zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Nationale Abgrenzung und interethnischer Austausch (2)

Rundgiebel eines schwäbischen Bauernhauses in Triebswetter und eines rumänischen Hauses in Berin. In der Volksarchitektur des Banats sind geschwungene und gebrochene Giebelrandlinien auch an serbischen und bulgarischen Häusern anzutreffen. Weitere Gemeinsamkeiten werden auch in der Verzierung sichtbar: Hauptornamente sind bei allen Ethnien Sonnensymbole und der Lebensbäume.

Haussegen auf einem schwäbischen Bauernhaus in Sackelhausen und auf einem rumänischen Haus in Cheverețul Mare. Neben verwandten Formen bestimmen auch ähnliche und identische Aussagen die Giebelgestaltung. Die Gebetformel auf dem schwäbischen Giebel erscheint in verkürzter Form in den Buchstabenreihen GDHE DHIF – Gott der Herr erhalte dieses Haus in Frieden. Die rumänische Dankesformel lautet: Mulțumesc lui Isus Cristos, fiul lui Dumnezeu (Ich danke Jesus Christus, dem Sohn Gottes). Dieses Haus wurde von schwäbischen Handwerkern aus dem Nachbardorf Bakowa errichtet.

Die Mehrsprachigkeit, als wichtige Voraussetzung für das gegenseitige Verständnis zwischen den zusammenlebenden Ethnien, war in Südosteuropa im Prinzip selbstverständlich und wurde nur aus politischen Interessen zur Durchsetzung einer Landessprache unterbunden. Eine Gewährsperson berichtet über die Situation vor 1945 in Großbetschkerek (Zrenjanin): „Ich glaub, sähr viele habn gegenseitich die Sprach ärlärnt. Die Ungarn un die Deutschn musstn natürlich als Staatssprache die särbische Sprache ärlärnen. Also die im Gescheft, im Handwärk ode im Amt gewesn warn, die konnten alle Sprachn. Mein Vater sprach auch rumenisch pärfekt, da er Notär gewesn war, und da hat er jedn Tag mitn Leutn zu tun ghabt. Kinder erlernen Fremdsprachen am leichtesten spielend, so war es in Großbetschkerek. Dort habn ungarische, deutsche und särbische Kinder zusammen gespielt, und jedes hat die andere Sprache auch gesprochn. Also da gab es so ein Durcheinande, jeder sagte so, wie er‘s eben konnte, aber im allgemeinen war ungarisch. Die särbische Kinder habn auch ungarisch gesprochn, die deutsche Kinder gabn auch särbisch un die ungarischn habn auch die meistn deutsch und särbisch gesprochn. Also wir sind so aufgewachsn, dreisprachig.“ (Tonband 256-A, Laufwerknummer 12.50b-14.20b, im Tonarchiv des Instituts für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde Tübingen)

Mehrsprachigkeit

Der aus Lenauheim stammende Mundartdichter Hans Wolfram Hockl spricht in „Mancherlei Sprooche un Leit” (das Gedicht ist erschienen in: Hans Wolfram Hockl: Unser liewes Banat, Stuttgart 1976, S. 58 f.) von der Notwendigkeit der Vielsprachigkeit:

(...) en [in] Winga echt bulgarisch.
En Baratzhausen heerscht e Sprooch
echt moselphälzisch ohni Frooch,
en Szentes heerscht madjarisch.

Rumänisch, des geht kreiz un quer.
Verstehscht nor eeni Sprooch,
haschts schwer
Em redde un em schreiwe (...)

Rumänisch, deitsch, e ungrisch Wort
Un serwisch aa dezwische,
ganz anerscht oft vun Ort zu Ort,
vun Szakosch bis uf Ebendorf,
vun Liebling bis uf Nitzkydorf,
e Plausch an Bänk un Tische (...)

Kinner un Weiwerleit aach
grieße uns freundlich Gun Taach.
Rufe Gud Nacht! Somn uşor!
Jó északát vore am Tor,

Dann Laku noč uf de Bank.
All unsre Nochbre mei Dank!

Bezeichnend ist auch die Schilderung des Schriftstellers Hans Diplich von der Lage seiner Heimatgemeinde Großkomlosch in der Zwischenkriegszeit: „So lebten in meiner Zeit neben dreitausend Rumänen tausend Deutsche ursprünglich nach Gassen getrennt, seit zwei bis drei Generationen in buntem Gemenge. Die Spiel-gemeinschaften der Kinder in den Dorfgassen waren zweisprachig. Wir nahmen wechselseitig an den Festen der Familien und an den großen Kirchenfeiertagen teil, und an einem Tag des Jahres, wenn wir die Auferstehung des Herrn feierten, ging die Prozession der Katholiken nach altem Brauch um die Kirchen der griechisch-unierten und der griechisch-orthodoxen Gemeinden herum, bezeugend, dass sie hineingenommen wurden in unsere Gemeinschaft, einig waren im Zeichen des Kreuzes.“ (Hans Diplich: Essay: Beiträge zur Kulturgeschichte der Donauschwaben, Homburg/Saar 1975, S. 170)

