zur Druckansicht

private Anzeige schalten

Media-Center

Banater Post

Semlak-Blau und andere Eigenheiten

Den Umschlag des Semlaker Heimatbuches zieren die vier Kirchen Ortes (von links oben im Uhrzeigersinn: evangeliche Kirche, reformierte Kirche, rumänisch-orthodoxe Kirche und griechisch-katholische Kirche), das Gemeindehaus und eine Ansicht der Marosch bei Semlak.

Winterliche Idylle: die Marosch bei Semlak Foto: Pfr. Walther Sinn

Franz Ferch, Der Siedler, Öl auf Leinwand. Das in Semlak entstandene Bild wird von einer kräftigen Gestalt mit verbissen harten Gesichtszügen dominiert. Der Siedler ist im Begriff, in der erschütternd kargen Landschaft einen Baum zu pflanzen, als Symbol für eine verheißungsvolle Zukunft in einer neuen Heimat. Im Hintergrund steht ein schliches Siedlerhaus mit Schwengelbrunnen.

Sie nennen uns „Phittjer“, nach unserer Mundartform von Peter, und leiten daraus – halb heiter, halb ernsthaft – ab, dass wir „andere“ Schwaben sind, oder richtiger, dass sie, die Semlaker Deutschen, genau genommen, keine Schwaben sind. Das und vieles andere mehr erfahren wir im kürzlich erschienenen Heimatbuch Semlak, herausgegeben im Auftrag der Heimatortsgemeinschaft von Georg Schmidt, mit Beiträgen von 27 Mitarbeitern. Ein Buch von 688 Seiten, das nun, blau gebunden, vorliegt. Wohl nicht ganz zufällig. In Semlak ist die Farbe Blau in gewisser Weise symbolhaft. Die mehrheitlich geweißelten Bauernhäuser waren mit einem leuchtend blauen Sockel („Strome“) herausgeputzt, und auch die handgestrickten Strümpfe der Mädchen waren blau-schwarz oder blau-weiß gestreift. Ebenso war das Obergewand mit „Schlepezi“ (Bluse) überwiegend in jenem unverkennbaren Blau gehalten, das wir in Perjamosch am anderen Maroschufer als Semlak-Blau („Semlak-Blo“) bezeichneten. Wie sehr dieses verinnerlicht war, zeigt die Wiederbegegnung eines nach Amerika ausgewanderten Semlakers, der sich, wie im Heimatbuch nachzulesen ist, „so lange es weiße Giebel und blaue Sockel gibt“, in Semlak zu Hause fühlt. Eine vierzigjährige Abwesenheit auf einem anderen Kontinent hatte daran nichts geändert.

Uns, vom südlichen Maroschufer, unterscheidet allerdings nicht nur der blaue Sockel von den – übrigens meist evangelischen – Semlaker Nachbarn. Denn „die Marosch trennt nicht nur das geographische, sondern auch das historische Banat von dem an ihrem Nordufer gelegenen Gebiet... In der Zeit, als das Banat kaiserliche Kameralprovinz war oder nachdem es wieder Ungarn einverleibt wurde und auch während der Wojewodschaft, hatte das Gebiet nördlich der Marosch einen anderen juridischen Status“. Hier galt die Komitatsverwaltung mit strengeren Urbarialgesetzen, und die Ansiedlung der Deutschen erfolgte nicht über die Wiener Hofkammer, sondern als Akt ungarischer Magnaten, die zu Vermögen und Ansehen gelangt waren, wie der Oberstleutnant und Hofrat Johann Georg Harruker, dem für seine besonderen Verdienste als Versorgungskommissär des Heeres ausgedehnte Ländereien in den von den Türken zurückeroberten ungarischen Gebieten überlassen worden waren. (Über den Aufstieg Harrukers als Hofkammerrat und Leiter des Proviantwesens im Türkenkrieg 1716-18 wird ausführlich auf den Seiten 649-659 berichtet, wobei auch die Besiedlung seiner Güter mit katholischen Ungarn, evangelischen Slowaken und aus Württemberg stammenden Deutschen beschrieben ist.) Er besaß 95 Ortschaften in den Komitaten Békes, Zaránd und Arad, gewährte in seinen Ländereien die
Religionsfreiheit und siedelte Bauern und Handwerker „geordnet nach Sprache und Religion“ an. Sein Sohn Dominik (1696-1775) führte das Siedlungswerk fort, für das er die Auswanderer vornehmlich im bayerischen Franken anwerben und 1723 auf eigene Kosten bis ins ungarische Gyula bringen ließ. Weitere Gruppen siedelten in den Jahren danach vornehmlich in Mezőberény an der Kreisch. 1760 wurden hier 32 aus Deutschland zugewanderte Familien gezählt, 33 Familien wanderten aus ungarländischen Komitaten zu. Gemeinsam bildeten sie später die erste Siedlungsgruppe evangelischer Deutscher in Semlak, und so gilt Mezőberény als Schmelztiegel, in dem sich die hauptsächlich aus rheinfränkischen Dialekten zusammengesetzte Beriner Mundart in Semlak entwickelte.

