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Banater Post

Schaut her und spürt die Welt

Walter A. Kirchner: Abendrot (Öl auf Leinwand, 150 x 150 cm)

Walter A. Kirchner: Pomona (Öl auf Leinwand, 65 x 125 cm)

Walter A. Kirchner: Magdalena und das letzte Abendmahl (Öl auf Leinwand, 100 x 140 cm)

Der aus Perjamosch stammende und heute in Pforzheim ansässige Künstler Walter Andreas Kirchner zeigt bis zum 13. Dezember im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus seine Werkausstellung „Das große Format“. Zu sehen sind gesellschaftskritische Bilder, Landschaften sowie Arbeiten zu biblischen und mythologischen Motiven. Kirchner erhielt seine künstlerische Ausbildung als Privatschüler bei Julius Podlipny und an der Fakultät für bildende Kunst der Universität Temeswar. 1981 siedelte er in die Bundesrepublik Deutschland aus. Arbeiten des Künstlers befinden sich in zahlreichen deutschen und rumänischen Museen sowie im öffentlichen Raum. Plastiken von Kirchner stehen in Gundelsheim, Ingolstadt, Landshut, Ettlingen und Stuttgart.

„Wie viel darf’s denn sein?“ – Die Frage wird uns so gut wie täglich gestellt. Wir dürfen unsere Wünsche äußern und werden freundlich bedient. Die Regale sind voll, und nichts deutet darauf hin, dass es morgen so nicht mehr sein könnte. Wir sind satt, und das ist an sich kein Vergehen. Machen wir aber zunehmend nicht alles zur Ware, fragt der Künstler Walter Andreas Kirchner? Und gleich danach stellt sich ihm die Frage nach der Käuflichkeit der Dinge. Alles hat seinen Preis, alles ist zu haben –  ohne es aber recht zu merken, geraten wir dabei selbst auf den Ladentisch. Die rosigfleischige Frau in Kirchners Gemälde „Wie viel darf’s denn sein?“ nimmt ihre Einbeziehung in den Warenkreislauf gelassen hin. „Was geht’s mich an“, scheint sie sich zu sagen, wenn irgendwo irgendwer gewinnbringend kalkuliert und die menschliche Existenz dabei Teil des Kalküls wird. Sie gerät zwar nicht gleich an den Fleischerhaken, wie es Kirchner im Bildhintergrund übersteigert darstellt, aber sie wird zunehmend eine feste Größe in einer Rechnung, die aufgehen muss. Was der Künstler hier bewusst überzeichnet, ist beim näheren Hinsehen als unsere frisch aus dem Alltag gegriffene Gegenwart erkennbar, in die wir uns hineingewöhnen und unser Zuhause suchen. Es fehlt an nichts, bestätigt sein Bild, und gern übersehen wir dabei die eher nur schemenhaft dargestellten Männer im weißen Kittel, die den Wohlstand steuern und sonst nichts im Sinn haben, als an ihm – und zwar in jedem Fall – zu verdienen.

Dennoch ist das Bild nicht ein Aufruf zur Revolte. Kirchners vordergründig gesellschaftskritische Bilder wollen nicht politisch sein. Sie streben keinen Regierungswechsel an und bewegen sich nicht auf irgendeine Ideologie zu. Es ist die existentialistische Selbstwahrnehmung, die uns der Künstler vermitteln will, der Mut zur Wahrheit in und hinter den Dingen als Voraussetzung für einen tatsächlichen gesellschaftlichen Wandel oder auch nur für einen Hauch selbstkritischer Einsicht. Wir wissen zur Genüge, dass die Kunst ihre Aufgabe nicht im Verändern der Welt sieht – sie beschränkt sich darauf, die Welt zu zeigen wie sie ist. Das aber enthält alles, was uns dazu einfallen kann. Wer wegsieht, hält sich damit nicht raus. Kirchner sieht hin, und das macht seine Kunst heutig und ehrlich. Sie zeigt uns hilflos und einfallslos, ohne Rücksicht auch und abhängig von der medialen Berieselung. Wir sind unempfindlich geworden für Botschaften jeder Art. Wir vertrauern und veröden, aber wir sind nicht darauf aus, gegen das vorzugehen, was uns funktional lähmt. Wie Kirchner das darzustellen versteht und, ohne aufdringlich zu wirken, kompositorisch auf die Aussage hin verarbeitet, das verrät den Meister. Da ist nichts zu viel und nichts geschmälert. Die Tragik unserer Welt äußert sich in Kirchners Bildern sowohl in dem was geschieht, als auch in dem was gesellschaftlich unterlassen wird. Das führt in seiner künstlerischen Auslegung in die passive Verweigerung und zugleich zum eruptiven Aufschrei bis hin zu den apokalyptischen Stürmen, die der Künstler entwirft und uns vorhält.

