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Banater Post

Kanon der Kunstgeschichte maßgeblich geprägt

Flyer (Auszug) der Julius Meier-Graefe im März 2015 gewidmeten internationalen Tagung in Berlin

Der Tagungsband ist als Begleit-publikation zu einer Ausstellung erschienen, die das Literaturhaus Berlin in diesem Sommer aus Anlass des 150. Geburtstags des Kunstschriftstellers zeigte.

Der Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“ ehrte Julius Meier-Graefe am 10. Juni 2017, seinem 150. Geburtstag, durch die Herausgabe eines Sonderbriefs mit eigenem Sonderstempel. Das Porträt des Kunstkritikers und Schriftstellers malte Lovis Corinth (1858-1925), einer der wichtigsten und einflussreichsten Vertreter des deutschen Impressionismus, im Jahre 1912. Das Original befindet sich im Musée d’Orsay in Paris. Einsender: Josef Erwin Ţigla

Der Kunstkritiker und Schriftsteller Julius Meier-Graefe wurde vor 150 Jahren in Reschitza geboren (Teil 1) - Der Kunstschriftsteller und -kritiker Julius Meier-Graefe (1867-1935) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Kunstexperten des späten Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik. Er setzte sich für einen seinerzeit als neuartig empfundenen Umgang mit bildender Kunst ein, bei dem Aspekte der formalen Gestaltung eines Werkes gegenüber inhaltsästhetischen Fragen in den Vordergrund treten sollten. Mit seinen Büchern etablierte er eine „Schule des Sehens“, die den Kunstgeschmack der kulturellen Eliten im deutschsprachigen Raum prägen und die Kunstwissenschaft beeinflussen sollte. In seinen Schriften konzentrierte sich Meier-Graefe auf die moderne Malerei, sensibilisierte durch seine ästhetische Neubewertung und literarische Verve das deutsche Publikum für die französische Kunst des 19. Jahrhunderts und prägte maßgeblich den heutigen Kanon der Kunstgeschichte. Meier-Graefe wurde durch seine außerordentliche schriftstellerische Produktivität und sein kulturpolitisches Engagement zu einem einzigartigen Mentor moderner Kunst und zu einer zentralen Figur für den europäischen Kulturtransfer im frühen 20. Jahrhundert.

Tagung, Ausstellung und Buchpublikation

Mit der Veröffentlichung einer kommentierten Neuausgabe seines Opus magnum, der „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“, durch Benno Reifenberg im Jahr 1966 setzte die Historisierung von Meier-Graefes kunstkritischem Gesamtwerk ein. Obwohl Kenworth Moffetts Buch „Meier-Graefe as art critic“ (1973) bis heute die einzige Monografie über den Kunstkritiker ist, hat Meier-Graefe eine beachtliche publizistische Aufmerksamkeit erfahren. Neben zahlreichen in Zeitschriften und Sammelbänden erschienenen Artikeln und Aufsätzen sind unbedingt zwei von Catherine Krahmer herausgegebene und kommentierte Texteditionen zu erwähnen: ein Band mit Briefen und Dokumenten des Autors („Kunst ist nicht für Kunstgeschichte da“, 2001) und seine 1995 entdeckten Tagebuchaufzeichnungen („Tagebuch 1903-1917 und weitere Dokumente“, 2009), beide im Göttinger Wallstein Verlag erschienen.

Julius Meier-Graefes 80. Todesjahr 2015 war Anlass, diesen zu seinen Lebzeiten ebenso bewunderten wie umstrittenen Kunstschriftsteller zu würdigen und erstmals den aktuellen Forschungsstand zu seinem umfangreichen Werk und der modernen Kunstkritik um 1900 auf einer internationalen Tagung in Berlin zur Diskussion zu stellen. Die Tagung „Julius Meier-Graefe (1867-1935) – Grenzgänger der Künste“ untersuchte das „Phänomen Meier-Graefe“ in interdisziplinärer Perspektive und in seinen mannigfaltigen Facetten, zeichnete Meier-Graefes kunstschriftstellerische Konturen nach, setzte ihn ideengeschichtlich in den Kontext seiner Zeit und fragte nach der Bedeutung seiner Kunstauffassung für die Gegenwart.

Der von Ingeborg Becker und Stephanie Marchal herausgegebene Tagungsband „Julius Meier-Graefe. Grenzgänger der Künste“, in vorzüglicher Aufmachung im Deutschen Kunstverlag Berlin/München erschienen, liegt seit kurzem vor. Die Publikation ist zur gleichnamigen Ausstellung erschienen, die das Literaturhaus Berlin aus Anlass des 150. Geburtstags des streitbaren Kunstschriftstellers und einflussreichen Kunstkritikers vom 10. Juni bis 16. Juli 2017 zeigte.

