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Banater Post

„Lebensroman“ mit polemischen Akzenten

Mit seinem „Aufbruch nach der Hauptstadt“ im August 1954 begann für den Haupthelden des selbstbiographischen Romans von Dieter Roth, den frischen Absolventen des Kronstädter Honterus-Gymnasiums Christian Rosenow, „eine Schule des Sehens (…), wie man sie in solcher Lebendigkeit, in solcher erkennenden und genau taxierenden Schärfe nur in südlichen Weltgegenden antrifft. Sie ist, zumal unter Bedingungen einer Diktatur, eine Überlebensübung ...“ Zu dieser vorweggenommenen Einsicht kommt die Mittelpunktfigur des Romans Schritt für Schritt erst in späteren Jahren. Christian Rosenow erlebte früh die diktatorialen Eingriffe der neuen Staatsmacht in das Leben der engeren Familie, der weitverzweigten Verwandtschaft und überhaupt der Deutschen seiner siebenbürgischen Umgebung, die im ersten Nachkriegsjahrzehnt betroffen waren von Enteignungen, Zwangsaufenthalten und Demütigungen. Es folgen Christians Erfahrungen als angehender Journalist in der Zeitungsredaktion des „Neuen Lands“ in Bukarest und beim Germanistik-Studium an der dortigen Universität, schließlich seine wohl besten Jahre in der rumänischen Hauptstadt als Literatur-Besessener und Verlagslektor, zuständig für deutschsprachige Bücher, die für ihn zu Ende gehen mit der unausweichlichen Ausreise in den Westen.

Auf allen Stationen seines Weges – von Ploieşti, seiner Geburtsstadt und dem Ort früher Kindheit, über Burgstedt, den eigentlichen Lebensmittelpunkt der Familie, sodann Kronstadt und vor allem Bukarest, bis hin zu den Auslandsreisen nach Österreich, Westdeutschland und in die DDR – erweitern die zahlreichen Begegnungen und Gespräche, die Anfeindungen und Freundschaften den geistigen Horizont der Hauptfigur des Romans, vertiefen den Einblick in gesellschaftspolitische Machtmechanismen und die beängstigende Niedertracht von Zeitgenossen. Im Grunde handelt es sich um die Selbstbiographie eines rumäniendeutschen, genauer eines siebenbürgisch-sächsischen Intellektuellen, um Memoiren in Form eines Bildungsromans mit ausgeprägtem zeitgeschichtlichen Hintergrund, bestimmt von den schwankenden Machtverhältnissen eines sozialistischen Regimes. Der Leser wohnt geradezu einem „Defilee“ rumäniendeutscher Journalisten und Literaten bei, die seit Mitte der fünfziger Jahre bis Ende der siebziger den Weg Christian Rosenows gekreuzt und zum Teil begleitet haben: Siebenbürger Sachsen, Banater Schwaben, deutschsprachige Juden aus Czernowitz oder von anderswo, auch rumänische Schriftstellerkollegen. Seine Freunde und Kommilitonen sind Heinrich Lenz und Richard Adelfini, dann Franziskus Barsa und Paule Schumacher, auch die älteren, im Schriftstellerprozess gebeutelten und geschundenen Autoren Hans Berger, Georg Scherf und Wolf von Aigen. Natürlich vermittelt dieser Roman – eine originelle, sprachlich und kompositorisch eigenwillige Variante der Gattung – nicht den Eindruck eines „feierlichen Vorbeimarsches“ der Literaten, sondern eher das Gefühl, einer scharfsinnigen Musterung der damaligen deutschen Literaturszene in Bukarest und zum Teil auch jener im Land beizuwohnen, wobei die Wahrnehmung dieser Szene durch Rosenow selbst den Stellenwert der Akteure bestimmt. Für Insider sind die Gestalten des durchleuchteten deutschsprachigen Literaturbetriebs auch unter den mehr oder wenig ironisch veränderten, zuweilen karikierenden Namen erkennbar. Für die allgemeine Leserschaft müssen sie wohl fiktive Romanfiguren ohne reale Biographien bleiben, einfach Repräsentanten der rumäniendeutschen Intellektuellenschicht Bukarests im Vierteljahrhundert des autobiographischen Rückblicks.

