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Banater Post

Aus dem Leben eines Migranten

»Migrant auf Lebzeiten« – ein Roman von Johann Lippet

Um einen Zugang zum Roman von Johann Lippet zu finden, empfiehlt es sich, erst einmal über die Begriffe Migrant, Emigrant und Immigrant nachzudenken, um über ihren Inhalt und ihre Bedeutung Klarheit zu erlangen. Migration ist der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel einzelner oder mehrerer Menschen von einer Gesellschaft oder von einer Region in eine andere. Es ist gleichbedeutend mit dem Wechsel von einer Welt in eine andere und bedeutet, dass fast jeder Mensch in seinem Leben zum Migranten, mithin zum Emigranten oder Immigranten werden kann. Diese Erkenntnis ist im 21. Jahrhundert nicht neu, aber so betrachtet verliert die Migration an sich an Brisanz.

„Migrant auf Lebzeiten“, der Roman Lippets, ist nicht fürs bloße Nachdenken geschrieben. Die erzählte Geschichte, die reflektierte Lebensgeschichte des fiktiven Schriftstellers Johann Linz aus Wiseschdia, erhält Vorrang vor dem unmittelbaren Leben. Der Autor, gleichsam Erzähler, schreibt im Imperfekt der dritten Person. In der Popliteratur würde man sein Buch gegebenenfalls als Road-Roman bezeichnen. „Es war einer jener Sommertage, die zum Verweilen einluden, und er fuhr weg. Aber er würde den Sommer im Banat erleben“ (S. 19). Die Reise beginnt. Eine Reise in die Vergangenheit. Gleichzeitig hebt diese Lebensgeschichte das Unmittelbare auf, denn sie verschmilzt mit der Autobiographie des Autors so eng, dass man gelegentlich vergisst, wo Fiktion und wo Realität im Roman zu trennen sind. Ist das nun Absicht oder nur Fiktion? „Gehörten sie zu den Gewinnern oder Verlierern des Umbruchs in Rumänien? So einfach verlief nun die Frontlinie. Diese Frage stellten sich die Reisenden hier im Bus jetzt bestimmt nicht. Sie fuhren allesamt nach Hause. Die einen vom Wiedersehen mit ihren Kindern oder Verwandten, die Aussiedler zu Besuch, der mehr war als das. Und er? Asylant? Emigrant? Damit war sein Status nicht zu beschreiben. Gegenwärtig nicht mehr. Migrant? Ja, und das auf Lebzeiten“ (S. 75). Die Frage einer Migration, wo sie herkamen, wo sie hingegangen sind, wird durch Rückblicke auf die Lebens- und Familiengeschichte des Johann Linz beantwortet. Das Synonym Johann Linz, Alter Ego des Schriftstellers Johann Lippet, lässt die Absicht des Autors ahnen, eine Angleichung an seine eigene Biographie nicht nur anzudeuten.

Man könnte die Absicht des Autors als die auffassen, einen Roman über die Wirklichkeit der wahren Existenz zu schreiben, die allerdings längst vergangen und also überholt ist. Was Lippet tut, ist das detailgetreue, realistische, akribische Nacherzählen der bedrückenden Umstände einer Schriftstellerexistenz im untergegangenen Banater Milieu. Es ist das Protokoll einer verschwundenen Wirklichkeit, die im Westen nahezu unbekannt blieb. Aber haben wir von Lippet nicht schon mehrere solcher Protokolle gelesen, beispielsweise seinen Roman „Die Tür zur hinteren Küche“ (2000), auch seine Erzählung „Protokoll eines Abschieds und einer Einreise oder Die Angst vor dem Schwinden der Einzelheiten“ (1990)? Alle diese „Protokolle“ thematisieren die Geschichte seiner Familie, die Aus- und Einreise – banatschwäbische Vergangenheit. Wie aber reagiert ein nicht kundiger deutscher Leser auf den Roman, von dem er annimmt, dass er stark autobiographische Züge trägt? Was ist daran noch Fiktion und was wahre Geschichte? Behindert etwa die Fiktion den Zugang des Lesers zur wahren Geschichte oder umgekehrt? Lernt er die Faszination des Lebens im damaligen Dorfmilieu der banatschwäbischen Minderheit kennen?

Die Ausbreitung eines Schriftsteller- oder Künstlerschicksals ist ein beliebtes Thema von Gegenwartsschriftstellern. Man muss nicht zurückgreifen auf Thomas Mann und seinen „Tod in Venedig“ oder „Tonio Kröger“, auf Klaus Manns „Mephisto“ oder gar Goethes Roman „Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre“, um Beispiele dafür anzuführen. Vor einigen Jahren hat Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ – das literarisch aufbereitete Beziehungsgeflecht eines Schriftstellers und seines Kritikers – großes Aufsehen erregt; ein postmoderner Schlüssel-roman, der in der deutschen Öffentlichkeit zu Kontroversen führte. Weniger kontrovers wurde der Roman eines Künstlerschicksals von Daniel Kehlmann aufgenommen („Ich und Kaminski“).