An diesen Jahrestag erinnerte auch der Kultur- und Erwachsenenbildungsverein „Deutsche Vortragsreihe Reschitza“, zumal Julius Meier-Graefe in der Stadt an der Bersawa geboren wurde. Wie schon zum Gedenken seines 80. Todestages brachte der Verein auch diesmal einen Sonderbrief mit eigenem Sonderstempel heraus. Ein Zeichen, dass Julius Meier-Graefe in seinem Südbanater Geburtsort nicht vergessen ist, obwohl Reschitza eine formelle Eintragung in seinem Geburtsschein blieb.

Familiäre Herkunft und Studienjahre

Julius Meier-Graefe kam am 10. Juni 1867 in Reschitza zur Welt, wo sein Vater, Eduard Meier, zeitweilig als Ingenieur arbeitete. Beide Elternteile stammten aus Halle. Der Großvater väterlicherseits war Professor für klassische Philologie und Geschichte an der Universität Halle. Eduard Meier ergriff den Beruf des „Eisenhüttenmannes“ und wurde zu einem der bedeutendsten Ingenieure der deutschen Eisenindustrie. Die Mutter Maria, geborene Graefe, war die Tochter eines Majors, ihre Familie brachte bedeutende Mediziner hervor. Sie starb bei der Geburt ihres zweiten Sohnes Julius, der sich in Erinnerung an sie schon früh den klangvolleren Doppelnamen Meier-Graefe gab. Mit seiner Stiefmutter, Clothilde Vitzthum von Eckstädt, die bald nach seiner Geburt ins Haus kam, verband ihn eine enge Beziehung, die über Jahrzehnte anhalten sollte.

Das Eisenwerk in Reschitza war für Eduard Meier nur der Beginn einer steilen beruflichen Karriere. Bereits 1868 kehrte die Familie wieder nach Deutschland zurück. Nach Zwischenstationen im Rheinland und in Westfalen avancierte Meier zum Generaldirektor eines der größten Eisenhüttenkonzerne im oberschlesischen Friedenshütte. In einer Anfang der 1920er Jahre verfassten autobiografischen Lebensskizze erachtete es Julius Meier-Graefe als Glücksfall, dass ihm die Berufswahl seines Vaters letztlich „den Vorzug verschaffte, auf ungarischem Boden zur Welt zu kommen und eine
Zigeunerin als Amme zu haben“. Er ist nie wieder in seinen Geburtsort zurückgekehrt. Nur in seinem autobiografischen Roman „Der Vater“ (1932) hat Meier-Graefe über seine Geburtsheimat geschrieben. Gegen Ende seines Lebens scheint der Schriftsteller mit dem Regionalhistoriker, Verleger und Kulturförderer Franz Wettel in Kontakt gestanden zu sein, dem er ein kleines literarisches Werk zur Veröffentlichung überließ. Die Novelle „Fitzholm“ ist Anfang der 1930er Jahre in der von Wettel herausgegebenen Reihe „Deutschbanater Volksbücher“ erschienen.

Berliner Jahre: Schriftstellerei und „Pan“-Gründung

Dem väterlichen Wunsch nach einer Ingenieurlaufbahn hat sich Meier-Graefe nach kurzen Studienaufenthalten in München, Zürich und Lüttich verweigert und auch seine geisteswissenschaftlichen Studien in Berlin, wohin er 1890 übersiedelt war, beschränkten sich auf wenige Semester. Das Großstadtleben Berlins erwies sich durch seine künstlerischen und intelektuellen Kreise als inspirierend für Meier-Graefe, der hier bereits frühzeitig als Schriftsteller hervortrat, eine Profession, die seinen weiteren Lebensweg prägen und auch für sein kunstkritisches Schreiben relevant bleiben sollte. Sein Erstlingswerk, die Novelle „Ein Abend bei Excellenz Laura“, ist 1892 in „Westermanns Monatsheften“ erschienen, im Jahre 1893 veröffentlichte er seinen ersten Roman „Nach Norden“, in dem sich die literarische Nordlandbegeisterung jener Jahre widerspiegelt.

Meier-Graefe fand in Berlin Anschluss an die Boheme und verkehrte in den Salons der mondänen Welt. Mit seinen Freunden förderte er nach Kräften den damals in Berlin lebenden norwegischen Maler Edvard Munch, dessen Werke anfangs auf breite Ablehnung trafen. Für die 1894 im Verlag von Samuel Fischer erschienene Broschüre „Das Werk des Edvard Munch“ steuerte er einen Beitrag bei, es war sein erster kunstkritischer Essay überhaupt. Die von ihm ein Jahr später herausgegebene Mappe mit acht Radierungen des Künstlers erzielte eine beachtliche Wirkung und dürfte zu dem hernach langsam einsetzenden Ruhm Munchs wesentlich beigetragen haben.

