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Banater Post

Eine Geschichte über Scheitern und Neuanfang

Mit „Katzengold“ legt Julia Schiff einen fesselnden Roman über Auswanderung, Scheitern und Neubeginn vor. Wie schon ihre früheren Prosawerke – „Steppensalz“ (Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks München, 2000; Neuauflage: Pop-Verlag Ludwigsburg, 2012), „Reihertanz“ (Pop-Verlag, 2011) und „Verschiebungen“ (Pop-Verlag, 2013) – hat auch der neue, im Herbst 2016 im Ulmer danube books Verlag erschienene Roman einen auto- beziehungsweise familienbiografischen Hintergrund. Diesmal stehen jedoch nicht Geschehnisse im Mittelpunkt, die sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, während der kommunistischen Diktatur in Rumänien, sondern weit früher, in den 1850er  Jahren, zugetragen haben.

Die erzählte Zeit beginnt 1852, als zwei junge Bergwerksingenieure, die Brüder Odilo und Guido Küstel, mit ihren Familien aus Rußberg im Banater Bergland in die Neue Welt aufgebrochen sind, um sich in der Goldförderung zu betätigen und sich damit eine neue Existenz aufzubauen. Es waren keine Abenteurer, die der Mitte des 19. Jahrhunderts in Kalifornien ausgebrochene Goldrausch in seinen Bann zog, sondern zwei begabte, geschäftstüchtige Menschen voller Tatendrang, die in ihrer Heimat wegen der politischen Verhältnisse für sich und das Familienunternehmen in Rußberg – die Hofmann- und Maderspachsche Bergbau- und Eisenwerkgesellschaft – keine Zukunft mehr sahen. „Mit einer festen Illusion im Kopf hatten sie den Weg ohne Wiederkehr angetreten. Die Illusion hieß: Gold“, ist in der Einleitung zu lesen.

Grundlage des Romans sind Unterlagen aus Familienbesitz: eine Familiengeschichte, Briefe der beiden Auswanderer an die Daheimgebliebenen sowie Tagebuchaufzeichnungen über die tragischen
Ereignisse der letzten Tage des Revolutionsjahres 1848/49. Diese Quellen liefern das Faktenmaterial – tatsächliche Ereignisse und reale Personen –, das von der Autorin fiktional ausgestaltet wird. Es handelt sich demnach um einen Tatsachen- beziehungsweise einen dokumentarischen Roman, zumal der epische Text mit Auszügen aus historischen Dokumenten gespickt ist.

Die Handlung setzt mit der Verabschiedung der beiden Auswanderungswilligen ein, zu der sich die Großfamilie in Rußberg versammelt hatte. Im Frühjahr 1852 brechen die beiden Familien auf zu einer langen und beschwerlichen Reise in die Neue Welt: Odilo mit seiner Frau Ágnes, einer Tochter des namhaften Arader Oberarztes Dr. Josef Buchwald, und ihren vier Kindern sowie Guido mit seiner Frau Octavia, geborene Hofmann, mit ihrem kleinen Sohn. In den darauf folgenden fünf Kapiteln begleitet die Autorin die Auswanderer auf ihrem Weg Richtung Kalifornien. Schon die Überquerung des Atlantischen Ozeans erweist sich als ein fast unüberwind-bares Hindernis. Tagelang wütet ein Orkan, der die Passagiere in Angst und Schrecken versetzt und das Schiff schwer havariert.

Nach 52 Tagen stürmischer Seefahrt kommen die Küstels in New York an, dann geht es weiter nach Havanna (Kuba) und von dort an die atlantische Küste Panamas. Doch der schwerste Teil der gesamten Reise steht ihnen noch bevor: die Überquerung des Isthmus von Panama. Julia Schiff zitiert aus einem Brief, den Odilo nach Rußberg schrieb: „Wenn ich an die vergangenen Monate denke, so ist es mir, als habe ich Dutzende von Leben hinter mir – keines davon lebens- und wiederholenswert. Vor allem die Untätigkeit, das zähe Näherkommen an unseren sehnlichsten Wunsch, das setzt mir zu. Visionen wie die unseren sollten sofort in Taten umgesetzt werden können.“