Somit erscheint es natürlich, dass es in der Banater Hauptstadt Temeswar unter einem Dach drei staatliche Theaterbühnen: das rumänische, ungarische und deutsche Staatstheater und ein serbisches Tanzensemble gibt, oder wenn in der katholischen Wallfahrtskirche in Winga ein viersprachiger (bulgarischer, ungarischer, deutscher und rumänischer) Gebetstext zu lesen ist: Guspudine Bože, učistime ud mojte grehve! / Uram, tisztits meg engem bűneímtől! / Herr, reinige mich von meinen Sünden! / Doamne, curăţă-mă de păcatele mele! (Annemie Schenk / Ingeborg Weber-Kellermann: a.a.O., S. 44)

Tauschbuben

Eine wichtige Rolle in der Vermittlung von Sprachkenntnissen und kulturellen Besonderheiten spielten in Miletitsch und anderen Gemeinden der Batschka die sog. Tauschbuben, d. h. Kinder, die sich während der zweimonatigen Sommerferien in ungarischen oder serbischen Dörfern aufhielten, um die fremde Sprache zu erlernen, während junge Serben und Ungarn nach Miletitsch kamen, um Deutsch zu lernen. Ein Austausch war gleichfalls zwischen deutschen und serbischen Handwerkslehrlingen üblich. (Martin Schneider: Militisch, Freilassing 1989, S. 96 f.) Das System der Tauschkinder war auch in Ungarn üblich. Die deutschen Bauern schickten ihre Söhne – seltener auch ihre Töchter – einige Wochen im Jahr als Tauschkinder ins ungarische Nachbardorf, damit sie dort ungarisch lernten. Zudem kamen ungarische Knechte und Mägde in benachbarte deutsche Dörfer. Dennoch kam es durch das bäuerliche Besitzdenken (der Feldbesitz sollte nah beieinander liegen) zu keinen gemischtethnischen Ehen. (Thomas Ludewig: Leben in Nadwar: Eine biographische Studie zum Wandel der Lebensbedingungen und des Bewusstseins von Männern in einem deutschen Dorf in Ungarn, Marburg 1994, S. 110-112)

Kulturvermittler waren auch die zahlreichen Wanderhandwerker und Wanderhändler, die seit dem Mittel-alter ganz Europa durchzogen um ihre Waren und Dienstleistungen anzubieten. In den donauschwäbischen Mundarten ist die Bezeichnung Kutschewer ‚Händler‘ erhalten. Sie kommt  von den Gottscheer Wanderhändlern, die noch im 20. Jahrhundert ganz Mitteleuropa durchzogen. Europaweit bekannt waren die slowakischen Wanderhändler, die als vozari ‚Fahrer, Kutscher‘ mit warenbeladenen Planwagen bzw. mit Buckelkasten oder Bauchladen durch die Dörfer zogen und Textilien, Haushaltsgeräte, Schmuck, Kalender und Gebetbücher feilboten. Wandergewerbe übten aus die oblokari ‚Fenstereinschneider‘, knihari ‚Buchbinder', Reindlbinder ‚Klempner, Kesselflicker' oder drótos tót ‚slowakischer Drahtbinder‘.

Fahrende Obst- und Gemüseverkäufer waren als Fujaker oder Fratschler bekannt. Im Banat wurde Frühgemüse (im Sommer Melonen) zuerst von bulgarischen, später auch von deutschen oder ungarischen Wanderhändlern verkauft. Dazu ein Bericht aus Triebswetter: „Die Fujak-re, des ware die Fratschler, meh die arme Leit, was sich mit Gemiesebau beschäftigt han. Schun in de neinzicher Johre rum [um 1890, Anm. d. Verf.] han die angfang mit Milone, Paprika, Friehkrumbre un Parideis (Tomaten) zu fahre. Die sin aa bis Kikinda un Szegedin un sogar noch weider uf de Mark gfahr (...) heit [um 1980, Anm. d. Verf.] hat schun bal jeder zweider Triebsweddremer a eigene Elektromotor im Garte, un unser Parideis gin uf ganz Europa gfujakert, aber heit is halt viel Export!“ (Walther Konschitzky: Dem Alter die Ehr. Lebensberichte aus dem Banat, Band 1, Bukarest 1982, S. 356 f.)

