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Banater Post

Doppelblick dank „doppelter Lebensläufe“

Eine Dichtung ist zeitlos, wenn sie eine Gefühlssaite anschlägt, die weiterschwingen kann und jederzeit Gültigkeit besitzt. „Auch der Schatten im Grün / nur begrenzt, / ohne Anspruch auf Zeit / und auf Heimat. / Taub. / Frei sein wie die Wolken im Wind?“, schreibt der Dichter Franz Heinz (geboren in Perjamosch), während eines Aufenthalts in Duhnen. Heimat ist ein Gefühl, auch ein Gefühl der Freiheit. Die ist aber nicht immer real. Ein Anspruch auf Heimat wird von Heinz abgelehnt – fern von dieser. Aber der Gedanke an die Heimat ist nicht verdrängt. Ilse Hehn (geboren in Lowrin) kehrt wieder zurück nach Temeswar  und reflektiert in ihrem Gedicht: „T. eine Stadt wirre Ver / flechtungen das Wort nicht auf /gehoben vermisst ein / Grinsen…“. Horst Samson (geboren im Baragan, beheimatet in Kleintermin/Albrechtsflor) nimmt in „Die Vermessung der Traurigkeit“ Abschied von „Wörtern, / Landschaften, / Vom Schicksal der Vögel, / Dem Wind“ und von der Heimat, der „alten Welt“, die er verlässt. Sein Kopf wird zur „Urne der Erinnerungen“. Johann Lippet reflektiert in seinem Poem „Hyperlinks“ über „Akazienblütenduft“, „Turteltaube“, den „Sparherd“ und „Schwengelbrunnen im Hof“ – Erinnerungen aus dem Haus seiner Kindheit in Wiseschdia.

Siebzehn Autoren der von Horst Samson, Generalsekretär des Exil-P.E.N., herausgegebenen Anthologie „Heimat – gerettete Zunge“, davon sieben Banater, schildern „bestimmte Einblicke in politisch brisante Phasen der rumänischen Nachkriegsgeschichte“, die „repressiven Erfahrungen mit dem kommunistischen Regime“, „Geschichten aus dem Hinterland“, die „dörfliche Gemeinschaft“ aus einer „untergehenden Welt, die längst ihre magische Anziehungskraft verloren hat“ – so Wolfgang Schlott, Vorsitzender des Exil P.E.N.-Clubs, im Vorwort. Die Autoren der „poetisch verdichteten Reflexionen“ sind: Hans Bergel, Ingmar Brantsch, Walter Engel, Franz Heinz, Ilse Hehn, Klaus Hensel, Franz Hodjak, Johann Lippet, Peter Motzan, Gerhard Ortinau, Horst Samson, Hellmut Seiler, Olivia Spiridon, Dieter Schlesak, Frieder Schuller, Balthasar Waitz, Renate Windisch. Die Aufteilung in Prosa, Lyrik, Dramatik und Essays wiederspiegelt die volle Bandbreite literarischen Ausdrucks. So unterschiedlich Stil, Ausdruck, Sprache und Form der Beiträge auch ist, vereint alle Autoren ihre Herkunft aus Rumänen sowie die Erlebnisse und Erfahrungen zweier Gesellschaftssysteme und Kulturen.

Die in dem Band „Krähensommer“ vereinten Erzählungen von Balthasar Waitz (geboren in Nitzkydorf) sind Geschichten aus der Perspektive eines Kindes erzählt, das „die Vorgänge in der eigenen banatschwäbischen Familie unmittelbar und hellwach beobachtet“. „Bildhafte Momentaufnahmen, die nicht selten filmgerecht wirken, oder die Gestalten, die mit wenigen Pinselstrichen eigenständige Konturen annehmen, was den Leser dazu einlädt, der eigenen Phantasie freien Lauf zu lassen“, so der Literaturwissenschaftler Walter Engel in seinem Essay „Innenwelt und Außenwelt des Banats“. Das umgangssprachliche Erzählen über „Unsere schwäbische Blasmusik“, „Die große Aufruhr im Dorf“ gibt stimmungsvoll Lebensmomente aus dem Dorfleben wieder. Abweichend vom Vertrauten, folgt Gerhard Ortinau (geboren im Baragan, aufgewachsen in Sackelhausen) in „Wehner auf Öland“ dem inneren Monolog Wehners und setzt sich mit dessen Flucht, politischen Haltung und Zwiespältigkeit auseinander. Sucht der Dichter hier eine Parallele, ein Alter Ego? Wie unpathetisch und doch stimmungsvoll wirken dagegen die Lebensläufe der Dorfbewohner in Johann Lippets Prosa „Zwischen Kimme und Korn“ über eine Rückkehr nach Wiseschdia.

Auf den Punkt gebracht hat Renate Windisch die Absicht der Anthologie in ihrem Essay „Zwei Generationen, ein Tisch – Literatur jenseits der Vaterländer“ mit einem Vergleich der Dichter Hans Bergel und Horst Samson. Bei beiden ginge es um die Thematik von Heimat „im engeren (regionalen) und weiteren (metaphorischen) Sinn, um „die ‚gerettete Zunge‘ in vielfältiger dichterischer Artikulation“. Samson, der mit seinem Gedicht „Pünktlicher Lebenslauf“ den Blick des Vaters auf seiner NSU mit dem Blick des Sohnes vereint, wird zum Mitwisser der Erlebnisse und des Schweigens des Vaters, wie seinem Prosastück „Exkurs über die Endlosschleife“ zu entnehmen ist. Der Titel der Anthologie ist dem Gedicht „Die gerettete Heimatzunge“ von Hellmut Seiler entlehnt: „Zunge, gerettete Heimat… / Wohl dem, der eine Heimat / Wohl dem der eine Zunge /... vergraben hat“ – ein Zitat, angelehnt an Friedrich Nietzsches Gedicht „Die Krähen schrei’n“: „Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!“

In unserer zunehmend virtualisierten Welt erleben Heimatgefühle eine Wiedergeburt. Der Wunsch des „Zurück-zu-den-Wurzeln“ gewinnt an Gewicht. Wünsche und Sehnsüchte widerspiegeln sich aus der Ferne auf den Ursprungsort: das Land, die Region, die Stadt, das Dorf, die Straße, das Haus, all das, was man einst zurückgelassen hat. Dieses Heimatgefühl haben Gegenwartsautoren wie Catalin Dorian Florescu oder Esther Kinsky  wiederentdeckt. Herta Müller hat in ihren „Niederungen“ schon früh die Heimat metaphorisch und real memoriert. Dorf-Lebensmomente, Väter und Vorväter, Kindheit, Jugend, Flucht, Vertreibung sind einige der Leitmotive. Viele der Autoren pflegen den Doppelblick und gelten zu Recht nicht als Heimatdichter. Die deutschsprachigen Autoren aus Rumänien hingegen sind nicht nur Doppel-Blickende, sondern haben auch Doppel-Lebensläufe; sie sind „Dolmetscher einer Erfahrung“, wie Peter Motzan Frank Schirrmacher in seinem in der Anthologie publizierten Essay „Eine Erfolgs- und/oder eine Endzeitgeschichte?“ zitiert.               

 

Horst Samson (Hrsg.): Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien. Eine literarische Begegnung. Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Wolfgang Schlott. Ludwigsburg: Pop-Verlag, 2013. 373 Seiten. ISBN: 978-3-86356-051-5. Preis: 25 Euro. Zu beziehen über den Buchhandel oder online.