Die Autoren mit unangepasster Literaturauffassung, die sich der staatlich verordneten Doktrin des „sozialistischen Realismus“ entziehen und gediegene literarische Bildung mit zeitgenössischer Moderne in ihrem Schreiben verbinden wollten und dies im engen Rahmen mit der Zensur im Hinterkopf auch taten, stehen Christian Rosenow nahe. Sein eigenes Erscheinungsbild als Hauptfigur des Romans wiederum gewinnt Konturen aus den vertraulichen Gesprächen mit Freunden über politische Themen und Literatur, aus seiner Wirkung auf Gesprächspartner und deren Äußerungen sowie aus Selbstreflexionen. Er selbst ist nicht frei von Widersprüchen: ein Suchender, der sich in der „Duplizität“ zu sozialistischer Zeit zurecht finden muss, der Zuspruch und Bestätigung als Journalist und Literat braucht, der von seiner literarischen Begabung mal extrem überzeugt ist, mal von starken Selbstzweifeln geplagt wird und sich „einsam unter Dichtern“ vorkommt. Über allen und allem schwebt dabei das Damoklesschwert der unberechenbaren Staatsmacht, stets begleitet von ihrem ständig zugriffsbereiten Geheimdienst, dem sich Denunzianten und Intriganten andienen. Mit dieser Sorte geht der Romanautor scharf ins Gericht. Er greift aus unmittelbarer Kenntnis der Bukarester Szene Einzelfälle von Journalisten und Schriftstellern auf, wobei die Grenze zwischen Fakten und Fiktion offen bleibt. Es handelt sich schließlich um einen Roman und nicht um eine Dokumentation.

Erzählt wird also aus der Perspek-tive des Christian Rosenow, dessen wörtlich und symbolisch zu verstehende „Fahrt durchs Gebirg“ – man wird entfernt an Büchners „Lenz“-Novelle erinnert – von Ungewissheit und Zukunftsängsten begleitet wird. Was wird den jungen Mann aus dem siebenbürgischen Städtchen Burgstedt (Rosenau) in Bukarest erwarten? Die Zeitumstände waren nicht günstig. Stalins diktatorialer Schatten verdunkelte auch ein Jahr nach seinem Tod, eigentlich noch viele Jahre danach den gesellschaftlichen Alltag im von den Sowjets besetzten und inzwischen kommunistisch regierten Rumänien. Die Deutschen im Lande hatten sich vom Trauma der Russlanddeportation noch längst nicht erholt. So reiste Christian denn mit schwerem Erinnerungs-Gepäck nach Bukarest. Sein Vater, bis zum Ende des Krieges Ingenieur auf den Erdöl-feldern bei Ploieşti, war von der Russlandverschleppung nicht mehr heimgekommen. Und der grobe Holzkoffer, mit der an verborgener Stelle eingeritzten Inschrift „Stalino“, in dem Christian seine ganze Habe verstaut hatte, war quasi ein Erbstück von seinem heimgekehrten Onkel. Die Erinnerungen holen ihn immer wieder ein, so die Vorkommnisse im noch längere Zeit als heimatlich empfundenen Burgstedt. Der Roman macht indirekt deutlich, dass das Weiterwirken traumatischer Nachkriegserlebnisse weniger die sogenannte intellektuelle „Elite“ betraf, die sich, wie man weiß, in Bukarest größtenteils arrangiert hatte. Sie war zusammengewürfelt und gewissermaßen, neben fachlichem Können oder auffälliger Begabung, größtenteils aufgrund politischer Kriterien zustande gekommen. Dass sich kleine Grabenkämpfe um Posten oder Pöstchen oder um die öffentliche Anerkennung ergaben, Eitelkeiten und Kränkungen Zwietracht schürten, war schließlich sekundär. Schlimm waren die tragischen Einzelschicksale, die Diffamierung und Zerstörung von Menschen durch Denunziation und forcierte Exempel-Statuierung, um die deutsche Minderheit zu verunsichern. Aufschlussreich dafür ist, wie im Roman festgehalten, die Verfolgung und Zermürbung des hochbegabten Dichters Georg Hopprich, der sich das Leben genommen hat. Zeitlich vorausgegangen war, ohne direkten Bezug zum Fall Hopprich, der inszenierte, zur weiteren Einschüchterung veranstaltete Kronstädter Schriftstellerprozess, den der Romanautor kompakt und klar als ein einschneidendes Ereignis für den rumäniendeutschen Literaturbetrieb der Zeit (1958/59) deutet. Über den Prozess und die Schuldzuweisungen innerhalb des rumäniendeutschen Personenkreises hinaus, insbesondere jenseits des Verhaltens des Hauptzeugen, geht es dem Verfasser des Romans darum, Sinn und Zweck dieses abscheulichen Willküraktes zu verdeutlichen, der im Grunde die deutsche Minderheit Rumäniens als Ganzes treffen sollte.

Zu den Vorzügen des Buches gehören neben der überzeugenden, analytischen Darstellung der Wirkung europäischer Ereignisse auf die rumänische Öffentlichkeit – der ungarische Aufstand von 1956, der Einmarsch der Warschauer Paktstaaten 1968 in Prag und die Weigerung Rumäniens dabei mitzumachen – die authentischen Einblicke in das Innenleben maßgeblicher rumäniendeutscher Institutionen des Landes: die Redaktion der zentralen Tageszeitung „Neuer Weg“ und der Monatsschrift „Neue Literatur“, der Jugendverlag und der Kriterion-Verlag, die Germanistik-Sektion der Bukarester Universität.

