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Banater Post

Erkenntnisse und Bekenntnisse aus acht Jahrzehnten

„Was hat er eigentlich noch nicht gemacht? Die Frage ist berechtigt, denn die Liste dessen, was Bernhard Seitz in seinem bisherigen Leben alles erlebt und getan hat, ist so lang, eindrucksvoll und vielfältig, dass es ihm selbst wohl nicht mehr ganz geheuer ist.“ Mit diesen Zeilen wird ein Porträt eingeleitet, das das Fachmagazin „Farbe und Lack“ in seiner April-Ausgabe 2005 dem in dieser Branche erfolgreichen Manager und Unternehmer Bernhard Seitz gewidmet hat. Der Titel des Beitrags, „Unbändige Lust auf neue Erfahrungen“, trifft den Nagel auf den Kopf. Seitz war damals nämlich bereits 73 und seit einigen Jahren in Rente, hatte aber 2003 die Geschäftsführung seiner ehemaligen Lieblingsfirma DE REM Lacke Farben GmbH in Selbitz, die in Schwierigkeiten geraten war, erneut übernommen und diese auf Erfolgskurs gebracht.

Doch damit nicht genug: In Ermangelung einer intelektuellen Herausforderung, strebte Seitz eine Promotion an, auch um seinen Erfahrungen und Einsichten als erfolgreicher Unternehmenssanierer eine wissenschaftlich-theoretische Fundierung zu geben. 2006, genau 50 Jahre nach seinem Staatsexamen als Diplom-Ingenieur für Industriechemie in Temeswar, verteidigte er an der Technischen Universität Chemnitz seine Dissertation „Optimierung der technischen Unternehmensführung mittels gewichteter Kennzahlen für KMU der Lackindustrie“ (KMU steht für kleine und mittlere Unternehmen). Die erworbene akademische Würde sollte nicht ohne Konsequenz bleiben. Die Technische Universität Sofia bot Dr.-Ing. Bernhard Seitz eine Professur für einen in Gründung befindlichen Lehrstuhl an. Es folgten Habilitation mit anschließender Lehrtätigkeit bis 2010 und die Verleihung zweier Ehrendoktortitel.

Anlässlich seines 75. Geburtstags im Jahr 2007 setzte sich Seitz ein neues ehrgeiziges Ziel: Der Weltenbummler, der inzwischen 93 unabhängige Staaten dieser Erde besucht hatte, fasste den Entschluss, auch noch die verbliebenen 100 Länder zu bereisen. Dieses ambitionierte Unterfangen zu realisieren gelingt ihm dank generalstabsmäßiger Planung und eiserner Disziplin bis 2015, als er mit Afghanistan den letzten weißen Fleck auf seiner Weltkarte erkundete. Nur wenige Menschen dürfen sich damit rühmen, alle von den Vereinten Nationen als eigenständig anerkannte Staaten unseres Planeten kennengelernt zu haben.

All dies und noch viel mehr ist in Bernhard Seitz’ Autobiografie nachzulesen, die im vergangenen Jahr im Wirtschafts-Verlag W.V. Suhl erschienen ist. Darin blickt der Autor auf ein erfülltes Leben, auf einen außergewöhnlichen Lebensweg zurück, der 1932 in der Banater Marktgemeinde Tschakowa begann und bis 1969 in Rumänien, danach in Deutschland Gestalt annahm. „Sieben Leben“ hat Seitz sein Buch betitelt. Er habe sein Leben als so intensiv empfunden, mit so vielen Ereignissen übersät, dass es ihm manchmal vorkomme, als ob er „sieben Leben“ gelebt hätte, steht in der Einleitung. Zudem habe er sich als Chemie-Ingenieur, als Top-Manager und Unternehmer, als Forscher und akademischer Lehrer, als Vollblutmusiker, Sportler, Weltreisender und Sammler in sieben Bereichen „austoben“ können, wobei ein einziger Bereich für ein Leben vollauf genügt hätte, so Seitz.

Wenn Bernhard Seitz die wechselvollen Phasen seines Lebens in dem 470 Seiten starken Buch neu aufrollt, über seinen beruflichen Werdegang und seine erfolgreiche Karriere, aber auch über seine Liebhaberbeschäftigungen berichtet, gewinnt man als Leser den Eindruck, dass man es hier mit einem richtigen Macher-Typ zu tun hat, mit jemandem, der vor Ideen sprüht, immer wieder neue Herausforderungen sucht, ja mitunter sogar das Schicksal herausfordert, der sich aber vor allem durch große Durchsetzungskraft und die Fähigkeit zu rationalem Handeln auszeichnet.

