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Banater Post

Die Wiederentdeckung des Südostens: Temeswar im Banat ist europäische Kulturhauptstadt 2021 (Teil 1)

Ihren nach dem Ersten Weltkrieg verwirklichten Besitzanspruch auf das Banat dokumentierten die Rumänen mit der Errichtung ihrer orthodoxen Kathedrale in den Jahren 1936-1941 (Weihe 1946). Die Aufnahme entstand um 1970, der Boulevard hieß damals „Bulevardul 30 Decembrie“. Die Ansichtskarten stammen aus der Sammlung Peter-Dietmar Leber.

Der von Jugendstilpalästen gesäumte Korso wurde in den letzten Jahren der ungarischen Herrschaft angelegt und entwickelte sich zum Herzstück der Stadt. Der Boulevard hieß ursprünglich „Ferencz József-út“, in der Zwischenkriegszeit nannte er sich „Bulevardul Regele Ferdinand I.“.

„Temeswar erlebt jetzt das Schönste, was einer Stadt widerfahren kann... Sie haben die Mission, die Stadt in eine Bühne zu verwandeln.“ Das gab der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis der Kulturhauptstadt von 2021, Temeswar, mit auf den Weg für die nächsten Jahre, und es mögen dabei die Erfahrung und auch der Stolz mitgewirkt haben, die er selbst 2007, damals noch als Bürgermeister der Kulturhauptstadt Hermannstadt, durchlebt hat. In Temeswar verstehen die dafür Verantwortlichen ihre Aufgabe, durchaus im Sinne des Staatspräsidenten, in einer zunehmenden Integration, was die Erreichung europäischer Standards sowie den konstanten Dialog mit allen Partnern voraussetzt.

Dass zugleich mit Temeswar auch Neusatz/Novisad in Serbien und Elefsina in Griechenland als Kulturhauptstädte 2021 benannt worden sind, lässt die zunehmende Aufmerksamkeit innerhalb der Union für den geschichtsträchtigen europäischen Südosten erkennen. Hier ist noch
einiges im westlichen Bewusstsein wie auch im politischen Verständnis nachzuholen, und es könnte vor allem die Banater Metropole Temeswar sein, der dabei eine Schlüsselposition zufällt. 1969 beging die Stadt ihre 700-Jahr-Feier, ihre Anfänge aber dürften bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen – das Temescher Komitat wird urkundlich bereits 1177 erwähnt. Ins europäische Blickfeld geriet die Stadt 1307, als der ungarische König Karl Robert von Anjou in der Stadt ein Schloss errichten ließ und hier einige Jahre hindurch Hof hielt. 1397 berief König Sigismund (Siegmund) von Luxemburg den Reichstag nach Temeswar, um der zunehmenden Bedrohung durch die nach Europa vordringenden Osmanen zu begegnen. Bis ins späte 19. Jahrhundert wird die türkische Invasion auf dem Balkan, die zweimal bis vor die Tore Wiens führte, das Abendland bedrängen und vor allem den Balkanvölkern heftige Abwehrkämpfe aufzwingen. Dem im befestigten Temeswar residierenden Feldherrn und Reichsverweser Ungarns Johann Hunyadi gelang es noch in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, dem osmanischen Ansturm erfolgreich zu begegnen, und Paul Kinizsi, 1478 zum Grafen von Temeswar ernannt, verstand es auch in den Folgejahren, den Feind in abenteuerlichen Kriegszügen auf Distanz zu halten.

Zwei nicht vorhersehbare Ereignisse waren es dann, die Temeswar und das Banat für die nächsten zwei Jahrhunderte in eine historische Blockade versetzen sollten: die das Land und die Stadt verheerende Pestseuche von 1509 und der Bauernkrieg Georg Dózsas von 1514, der Zehntausende Opfer forderte und die Wehrkraft und Wehrbereitschaft des Landes erheblich schwächte. Belgrad fiel 1521 in türkische Hände, und nur fünf Jahre später verlor in der Schlacht bei Mohács der ungarische König Ludwig II. Leben und Land an die siegreichen Osmanen. 1552, am 30. Juli, übergab nach harter Gegenwehr Stefan Losonci auch die Festung Temeswar den türkischen Belagerern. Sie sollte 164 Jahre lang in ihrem Besitz bleiben. Erst mit der osmanischen Niederlage von 1683 vor Wien vollzog sich ein Wandel im militärischen Kräfteverhältnis, der 1716 die Rückeroberung auch der Festung Temeswar durch das von Prinz Eugen von Savoyen befehligte kaiserliche Heer ermöglichte.

