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Banater Post

Wie es denen geht, die geblieben sind

Gesprächsreihe mit Deutschen in Rumänien - Früher galten in der Geschichtsforschung ausschließlich harte Fakten: Es musste ein Dokument oder ein archäologischer Fund als Beweis für eine Aussage existieren. Seit einer Weile hat man nun den Bereich der „Oral History“ entdeckt, also der erzählten Historie. Dazu werden Zeitzeugen zu bestimmten Ereignissen befragt. Im Fokus steht der individuelle Blickwinkel. Wie haben Menschen zum Beispiel ein Ereignis wie Flucht oder Deportation erlebt? Wie empfanden sie das soziale Zusammenleben in ihrer Heimatgemeinde?

Solche und andere Fragen stellt der Museumswissenschaftler Sören Pichotta in dem Band „Schicksale. Deutsche Zeitzeugen in Rumänien“. Herausgegeben wird das Zeitzeugen-Projekt von der Evangelischen Akademie Siebenbürgen. In einem Vorwort erläutert der Autor, wie die Idee für die Interviews aus einem vorangegangenen Projekt entstanden ist. Seine kurze Einführung in das Thema „Deutsche in Rumänien“ fällt allerdings so knapp aus, dass man sich etwas mehr wissenschaftliche Akuratesse gewünscht hätte. Die Geschichte der Banater Schwaben beispielsweise wird so missverständlich formuliert, dass der Eindruck entsteht, nicht nur die Sathmarer Schwaben (die tatsächlich aus Schwaben kamen), sondern alle deutschen Siedler im Banat würden aus Schwaben stammen.

In „Schicksale“ kommen Rumäniendeutsche aus allen Siedlungsgebieten zu Wort und erzählen ihre Lebensgeschichte; Männer und Frauen aus allen Berufsgruppen, vom Bauern bis zum Akademiker. Die Gespräche sind zwar ins Hochdeutsche übersetzt, die Formulierungen werden aber so wiedergegeben wie im Interview.

Das Buch zeigt: Es wird Zeit für ein solches Projekt, denn die bittere Wahrheit ist, dass das Ende der deutschen Minderheit in Rumänien nur noch eine Frage der Zeit ist. Das ist auch die Aussage, die sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche zieht: Ein Ende deutscher Sprache und Kultur in Rumänien sehen alle Befragten als unausweichlich an.

Für die Interviews ausgewählt wurden dauerhaft im Lande gebliebene Angehörige der deutschen Minderheit. Am häufigsten vertreten sind in den 27 Interviews die Siebenbürger Sachsen, aber es kommen ebenso zu Wort: Banater Schwaben, Banater Berglanddeutsche, Sathmarer Schwaben, Bukowinadeutsche, Batschka-Schwaben, Angehörige der deutschen Gemeinde in Bukarest, Dobrudschadeutsche, Deutsche aus dem Kreisch-Gebiet, Landler und Zipser. Die Gespräche wurden teils mit einer, teils mit zwei Personen geführt. Dabei hat Sören Pichotta stets die gleichen Schwerpunkte abgearbeitet, untern anderem biografische Grunddaten, das unmittelbare Lebensumfeld, die Lebensgeschichte, historische Ereignisse wie Krieg, Deportation oder den Exodus der Deutschen ab 1990, das Verhältnis zu Deutschland und den ausgewanderten Deutschen und eben die Zukunft der Deutschen in Rumänien. Fast alle Befragten sind 70 Jahre oder älter.

Die Interviews sind also nicht nur nette Plauderstündchen, sondern vergleichbar. Durch diese wissenschaftliche Herangehensweise ist hier ein wertvolles Dokument rumäniendeutscher Erinnerungskultur entstanden. Es wäre wünschenswert, dass andere Wissenschaftler diese Idee aufgreifen, solange es noch Zeitzeugen gibt, die befragt werden können. Für einen rumäniendeutschen Leser ist die Lektüre umso faszinierender, denn es breitet sich ein so noch nie gesammeltes Meinungsbild der nicht Ausgewanderten vor dem Leser aus. Und natürlich schleicht sich unwillkürlich die Frage in den Hinterkopf: Was würde ich wohl sagen, wenn ich noch dort wäre?

