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Banater Post

Auf Spurensuche im Banat, in Galizien und Sibirien

Zum neuen Buch von Franz Heinz „Kriegerdenkmal. 1914 − Hundert Jahre später“

„Im Banat rinnen die Flüsse schicksalhaft westlich ab. Die Kirchtürme sind anders, du begegnest dort Mundarten aus der Pfalz und Redewendungen von der Saar. Findest deinen Namen auf Grabsteinen und auf den Hausgiebeln. Wer sie nicht näher kennt, könnte meinen, es sei eine Ebene wie jede andere. Aber sie ist wie keine sonst“, schreibt Franz Heinz in seinem vor kurzem im Berliner Anthea Verlag erschienenen Roman „Kriegerdenkmal. 1914 – Hundert Jahre später“.

Die Unordnung, die der Erste Weltkrieg hinterließ, und die auch hundert Jahre später noch spürbar nachwirkt, ist nur eines der Motive, warum in diesem Gedenkjahr 2014 zahlreiche Bücher zum Thema erscheinen: Sachbücher, Romane, Essays – alle beschäftigen sich mit Fragen und Ereignissen rund um den Ersten Weltkrieg und der Welt-Unordnung, die dieser in Europa hinterließ. Es geht in den Büchern nicht um Schuld, sondern um Erinnerung und Aufarbeitung der Ereignisse, die von Sarajevo, Versailles und Trianon bis in die Gegenwart reichen. Auch der Banater Autor Franz Heinz hat sich dieses Themas angenommen. Er schrieb einen autobiographischen Roman, den man auch als romanhafte Autobiographie bezeichnen könnte, oder als historischen Reiseroman, in dessen Mittelpunkt eine Reise mit historischen Rückblicken steht. Phil, Nachfahre eines Banater Schwaben und Hauptfigur des Romans, reist in die Heimat seiner Großeltern und begibt sich auf Spurensuche zu den  Schauplätzen, die im Zusammenhang mit dem Kriegseinsatz seines Großvaters Franz Potichen stehen.

Zurückgekehrt von einer Sibirienreise nach Omsk, führt ihn sein Weg ins Banat, auf die Spuren des Bäckermeisters aus „einem südungarischen Dorf“, der in den ersten Augusttagen 1914 mit dem „königlich-ungarischen Infanterieregiment Numero 7“ vom Bahnhof Werschetz aus nach Galizien verfrachtet wurde – „Ohne Wiederkehr“. Katharina, seine Frau, und die Tochter Marischka sahen Franz Potichen zum letzten Mal beim Abschied am Werschetzer Bahnhof. Fünfzehn Feldpostkarten hat der Großvater aus Galizien geschrieben. Die Honvéds, bei denen er kämpfte, wurden in der Schlacht bei Limanowa zurückgeschlagen, und Franz Potichen geriet in russische Gefangenschaft. In Omsk, im sibirischen Zwangslager, arbeitete er beim Straßenbau sowie beim Holz- und Getreideverladen im Hafen. Franz Potichen starb an der Ruhr. Seine Witwe Katharina heiratete Jahre später einen Kaufmann und verließ mit ihm und ihren vier Kindern das Land.

Im Dorf seiner Großeltern, anderthalb Stunden von Temeswar entfernt, findet Phil deren einstiges Herrenhaus an der Dorfecke wieder, „heute allerdings ohne jeden Glanz. (…) die Ecktür vermauert und grob mit Mörtel beworfen, die Fenster blind, sieben insgesamt, Blechstücke ins schadhafte Dach geschoben, die Rauchfänge angenagt, Schimmel im Gemäuer. (…) im Blumengarten von einst sind wilde Apfelbäume aufgegangen.“ Der junge Reisende fragt sich: „War das noch Heimat? Jenes Fleckchen Erde, das dich nicht loslässt und zu dem du immer wieder zurückfindest, weil die ganze Welt nur Fremde sein kann, die sich dir verweigert und dich abweist?“ Die Antwort sucht er überall auf seiner Zeitreise in die Vergangenheit. Die Heimat seines Großvaters ist ihm fremd: „Das Dorf in der großen Ebene, die wie keine zweite ist, blieb stumm.“
Phil fährt in Begleitung zweier Österreicherinnen, Betty und Marlen, von Temeswar über die Ostroute nach Galizien. Eine Reise ins Unbekannte. In Temeswar sind die drei Reisenden angetan von dem „österreichischen Flair der Stadt, das sich freilich weitgehend in Äußerlichkeiten erschöpfte“, denn unter der Oberfläche, so Phil, sei Temeswar dennoch anders, „und zwar verdorben“. Die „seltsame Stadt Temeswar“ mit ihrem „aufgepinselten oder auch überpinselten Wiener Zuschnitt“, ihrem Jugendstil und regionalen Historismus, der alten Bastion, aber auch den Bettlern vor den Kirchenportalen, erscheint den Gästen voller Gegensätze.