Spontane Zeitsprünge in Verbindung mit Ortsveränderungen überraschen zuweilen den Leser, der nicht selten in spannende Biographien der neuen Bekannten und Freunde Christian Rosenows eingeweiht wird. Die geradezu romanhaften Lebensläufe fügen sich ein in das bunte, intellektuell unterlegte Zeitmosaik, bereichern die Erfahrungswelt des Haupthelden, fördern seine Neigung zur Literatur, die das Gravitationszentrum seiner geistigen Bildung und seines zwischenmenschlichen Umgangs bleibt. Sie sind flott und geistreich erzählt, mit Witz und Humor, und verleihen dem von literatur- oder zeitgeschichtlichen Exkursen stellenweise überfrachteten Roman Farbe und lebendige Substanz. So die Begegnung mit dem Czernowitzer Herrn Goldhahn bei „antiquarischen Pirschgängen“, der einem „aufgeschlagenen Buch irgendwie ähnlich sah“, die Lebensgeschichte der Goldschmidts oder der Genuss gutbürgerlicher Atmosphäre bei den Sutschevans und der Gastlichkeit im Hause Oskar Melchiors bei „lyrischen Séancen“ usw.

Die eingeschobenen Dialoge und essayistischen Abschnitte über Fragen des Literaturverständnisses und der literarischen Übersetzung gehören zum Bild des „homme de lettres“ Rosenow, dessen weitreichende Bildung in den Roman einfließt in ungezählten Assoziationen zu großen Autoren und Werken der deutschen Literatur und der Weltliteratur. Von Dante und Boccaccio über Shakespeare bis Beckett und Solschenizyn. Aus der deutschen Literatur war Rosenow vor allem von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“ begeistert. Literarische Bildungselemente sind hier keineswegs zufällig oder als Selbstzweck eingestreut, sondern mit Bedacht und Hintersinn eingesetzt, verbunden mit gesellschaftspolitischen oder ästhetischen Haltungen bzw. Fragenstellungen.

Dies gilt auch für die „Caprichos“, kurze, meist ironisch-sarkastische Texte mit anekdotischem Charakter, die den Erzählfluss gewissermaßen unterbrechen, nicht immer aus der Wahrnehmung Rosenows gespeist sind, jedoch dessen Wirklichkeitswahrnehmung im sozialistischen Rumänien verdeutlichen. Ein erzählerischer Kunstgriff also, den der Autor dem Maler Francisco Goya verdankt, der in seinen „Caprichos“ „alpgeträumte Bilder aus schwer gebeuteltem Gemüt“ festgehalten hat. Ihm fühlt er sich im Gedanken verwandt, dass Kunst und Literatur in schlimmen Zeiten Überlebenshilfe sein können.

Der „Lebensroman“ von Dieter Roth – ein Bukarester Redaktionskollege hat den Autor einmal „müden Lord“ genannt – steht in keiner siebenbürgischen oder anderen Tradition. Er entzieht sich dem linear verlaufenden Erzählfluss oder anderen Erzählmustern, hat einen gleichsam „modularen“ Aufbau. In der Gestalt des Christian Rosenow fügen sich die Teile zum Ganzen. Der Erzähler nennt sich „Romanschreiber“ und kommentiert punktuell seinen Schreibprozess. Er (im Pluralis Maiestatis als „wir“) wolle sich „nicht dazu verleiten lassen, ältere Romanmuster hier zu neuem Leben zu erwecken“ und auch nicht versuchen, den Roman „zu pfeffern und zu paprizieren oder sonstwie raffiniert zu würzen“. Er weigert sich, beim „Erzromancier“ Thomas Mann, bei James Joyce, Fjodor Dostojewski oder einem anderen Autor erzählerische Anleihen zu machen.

Ein Rezensent will im „Müden Lord“ ein Siebenbürgen-Deutsch ausgemacht haben. In der Tat bedient sich der Erzähler nicht selten archaisierender Ausdrucksformen, wie z.B.: „...der hehren Gedanken kreisten noch mehr in den Köpfen“. Offensichtlich handelt es sich dabei überwiegend um einen bis ins Vokabular ironisch gefärbten Stil, der dem gestalteten Zeitbild angemessen erscheint. Der Roman verlangt dem Leser gewiss einiges ab. Doch er wird für den Aufwand belohnt, der allerdings den kritischen Blick auf extreme Schärfe in der Auseinandersetzung mit einigen rumäniendeutschen Autoren mit einschließen sollte.          

 

Dieter Roth: Der müde Lord. Roman. Heidelberg: Rhein-Neckar-Zeitung 2013, 484 Seiten. ISBN 978-3-936866-46-9. Preis: 24,80 Euro. Zu beziehen über den Buchhandel.