Den Erfolg Kehlmanns hat sodann Thomas Glavinic in seinem Buch „Das bin doch ich“ in Frage gestellt, indem er sich in die Existenz Kehlmanns hineindenkt.
Lippets Road-Künstlerroman ist jedoch anders. Es ist nicht nur Schlüsselroman, sondern als Familienchronik eine Art Psychostudie eines Migranten. Es ist ein postmoderner Roman, der versucht, auf verschiedenen Ebenen verschiedene Epochen, Personen, Fiktionen, Ereignisse geschickt miteinander zu verflechten. Deswegen stellte sich mir beim Lesen dauernd die Frage: Wie aber reagiert man auf so einen Roman, der Geschichten erzählt, die so oder anders tatsächlich passiert sind? Kann sich da der Leser gefühlsmäßig heraushalten?
Der einstige Titel des Buches „Mahljahre“ (erschienen 2004 im InterGraf-Verlag in Reschitza) schien mir auf Leser interessanter, anregender zu wirken (der Begriff „Mahljahre“ ist definiert als die Zeit, während der nach dem Tode eines bäuerlichen Hofbesitzers, bei Minderjährigkeit des Hofsanerben, der Hof durch einen Interimswirt selbständig verwaltet wird). Denn laut Statistik orientieren sich unentschlossene Leser in überwiegender Prozentzahl am Titel und Cover eines Buches. Der neue Titel „Migrant auf Lebzeiten“ jedoch deutet bereits an, was die Geschichte hergibt: Ebenso wie der Autor Johann Lippet, der wie zahlreiche Banatdeutsche vor der Wende von 1989 aussiedelte, ist sein Protagonist Schriftsteller, der als Aussiedler in der Bundesrepublik lebt und 1997 zum ersten Mal zurückfährt in seine Heimat. Es ist zwar eine fiktive Geschichte, doch kommt man nicht umhin, die stark autobiographischen Züge des Romans auf jeder Seite des Buches zu entdecken.

Die Geschichte ist liebevoll am Detail der Dinge, Landschaften, Menschen entlang erzählt: Die Reise 1997 von Bonn aus über sein eigentliches Geburtsland Österreich nach Rumänien, zehn Jahre nach der Aussiedlung, ist eine Reise voller Erinnerungen an seine Kindheit im Dorf Wiseschdia, an seine Schulzeit in Großsanktnikolaus, an die erste Jugendliebe, das Studium in Temeswar, an Agnes, seine „große Liebe“, an seine Eltern, die 1956 aus Österreich ins Banat zurücksiedelten, oder an den Literaturkreis junger Autoren in Temeswar, den er 1972 mitbegründete. Dort in Temeswar angekommen, bezieht er die Wohnung seiner Freunde, die ans Schwarze Meer gefahren sind, und schlendert durch die Stadt. Er trifft Horst, einen ehemaligen Lyzeumsschüler, er sucht in Alexanderhausen seine Jugendliebe Lisa wieder auf. Der Leser wandert mit dem Schriftsteller rückblickend durch tagebuchartige Einträge einstiger Zustände über das Deutsche Theater in Temeswar, über Tageszeitungen, historische Orte wie die ehemalige Türkenbastion: „In den Sälen und Gewölbefluchten dieser Bastion im Zentrum, wo Sandsteine durch Betonstreben ersetzt wurden, befinden sich Gaststätten, die Munizipalbibliothek, das Volkskundemuseum und das Antiquariat.

Eigentlich habe Temeswar kein Zentrum. Das eigentliche Zentrum von Temeswar, eine Flanierstraße, liegt zwischen Oper und orthodoxer Kathedrale und wird von den Einwohnern Korso genannt“ (S. 189). Detailgetreue erzählerisch aufbereitete Befunde zur Geschichte der Stadt wechseln ab mit Geschichten aus dem Schulinternat, mit Vorfällen im Dorf, den Erdölvorkommen in Alexander-hausen oder der Deportation von 1945. Die Gründung des Literaturkreises in Temeswar, ein Treffen mit dem „Secu-Mann“ und sein Militärdienst in Lippa sind weitere „Einträge“ dieser Art. Landschaftsbeschreibungen, reportageähnliche Reisebeschreibungen werden eingebettet in Tatsachenberichte.

