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Banater Post

Liebe – der dunkle Magnet

Die im Banat geborene und in Ulm lebende Künstlerin und Autorin Ilse Hehn stellt in ihrem neuen Buch „Sandhimmel“ das Thema Liebe in den Mittelpunkt sowohl ihrer lyrischen Beschreibung als auch ihrer wörtlich zu verstehenden Bildbetrachtung. Inspiriert von bedeutenden Werken großer Maler wie
Otto Dix, Pablo Picasso, Marc Chagall, Gustav Klimt, Egon Schiele und vielen anderen, greift sie die Kernelemente des Dargestellten auf und antwortet mit Gedichten, sodass ein Dialog zwischen Bild und Text entsteht. Darüber hinaus verleiht sie dem jeweiligen Kunstwerk ihre eigene Note durch Übermalungen, ohne dadurch den ursprünglichen Charakter zu zerstören. Farbkleckse, Schlieren, Kreise, Striche und schwungvolle Rundungen sorgen für eine neue Dynamik und zeugen von der individuellen Anschauungsweise der Autorin. Auf jeder Doppelseite stehen sich Bild und Text gegenüber. Die dadurch verstärkte Ausdruckskraft sorgt für einen oft fließenden Übergang vom Bild zum Text und umgekehrt. Was Ilse Hehn hier zwischen Hall und Widerhall gelingt, erschließt sich dem Leser, der sich diesem hochwertig gearbeiteten und inhaltlich anspruchsvollen Buch intensiv widmet, als Spiegelbild vielfältiger Befindlichkeiten.

Das Thema Liebe, ein besonders in der Lyrik viel strapaziertes, oft abgedroschenes Thema, läuft allzu oft Gefahr, in Kitsch abzugleiten. Ganz anders hier: Ilse Hehn geht schonungslos und radikal mit den vielen Facetten der Liebe um. Man kann also davon ausgehen, dass ihr „Sandhimmel“ geerdet ist: „du kannst mich reinlegen“. Frech, radikal, ironisch bis hin zum bitteren Sarkasmus – Ilse Hehn nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die dunklen, triebhaften und verletzenden Seiten von Erotik und Sinnlichkeit aufzuzeigen. Wer völlig desillusioniert ist, scheint „Im Bilde“ zu sein, wie der Titel eines Gedichts lautet. Es ist ein Bild mit winterlichem Rahmen im Wonnemonat Mai. Das ist aber, laut Ilse Hehn, „kein Grund zur Panik / Whisky her / die Rechnung bitte“, denn – „Hey Liebe – ich hab noch eine Rechnung offen.“

Doch es gibt auch jene elegische Stimmung, die Ilse Hehn in einer ganz anderen Tonlage anzusprechen und auszusprechen weiß, in welcher die Liebe „der Seele Trauerrand öffnet“, und jene Einsamkeit, in der man „im Innersten nicht mehr erreichbar“ ist, wenn „im Sterben die Blätter fallen“.

Ilse Hehn kennt die vielen Facetten des Phänomens Liebe, das letztlich nicht zu fassen, sondern immer nur zu umkreisen und zu umschreiben ist. Die Liebe ist „ein weites Gefühl dieses Spiel / da wir zurückfallen in uns und staunen.“ Im Gedicht „Liebe“ wird litaneiartig aufgezählt, was die von Egon Schiele gemalte Frau mit derselben bereits „angefangen“ hat. Das reicht vom Vergolden bis zum Verhöhnen, Auspfeifen und Vergraben. Aber letztlich hat sie sie, ähnlich wie im Märchen, „auch / über sieben Berge getragen“.

Zwischen Unentrinnbarkeit und Unmöglichkeit angesiedelt sind die beiden Gesichter, die uns die Liebe zeigen kann. Der so genannte siebte Himmel ist dem Tod oft gefährlich nahe. Eros und Thanatos sind Geschwister und Rivalen seit jeher. Der auf Lebenserfahrung basierende Rat der Autorin lautet deshalb: „Liebe / das kann auch Abstand / bedeuten zwischen dir / und mir / Distanz / die uns das / Schwimmen ermöglicht.“

Mit den Mitteln der Sprache schlägt Ilse Hehn einen weiten Bogen um dieses unerschöpfliche Thema, das auch die hellen und faszinierenden Momente mit einschließt. So entstehen Sprachbilder von großer Schönheit und Vielschichtigkeit: „Im Schneefall / pflücken wir in unseren Augen Äpfel“, oder „zwischen den Augen trocknen die Feldwege ab“.

Und letztlich liegt über allen Dissonanzen ein unüberhörbar versöhnlicher Ton, einer, der sich an ein uraltes biblisches Wort anlehnt mit der Erkenntnis: „Doch noch immer wehrt Liebe dem Tod.“
Eingestreut und vornehmlich im letzten Drittel des Buches zu finden sind noch Gedichte, die andere Themen aufgreifen, wie zum Beispiel „Ost-Aleppo 2016“, aber auch das Betrachten von Naturphänomenen und ihre lyrische Umsetzung. Die für Ilse Hehn inzwischen wohl zur zweiten Heimat gewordene Stadt Ulm wird mit einer sehr phantasievollen Hommage bedacht: „Mächtig atmet der Münsterturm mit kalter Brust / die Donau / ihr langer Geigenton der Sehnsucht“. Mit ihrem
eigenständigen Gemälde „Landschaft bei Ulm“ und dem Gedicht „Schwäbisches Motiv“ stimmt die Autorin eine „Ode an die Freude“ an, während sich „Nebel über Heimatlob“ legt. Wie auch im Gedicht mit dem Titel „Ulm oh Ulm ach“, welches laut Anweisung der Autorin „scherzoso“ – also scherzhaft – zu intonieren sei, ist auch hier der zynische Unterton unverkennbar und – ich zitiere die Worte des Verlegers auf der Cover-Rückseite des Buches – „irritiert, amüsiert, lässt schmunzeln und macht vor allem: Peng!“

Ilse Hehn ist zu der Erkenntnis gekommen, dass „das Wort viel zu schwach ist / für die Dauer einer Umarmung“ und hat mit ihren Übermalungen ins Bild gesetzt, was sich ohne Worte sagen lässt. Möge der Leser, der beidem nachspürt, sich Zeit nehmen und sich durch die in diesem Buch waltende Kunst und Poesie (ver)führen lassen, bis sich so mancher Nebelschleier, der über dem Reich der Liebe liegt, zu lichten beginnt.

Ilse Hehn: Sandhimmel. Lyrik & Übermalungen. Ulm: danube books Verlag, 2017 (edition textfluss). 105 Seiten. ISBN 978-3-946046-06-6. Preis: 18 Euro. Zu bestellen über den Buchhandel oder direkt beim Verlag unter www.danube-books.eu.