Eine zweite Gruppe bildeten die 1766 in das westlich von Debrezin gelegene Dorf Balmazújváros zugewanderten 60 kalvinistischen Familien, die sich ihres Glaubens wegen bereits mehrfach zum Ortswechsel gezwungen sahen. Neben den bereits 1819 zugezogenen „Berinern“ gelangten sie, als eine Folge der inner-ungarischen Migration, um 1823 nach Semlak an der unteren Marosch. Die deutschen Siedler bewohnten eigene Ortsteile und bildeten zwei Gemeinschaften: die lutherischen Beriner und die reformierten Gubaschen – benannt nach dem von ihnen getragenen Filzumhänger (Guba). Nach einer 1848 erhobenen Statistik bevölkerten die Gemeinde Semlak 2630 Rumänen, 1883 Deutsche und 978 andere (Ungarn, Serben, Slowaken, Juden, Zigeuner, Ruthenen).

Pastoren, Grafen, Bauern

Das Semlaker Heimatbuch widmet der selbst im vielsprachigen Banat ungewöhnlichen nationalen und konfessionellen Vielfalt des Dorfes einen Abschnitt von 126 Seiten. Nach einer historischen Einführung, die vor allem das Wirken einzelner Pastoren skizziert, stehen Auszüge aus dem „Gedenkbuch der Evangelischen Kirchengemeinde A.B. in Semlak“ von Wilhelm Preiss über die Schicksalsjahre 1945-1952. Pfarrer Preiss stammte aus Kronstadt in Siebenbürgen, nahm als rumänischer Offizier am Russlandfeldzug teil, wurde im September 1945 als Lehrer an die Schule der Semlaker evangelischen Kirchengemeinde berufen und übernahm dort auch das Pfarramt, das er gewissenhaft und im Sinne der ökumenischen Annäherung versah, die er nicht nur predigte, sondern auch vorlebte. Sein wiederholtes Eintreten für die Semlaker Pfarrkinder führte im August 1952 zu seiner Inhaftierung. Der Temeswarer Gymnasialprofessor Julius Amberg, ein Mithäftling des Semlaker Pastors, beschreibt diesen als einen selten sympathischen, braven Mann von großer Frömmigkeit. Im Mai 1953 aus der Haft entlassen, konnte er auf seine Pfarrstelle in Semlak zurückkehren, wo er an den Folgen seiner Inhaftierung schon im Januar des nächsten Jahres verstarb.

Es fällt auf, dass in der Chronik des Friedrich Schilling, die den Zeitraum von 1830 bis 1875 umfasst, der Semlaker Grundherr Graf Hadik nur am Rande vorkommt. Obwohl der Chronist als Gemeinderichter und Kurator mit allem was Semlak bewegte vertraut war, sind in seiner auf 16 Buchseiten wiedergegebenen Chronik kaum Hinweise auf die Grundherrschaft zu finden. Das mag verschiedene Ursachen haben, und eine davon wird die Sorge des Friedrich Schilling um seinen eigenen Hof gewesen sein, der über manches Notjahr nur mit größter Mühe und Entsagung ins nächste Notjahr hinüber zu retten war. Nahezu jeder Eintrag beginnt mit dem Erntebericht, und allzu oft bleibt dieser unter der Erwartung: „1848. Die Ernte war sehr sehr karg... In diesem Jahr ist mein Sohn Friedrich geboren und gestorben. 1849. In diesem Jahr tobte der Krieg. Eine Schlacht folgte auf die andere. Ich stellte mich auch für vier Monate zum Militärdienst bei der Infanterie... Meine geliebte Frau, Magdalena Arva, ist am 4. August bei der Geburt eines Kindes, zusammen mit dem Kind, gestorben. So bin ich mit meinen fünf unglücklichen, minderjährigen Kindern allein geblieben... In diesem Jahr ist uns kein Weizen gewachsen, denn die Saat ist erfroren.“ Trost blieb da oft nur bei Gott zu suchen, der alles gab und alles nahm.

Mängel und Mirakel

Der Allmächtige wurde, wie im Heimatbuch nachzulesen ist, in sieben Semlaker Gotteshäusern angerufen. Seit 1771 in der griechisch-orthodoxen „Biserica din deal“ (Bergkirche). Sie erhielt 1896 einen Westvorbau, dessen barocke Haube die Turmlandschaft der Großgemeinde stilvoll ergänzt. Wände und Deckengewölbe sind mit Fresken überdeckt, und Fahnen sowie die Bilderwand des Ikonostas tun ein Übriges zur üppigen Ausstattung des Kirchenraums. Die Gläubigen stehen während des Gottesdienstes – wer sitzen möchte, kann sich einen Stuhl gegen die Entrichtung einer Gebühr lebenslänglich mieten. Allein der Bischof hat ein immerwährendes Anrecht auf seinen Thronstuhl im Naos, dem Kernbereich der Kirche. 1956 hat ein Sturm das Kreuz aus der Turmspitze gerissen, was, zumindest vorübergehend, für Nachdenklichkeit im Dorf sorgte.