Aus dem Milieu der Boheme heraus entstand 1894 die Idee zu der bibliophilen Kunst- und Literaturzeitschrift „Pan“. Meier-Graefe gehörte zu den Mitbegründern der Zeitschrift, die zwischen 1895 und 1900 in Berlin erschien und als eines der wichtigsten Organe des Jugendstils in Deutschland gilt. Neben dem Schriftsteller Otto Julius Bierbaum, der den literarischen Teil betreute, suchte Meier-Graefe die neueren künstlerischen Bestrebungen, insbesondere den französischen Impressionismus, bekannt zu machen. Über Henri de Toulouse-Lautrecs Lithografie „Mlle. Marcelle Lender, en buste“, die Meier-Graefe in Paris angekauft und in der dritten Nummer des „Pan“ veröffentlicht hatte, kam es zum Streit. „Das Blatt rief im Berliner Aufsichtsrat eine Revolution hervor. Die Jungen jubelten, die Alten fanden es scheußlich und das deutsche Gefühl verletzend“, erinnert sich Meier-Graefe in seiner „Autobiographischen Skizze“. Bierbaum und Meier-Graefe mussten sich der konservativen Mehrheit im Aufsichtsrat beugen und schieden aus der Redaktion aus. Meier-Graefe, der bereits damals kosmopolitisch dachte, sah sich mit nationaler Engstirnigkeit konfrontiert. „Wenn wir den ausländischen Einfluss leugnen, thun wir vielleicht den inländischen Künstlern einen zweifelhaften ökonomischen Gefallen, sicher nicht der Kunst, der wir doch in erster Linie dienen wollen“, schrieb er 1895 an den Direktor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.

Pariser Jahre: Kunstgewerbe und moderne Kunst

Enttäuscht verließ Julius Meier-Graefe mit seiner Frau Anna im November 1895 Berlin, um sich in Paris niederzulassen. Hier erst begann sein eigentliches „Kunststudium“, wie er es nennt. „Bald merkte ich, wo die richtigen Leute saßen, sah Manet, Renoir, van Gogh, Cézanne, Delacroix, Corot. Die Reihe bezeichnet die chronologische Folge meiner Entdeckungen“, schreibt Meier-Graefe. Zunächst arbeitete er als künstlerischer Leiter für Siegfried Bings Salon de L’Art Nouveau, der sich der neuen kunstgewerblichen Stil-bewegung verschrieben hatte. Nachdem er durch den Tod seines Vaters in den Besitz eines stolzen Vermögens gelangt war, machte er sich selbständig und eröffnete 1899 das Kunsthaus La Maison Moderne. Mit seinem Kunstsalon und der 1897 zusammen mit Ferdinand Bruckmann gegründeten Zeitschrift „Dekorative Kunst“, zu der es ab 1898 auch ein französischsprachiges Pendant gab („L’Art décoratif“), bezweckte Meier-Graefe, das Kunstgewerbe als eine Form von industrialisierter Kunst zu etablieren und den Art Nouveau als radikalen künstlerischen Neubeginn, als Gegenbewegung zum rückwärtsgewandten Historismus zu positionieren.

Nachdem sich Meier-Graefe in den ersten Jahren seiner Pariser Zeit vorrangig mit dem Kunstgewerbe beschäftigt hatte, richtete er sein Augenmerk nach der Jahrhundertwende mehr und mehr auf die reine Kunst, die Malerei. Sein erstes Pariser Buch, 1898 zweisprachig erschienen, widmete er dem avantgardistischen Schweizer Künstler Félix Vallotton und dessen druckgrafischen Werk. Im Jahr 1902 sind dann in Berlin seine Bände „Der moderne Impressionismus“ sowie „Manet und sein Kreis“ erschienen, die Meier-Graefe als einen der besten Kenner der französischen Malerei des 19. Jahrhunderts auswiesen. Zudem begann er mit der Niederschrift seines ambitioniertesten Werks, der „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“. Er war für ein solches Buchprojekt geradezu prädestiniert, weil er in ungewöhnlich intensiver Weise am Kunstleben seiner Zeit teilhatte und dies nicht rein akademisch, sondern meist im Rahmen von publizistischer Tätigkeit, Ausstellungskonzeptionen und Kunsthandel.

In der ersten Auflage 1904 erschien das dreibändige Werk mit dem Untertitel „Vergleichende Betrachtung der bildenden Künste, als Beitrag zu einer neuen Ästhetik“. Meier-Graefe schrieb demnach eine Entwicklungsgeschichte der Kunst, aus der er deren Wesen, den inneren Sinn der Kunst zu destillieren hoffte, um damit eine neue Ästhetik und eine „einheitliche Kunstbetrachtung“ zu begründen. Die „Entwicklungsgeschichte der modernen Kunst“ ist bahnbrechend gewesen, zumal es
ihrem Verfasser gelungen war, den Gang der Kunst im 19. Jahrhundert, in einer ihrer vielfältigsten Perioden, formanalytisch zu sichten und in ein Ordnungssystem zu bringen. Sie bleibt seine bekannteste und wirkmächtigste Publikation. „Das war die Bibel. Das haben sie alle gelesen, die sich bis 1933 in Deutschland kunstpublizistisch betätigten. Oder Kunst sammelten. Und/oder ausstellten“, schrieb Tilman Krause, der Leitende Feuilletonredakteur der Zeitung „Die Welt“, anlässlich der Meier-Graefe-Ausstellung im Literaturhaus Berlin.