Nach einer strapaziösen Reise erreichen die Küstels am 13. August 1852 endlich San Francisco. Nicht minder dramatisch fällt der Start in ein neues Leben im „Gelobten Land“ aus. Die Kapitelüberschrift „Im Würgegriff des Todes“ deutet auf harte Schicksalsschläge hin, von denen beide Familien getroffen werden: Kaum ein Jahr nach ihrer Ankunft stirbt Guidos Frau Octavia, 1854 folgt ihr Odilo in den Tod. Nachdem es ihm gelungen war, ein reiches Golderzvorkommen zu entdecken, kehrte er ins Banat zurück, um Bergleute anzuwerben. Auf der Rückfahrt nach Kalifornien sank das Schiff mit sämtlichen Passagieren und der Belegschaft. Odilo hinterließ vier Halbwaisen und eine Frau, für die die Rolle, sich allein in einer fremden Welt durchzuschlagen, nicht vorgesehen war. Die Vision vom Goldwaschunternehmen, für deren Verwirklichung die Küstel-Brüder nach Amerika gezogen waren, ist geplatzt. Sie erwies sich als Illusion, das Gold wurde zum Katzengold. (Katzengold ist ein anderer Name für das Mineral Pyrit, das aufgrund seines goldgelben Glanzes mit dem Edelmetall Gold leicht verwechselt werden kann. Das machten sich im Mittelalter einige zunutze und boten Pyrit als Gold an. „Katze“ ist nichts als eine durch Volksetymologie entstandene semantische Umdeutung des Wortes „Ketzer“, das neben der eigentlichen Bedeutung auch für trügerisch oder falsch steht.)

Durch diese unglücklichen Wendungen in ihrem Leben aus der Bahn geworfen, können die beiden Leidgeprüften die vielen Sorgen kaum noch bezwingen. Im Kapitel „Neuer Kampfgeist“ beschreibt die Autorin die schwierigen Lebensumstände, denen sie ausgesetzt sind, und bietet einfühlsame Einblicke in das seelische Innenleben von Ágnes. Um sich über Wasser zu halten, nimmt Guido jede sich ihm bietende Arbeit an, während Ágnes sich als Wäscherin durchschlagen muss. Nur langsam können beide wieder Tritt fassen. Wie das vonstattengeht, wird in den Schlusskapiteln „Schicksalsjahre“ und „Selbstverwirklichung“ deutlich.

Guido Küstel kann sich schließlich beruflich verwirklichen und wird zu einem angesehenen Montan- und Metallurgie-Fachmann. Er entwickelt neue Verfahren in der Bearbeitung von Gold- und Silbererzen, entdeckt ein neues Mineral, das seinen Namen erhält (Küstelit), schreibt viel beachtete Fachbücher. Seine Schwägerin Ágnes findet in dem Farmer John Brown, der sie als Wirtschafterin beschäftigt, schließlich einen Anker für ihre unstete, „immer noch zwischen zwei Welten schwankende Seele“. Die beiden heiraten und bekommen noch zwei Kinder. Erst als sie zu schreiben beginnt und ihre aus dem eigenen Leben schöpfenden Geschichten abgedruckt werden, glaubt sie, ihren Weg gefunden zu haben.

In kurzen, in den Erzählfluss gekonnt eingebetteten Rückblenden erfährt der Leser Einzelheiten zu den Anfängen des Bergbaus im Banater Bergland, zur Gründung und dem steten Wachstum der Rußberger Bergbau- und Eisenwerkgesellschaft Gebr. Hofmann und Károly Maderspach sowie den Akquisitionen des Unternehmens. Ein eigenständiges Kapitel ist den Geschehnissen in Rußberg während der Revolution von 1848/49 gewidmet, die anhand der Aufzeichnungen von Franciska Maderspach, geb. Buchwald – der Schwester von Ágnes Küstel – rekonstruiert werden. Da die Bergbaugesellschaft den ungarischen Freiheitskampf unterstützt und Franciska Maderspach den flüchtenden Honveds und Generälen der geschlagenen Armee großzügig geholfen hatte, rächten sich die Habsburger auf brutale Weise. Franciska wurde öffentlich ausgepeitscht, woraufhin sich ihr Mann das Leben nahm. Die Rußberger Tragödie erschütterte die Eignerfamilien und hatte weitreichende Konsequenzen für die Fortführung des Bergbauunternehmens. Unter anderem war sie mit ein Grund für die Auswanderung der beiden Küstel-Familien.

Die von Julia Schiff erzählte Auswanderergeschichte ist zwar in dieser Form einmalig, aber ähneln sich solche Geschichten nicht grundsätzlich, unabhängig von Zeit und Raum? Nur einem Teil der Menschen, die sich zur Auswanderung in eine ihnen fremde Welt entscheiden, ist das Schicksal gewogen, nicht jedem gelingt der erhoffte Neuanfang. Guido Küstel schaffte es, sich eine neue Existenz aufzubauen, und auch für Ágnes Küstel nahm das Leben letztendlich eine positive Wendung. Ihre Erkenntnis: „… einen Neuanfang muss es nicht nur einmal im Leben geben“.

Julia Schiff: Katzengold. Roman. Ulm: danube books, 2016. 183 Seiten. ISBN 978-3-946046-05-9. Preis: 14 Euro. Zu bestellen über den traditionellen oder Online-Buchhandel bzw. direkt beim Verlag (www.danube-books.eu).