Wir sind deswegen in unserer Welt keineswegs unglücklich. Kirchner zeigt auch die gefällige Variante unserer unproduktiven Behaglichkeit, und hintergründig wählt er dafür einen mit Früchten und Goldleisten überfrachteten Rahmen. Wir sehen Pomona, die begehrte italische Göttin der Gärten, in ihrem modernen Outfit – durchaus feminin und umwallt von erotischem Gewölk, den poetischen Schleier in der Linken, in der Rechten die übervolle und nicht zu verkennende Einkaufstüte von Aldi, angefüllt mit den schönsten Früchten – eingeflogen, chemisch behandelt und billig. Unglücklich sieht anders aus, und auch einer Kollektivschuld westlicher Verbraucher scheint Kirchners Pomona nicht zu unterliegen. Nein, kein Vorwurf wird laut, es wird keine Anklage erhoben und nicht für angemessene Einkaufspreise in den Erzeugerländern gestritten. Pomona ist unschuldig, sie spricht sich selbst frei, und in jedem von uns ist ein Stück von ihr verborgen. Könnte es sein, dass dieses schöne und beinahe fröhliche Bild gerade deswegen zum Nachdenklichsten gehört, was Kirchner in dieser Ausstellung zeigt?

Nicht zufällig stellt er Pomona die totale Erbärmlichkeit Hiobs gegenüber. Von allen Nöten gepeinigt, aber fest im Gottvertrauen, erträgt und übersteht er sämtliche Schicksalsschläge, in denen er nicht den göttlichen Zorn, sondern lediglich die Prüfung seiner Glaubensstärke sehen will. Die gebrochenen Linien der Gliedmaßen und die schiere Auflösung des Körperlichen im aufsplitternden Farbeffekt des Hintergrunds vermitteln Ergebenheit als letzte Konsequenz. Sie ist allerdings nicht die leere Hülse einer Schwäche, sondern auf die Gewissheit einer größeren Gerechtigkeit gestützt. Ihr als regulierende Kraft zu vertrauen, wird in ihrer Zuverlässigkeit von uns kaum wahrgenommen. In jedem von uns verbirgt sich zwar ein Stückchen Pomona, aber nicht in jedem auch ein Stückchen Hiob. Es ist ja nicht die Botschaft, die ausgeschöpft wäre – wir, so sieht es der Künstler, sind für sie nicht offen genug. Nicht erst seit heute, wie er uns in seinen biblischen Motiven sagen will. Er zeigt uns eine Darstellung des letzten Abendmahls, in der abseits vom geschlossenen Kreis der Jünger Maria Magdalena zu sehen ist, abgewandt und ausgesondert. Eine Nebenfigur im großen Epos um den Erlöser, und ihm menschlich vielleicht doch so nahe wie sonst keiner. Verkannt, und doch mit einer Schlüsselfunktion zur Begrifflichkeit dessen ausgestattet, was sich zwischen Himmel und Erde aufeinander zubewegt. Dringlicher noch ist Kirchners Hinterfragung in seinem Bild „Auferstehung“, wo – und darin ist er aufrüttelnd gegenwärtig – das Wunder unbemerkt und wie für sich selbst geschieht. Sind wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt, um das Welt-Ereignis in uns wach zu halten?

Zwei weitere Facetten aus Kirchners gemalter Welt sind in der Düsseldorfer Ausstellung zu sehen: die Landschaft regional und sphärisch, und der Tanz als moralische Entkrampfung. Schwung und Grazilität, Anmut und jugendliche Triebkraft stellt der Maler in seiner Ballett-Reihe dar, dramatisch entfesselt, lyrisch und explosiv, im Paar verhaftet und ausbrechend zugleich. Der Pinselstrich nimmt den Rhythmus auf, und der Farbe wird alles abverlangt, was sie kann: sie strahlt, wirbelt, stückelt, verklärt und brennt. Schaut her, sagen diese Bilder, schaut her und spürt die Welt, denn was sie zusammenhält ist das, was sie treibt. Schaut her und überwindet den Stillstand.

Dazu bekennt sich der Künstler auch in seinen Landschaftsbildern, von denen, in gewisser Weise als Ausklang, zwei Gemälde im Hochformat ausgestellt sind. Jahreszeitenbilder mit der Nagold, die am Haus des Künstlers in Pforzheim vorbeifließt, immer da ist und sonst nichts will als zu fließen und zu fließen. Vielleicht ist darin so etwas wie ein Leitmotiv des Künstlers zu sehen. Nicht das Ziel ist der Sinn, sondern das Fließen, nicht das Einmünden in ein gegebenes System ist die Erfüllung, sondern die Unerschöpflichkeit der Quelle. Es überrascht nicht, dass die Landschaftsbilder in Kirchners Gesamtwerk einen großen Raum einnehmen. Sie sind nicht Abbild, sondern Inbild. Es geht dabei nicht vordergründig um das Erschaute. „Immer lassen sich Elemente zu neuen Wirklichkeiten, zu neuen Bildwelten zusammenführen.“ So beschreibt es der Künstler, und so will er, dass wir uns seinem Werk annähern.