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Banater Post

Neuauflage der Geml-Monografie »Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870–1920«

Wer wissen will, wie sich der Wandel vom alten, festungsbewehrten Temeswar hin zur bürgernahen, offenen Stadt moderner Prägung vollzogen hat, kommt an Josef Gemls monografischem Werk „Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870–1920“ nicht vorbei. Diese gründliche Dokumentation eines für die Temeswarer Stadtentwicklung entscheidenden Zeitabschnitts wurde vor kurzem neu aufgelegt und in einer anspruchsvoll gestalteten Ausgabe von Walther Konschitzky herausgebracht. Erschienen ist die Neuauflage im Banat-Verlag Erding. Der vor viereinhalb Jahren von Aneta und Walther Konschitzky gegründete Verlag ist mit dem Ziel angetreten, durch die Herausgabe entsprechender Buchreihen einen Beitrag zur Darstellung der Banater Deutschen und ihrer Kultur zu leisten. Sowohl die bislang in den Schriftenreihen „Kulturdenkmäler“, „Kunst“ und „Erzählte Geschichte, Zeitgeschichte“ veröffentlichten fünf Bände als auch die vier bisher erschienenen Jahrgänge des „Banater Kalenders“ – ein Jahrbuch mit breit gefächertem Themenspektrum, das die zweihundertjährige Tradition des Banater Kalendermachens in Deutschland fortsetzt –, zeichnen sich durch Gediegenheit, aufwändige Gestaltung sowie reichhaltige Illustration aus und verleihen dem kleinen Verlag ein unverwechselbares Profil. Mit seiner jüngsten Publikation, der Neuauflage der 1927 erschienenen Monografie „Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870–1920“ von Josef Geml, hat der Banat-Verlag wieder eine editorische Glanzleistung vollbracht und darüber hinaus – im Sinne einer kulturhistorischen Restitution – der Öffentlichkeit ein Buch zugänglich gemacht, dessen Bedeutung außer Frage steht.

Josef Geml (1858–1929) bekleidete fast vier Jahrzehnte lang als städtischer Angestellter verantwortungsvolle Ämter in Temeswar. Als einer der engsten Mitarbeiter von Bürgermeister Dr. Karl Telbisz wurde er auf dessen Vorschlag im Juni 1914, nur wenige Tage vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, zum Bürgermeister gewählt. Fünf Jahre lang sollte er die Geschicke der Stadt in einer dramatischen Zeit mit der Sachkenntnis des erfahrenen Verwaltungsfachmannes, aber auch mit viel Verständnis für die Belange der vom Krieg gezeichneten Bürgerschaft und nicht zuletzt auch mit Standhaftigkeit gegenüber der serbischen Besatzungsmacht leiten. Nach dem Anschluss des Banats an Rumänien von seinem Nachfolger und „Ziehsohn“ Stan Vidrighin für das Amt des zweiten Bürgermeisters vorgeschlagen, lehnte er das Angebot ab und ging Anfang September 1919 in Pension. Geml war nicht nur ein anerkannter Verwaltungsfachmann, sondern auch ein fähiger Fachpublizist. Immer bestens informiert, redigierte er viele Jahre den Temeswarer Stadtanzeiger Városi Közlöny. Seine in ungarischer Sprache erschienenen Fachpublikationen weisen ihn als sachkundigen Autor und hervorragenden Statistiker aus. Zu seinen wichtigsten Werken zählen „Mackensen in Temesvár“ – ein aufschlussreiches Zeitdokument, das unter anderem Gemls Sichtweise bezüglich der ungarischen Nationalitätenpolitik offenbart und zu einer scharfen Polemik mit Adam Müller-Guttenbrunn geführt hat –, seine 1924 in ungarischer Sprache veröffentlichten Erinnerungen an die Zeit als Temeswarer Bürgermeister sowie die drei Jahre später publizierte Temeswar-Monografie.

