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Banater Post

Banater Schatzkästchen im Sauerland

Franz Ferch: Der Pflüger (Öl auf Leinwand, 119 x 100 cm) Reproduktionen: Hans Rothgerber

Franz Ferch: Kreuzhaufensetzen vor dem Sturm (Öl, 52 x 47 cm), Original im Felsenmeer-Museum Hemer Reproduktion: Hans Rothgerber

Sebastian Rotsching: Die Garbenbinderin (Bronze, 100 x 60 cm)

Wahrscheinlich kennen nur wenige unserer Landsleute die recht umfangreiche Sammlung an Banater Volksgut im sauerländischen Hemer (Nordrhein-Westfalen). In der kreisangehörigen Stadt mit 37500 Einwohnern ist in einem schmucken Jugendstilbau das Felsenmeer-Museum eingerichtet, zu dem auch eine über mehrere Räume verteilte Banat-Sammlung gehört. Trachten, Bilder, Handarbeiten, Hausrat, Einrichtungsgegenstände, Werkzeuge, Arbeitsgeräte, Schulbücher, Musikinstrumente, selbst ein Kirchweihstrauß aus dem Banat sind dort zu sehen. Das größte Ausstellungsstück ist eine Weinpresse, zu den kleinsten Exponaten zählen Auszeichnungen und Anstecknadeln. Bunt präsentieren sich die Vitrinen mit Kirchweihtrachten aus Lovrin, Billed, Hatzfeld, Guttenbrunn und anderen Banater Dörfern.

Sehr gut ausgestattet ist die Ausstellung mit Kartenmaterial und Texten, die die Besucher über die Geschichte der Banater Schwaben, ihre Leistung und ihre Lebensart unterrichten. Mit Geschick und museums-pädagogischer Kenntnis sind aussagestarke Dokumente und Gegenstände platziert, die zum Hinschauen und Verweilen einladen. Es ist unschwer zu erkennen, dass bei der Gestaltung der Ausstellung Kenner, ausgezeichnete Volkskundler am Werk waren.

Man wird sich wohl fragen, wieso eine so breit angelegte Ausstellung gerade im Ruhrgebiet, wo kaum
Banater Schwaben oder deren Nachkommen leben, eingerichtet wurde? Es gibt dafür zwei Gründe. Zum einen hängt dies mit der Ansiedlung westfälischer Siedler im Banat im 18. Jahrhundert zusammen, zum anderen gab es hier in der Person von Dr. Friedhelm Treude einen tatkräftigen, engagierten, heimatverbundenen Volkskundler, der die Umstände der Auswanderung und den Weg der Siedler aus dem Sauerland ins Banat und den Rückweg ihrer Nachkommen erforscht hat.

Friedhelm Treude wurde 1908 im westfälischen Unna-Königsborn als Sohn eines Volksschullehrers geboren und wuchs in Hemer auf. Er studierte Germanistik, Geografie, Geschichte und Volkskunde an den Universitäten in Münster, Wien und Marburg. Seiner erfolgreichen, unermüdlichen Tätigkeit verdanken die Banater Familienforscher wie auch Historiker fundierte Kenntnisse über die Besiedlung des Banats durch Siedler aus Westfalen.

Der junge Treude war zunächst Leiter der vom Deutschen Ausland-Institut eingerichteten Forschungsstelle „Westfalen in aller Welt“ in Münster. Ausgehend von den bekannten „Quellen zur deutschen Siedlungsgeschichte in Südosteuropa“ von Franz Wilhelm und Josef Kallbrunner und den Kirchenbüchern in seiner Heimat begab er sich auf die Spur der ausgewanderten Sauerländer. Bereits in den 1930er Jahren kam er ins Banat, wo er die Kirchenbücher nach Ansiedlern aus dem Sauerland durchsuchte. Als Ergebnis seiner umfangreichen Studien legte er 1937 in Münster seine Dissertation „Westfalen und die theresianische Banatbesiedlung 1763-1772 unter besonderer Berücksichtigung der Kolonisten aus dem oberen Ruhrgebiet“ vor. Die erweiterte Fassung der Doktorarbeit, von Dr. Erhard Treude, dem Sohn des Forschers, für die Drucklegung vorbereitet, ist 1988 unter dem Titel „Die Auswanderung aus dem kurkölnischen Sauerland im Zuge der theresianischen Banatbesiedlung 1763-1772“ als Band 14 der Schriftenreihe des Kreises Olpe erschienen.

In den Jahren 1941 und 1942 verfilmte Dr. Friedhelm Treude im Auftrag des Deutschen Ausland-
Instituts systematisch die Kirchenbücher von 137 Pfarreien im rumänischen und serbischen Banat. Zum Glück konnten die 191 Filmrollen noch knapp vor dem Einmarsch der Roten Armee nach Wien in Sicherheit gebracht werden. Von dort gelangten sie nach Stuttgart, ins heutige Institut für Auslandsbeziehungen, wo sie den Forschern bis heute zur Verfügung stehen.

