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Banater Post

In Temeswar in über 150 Rollen aufgetreten

Josef Jochum (1930-2017) Foto: HOG Knees

Zum Ableben des in Knees geborenen Schauspielers und Regisseurs Josef Jochum - Als Schauspieler und Musiker, als Regisseur, Autor und Komponist prägte er 35 Jahre lang die Geschicke des Deutschen Staatstheaters Temeswar, dem er vor allem in den 1980er Jahren kaum zu überschätzende Dienste leistete – nun ist Josef Jochum am 15. April im Alter von 86 Jahren in Wilhermsdorf in Bayern gestorben.

Geboren wurde er am 16. Dezember 1930 in Knees. Jochum wuchs in einer Zeit auf, die gezeichnet war von den Wirren und Entbehrungen des Zweiten Weltkriegs und der unmittelbaren Nachkriegszeit. Schon früh verlor er gewaltsam seinen Vater, was ihn Zeit seines Lebens nicht mehr losgelassen hat. Nach der Grundschule in seinem Heimatort besuchte er ab 1941 das Realgymnasium in Temeswar (ab 1942 Lenau-Schule) bis zu dessen Auflösung nach dem Front- und Regimewechsel Rumäniens im Sommer 1944. Unter den neuen Gegebenheiten entschied er sich zum Besuch der Technischen Fachschule in Reschitza, wo er das Handwerk eines Modelltischlers erlernte. Bis zum Militärdienst arbeitete er dann in dem Betrieb „Tehnolemn“ in Temeswar.

Mit 22 Jahren trat Jochum, der schon früh in den Genuss einer soliden musikalischen Ausbildung gekommen war, zum ersten Mal als
Gesangssolist auf. Seine künstlerische Begabung konnte er während des Militärdienstes in Bukarest ausleben. Jochum entdeckte seine Liebe für die Bühne und erhielt seine große Chance 1954, als das Temeswarer Deutsche Staatstheater einen Schauspieler-Wettbewerb ausschrieb. Er setzte sich gegen mehr als 100 Konkurrenten durch und kam unter die besten drei. Damit sicherte er sich eine der begehrten Stellen an der deutschen Bühne in Temeswar. Diese betrat er erstmals – nachdem er seine schauspielerischen Fähigkeiten perfektioniert hatte – als Figurant in Schillers „Kabale und Liebe“ (1955). Seine erste große Rolle war 1957 die des Erzählers in dem Märchenspiel „Die Schneekönigin“ von Jewgenij Schwarz.

Als Schauspieler war Jochum vielseitig einsetzbar. Er trat als Charakterdarsteller ebenso auf wie in Lustspielen, in banatschwäbischen Stücken oder bei den Showabenden des Theaters. Und er hat auch zu den schwierig zu vermittelnden rumänischen Stücken und zu den Bühnenwerken Banater deutscher Autoren sein Scherflein beigetragen. Insgesamt trat Josef Jochum in über 150 Rollen am Deutschen Staatstheater auf. In den klassischen Stücken wartete er mit gut gestalteten, prägnanten Charakterrollen auf. Er spielte unter anderem in Molières „Der Geizige“ (1958), in Schillers „Die Räuber“ (1960) und „Maria Stuart“ (1965), in Goethes „Egmont“ (1963), in Hauptmanns „Der Biberpelz“ (1971), in Nestroys „Das Mädl aus der Vorstadt“ (1974), in Kehrers „Narrenbrot“ (1974), in Lessings „Minna von Barnhelm“ (1975), in „Der Tod eines Künstlers“ von Horia Lovinescu (1975), in „Die schöne Helena“ von Peter Hacks (1977) oder in „Lob der Torheit“ von Dumitru Solomon (1983).