Für die Entscheidung des Banat-Verlags, letztere – gut acht Jahrzehnte nach dem Erscheinen der Erstausgabe – wieder aufzulegen, gibt es gute Gründe. Zum einen scheint sie durch die unbestreitbare Bedeutung des Geml-Buches gerechtfertigt, das sich als wesentliche, ja unerlässliche Informationsquelle für die Zeit der „Gründerjahre“ erweist, in der sich der Wandel vom alten Temeswar zur modernen, offenen Stadt mitteleuropäischen Zuschnitts vollzogen hat. Zum anderen spricht der Seltenheitswert des Werkes dafür. Es war nämlich 1927 in nur etwa hundert Exemplaren erschienen und wurde seither nicht wieder aufgelegt und in keine andere Sprache übersetzt. Angesichts der äußerst kleinen Auflage ging der Herzenswunsch des Autors, „wonach dieses Werk in den Buchhandlungen für jedermann erhältlich sei“, nicht in Erfüllung. Nur in wenigen öffentlichen und privaten Bibliotheken vorhanden, konnte es nicht jene von ihm angestrebte Breitenwirkung entfalten, die dem Werk ungerechter weise bis heute versagt blieb.

Als hervorstechendes Merkmal der Geml-Monografie ist zunächst die Originalität der Darstellung zu nennen, die aus der publizistischen Herangehensweise des Autors resultiert. „Die Schablone der Geschichts- und Monographieschreiber bei Seite schiebend“, wie er im Vorwort bekennt, entscheidet sich Geml nach reiflicher Überlegung für eine Kombination aus Memorialistik und Sachliteratur.Einerseits ließ er seine persönlichen Aufzeichnungen über all die Geschehnisse, „deren Augen- und Ohrenzeuge ich war und an denen bescheiden mitzuwirken mir von der Vorsehung beschieden war“ in die Darstellung einfließen, um Temeswar so schildern zu können, „wie ich die Stadt kenne“. Dergestalt legt Geml Zeugenschaft über Erlebtes und Rechenschaft über eigene Leistungen ab. Andererseits war ihm bewusst, „dass ein solches Werk nur dann einen Anspruch auf Authentizität erheben kann, wenn darin alle Fakten der Wahrheit entsprechen“ und nicht allein seiner subjektiven Wahrnehmung und seinem Gedächtnis entspringen. Deshalb konsultierte er alle einschlägigen Fachwerke und Spezialstudien und studierte darüber hinaus auch die Akten des städtischen Archivs.

Mit seinem Temeswar-Buch hinterließ Geml außerdem eine vielseitige und umfassende Beschreibung der Jahre 1870–1920. „Die Titel der dreißig Kapitel seines Buches geben an, wie viele Einzelbereiche der Autor in seine Darstellung einbezogen hat; doch erst die Untertitel lassen den interessierten Leser die große Fülle scheinbar marginaler Belange und deren tatsächliche Bedeutung im vielschichtigen Betrieb einer so vitalen Stadt wie Temeswar in den Jahrzehnten großer, dynamischer Veränderungen erkennen“, befindet der Herausgeber in seinem Nachwort. In der Überzeugung, dass „keine Stadt eine solche Umgestaltung erlebte wie Temesvar“, schildert Geml deren „fabelhafte Entwicklung“ und die umfassenden urbanistischen Verwirklichungen als große Gemeinschaftsleistung der Bürgerschaft und der Stadtleitung. Er beschreibt für jeden nachvollziehbar den Wandel Temeswars von einer „kleinen Provinzstadt“ zu einer „schönen, großen Kulturstadt“ und zeichnet durch die Einbeziehung vieler Einzelbereiche des öffentlichen und gesellschaftlichen Lebens ein eindrucksvolles Gesamtbild dieser Stadt. Gemls Darstellung zeichnet sich zudem durch Sachlichkeit und Detailgenauigkeit aus. „Seine Vorgangsweise in der Aufarbeitung und Vermittlung von Informationen weist den ehemaligen Herausgeber des Temeswarer Stadtanzeigers als einen fähigen Fachpublizisten aus“, urteilt Konschitzky. In der Tat: Gemls Monografie besticht durch eine große Fülle an sachlichen Informationen, die dem Leser in einer übersichtlich aufbereiteten Form dargeboten werden. Geradezu ein Markenzeichen des Buches sind die zahlreichen Tabellen und Übersichtstafeln, mit deren Erstellung der Autor jahrelang befasst war. In so gedrängter und anschaulicher Form sind derartige zahlen-gestützte Angaben kaum in anderen Quellen erreichbar, zumal das von Geml herangezogene Stadtarchiv später zum größten Teil verlorengegangen ist. Mit der Kenntnis des auch in kleinste Details Eingeweihten bietet seine Darstellung überdies viele, mitunter wenig bekannte Einzelheiten, beispielsweise zu den einzelnen Temeswarer Stadtteilen.

