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Banater Post

Zeitenwenden im Banat

Bereits die ersten einführenden Sätze im Vorwort der Herausgeber des Banater Kalenders 2018, der vor kurzem im Banat Verlag Erding erschienen ist, umreißen den historischen Bezugsrahmen, der die Beiträge dieses Jahrbuchs zusammenfasst. Sie lassen aber auch die Grundstruktur erkennen, nach der die tragenden Themen ausgewählt und die Vielfalt der dargebotenen Inhalte aus wesentlichen Bereichen der Geschichte und Kulturgeschichte zu einem dicht verwobenen Ganzen zusammengebaut wurden: „Zusammenbruch und Umbruch, Übergang und Neubeginn – Zeitenwenden im Banat ist das Leitthema unseres elften Jahrbuchs. In dieser historischen Region und in den angrenzenden Räumen war in den letzten drei Jahrhunderten jeder Umbruch die Folge von Krieg oder gewaltsamer Auseinandersetzung. Danach war die Welt nie mehr wie zuvor, und der unausweichliche Neubeginn stand nur selten unter einem guten Stern. Im Jahrhundertschritt vollzogen sich großräumige kontinentale politische Veränderungen, im 19. Jahrhundert kamen im zeitlichen Abstand von kaum einer Generation noch nationale, auch regionale hinzu.“

Zwei Gedenkanlässe des kommenden Jahres stehen im Vordergrund: Der Friede von Passarowitz 1718 als Folge des entscheidenden Sieges und der Einnahme Belgrads (1717) durch die kaiserlichen Truppen unter Eugen von Savoyen markiert staatsrechtlich den Anfang der Zugehörigkeit der neu eroberten Provinz zum Habsburgerreich. Der Themenkomplex der Türkenkriege scheint in Josef Wolfs Präsentation der ersten Karte des österreichischen Banats auf. Das Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Zusammenbruch der Donaumonarchie bedeuteten für das Banat das Ende dieser 200-jährigen Zugehörigkeit und kurze Zeit später auch das Ende als einheitliche Provinz; aufgrund der Beschlüsse von Trianon am 4. Juni 1920 bestimmten nun auch staatsrechtlich drei Vaterländer ihre Geschichte und die Geschicke ihrer Bewohner. Das Thema Erster Weltkrieg wird in den Beiträgen von Dr. Wather Konschitzky (Das Ende des Großen Krieges und Zwei Banater Piloten im Ersten Weltkrieg), von Dr. Walter Engel (Franz Xaver Kappus – Sensibler Dichter und Frontoffizier) und von Rainer Kierer (Die Geschichte einer großen Liebe und ihr unerwartetes Ende im Ersten Weltkrieg) behandelt. Der Ausgang dieses verheerenden Krieges und die anschließenden Jahre wurden im Banat als einschneidende „Zeitenwende“ mit nachhaltiger Wirkung wahrgenommen.

Als gravierendster Bruch in der Geschichte und im Lebensverständnis der Banater Deutschen wird der Frontwechsel Rumäniens 1944 und der Ausgang des Zweiten Weltkriegs 1945 dargestellt: Mit der Flucht vor der Roten Armee im Herbst 1944 setzte der langwierigste Übergang ein – die Aufgabe ihrer in 250 Jahren aufgebauten Heimat, ein Prozess, der mit Deportation zur Zwangsarbeit, Enteignung des Besitzes und Entrechtung der Deutschen, mit politischer Gängelung und Unfreiheit einherging. Mit dieser Zeit des Bruchs und des grundlegenden Wandels setzen sich mehrere Autoren aus sehr unterschiedlichen Blickwinkeln auseinander. Georg Schmidt kommentiert ein seltenes Zeitdokument: die Aufzeichnungen des Pastors Wilhelm Preiss aus Semlak über die dramatischen und tragischen Ereignisse im Leben der Banater Deutschen nach 1945. Was dieser aufrechte Seelsorger in seiner Kirchenchronik festgehalten hat, ereignete sich in nahezu identischer Form in allen Ortschaften des Banats. Als einen bedeutsamen Neubeginn und einen Lichtblick in jener dunklen Zeit stellt Hans Fink die Bedeutung der Schulreform des Jahres 1948 dar, als wieder deutsche Schulen eingerichtet werden konnten und Schritt für Schritt auch ein reiches deutsches Kulturleben möglich wurde.

Eindringlich wird darauf hingewiesen, dass seit der Flucht 1944 vor einem Dreivierteljahrhundert – das sind zeitlich gesehen drei Generationen oder ein Viertel der Geschichte der Banater Schwaben –, immer noch Landsleute nach dem ihnen entsprechenden Lebensmittelpunkt und Ort der Selbstverwirklichung in Deutschland oder anderswo suchen. Zu dem komplexen Thema Verlust und Verlassen der Banater Heimat und der Erschließung einer neuen in anderen Räumen – der „Zeitenwende“, die eine Vielzahl von sehr unterschied-lichen Aspekten aufweist – haben mehrere Mitarbeiter des Jahrbuchs Beiträge bereitgestellt. Flucht, Heimatsuche und Fremdsein klingen in den Erinnerungen von Johann März anlässlich der Enthüllung des Donauschwaben-Denkmals von Walter A. Kirchner in Salzburg an (Auf dem Weg ins Nirgendwo), ebenso in einem Kurzporträt des aus Werschetz stammenden Malers und Grafikers Prof. Robert Hammerstiel (Künstler und Zeuge), der Jahre des Schreckens, des Hungers und des Massensterbens in den Kinderlagern der Tito-Partisanen durchlitten hat, bevor ihm die Flucht in die Freiheit gelang. Eine andere Facette der Aufgabe von Heimat – das jahrelange Warten auf die Ausreise aus dem kommunistischen Rumänien – ist Gegenstand des Berichts von Dipl. Ing. Gertrude Adam; der Schriftsteller Franz Heinz hält das Erlebnis der spannungsgeladenen Stunden zwischen Abflug aus Bukarest und Ankunft im Übergangslager für Aussiedler in Frankfurt in einer literarischen „Momentaufnahme“ fest.