Faszinierend ist die Lektüre der Gespräche auch deshalb, weil sie zeigt, wo es Gemeinsamkeiten und wo es Unterschiede gibt, was also alle Deutschen in Rumänien gleichermaßen geprägt hat und was sie individuell verschieden erlebt haben. So berichten alle Befragten übereinstimmend von einer schönen Kindheit und Jugend, geprägt vom Gemeinschaftsleben mit seinen Traditionen wie Oster- und Weihnachtsbräuchen und natürlich dem Kirchweihfest. Für alle auf dem Land Aufgewachsenen waren Kirche und Glaube stets ein wesentlicher Bestandteil des Lebens. Durchwegs anerkannt wird von den Interviewten, dass der deutschen Minderheit in Rumänien nach den schwierigen Nachkriegsjahren wieder gewisse Rechte eingeräumt wurden. Und auch wenn es oft ohne jede Dramatisierung formuliert wird, hört man allen Gesprächen an, welch traumatische Erfahrungen das Erleben von Krieg, Flucht und Deportation mit sich brachte.  

In vielerlei Hinsicht ist das Erzählte aber so unterschiedlich wie Menschen eben unterschiedlich sind: Die einen sind auf dem Bauernhof aufgewachsen, die anderen in der Großstadt. Manche empfanden das Sozialgefüge in den deutschen Dörfern als einengend, andere fühlten sich darin geborgen. So verschieden wie die Lebenserfahrung ist auch die Einstellung zu Rumänen – und die Einstellung zu den anderen Gruppen der Deutschen in Rumänien. Manche fühlen sich durch die Tatsache, dass nur es nur noch wenige Deutsche in Rumänien gibt, verbundener als früher, andere pflegen traditionelle Rivalitäten. Sehr groß ist die Bandbreite auch bei der Frage nach der Reaktion der Rumäniendeutschen auf die Ideologie des Nationalsozialismus. Teils wird erzählt, dass sich niemand für die Propaganda der Nazis interessiert hat, andere berichten hingegen, dass sie als Jugendliche in Uniform an paramilitärischen Übungen teilgenommen haben. Manche erzählen auch, dass es eine gewisse Begeisterung gegeben hat für das Zusammengehörigkeitsgefühl, das durch gesellige Veranstaltungen der „Volksgruppe“ entstanden ist.

Nicht zuletzt ist die Einstellung den ausgewanderten Deutschen gegenüber sehr unterschiedlich. Manche haben Verständnis, dass nach Deportation, Enteignung und Schikanen so viele keine Zukunft mehr im Land gesehen haben. Die Mehrzahl der Befragten äußert sich aber durchaus kritisch und vermutet eher wirtschaftliche Gründe für den Massenexodus. Einig sind sich die Interviewten wiederum daran, dass längst nicht alle in Deutschland glücklich geworden sind.

Und alle, wirklich alle Teilnehmer der Gespräche sind sich einig, dass die Kultur der deutschen Minderheit in Rumänien vor dem Aus steht. Diese Erkenntnis ist umso trauriger, weil alle Befragten versuchen, sich durch ihr Engagement im Demokratischen Forum der Deutschen aus Rumänien (DFDR) genau dieser Entwicklung entgegenzustemmen. Aber sie beobachten, dass die Mitglieder immer weniger werden und damit die Netzwerke immer löchriger. Insofern wirkt der Untertitel des Buches: „Lebensmut trotz Krieg, Deportation und Exodus“ seltsam verfehlt. Eine Dame aus der Bukowina bringt es nüchtern auf den Punkt: „Wie soll ich sagen – es ist alles vorbei.“  

Sören Pichotta: Schicksale. Deutsche Zeitzeugen in Rumänien. Lebensmut trotz Krieg, Deportation und Exodus. Hermannstadt: Schiller Verlag, 2013. 294 Seiten. ISBN 978-3-941271-90-6. Preis: 15,85 Euro.