Seither sind 300 Jahre vergangen, und es waren gute und weniger gute Zeiten darunter mit Kriegen, Aufständen und Seuchen, Hoffnungen, Enttäuschungen und neuen Machtverhältnissen. Die Stadt aber wuchs, sprengte den sie umgürtenden Festungsring, legte Gärten an und verschob die Stadtmitte ins vormalige Glacis, zaghaft zunächst, dann entschieden und gelegentlich auch ohne jede Pietät. Man zeigte sich fortschrittlich, und bis heute steht Temeswar im Ruf, offen für das Neue zu sein. Den kaiserlichen Eroberern von 1716 wird, neben militärischen Meriten, die Fähigkeit nachgesagt, über den Sieg hinaus gedacht zu haben – über eine Strategie danach. Von einer Vision geht die Rede um, die den osmanischen Brückenkopf Banat in eine abendländisch geprägte Provinz zu verwandeln vorhatte, und die Stadt Temeswar in ein Klein-Wien.

Am 4. Januar 1718 wurde ein deutscher Magistrat eingesetzt, dem – neben dem bereits bestehenden raizischen der orthodoxen Bevölkerung – strenge Weisungen vorlagen, die keineswegs nach jedermanns Geschmack waren. Ihm wurde aufgetragen „... zuforderst alle und jede Unglaubige, als da seynd Haydten, Juden, Türkhen, Lutheraner und Calvinisten ... von der Stadt gleich abschaffen, und auf keine Weys gedulden“. Die Große Moschee wurde von den Jesuiten, eine zweite von bosnischen, eine andere von ungarischen Franziskanern in Kirchen umfunktioniert, und so wurde bereits in den ersten Jahren nach der Einnahme der Festung Gottes Wort in mehreren Sprachen, wenn auch nicht nach jeder Fasson verkündet. Der Übergang – die Wende, wie wir heute sagen würden –, von dem auch der wirtschaftliche Bereich und die Verwaltung betroffen waren, mag demnach nicht für alle schmerzlos gewesen sein. Von 14 Hinrichtungen allein im Jahr 1718 berichtet Johann Nepomuk Preyer in seiner 1853 erschienenen „Monographie der königlichen Freistadt Temesvár“. Nicht wenige Bewohner hatten mit dem Abzug der türkischen Besatzung die Stadt verlassen – oder auch verlassen müssen –, und nur ein Rest von insgesamt 645 Personen war zurück geblieben. Auf 51 registrierte Taufen entfielen 484 Todesfälle.

Sinnfragen

Bereits wenige Monate nach der Eroberung, im Frühjahr 1717, trafen die ersten deutschen Siedler ein. Vor allem Handwerker und Kaufleute waren gefragt, denn die Militärverwaltung und der Magistrat sahen sich vor die Aufgabe gestellt, nicht nur die Festungsanlagen zu erneuern, sondern auch eine völlig neue Stadt zu planen und zu errichten, in der das Vorhandene zu erhalten nicht vorgesehen war. Die ausgezirkelten Straßen und Plätze nach westlichem Vorbild ließen es kaum zu, die vorhandene Bausubstanz zu integrieren oder in der Planung sogar von ihr auszugehen. Die habsburgische Inbesitznahme der Festung kam einer Stunde Null gleich, die alles Osmanische ausblendete. Selbst neueste Ausgrabungen ergaben keine diesbezüglichen Funde, die stadtgeschichtlich herauszustellen gewesen wären, und auch die wenigen uns bekannten Reiseberichte über das osmanische Temeswar gehen über eine allgemeine Beschreibung nicht hinaus. 1723 wurde der Grundstein zur neuen Festung gelegt, an der, bis zu ihrer Fertigstellung, vierzig Jahre hindurch gebaut werden sollte. Die dafür notwendigen ebenso zahlreichen wie billigen Arbeitskräfte hatten die Robotbauern aus der Umgebung zu stellen. Neben ihnen kamen Zivil- und Militärarrestanten zum Zwangseinsatz sowie ins Banat deportierte Aufwiegler, zu denen die aufständischen Bauern aus dem Hauenstein gehörten. Sie hatten gegen das Kloster Sankt Blasien rebelliert, wofür ihre Anführer, in Ketten gelegt, in Temeswar schanzen mussten.