Über Hoffnungen, Erwartungen, Enttäuschungen und Erfüllungen der in völlig anderen Kulturräumen angekommenen Flüchtlinge, Auswanderer oder Aussiedler, über die Zeit des Übergangs zwischen dem Abschied von „dort“ und der Ankunft „hier“, über den langen Weg des Suchens und des Heimischwerdens reflektiert Radegunde Täuber: „Jeder hat seine Zeit des Fremdseins durchlebt und an sich erfahren, dass eine zweite Heimat erworben, erarbeitet werden muss. Wie lange sich dieser Prozess hinzieht, bis Heimischsein gelingt?“ Die Beiträge in diesem Kalender zeigen, dass es auf die Frage nach der Erschließung von Heimat nicht nur eine einzige Antwort gibt; genau genommen hat jeder seine eigene. Wie Zusammenfinden und jahrelanges gemeinsames Wirken einer Banater Kulturgemeinschaft in Deutschland dennoch möglich wurde, wird in einem Gespräch mit Anton Bleiziffer, dem Leiter des Banater Singkreises Freiburg, aufgezeigt.

Schlussfolgernd führen die Herausgeber an: „Unterschiedlich in Inhalt und Darstellungsform äußert sich in diesen Beiträgen doch etwas Gemeinsames: die brennende Frage nach der ungewissen Zukunft im Verbund mit der bedingungslosen Bereitschaft zum Neubeginn, kennzeichnend wohl für jede Zeitenwende in der Geschichte der Banater Deutschen.“ Die Beiträge über die Gründung und Entwicklung mehrerer Banater Dörfer – 250 Jahre Grabatz von Alfred Ivanov, 225 Jahre Franzdorf und 250. Geburtstag des Tiroler Freiheitskämpfers Josef Speckbacher, Begründer des Dorfes Königsgnad/Tirol, von Günther Friedmann wie auch die Berichte über die 250-Jahr-Feiern in Großjetscha und in Lenauheim im Sommer 2017 liefern dazu aufschlussreiche Belege.

Es werden aber auch weitere Gedenkanlässe des Kalenderjahres 2018 wahrgenommen: Claudiu Călin zeichnet die 350-jährige Geschichte des Gnadenbildes in Maria Radna nach; Dr. Franz Metz porträtiert
August Pummer, den Gründer des Temeswarer Philharmonischen Vereins, sowie den Perjamoscher Lehrer und Herausgeber einer Kirchenlieder-Sammlung Johann Nepomuk Grünn (1822-1893), Dipl. Ing. Josef Prunkl würdigt den Initiator des Südungarischen Landwirtschaftlichen Vereins Peter Ströbl (1843-1916), Horst Wichland den Tierheiler Franz Toutenuit (1843-1904) aus Triebswetter und den letzten Direktor des größten Zirkus’ der Welt – Rudolf Kludsky. Dr. Walther Konschitzky präsentiert zwei bedeutende, kaum bekannte Architekten, die Entwürfe zu Banater Kirchen erstellt haben.

Breiten Raum nehmen Darstellung ethnologischer und heimatkundlicher Themen ein. Gottfried Habenicht zeigt den Banater Bezug des bekannten Volksliedes „Maria saß weinend im Garten“ auf – der Autor des Textes, Freiherr von Zedlitz, lebte mehrere Jahrzehnte lang in Lowrin; Dr. Hans Gehl setzt seine Betrachtungen zu interethnischen Erscheinungsformen in der Volkskultur fort; Barbara Gaug dokumeniert den Hanfanbau im Banat, Helmut Kulhanek erinnert an den fast schon vergessenen Erbstollen in Reschitz; Dr. Volker Wollmann untersucht die Ausstattung der Freiwilligen Feuerwehren im Banat. Seine Ausführungen über die herausragende Rolle der Feuerwehr-Vereine werden durch einen Bericht über das Jubiläum der Billeder Feuerwehr und das exemplarische gemeinschaftserhaltende Wirken dieser wohl erfolgreichsten freiwilligen Formation des Banats nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigt.

Im letzten Kapitel werden „Witzstickle vum Tudljud“, des in der Banater Heide bekanntesten Gastwirts und Dorforiginals aus Triebswetter, heitere Kurzprosa von Walter Wilhelm und Mundarttexte von Rainer Kierer, Michael Stöckl und Josef Titsch gebracht. Eine Übersicht auf Banater Gedenkanlässe und Jubiläen 2018 beschließt das elfte Jahrbuch des Banat Verlags Erding, herausgegeben von Aneta und Walther Konschitzky.

Banater Kalender 2018, 312 Seiten, davon 72 in Farbe; 240 Fotografien und Illustrationen, Preis 20 Euro (zuzüglich Versand). Bestellung: Banat Verlag, Zugspitzstraße 64, 85435 Erding, Tel. 08122 / 229 3422, E-Mail: banatverlag@gmx.de