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Banater Post

Feierte als Charakterdarstellerin große Erfolge

Helga Sandhof in der Rolle der Mutter in der Inszenierung des Märchens „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, 1979. Einsender: Gerlinde Mäntele

Helga Sandhof hat die Bühnen dieser Welt für immer verlassen. Ihr Name erinnert viele unserer Landsleute an schöne und unvergessliche Stunden in der alten Heimat, die ihnen das Temeswarer Deutsche Staatstheater bereitet hatte. Die 1953 gegründete Bühne gab nicht nur in den Banater Ortschaften Gastspiele, sondern weilte regelmäßig auch in Siebenbürgen. Dort, in Hermannstadt, wurde Helga Sandhof am 18. Mai 1935 als älteste von fünf Geschwistern geboren. Als solche war sie schon im Kindesalter gefordert, zumal der Vater im Krieg war und danach untertauchte, um der Russlanddeportation zu entgehen. Sie musste Verantwortung übernehmen und Hilfsbereitschaft an den Tag legen – Eigenschaften, die sie ein Leben lang auszeichneten.

Nach der Volks- und Berufsschule arbeitete sie als technische Zeichnerin, doch das Theater übte eine magische Anziehungskraft auf das junge Mädchen aus. Helga Sandhof verpasste kein Gastspiel der Temeswarer deutschen Bühne, und in ihr reifte der Entschluss, Schauspielerin zu werden. Behilflich war ihr dabei Ottmar Strasser, der bis 1944 als Schauspieler am Deutschen Landestheater in Hermannstadt gewirkt hatte und nun am DSTT spielte. Er lernte Helga Sandhof 1954 kennen. Sie war eine Schönheit, und ein Strasser konnte ihren Bitten nicht widerstehen. Er nahm sich ihrer als Elevin an und gab sich alle Mühe, sie auf ihren Traumberuf vorzubereiten. Zwei Jahre später meldete sie sich zur Aufnahmeprüfung mit der Brief-Szene aus Schillers „Kabale und Liebe“, die sie mit Strasser und Franz Keller als Partner in der Rolle des Intriganten „Wurm“ einstudiert hatte. Helga Sandhof wurde angenommen, doch ihr stand eine harte Ausbildungszeit bevor. Für eine Anfängerin, ohne jede Bühnenerfahrung, waren selbst kleinste Rollen eine Herausforderung. Begabung, die Helga Sandhof durchaus mitbrachte, war eine wichtige Voraussetzung, doch nur großer Arbeitseifer und Lernwilligkeit bei den verschiedenen von Rudolf und Irmgard Chati sowie Margot Göttlinger angebotenen Schauspielkursen konnten zum Erfolg führen. Zudem hatte sie in Ottmar Strasser einen erfahrenen Lehrmeister, den sie 1956 auch ehelichte. Nach mehreren Statistenrollen wurden ihr kleinere Rollen anvertraut, so in Anzengrubers „Meineidbauer“, in Schillers „Don Carlos“ und in Caragiales „Faschingsrummel“. In letzterem Stück spielte ich als Friseurmeister „Nae Girimea“ die Hauptrolle. Helga Sandhof, eine meiner geschätzten „Kundinnen“, hat zum großen Erfolg des Stückes bei-getragen. Das Lustspiel war so beliebt, dass es einige Jahre nach meinem Wechsel zur Oper – mit Peter Schuch in der Hauptrolle – wieder inszeniert wurde.