Bernhard Seitz bekleidete nach seinem 1956 am Temeswarer Polytechnikum abgeschlossenen Studium verantwortungsvolle Positionen in zwei bedeutenden Firmen der rumänischen Farben- und Lackindustrie („Azur“ in Temeswar und „Policolor“ in Bukarest). Dank der Hilfe eines Jugendfreundes, der inzwischen zum Sekretär der zentralen Auswanderungskommission aufgestiegen war, gelang es Seitz bereits 1969, zusammen mit seiner Frau Renate und seiner Tochter Inge nach Deutschland auszusiedeln. Hier fand er beste Bedingungen für eine erfolgreiche Karriere vor. Zwei Jahrzehnte lang war er mit verschiedenen Managementfunktionen bei den Lackwerken Wülfing in Wuppertal, der Unichema in Hamburg und der ICI in Hilden bei Düsseldorf betraut.

1989 dann der radikale Schnitt: Seitz kündigt, da die Chemie mit der neuer Geschäftsleitung nicht mehr stimmte. Mit einer stattlichen Abfindung bedacht, hätte sich der damals 57-Jährige zur Ruhe setzen können, doch er stürzte sich in das Abenteuer Selbständigkeit, das ihn in neue, ungeahnte Höhen katapultieren sollte. Es blieb nicht bei einer Firma, im Laufe der Jahre kamen drei weitere hinzu – alle in Oberfranken. Die Unternehmensstrategie ging auf, die ergriffenen Rationalisierungs- und Optimierungsmaßnahmen zeitigten positive Ergebnisse und die Firmen florierten. „Es gab in keiner meiner Firmen in keinem einzigen Jahr ein negatives Betriebsergebnis. Niemals schrieben wir rote Zahlen“, verkündet Seitz nicht ohne Stolz. Er hatte seine Berufung gefunden, die Arbeit brachte ihm Genugtuung und machte ihn wohlhabend.

Seitz lässt den Leser an seinen Erfahrungen und Erkenntnissen, die er als Unternehmer gewonnen hat, teilhaben. Er verrät sozusagen die Geheimnisse seines Erfolges, vermittelt Management-Know-how und zeigt auf, wie Unternehmen gerettet und in die Gewinnzone geführt werden können. Dergestalt erweist sich das Buch auch als Ratgeber für erfolgreiches Wirtschaften.

Als Seitz 1997-1998 seine Firmen verkauft und in den Ruhestand geht, eröffneten sich ihm völlig neue Perspektiven. Angetrieben von einer schier unbändigen Lust auf neue Erfahrungen und Entdeckungen und einem nie nachlassenden Reisefieber, setzte er sich zum Ziel, alle Ecken und Enden der Welt zu erkunden, um sich ein umfassendes Bild von den „Highlights“ des Planeten Erde zwischen Nord- und Südpol und von den zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften der Menschheit zu verschaffen sowie letztendlich alle 193 Staaten dieser Erde kennenzulernen. Für den Globetrotter begann damit eines neues, nach eigenem Bekunden das aufregendste Kapitel seines Lebens, das ihm die höchste Erfüllung brachte.

Die Reisereportagen nehmen folgerichtig einen breiten Raum in dem Buch ein, das sich mithin als ein einziger „Reise-Rausch“ darstellt. Das sich stetig drehende Reise-Karussell – 2011, im Rekordjahr seiner Reiseunternehmungen, war Seitz 162 Tage unterwegs und besuchte auf sechs Reisen insgesamt 26 Länder – wirkt auf den Leser mitunter ermüdend, obwohl der Autor sichtlich bemüht ist, sich auf das Wesentliche zu beschränken und die Präsentationsform zu variieren. Die beigegebenen Karten verorten die jeweiligen Reiseziele geografisch und unterstützen die Orientierung des Lesers. Der Verfasser bietet in seinen Reisebeschreibungen einen einmaligen Überblick über Geografie und Geschichte, Wirtschaft und Kultur, Entwicklungsstand und Politik der verschiedenen Länder, wobei er nicht auf das Deskriptive beschränkt bleibt, sondern auch Vergangenheit und Gegenwart reflektiert, Zukunftsvisionen entwickelt oder Lösungsansätze für Krisen und Konflikte erarbeitet.

Im letzten Kapitel der Autobiografie, die mit einem zwölfseitigen Bildanhang abschließt, fasst Bernhard Seitz seine Einsichten und seine Lebensphilosophie zusammen, die er auf folgende Kurzformel bringt: „Leben = Erleben“. Dass der heute 84-Jährige das Leben in vollen Zügen genossen hat, dass sein Leben äußerst intensiv, abwechslungsreich und mitunter abenteuerlich war, offenbart die vorliegende Publikation auf ganzer Linie.    

Bernhard Seitz: Sieben Leben. Eine Autobiographie. Suhl: Wirtschaftsverlag W.V., 2016. 473 Seiten. ISBN 978-3-936652-30-7. Preis: 24,80 Euro.