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Banater Post

Leingarten: Musikalische Reise durch das Banater Kalenderjahr

Fulminanter Abschluss des Benefizkonzertes: die Sanktannaer Blasmusikkapelle und das Jugendblasorchester Leingarten spielen gemeinsam das Abschiedsstück „Bis bald, auf Wiedersehn“. Foto: Josef Budean

Es kamen rund 250 Besucher in das Kulturgebäude in Leingarten, um die Faszination der Blasmusik in all ihren Facetten – mal genretypisch, mal konzertant und modern, mal poppig – hautnah zu erleben. Den ganzen Abend hindurch unterhielten bis zu 50 Musiker ein beifallsfreudiges Publikum, das sich den 18. März 2017 mit einem fulminanten Konzert des Jugendblasorchesters Leingarten und der Blasmusikkapelle Sanktanna versüßen ließ. Keine Sekunde Langeweile, gut aufgelegte Musiker und ein klug ausgewähltes Programm machten den Abend zu einem wahren Genuss. Und man hatte ein großes Repertoire parat, von Märschen, Walzer und Polkas über Musicals bis hin zu Popmusik.

Mit dem Einsatz der ersten Marschtakte „Arad an der Marosch“ öffnete sich der Bühnenvorhang. Das war der Auftakt für eine musikalische Reise durch das Banater Kalenderjahr. Mit vorwiegend arrangierten Stücken der Banater Kapellmeister Nikolaus Marx und Lambert Steiner erklangen im ersten Teil des Benefizkonzertes vertraute und unvergessene Stücke der Sanktannaer Blaskapelle unter der Leitung von Josef Wunderlich.

Der 2016 gegründete Förderverein Mutter-Anna-Kirche Sanktanna hatte zu einem Benefizkonzert in Leingarten eingeladen. Der Vorsitzende des Vereins, Ministerialdirigent Herbert Hellstern, begrüßte die Gäste und eröffnete den Abend mit Reiseerinnerungen aus dem Banat. Gemeinsam mit einer Delegation des damaligem baden-württembergischen Innenministers Reinhold Gall besuchte er 2015 das Kirchweihfest in Sanktanna, wo er nicht nur die Namensverwandtschaft mit den Hellsterns entdeckte, sondern auch „mit dem Herzen ein Sanktannaer“ wurde. Hellstern stellte die Entstehungsgeschichte sowie Zweck und Ziel des Vereins vor: die Erneuerung des
Daches der Mutter-Anna-Kirche in Sanktanna. Die bei diesem Benefizkonzert gesammelten Spenden von über 4000 Euro werden ausschließlich für die Renovierung des Kirchendaches der Mutter-Anna-Kirche in Sanktanna verwendet. Über die bereits begonnenen Arbeiten wurde im Laufe des Abends mit eindrucksvollen Bildern berichtet. Katharina Hell, Schriftführerin des Fördervereins, und Anton Bleiziffer hatten das Konzept der Veranstaltung entwickelt, sie führten auch gemeinsam durch den Abend.

Das kräftig von allen mitgesungene Namenstagslied anlässlich des Vorabends zu „Josefe“ war der Auftakt zur musikalischen Reise im März. Im Wonnemonat Mai gab es immer viel zu feiern in Sanktanna, viele Hochzeiten und die traditionellen Maibaumfeste, abwechselnd jeden Sonntag in einem anderen Viertel. Das war eine „Hoch-Zeit“ auch für die Blasmusikkapellen: Es gab viele Einsätze von schwungvoller Blasmusik in ihrer Urform. Diese hatten die bekannten Banater Kapellmeister Steiner und Marx um 1870 nach Sanktanna gebracht. Lange Jahre gab es mehrere Kapellen im Ort. Bei Blasmusik tanzte die Jugend damals in Tracht um den Mai- oder Kirchweihbaum. Blasmusik hatte auch ihren festen Platz im Familienleben, bei Hochzeiten und Beerdigungen war sie stets Begleiter.

Die Monate Juni und Juli waren regelmäßig für die Kirchweihfeste in Alt- und Neusanktanna reserviert. In Erinnerung an das 100. Kirchweihfest 1968 überreichte Anton Bleiziffer der Musikkapelle eine selbstkom-ponierte Partitur der damaligen Kirchweihpolka. Vielleicht gelingt es, diese Polka auch 2018 zum 150. Kirchweihjubiläum wieder erklingen zu lassen.

Der heißeste Monat August war ein Hochzeits- und Wallfahrtsmonat. Jährlich pilgerten die Sanktannaer nach Maria Radna. Hier und bei verschiedenen anderen kirchlichen und anderen Festen und Veranstaltungen waren die Musikanten im Einsatz. Beste Beispiele aus dem musikalischen Hochzeitsrepertoire waren die Stücke „Ein Traum der Liebe“ und „Jugendlustpolka“. Einige Stücke wurden gesanglich von Franz Kress, Anton Kappes und Franz Kress begleitet.