Helga Sandhof wurde immer besser und vielseitiger und avancierte schließlich zu einer hervorragenden Charakterdarstellerin, verwendbar sowohl in klassischen als auch in modernen Theaterstücken. Als besondere Herausforderung meisterte sie die Rolle der Mutter „Nani“ im Lustspiel „Es geht um die Heirat“ von Hans Kehrer. Sie sprach so gut „schwowisch“, als ob sie sich schon immer dieser Mundart bedient hätte. Das Stück wurde ein Riesenerfolg und gelangte 150 Mal zur Aufführung. Helga Sandhof trat mittlerweile so professionell auf, dass sie auch allein auf der Bühne das Publikum fesseln konnte, wie in „Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe“ von Peter Hacks. Sie war dank ihrer Leistungen in der Theaterhierarchie zur Spitze aufgestiegen. Es gäbe eine lange Liste, wollte man alle ihre klassischen Rollen aufzählen. Eine ihrer Glanzleistungen war ihre Rolle in dem Stück „Zwei Schwestern“ von Hans Kehrer, mit Adele Radin als Partnerin. Das Stück behandelte die Tragödie der Russlandverschleppung – ein Thema, das Hans Kehrer schon vorher vergeblich versucht hatte, auf die Bühne zu bringen. Die Zensur hatte es abgelehnt und der Autor bekam sogar Ärger mit der Securitate. Kehrer gab jedoch nicht auf und war schließlich mit den „Zwei Schwestern“ erfolgreich. Helga Sandhof und Adele Radin erhielten für die hervorragende Darstellung dieser Rollen den Großen Preis beim Festival der Minderheitentheater 1980 in Sfântu Gheorghe.

Als 1981 die große Ausreisewelle der Deutschen aus Rumänien einsetzte, beantragte auch Helga Sandhof die Ausreise. Daraufhin wurde sie entlassen. Auch in ihrem Privatleben hatte sich in der Zwischenzeit einiges verändert. Nach dem Scheitern der Ehe mit Ottmar Strasser heiratete sie 1965 Virgil Paciurea und bekam die Tochter Ines, mit der sie ausreiste und im Raum Stuttgart eine neue Heimat fand. Der Vater ihrer Tochter war 1982 verstorben.

Helga Sandhof war in Rumänien ein Begriff. Hier in Deutschland war sie eine Unbekannte, doch sie wollte ihrem Traumberuf treu bleiben. Ein Treffen mit dem ehemaligen Kollegen Gustav Moravetz, der an der Württembergischen Landesbühne tätig war, aber in Esslingen wohnte, brachte sie in Verbindung mit der Esslinger Bühne, wo sie als Souffleuse angenommen wurde. Als in Esslingen die „Karlsschüler“ gespielt wurden, das Eröffnungsstück des Temeswarer Deutschen Staatstheaters, bekam ich eine Einladung zur Premiere. Es war ein freudiges Wiedersehen nach vielen Jahren. Doch beide waren mit dem Aufbau eines neuen Lebens voll ausgelastet, so dass es bei dieser Begegnung blieb. Helga Sandhof bekam eines Tages eine Rolle in „Juno und der Pfau“ von Sean O’Casey, die sie erfolgreich meisterte. Ihre darstellerischen Fähigkeiten überzeugten, und der fast verschlossen geglaubte Weg zur Bühne war nun wieder offen. Sandhof bekam Rollen in Stücken von Tschechow, Molière, Karl Kraus, Schiller u.a. und war wieder glücklich. 1984 heiratete sie Ludwig Pantzel, der ihren Lebensweg bis zum Ende begleitete. Obwohl sie in Deutschland ein schönes Leben genoss, sagte sie einmal zu Stefan Heinz-Kehrer: „Meine Erinnerungen sind für mich ein vergangenes Paradies, in dem ich gerne lustwandle.“

Mit zunehmendem Alter machten sich erste Anzeichen einer nicht aufzuhaltenden Krankheit bemerkbar. Sie kam schließlich in ein Pflegeheim und wurde von ihrer Familie liebevoll umsorgt – bis zu ihrem Ende am 15. Dezember 2013, als sie friedlich einschlief. Helga Sandhof hat die Bühnen dieser Welt für immer verlassen, doch in der Erinnerung ihrer Bewunderer und den Herzen ihrer Familie wird sie weiterleben.