Im erweiterten Stadtgrund entstanden geradlinig parzellierte Straßen und Plätze. Lediglich die 1719-1723 erbaute Siebenbürger Kaserne folgte, mehrfach geknickt, der türkischen Festungslinie und galt mit 483 Metern Straßenlänge seinerzeit als längstes Gebäude Europas. Sie diente ihrer Zweckbestimmung bis nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie in den sechziger Jahren abgebrochen worden ist, was der Stadt neue, zentral gelegene Baugründe erschloss und sie, im Gegenzug, um eine historische Besonderheit ärmer machte. Der Temeswarer Dichter und Lokalhistoriker Franz Liebhard/Robert Reiter (1899-1989) versuchte vergeblich, den markanten Turm des Kasernenkomplexes zu erhalten, der, abgesehen von seiner stadtgeschichtlichen Zugehörigkeit, eine innerstädtische Sichtachse stilvoll abschloss. Das war jedoch weder der kommunistischen Obrigkeit noch der Denkmalpflege zu vermitteln, die, wie sie meinte, nach vorn zu denken verpflichtet war, was die Berücksichtigung postumer imperialer (noch dazu österreichischer) Denkmäler per se ausschloss. Ebenso erfolglos blieb Franz Liebhards Protest gegen den Abriss des Mocsony-Palais, das mit Portal und Mittelrisalit wohlproportioniert die Innere Stadt östlich abschloss. Die dadurch aufgebrochene Engstelle blieb verkehrstechnisch sinnlos und nahm dem Sankt-Georgs-Platz seinen ursprünglichen Charakter.

Eine Sinnfrage lässt sich auch, wenngleich anders gelagert, zum Dikasterialgebäude stellen, dessen mächtiger Baublock die in die Festung eingezwängte Innere Stadt zu sprengen droht. Mit einer Nutzfläche von 5000 Quadratmetern umschließt es drei Höfe, 273 Zimmer, 20 Kammern, 34 Küchen, 65 Keller und 27 Lagerräume. In ihm sollte die nach der Revolution von 1848/49 gebildete Landesregierung der Woiwodschaft Serbien und Temescher Banat untergebracht werden, doch hatte diese sich 1860, im Jahr der Fertigstellung des Gebäudekomplexes, bereits überlebt, als Temeswar und das Banat wieder Ungarn zugefallen waren. Zurück blieb, die Quadratur der Inneren Stadt sprengend, Temeswars bis heute größtes Haus – wenn auch nur als Verlegenheitsobjekt.

„Österreichs herrliches Zepter“

Oft, wenn nicht sogar in der Regel, stehen die städtebaulichen Entscheidungen im Schatten politischer Grundsätze oder historischer Ereignisse, gepaart mit regionalen Eitelkeiten und auch nationaler Vordergründigkeit. Stadtgeschichte und imperiales Gehabe sind dicht beieinander und erschaffen gemeinsam ein Stadtbild, dessen Eigenartigkeit das Ergebnis eben dieser Dualität und ihrer Gegensätzlichkeiten ist. Österreich, Ungarn und Rumänien haben Temeswar und das Banat nach der Vertreibung der Türken regiert, wobei jedes für sich und zu seiner Zeit darauf bedacht war, seine Anwesenheit und die damit verbundenen Ansprüche sichtbar darzustellen.

