern ihm erst recht zum Verhängnis wird. Auch die anderen Erzählungen teilen diesen Grundton. Alptraumartig werden die Erlebnisse der Protagonisten geschildert, kafkaesk wirkt die Ausweglosigkeit in einer Welt ohne Lichtblicke, die von Verrat und Misstrauen geprägt ist.

Unschwer entschlüsselt sich eine Verbindung zum biographischen Hintergrund der Autorin Kristiane Kondrat, die als Aloisia Fabri (verehelichte Bohn) 1938 in Reschitz geboren wurde. Nach dem Germanistikstudium in Temeswar war sie Deutschlehrerin und dann Kuturredakteurin bei der „Neuen Banater Zeitung“. Obwohl sie schon seit 1973 in Deutschland lebt, hat sie das Thema offenbar bis heute nicht losgelassen, das über die Nobelpreisträgerin Herta Müller mittlerweile auch in weitere bundesdeutsche Leserkreise gedrungen ist: Das Ausgeliefertsein des Einzelnen an unkontrollierbare und vor allem nur schwer wahrnehmbare, aber sehr reelle Gefahren und Kontrollmechanismen in der Diktatur. Und das Gefühl, jedem misstrauen zu müssen. In dem 1997 erschienenen Roman „Abstufung dreier Nuancen von Grau“ hat die Autorin bereits thematisiert, was in dem vorliegenden Band „häppchenweise“ vervollständigt wird. Trotz der Beklemmung beim Lesen der Texte hat man jedoch nicht den Eindruck einer bitteren Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit, vielmehr erfolgt die Darstellung von Gefühlslagen aus jahrelang reflektierter Distanz. Satire erweist sich als Stilmittel äußerst passend für die Darstellung eines Zustands, dem anders gar nicht beizukommen ist. („Es kommt immer darauf an, den günstigsten Augenblick aufzuspießen.“) Kristiane Kondrat formuliert am Ende des Bandes ihre Hoffnung auf ein „Erwachen“ des Staatsbürgers, der irgendwann ahnt, dass „die mit vielen Sprüchen und Losungen bespickte Fassade mit den beschwerteten Erzengeln lediglich verzierter Stein ist und die geheimen Engel des Staates (…) jedem auflauern, der hier ahnungslos vorbeikommt, um die dicken Putten zu bewundern“.

Gerade weil es bei der Realität der Ceauşescu-Diktatur 1989 nun sowas wie ein Happy-End gab, ist der satirische Zugang umso realistischer:
Einerseits haben die geöffneten Securitate-Akten gezeigt, dass alle Befürchtungen, jedes Misstrauen der Menschen in der Diktatur mehr als berechtigt waren, andererseits zeigte sich der allmächtige Staatsapparat in vielen Hinsichten selbst als so unvollkommen, dass so manche Akte unfreiwillig satirische Züge aufweist. Das Lachen darüber ist gehemmt und Ausdruck der Erleichterung darüber, dass es nicht schlimmer kam.

 

Kristiane Kondrat: Anastasius und andere Staatsbürger. Prosa. Ludwigsburg: Pop-Verlag, 2013. 137 Seiten. ISBN 978-3-86356-068-3. Preis: 12 Euro. Zu bestellen über den Buchhandel oder online.