Dank seines schauspielerischen Talents, seiner Mobilität und Flexibilität, seiner Freude am Improvisieren ist es Josef Jochum gelungen, in vielen Rollen – in kleineren wie in großen – Höchstleistung zu bringen. Das wusste auch die Theaterkritik zu würdigen. Emmerich Reichrath schrieb beispielsweise über Jochums Leistung in Carl Sternheims Komödie „Die Kassette“ (1978): „Für Josef Jochum bedeutet die Rolle des Krull, an der sich in der Hauptsache das Paradigma des Stückes vollzieht, einen wahren Marathon durch immer wechselnde Situationen, vom sinnenbetörenden Geck über den unterwürfigen Erbschleicher bis zum selbstherrlichen (vermeintlichen) Kapitalbesitzer, der in unübertrefflicher Oberlehrermanier von Aktien und Tantiemen mit ähnlichen Phrasen schwärmt wie von Goethe und dem Rhein und der sich in seiner Verblendung zu dem Wunschtraum versteigt, ‚Menschen zu meiner Wollust auszubeuten‘. Jochum ist ganz auf der Höhe der Rolle, die ihm in kontrast- und spannungsreichen Dialogszenen und mehreren großen Monologen reichlich Gelegenheit gibt zur Entfaltung seines vielseitigen Könnens.“

In 16 Inszenierungen führte Josef Jochum Regie. Den größten Erfolg verzeichneten die Unterhaltungsprogramme und seine eigenen „Volksstücke“, in denen er sich als Darsteller und Musiker besonders wohlfühlte. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich die musikalischen Vorstellungen, bei denen er Regie führte. „1000 Melodien, ein Wunschkonzert für Jung und Alt“ (1980) lockte rund 20000 Zuschauer ins Theater. Damit begann eine Erfolgsserie, die sich mit den Programmen „Mitgesungen – mitgelacht“ (1982), „E Schwowestick … mit Blechmusik“ (1982) und „Melodien unter Tannenbaum“ (1983-1985 und 1987) fortsetzte. Jochums Erstling „Es war einmal…“ (1983) brachte es auf nur 19 Aufführungen, aber es folgte ein Renner nach dem anderen: „In Wiesetal is Karneval“ (1984) wurde 70 Mal präsentiert, „In Fuchsberg is de Teiwl los“ (1985) 78 Mal, „Buwe juxt, die Motter heirat“ brachte es auf 64 Aufführungen, „Tatort Fuchsberg“ (1987) war 67 Mal zu sehen und „Die Schenke zur blonden Christine“ (1988) 56 Mal.

Jochums eigene Stücke waren volkstümlich-komödiantisch angelegt und unterhielten mit viel Musik. Es lag in seiner Absicht, schwäbische Charaktere zu zeichnen und eine einfache, überschaubare Handlung rund um ein wichtiges Ereignis im Jahreslauf bzw. um einen volkstümlichen Brauch aufzubauen, sozusagen als Vorwand für die musikalischen Darbietungen. In seinem „Tatort Fuchsberg“ stand beispielsweise die Schweineschlacht in einem schwäbischen Dorf im Mittelpunkt. Beim Publikum kamen die Stücke äußerst gut an und bescherten dem Theater so viele Besucher, dass es mit ihrer Hilfe gelang, sein Fortbestehen in Zeiten des allgemeinen Niedergangs und der massiven Aussiedlung zu sichern – wie Horst Fassel in seinem 2011 erschienenen Buch „Das Deutsche Staatstheater Temeswar (1953-2003). Vom überregionalen Identitätsträger zum experimentellen Theater“ aufzeigt.

1990 siedelte Jozsi, wie Josef Jochum von allen genannt wurde, mit seiner Frau Elisabeth nach Bayern aus, wo die Familie zunächst in Nürnberg lebte und später dann nach Wilhermsdorf zog. Er hinterlässt seine Ehefrau, zwei Kinder, Enkelkinder und eine Urenkeltochter. Die Trauerfeier mit Beisetzung fand am 2. Mai auf dem Wilhermsdorfer Friedhof statt.