Der Herbst schließlich lud zu verschiedenen Tanzveranstaltungen ein: zum Rekruten-, Trauben- oder Männerball. Aus diesem Repertoire wurden aufeinander abgestimmte donauschwäbischer Weisen, wie zum Beispiel „Die fesche Zigeunerin“ oder der „Oh ja“-Ländler mit dem klingenden Klarinettensolo gespielt. Anspruchsvolle Stücke meisterten die Akteure gut dosiert, alle Facetten der Hölzer und des Blechs auslotend.

Was für einen Kontrast erwartete das Publikum im zweiten Teil des Benefizkonzerts! In einer bunten
Mischung aus leichter Unterhaltung, klassischen Elementen und Popmusik, gepaart mit solidem Handwerk, überraschte das Jugendblasorchester der Musikvereinigung Leingarten mit seinen eloquenten und ausgewogenen Darbietungen. Die unverkennbare Handschrift von Lukas Leber war stets im kompetenten Dirigat zu spüren. Es war ein schwungvoller Auftakt mit dem Erzherzog-Albrecht-Marsch. Mit einem hörenswerten Medley aus „Phantom der Oper“ und aus dem Musical „Joseph“ vermochte das junge Orchester die unsterblichen Songs von ABBA dem Publikum näher zu bringen, das Tempo gut dosierend, rhythmisch perfekt und anmutig variabel abgestuft. Mit stürmischem Applaus und Standing Ovations forderte das Publikum weitere Zugaben. Klatschend, im Rhythmus des Radetzky-Marsches, wurden die Jungmusiker verabschiedet. Ein herzlicher Dank geht an dieser Stelle an Ute Künzel vom Vorstand der Musikvereinigung Leingarten und an den Dirigenten. Beide haben ohne Zögern zugesagt, beim Benefizkonzert mitzuwirken und einen Teil der Organisation zu übernehmen.

Wieder zurück bei der musikalischen Reise durch das Sanktannaer Kalenderjahr: Zum Allerheiligen-Monat November wurde mit dem traditionellen Trauermarsch und einer Schweigeminute der verstorbenen Musikanten gedacht. Verstohlen wischte sich so mancher eine Träne weg, die Erinnerungen an die feier-lichen Begräbnisrituale und an verstorbene Familienangehörige waren spürbar. Den Abschluss der Ballsaison bildete stets der Kathreinenball Ende November. Weihnachten sowie Neujahr waren die letzten Termine im musikalischen Jahreskalender. An beiden Festtagen erklangen vom Kirchturm die Lieder „Stille Nacht“ bzw. das Neujahrslied. Der musikalische Jahreszyklus startete wiederum im Januar mit dem Trachtenball und der anschließenden Faschingszeit.

An diesem Abend spannte sich deutlich sichtbar ein musikalischer Bogen von traditioneller Blasmusik hin zu zeitgenössischer Musik mit Musical und Pop. Ein breites und abwechslungsreiches Repertoire wurde dargeboten. Immer wieder bemerkenswert erleben wir unsere Sanktannaer Blaskapelle, die die überlieferten und arrangierten traditionellen Musikstücke, deren Urheber weitgehend unbekannt sind, bestens beherrscht. Gut aufeinander abgestimmt, rhythmisch, üppig in der Tonfülle präsentierten sie ihr Können.

Und wieder haben wir erfahren: Musik verbindet Menschen, Musik schlägt Brücken. Das war ein gelungener Austausch über kulturelle Grenzen hinweg. Das war auch ein hervorragender Abschluss, als beide Kapellen gemeinsamen das Abschiedsstück „Bis bald, auf Wiedersehn“ spielten. Die musikalischen Leistungen wurden mit großem Beifall honoriert. Anhaltender Schlussapplaus und strahlende Gesichter zeigten, dass restlos alle Gäste von dem Programm und der Kombination aus Blaskapelle und Jugendblasorchester beeindruckt und begeistert waren.

Ein herzlicher Dank geht an die Musiker für den unvergesslichen Abend und an die Organisatoren, Helferinnen und Helfer für ihren Beitrag zum Gelingen der Veranstaltung. Besonderer Dank gebührt Dr. Swantje Volkmann, Kulturreferentin für Südosteuropa am Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm, für
ihre freundliche Unterstützung und Projektförderung. In seinem Schlusswort dankte Herbert Hellstern allen, die mitgewirkt und mitgeholfen haben, und ganz besonders den vielen Besucherinnen und Besuchern für die Spendenbeiträge zum Erhalt unserer christlichen Tradition und des christlichen Erbes unserer Vorfahren – der Mutter-Anna-Kirche in Sanktanna.