Dass eine in erster Linie auf Sachlichkeit bedachte Darstellung einer gewissen Lebendigkeit nicht entbehren muss, stellt Gemls monografische Arbeit eindrücklich unter Beweis. Die Lebendigkeit der Mitteilung schöpft weitgehend aus dem eigenen Erleben und aus dem Bestreben des Autors, sein Werk mit Geschichten und Berichten über herausragende Stadtereignisse, kurzen Lebensbildern namhafter Temeswarer Bürger, Anekdotischem und Humoristischem zu bereichern. So wird Gemls Beschreibung zu dem, was er als bewusst angestrebtes Ergebnis umschreibt: „Es ist hier nützliches, ernstes Wissen mit heiteren Reminiszenzen gemengt zu finden.“

Was an der Neuauflage des Buches besonders auffällt, ist zum einen der hochwertige Druck und zum anderen die aufwändige Gestaltung. Im Gegensatz zur Erstausgabe, die aus Kostengründen ohne Bildmaterial erscheinen musste, ist die neue Edition mit 140 Ansichtskarten aus dem behandelten Zeitraum – aus der Banat-Sammlung des Herausgebers stammend – reich illustriert. Beigegeben wurden dem Buch auch zwei Stadtpläne aus den älteren Temeswar-Monografien von Johann Nepomuk Preyer und Armin Barát. Kurzum: Das Buch ist richtig schön und eine wahre Augenweide. Der Anhang enthält neben einem aufschlussreichen, zwölf seitigen Nachwort des Herausgebers Walther Konschitzky mit dem Titel „Bürgermeister und Monograf seiner Stadt. Josef Geml und seine Denkschrift über den Weg Temeswars von der alten Festung zum modernen Munizipium“ auch Worterklärungen sowie ein akribisch erarbeitetes Register der vom Autor verwendeten deutschen Straßennamen, zu denen jeweils die einstigen ungarischen und rumänischen und die heute amtlichen Bezeichnungen angegeben werden.

Gemls Monografie stellt ein unentbehrliches Quellenwerk zur Temeswarer Geschichte dar, das den Weg der Stadt von der alten Festung zum modernen Munizipium am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts genau und detailreich dokumentiert. Das im Banat-Verlag Erding wieder aufgelegte Buch ist – angesichts seines hohen historiographischen Werts – als Akt von kulturhistorischer Tragweite und als editorisches Ereignis ersten Ranges zu werten. Mit der vorzüglich gestalteten Neuedition unternimmt der Herausgeber den begrüßenswerten Versuch, das Werk für die Leser unserer Zeit zu erschließen und ihm in Gemls Sinne zu einer größeren Wirkung in die Breite zu verhelfen. Darüber hinaus soll diese dazu anregen, die gründlich dokumentierte Monografie „auch in anderen Sprachen dem wissenschaftlichen Betrieb und einer breiten Leserschaft zuzuführen“. Das hier vorgestellte Buch ist jedem Temeswar-Liebhaber und allen an der Banater Geschichte interessierten Landsleuten aufs Wärmste zu empfehlen.

Josef Geml: Alt-Temesvar im letzten Halbjahrhundert 1870–1920. 500 Seiten. ISBN 978-3-9810962-9-3. 34 Euro plus Versandkosten. Bestellungen: Banat-Verlag, Zugspitzstraße 64, 85435 Erding, Tel. 08122 / 2293422, E-Mail: banat-verlag@gmx.de.