In seiner Dissertation stellt Treude fest, dass sich in 15 Banater Dörfern 337 Sauerländer Familien niedergelassen haben. Interessant ist dabei, dass die Sauerländer in Nachbarschaft gesiedelt haben, was die Straßennamen Sauerländer Gasse in Billed, Bruckenau und Deutschsankt-nikolaus oder Sauergasse in Hatzfeld, das Sauerländer Eck in Deutsch-tschanad oder das Sauerland-Viertel in Ulmbach erklärt. In Billed gibt es neben der Sauerländer Gasse noch einen Sauerländer Friedhof, eine Sauerländer Brücke und eine Sauerländer Hutweide. Dr. Treude fand für die Sauerländer Gasse in Billed schöne Worte: „In weit ausholender, ebener Breite, flankiert von Doppelreihen Akazien, hinter denen die langgestreckten, Wohlhabenheit verratenden Häuser aufragen, gibt die Gasse ein lebendiges Bild von dem wirklich großen Wurf der Dorfsiedlung.“

Dr. Friedhelm Treude, der leidenschaftliche Volkskundler, knüpfte viele Kontakte im Banat. Er besuchte die Dörfer und Dorffeste, interessierte sich für die Arbeit der Bauern, ihr Brauchtum und ihre Lebensweise, und er begann Volksgut zu sammeln. Der Zweite Weltkrieg unterbrach zunächst seine Beziehungen zum Banat. Erst 1972 reiste er wieder ins Banat, und zwei Jahre später sollte er erneut, diesmal mit einer Gruppe von Oberstufenschülern des Gymnasiums Hohenlimburg, im Banat weilen. Die im Internat der Lenauschule untergebrachte Gruppe konnte damals in Tschanad einen Trachtenumzug und Trachtenball erleben.

Treude sammelte bei diesen Fahrten viele Exponate für die von ihm geplante Donaudeutsche Gedenkstätte in Hemer. Dabei wurde er von mehreren Familien unterstützt, in Billed unter anderem von Familie Csonti. Man wundert sich, wie es damals möglich war, die ganzen Exponate nach Deutschland zu bringen. Es ist bekannt, dass Treude bei diesen Aktionen vom Innenministerium Baden-Württemberg unterstützt wurde. Eine weitere Reise war für das Jahr 1975 geplant, sie konnte jedoch wegen des inzwischen eingeführten Devisen-Zwangsumtausches nicht mehr durchgeführt werden.

Das Vorhaben, eine Gedenkstätte für die Sauerländer und die Schwaben im Banat zu errichten, verfolgte Dr. Treude konsequent. Seinem Wirken für die Deutschen im Banat war sein großes Engagement für seine westfälische Heimat und seine Heimatstadt Hemer vorausgegangen. Als Vorsitzender des Bürger- und Heimatvereins Hemer setzte er sich mit aller Kraft und mit viel Herzblut für Heimatpflege und Heimatkunde ein. Sein großes Anliegen war die Einrichtung eines Heimatmuseums in Hemer. Dies gelang zunächst 1940 nach dem Erwerb einer alten Schule, die aber bei weitem nicht dem Zweck entsprach. Der Bau konnte die vielen Exponate über die Geschichte der Stadt durch alle Epochen kaum fassen. Erst 1975, nach dem Umzug in das große Gebäude in Sundwig, war genügend Platz für die vielen Vitrinen mit Exponaten und Modellen der alten Hemerschen Industriezweige zur Eisengewinnung und -verarbeitung. Leider hat Dr. Treude, der am 30. Oktober 1975 gestorben ist, die Einrichtung des Felsenmeer-Museums in der Hönnetalstraße nicht mehr erlebt. Wir Banater bleiben ihm für seine Banat-Forschungen und für die von ihm initiierte und angelegte Banat-Sammlung dankbar verbunden.

Für uns Banater birgt das Felsenmeer-Museum fünf weitere kostbare Schätze, es sind Kunstschätze. Dr. Friedhelm Treude, der Kontakte zu Franz Ferch (geboren 1900 in Rudolfsgnad, gestorben 1981 in Freiburg im Breisgau) hatte, erwarb von dem Banater Maler vier große Ölgemälde: „Die Wacht“ (96 x 150 cm), eine Replik zu dem großen Bild, das ehemals in der Banatia hing und später in die Lenauschule kam, „Kreuzhaufensetzen vor dem Sturm“ (52 x 47 cm), „Der Pflüger“ (119 x 100 cm) und „Banater Landschaft – Weizenfeld“ (97 x 70 cm). Im Felsenmeer-Museum steht zudem noch ein besonderes Schatzstück: „Die Garbenbinderin“, eine Bronzefigur (100 x 60 cm) des Banater Bildhauers Sebastian Rotsching (geboren 1898 in Gertianosch, gestorben 1971 in München).

Das Felsenmeer-Museum (Hönnetalstraße 21, 58675 Hemer, Tel. 02372 / 16454, E-Mail felsenmeer-museum@web.de) ist sehenswert, nicht nur wegen der Ausstellung über die Banater Schwaben, aber für diese besonders.