Fujakre ‚handeln, verkaufen‘ ist die verbale Ableitung vom Substantiv Fujaker, das (wie slowakisch vozari) ‚Fahrer, Kutscher‘ bedeutet und vom österreichischen Fiaker, der Bezeichnung für ein mit zwei Pferden bespanntes Lohnfuhrwerk, eine Mietkutsche, aber auch für dessen Lenker, abgeleitet wurde. Das Wort Fiaker stammt übrigens aus Paris und rührt von einem Haus zum heiligen Fiacrus, dem Schutzpatron der französischen Gärtner, her. Vor dem Pariser Hotel Saint Fiacre hatten um 1650 die Lohnkutscher eines Nicolas Sauvage ihren Stand. Das Verb fujakre ist eine Wortkreuzung zwischen dem dialektalen fuckre und Fiaker. Die zweite Bezeichnung des Marktverkäufers, Fratschler, und die verbale Ableitung fratscheln kommt von bair.-österr. fra[t]scheln‚ indiskret ausfragen, tratschen‘, hat aber auch durch Bedeutungserweiterung in der Umgangssprache den Sinn von ‚auf dem Markt verkaufen‘ erlangt. (Johann Wolf: Banater deutsche Mundartenkunde. Bukarest 1987, S. 135.) Der bekannte Schweinskupetz ‚Schweinehändler‘ geht auf ung. kupec, rum. regional cupeţ zurück. Beide Benennungen des Händlers kommen ihrerseits von slawisch kupici, kupiti ‚kaufen‘.

Wanderhandwerker

Die Handwerksburschen verbreiteten bis ins 20. Jahrhunderte durch ihre Wanderschaft fremde Geräte und Arbeitsweisen und dazu gewöhnlich die österreichischen Bezeichnungen in ihren Heimatgebieten, aber auch deutsche und serbische Meister verkauften ihre Waren auf Wochenmärkten. Durch den Pferdehandel erhielten deutsche Pferde ungarische, rumänische und serbische Namen. Deutsche Maurer bauten den Rumänen Häuser, die nun den gleichen Grundriss aufwiesen wie im deutschen Dorf, mit demselben Banater Barockgiebel und sogar mit denselben Verzierungen. Schwäbische Frauen malten auch rumänische Häuser mit ihren üblichen Schablonenmustern aus, deutsche Wagner fertigten ihnen häufig Arbeitsgeräte. Am Rande der Banater „Heide“ (der fruchtbaren Ebene) kam es auch zu Ehen zwischen den verschiedenen Konfessionen (orthodoxe Rumänen und katholische Schwaben und die Bezeichnungen Walachen für Rumänen bzw. şvabi ‚Schwaben‘ für Deutsche haben hier nicht, wie andernorts üblich, eine abwertende Nuance. (Walther Konschitzky: Wirtschaftsbeziehungen zu den prieteni, in: Handwerk und Brauchtum. Beiträge zur Volkskunde der Banater Deutschen, hrsg. von Hans Gehl, Temeswar 1975, S. 61-68) Die Identität jeder Volksgruppe blieb jedoch trotz vieler Annäherungen bewahrt. Das kommt im Sprichwort zum Ausdruck: Mr soll sei Nochbre geere han (lieben), awer de Zaun net abreiße.

Nun zum Ende unserer Banater Siedlungsperiode. Eine Meinungsumfrage des Rumänischen Instituts für Evaluierung und Strategie (IRES) vom 6. und 7. Mai 2014 betraf die Wahrnehmung der Deutschen in Rumänien. Der Soziologieprofessor Vasile Dâncu präsentierte die Ergebnisse am 8. Mai Bukarest auf der von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kooperation mit dem Demokratischen Forum der Deutschen in Rumänien veranstalteten Konferenz zu den geheimen Abkommen zwischen Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland über die Ausreise der Rumäniendeutschen. Befragt wurde eine repräsentative Zahl von 1288 Personen im Alter von über 18 Jahren (mittels PC-unterstützten Telefoninterviews) über die Wahrnehmung der Deutschen/Deutschlands und der Rumäniendeutschen. Die Ergebnisse sind durchaus deutschfreundlich. Auf die Frage nach der bevorzugten nationalen Minderheit in Rumänien liegen die Deutschen mit 15 Prozent an der Spitze; 13 Prozent erhielt die ungarische Minderheit, 4 Prozent bekamen die Roma. Die allgemeine Meinung über die deutsche Minderheit sei sehr gut bzw. gut, erklärten 82 Prozent. Von den 31 Prozent der Interviewten mit rumäniendeutschen Nachbarn oder Arbeitskollegen hatten 60 Prozent ein sehr gutes und 37 Prozent ein gutes Verhältnis zu diesen. Viele würden Deutschland gerne besuchen. Ganze 70 Prozent, besonders die zwischen 18- bis 35-Jährigen, schätzen die Beziehungen zwischen Rumänien und Deutschland als gut und 13 Prozent als sehr gut ein. Von den Befragten betrachten 71 Prozent Deutschland als Freund Rumäniens. Und das im Europa-Wahljahr 2014. (Hannelore Baier: Rumänien ist sehr deutschfreundlich. Überaus positive Ergebnisse einer IRES-Umfrage zur Wahrnehmung der Deutschen, in: Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien, Online-Ausgabe vom 16. Mai 2014)