Das absolutistisch regierte kaiserliche Österreich des 18. Jahrhunderts verpasste der Stadt einen zeitnahen europäischen Zuschnitt, der historisch als fortschrittlich gewertet wird, in seiner Radikalität hingegen heute nicht ohne Bedenklichkeitsmoment zu sehen  ist. Der Besitz der neuen Provinz, „wo Österreichs herrliches Zepter regiert...“, wie es in der (heute nicht mehr vorhandenen) Inschrift auf dem Giebel des Temeswarer Rathauses zu lesen war, sollte bleibend sein und nicht allein strategisch gesichert, sondern auch durch Besiedlung und wirtschaftliche Reformen mit Bedacht ins Imperium integriert werden. Keineswegs zurückhaltender waren vor ihnen die Osmanen, die zugleich mit dem Bau einer Moschee das Gebiet als islamisiert betrachteten und als eigenes Hoheitsgebiet beanspruchten.

Die Ungarn setzten mit der Millenniumskirche in der Temeswarer Fabrikstadt ein Zeichen ihrer tausendjährigen Anwesenheit. Weniger laut, aber nicht weniger beständig verhielten sich die Rumänen. Sie waren, im Unterschied zu den anderen, schon immer da und schon immer mit dabei – als aufständische Leibeigene unter Dózsa, als Heerführer gegen die Osmanen und als Freibauern in den Grenzregimentern der Habsburger. Spät erst fiel ihnen die Provinz mit der Hauptstadt Temeswar aus der Konkursmasse der im Ersten Weltkrieg untergegangenen Donaumonarchie zu, und als letzte errichteten sie nach den Deutschen, Serben, Juden und Ungarn ihre betont orthodoxe Kathedrale als Dokument ihres verwirklichten Besitzanspruchs. 1946 fertiggestellt, beherrscht sie mit ihrem 84 Meter hohen Hauptturm den von Jugendstilpalästen gesäumten Korso. Eine Kopie der kapitolinischen Wölfin weist dort auf die Romanität der Rumänen hin, indessen – gleich nebenan – eine Büste an König Ferdinand I. aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen erinnert, unter dessen Herrschaft das Banat, neben Siebenbürgen und der Bukowina, dem Königreich Rumänien zufiel. Sowohl die Positionierung wie auch Ausmaß und Ausstattung der neuen Kathedrale verkörpern den nationalen Triumph, der – wie aus ähnlichem Anlass auch anderswo üblich – als göttliche Fügung ausgelegt wird. Die Nation dankt dafür mit einem 135 Quadratmeter großen und mit 22karätigem Blattgold beschichteten Ikonostas, dem auf 6300 Quadratmetern Wandfläche Fresken, Tempera- und Ölmalereien vorgelagert sind.

Eine weitere nationale Note brachte der Umbau des 1920 ausgebrannten Theaters am Kopfende des Korsos. 1882 errichtet nach Plänen der Wiener Architekten Helmer und Fellner, erfolgte der umfassende Wiederaufbau durch den Bukarester Architekten Duiliu Marcu unter Verwendung altrumänischer und neobyzantinischer Elemente, wobei von der Renaissance-Hauptfassade des Wiener Architektenbüros nichts übrig blieb. Im Gegenüber mit der neuen orthodoxen Kathedrale beherrscht Duiliu Marcus monumen-tale Theaterfassade heute das Herzstück der Stadt, auch wenn die benachbarten Monumentalbauten der Sezession unangetastet geblieben sind und das Hunyadi-Kastell, schräg gegenüber, auf das ungarische Mittelalter der Stadt hinweist.

Die Vergangenheit ist geklärt, und die Gegenwart hat einen betont anderen Zuschnitt. Heute geht es der Stadt um ihren Platz in Europa, und in der großen Gartenanlage an der Kathedrale zeigt das neue Temeswar beherzt und für alle sichtbar, dass es seine ganze Geschichte anzunehmen bereit ist. In einer Allee verdienstvoller Persönlichkeiten der Stadt sind die Büsten von Feldherren, Staatsmännern und Stadtvätern, Dichtern und Künstlern aller hier lebenden Völker aufgestellt, als ein Zeichen des gegenseitigen Respekts und des Willens zur friedlichen und schöpferischen Gemeinsamkeit, die hier mehr als in jeder anderen rumänischen Stadt zu spüren ist und gelebt wird.