Leider sind Bezeichnungen und Benennungen nicht durchwegs einheitlich oder deckungsgleich: Alexanderhausen wird mal Sandra genannt, Tschanad Cenad; Calea Sagului statt Schagerstraße oder  Lipova statt Lippa, und andere Orte werden nur in der rumänischen Schreibweise zitiert. Es ist die Rede von „Scaras“ (im Block), „Mititei“ usw. Auch Wiederholungen wie „… grüne Maisfelder zogen vorbei“ (S. 78, 95) hätten vermieden werden können, und ein strenges Lektorat hätte manchen Lapsus ausgebügelt. Der dahinplätschernde Ton, der die Eigenheiten der Landschaft manchmal eher verwischt als herausarbeitet, wäre dadurch aber nicht verschwunden. Das Unbekannte des banatschwäbischen Dorfes, seiner Menschen, seiner Landschaften und Gepflogenheiten, was die Leser nun aus den Büchern von Herta Müller kennen mögen, bei Lippet jedoch zu schillernd angedeutet ist, bleibt meistens nur vage erzählt.

Lippet legt großen Wert auf Detailtreue, aber die mundartliche Umgangssprache des Banatschwäbischen sowie eingeflochtene rumänische Bezeichnungen werden im Erzählstrang gelegentlich als störend empfunden. Sie unterbrechen die erzählerische Einheit. Lippet springt von Geschichte zu Geschichte und schafft keine verbindenden Übergänge. Sein Migrantendasein hat oft den Sound der Heimatlosigkeit, das Nachdenken geschieht in Schwermutspose, zugleich in gewichtloser Schwere und Leichtigkeit, die nicht durchdrungen wirkt. Die Familien-, Ausreise-, Lebens-, Liebes- und Zivilisationsgeschichte kommt facettiert daher, was den Eindruck vermittelt,  als ob das Immigrantenschicksal in der deutschen Gegenwart für Johann Linz nicht allzu aufregend zu scheint sein; hingegen steht das Schicksal des Emigrantenlandes im Zentrum des Geschehens und bildet den Unruheherd des Schriftstellers.

Somit wirkt die Chronik der Reise zurück ins Land seiner Herkunft allerdings etwas gewollt. Von Kapitel zu Kapitel tauchen neue Personen, Orte, Geschehnisse, Erinnerungen auf. Wie selbstverständlich jongliert der Autor mit den echten Namen der Banater Orte abwechselnd in Deutsch und Rumänisch. Die bemühte Fiktionslosigkeit legt die Vermutung nahe, dass es ihm vornehmlich um die Aufarbeitung der Vergangenheit des Autors geht. Dabei bleibt dann aber auch die Spannung auf der Strecke, von dem ein Roman ja lebt. Die Dialoge sind zuweilen überflüssig, unerheblich für das Geschehen. Der Leser erfährt wenig über Stimmung oder Innenleben der anderen Personen. Im zweiten Teil des Romans gewinnt die Handlung jedoch an Festigkeit und Flüssigkeit.

Für Herta Müller ist Literatur von der Haltung der Person zu ihrer Biographie nicht zu trennen. Ihr Schreiben sei durch eine doppelte  „Trennungs- und Distanzerfahrung“ gekennzeichnet – so Friedmar Apel in seinem Artikel in der F.A.Z. zur Nobelpreisverleihung. Lippet sieht das ähnlich: „Alles, worüber man erzählte, war im Grunde genommen vergangen, vorbei. Über schmerzhaft Erlebtes und Erfahrenes konnte man erzählen, weil es überstanden war …“ (S. 225). Lippets Prosa ist nicht so poetisch, metaphorisch überhöht, die Handlung total realistisch. Das Absurde, welches das Zerstörerische des Lebens in der Diktatur andeutet, fehlt. Auch der Exotenbonus, der unseren Dichtern aus dem Banat lange anhing, den sie jedoch stets abzuschütteln versuchten, ist daher nicht mehr gültig. Lippet jedoch scheint ihn trotzdem zu beanspruchen. Er schreibt sich seine Erinnerungen von der Seele, indem er hin- und herpendelt von der Moderne in die Archaik der Vergangenheit, vom Bekannten zur Fremdheit, vom Dorf in die Stadt, von Deutschland nach Rumänien.

Mir kommt vor, Lippets Bücher bilden keine Entwicklungslinie, fast scheinen sie austauschbar. Seine Herkunft bleibt ein Horizont, den er in seinen subtilen Selbstanalysen zu anderen Horizonten in Beziehung setzt. Lippet zeichnet jedoch die Wirklichkeit ohne Ästhetisierung oder Verklärung der Geschehnisse nach. Für die Banater ist das Buch eine schöne Chronik von einem Schicksal, das vielen in seinen verschiedenen Facetten irgendwie bekannt ist. Daher wäre ihm und uns zu wünschen, dass es ihm trotzdem gelingt, auch andere deutsche Leser damit zu erreichen.