Die Reise von Temeswar nach Bukarest lässt Phil über seinen Großvater, über „das unbekannte Rumänien“ sowie das Leben nachdenken. Der Trip ist für die junge Marlen wie eine Reise nach Amsterdam, mit „gedrosselter Neugier auf weniger Bekanntes. Beiläufig als Absicht und Ziel“. Betty trat die Reise in die ukrainische Bukowina an, um aus Neugier der Vergangenheit ihrer Wiener Nachbarin, der Rittmeister-Witwe Maindl, nachzuspüren. In einem Ukrainisch-Intensivkurs lernte sie Marlen kennen, die zufällig nach Siebenbürgen gelangt war. So kamen die Drei zusammen, um durch ein Land zu reisen, wie „dieses alttestamentarisch wirkende Rumänien, das im Begriff schien, sich unwiederbringlich zu veratmen“.

In Bukarest besucht Phil das Geschichtsmuseum, die ehemalige Hauptpost aus der Belle-Epoque-Zeit, während die Damen eine Stadtrundfahrt machen. Die „absurde Wirklichkeit des Krieges“ wird vom Autor dem Leben gegenübergestellt, der Erinnerung an die Entwurzelung der Menschen der k.u.k.-Monarchie. Vergangenheit liegt nun auf den Soldatenfriedhöfen bei Krasne, Felizienthal, Stryj, Lyczakow, Lemberg, Czernowitz, Chotin, in Omsk, in Werschetz und im Banat. Mit Zwischenaufenthalten in Bakau, Suczawa und Radautz fahren die Drei weiter nach Czernowitz. „Grenzen machen nachdenklich und rufen Abschiedsgefühle wach, wenngleich wir wissen, um wie viel größer die Welt als jeder politische Machtbereich ist. Zugleich erwecken sie unsere Neugier, steigern unsere Empfänglichkeit für neue Eindrücke“, schreibt Heinz. In Chotin steigt der jüdische Schriftsteller Alfred Roth zu, mit dem wohl der letzte in Czernowitz lebende jüdische Schriftsteller Josef Burg gemeint ist. Dieser wirkt auf die Fahrgäste wie einer, der „hinter der Zeit herläuft und nirgendwo ankommt“. Nach drei Besichtigungstagen im heutigen ukrainischen Czernowitz geht es weiter Richtung Lemberg, der letzten Station der Reise. Nur Marlen bleibt zurück und reist in die Bretagne.

„Draußen keine Landschaft“. Der Verlust der Landschaft – eines der Hauptthemen des Romans – durchzieht die Handlung über alle Reiseziele hinweg. Dieser Verlust steht jedoch parallel zum Verlust der Liebe, des Glücks und der Erinnerung. Kriegsereignisse gehören ebenso zum Erzählstrang des Romans wie geschickt eingeflochtene Zwischenrufe über die Fürsten Vlad Dracul und Brâncoveanu, den rumänischen König und Marschall Antonescu, die Rolle der Kirche, über Ceauşescu und den Kommunismus. Die Vergänglichkeit des Lebens, des Daseins steht im Mittelpunkt. Franz Heinz sinniert oft über Liebe und Glück, Erinnerung und Zukunft – über das Leben eben und all seine Schattierungen. Und am Ende kommt uns selbst die Geschichte abhanden. „Oder beginnt die Ewigkeit mit dem Auslöschen der Namen?“, hatte er am Anfang seines Romans gefragt.

Mit diesem Roman ist Franz Heinz nun in einer imponierenden Fiktion gelungen, der Nachwelt eine durch Informationsdichte, Vielseitigkeit, Weisheit und Urteilskraft über die Vergangenheit bestechende Geschichte zu hinterlassen, die nicht nur mit Lebensweisheiten, Geschichts- und Reisebeschreibungen überzeugt, sondern den Leser manchmal auch schmunzeln lässt, trotz der nachwirkenden tragischen Ereignisse des vergangenen Jahrhunderts, denn: „Je weniger du weißt, je weniger kommst du los davon. Vielleicht beschäftigt uns nichts ausgiebiger als das unwiederbringlich Verlorene. Willst Gewissheiten und stößt ausschließlich auf Banalitäten.“    

Franz Heinz: Kriegerdenkmal. 1914 – Hundert Jahre später. Roman. Berlin: Anthea Verlag, 2014. 184 Seiten. ISBN  978-3-943583-29-8. Preis 19,90 Euro.