Die Semlaker Evangelischen errichteten ihre Kirche 1845, nach einer ab 1835 erfolgten Sammelaktion. 8500 Gulden waren dafür aufzubringen. Jedes Ehepaar wurde mit einem Beitrag von 26 Gulden belastet, hinzu kamen 5 Gulden Handwerkerabgabe, 10 Gulden pro Haus, 5 Gulden für das Viertel Ackerland und 3 Gulden fürs Ziegelbrennen. Das mag manchen guten Christenmenschen in Semlak an den Rand seiner Gottesfurcht gebracht haben, zumal bereits für die große Glocke gespendet worden war. Vermögendere Herrschaften sahen sich allerdings zu größeren Spenden herausgefordert. Der damalige Grundherr Graf Gustav Hadik von Futak tat sich (bezeichnenderweise) mit der Spende des Klingelbeutels hervor, hatte jedoch auch das Baugrundstück in der Ortsmitte zur Verfügung gestellt. Die Zukunft des Grafen stand, wie nachträglich festzustellen ist, unter keinem guten Stern. 1848-49 auf der Seite des ungarischen Aufstandes, wurde er in Arad zum Tode verurteilt, dann zu 18 Jahren Festungshaft begnadigt und schließlich im Februar 1851 amnestiert. Er heiratete im gleichen Jahr und zog sich, gedemütigt, auf seine Semlaker Güter zurück, die er allerdings glücklos bewirtschaftete und, tief verschuldet, verkaufen musste.

Das größte Semlaker Gotteshaus ist mit seinem 40 Meter hohen Turm die griechisch-katholische Kirche, von den Semlakern schlichtweg „Uniterkirche“ genannt. Sie wurde 1864 als Marienkirche geweiht. Die Glaubensgemeinde wurde im frühen 19. Jahrhundert von ruthenischen Siedlern gegründet. Um die Jahrhundertmitte kamen 2300 orthodoxe Rumänen hinzu. Sie folgten der von den Habsburgern aus politischen Motiven geförderten Vereinigung mit der katholischen Kirche (unter Bewahrung der orthodoxen Rituale) und wurden mit einem staatlichen Zuschuss von 80 Prozent zu den Baukosten der Kirche belohnt. Auch sie hat indessen ihr Mirakel. Als nach Abschluss der Renovierungsarbeiten von 1936 der evangelische Zimmermann Stefan Hrivnak das zum Richtfest ausgetrunkene Weinglas vom Turm schleuderte, blieb es unversehrt. Jeder mochte es nach seinem Sinn ausgelegt haben. Heute ist der Vorfall nur noch eine Anekdote wert.

1885, nach nur einjähriger Bauzeit, hat die Semlaker reformierte Gemeinde ihr heutiges Gotteshaus eingeweiht. Maurer und Zimmerleute aus Mezőberény und Salonta haben, trotz knappster Mittel, einen „in seinen Proportionen harmonisch wirkenden Baukörper“ geschaffen. Auffällig ist sein Herausrücken aus der sonst streng beachteten Geradlinigkeit der Gasse – eine keineswegs beabsichtigte Eigenheit, sondern die Anpassung an den von einem Brunnenschacht verkürzten Baugrund. Auf der Stirnseite ist in römischen Ziffern das Baujahr angebracht, als Merkzahl christlicher Beharrlichkeit aber wohl auch die Vergänglichkeit anmahnend. Denn was fehlte, war eine Turmuhr. Alles Geld jedoch war verbraucht, und auf weitere Spenden der Gemeinde war zunächst nicht zu hoffen. Gott aber hatte Semlak nicht verlassen, und so geschah es, dass 1911 – seit dem Turmbau waren bereits sechsundzwanzig Jahre vergangen – der Glaubensbruder Rózsa Bálint seinen Lotterie-Gewinn, wie versprochen, für die noch fehlende Turmuhr der reformierten Kirche bereitstellte. Wer will, kann darin eine Fügung des Herrn erkennen.

Neben den hier beschriebenen Gotteshäusern gab es noch eine römisch-katholische Kirche, eine Synagoge und die Kirche der Nazarener.

Dienstag war Markttag

Ausführlich geht das Semlaker Heimatbuch auf die Gemarkung ein, den Hatar, wie diese in der Mundart heißt. 16000 Joch groß war sie, wovon 2000 Joch auf die bebaute Dorffläche entfielen. Die ertragreichen Fluren liegen auf der Hochfläche landeinwärts, während in der Fluss-aue der Marosch eine intensive Nutzung weniger möglich ist. Die Weiträumigkeit der fruchtbaren Äcker (bis zu zehn Kilometer vom Dorfkern entfernt) führte zu einer besonderen Form großflächiger Bewirtschaftung auf Puszten und Salaschen, wie die Einödhöfe in der ostungarischen Tiefebene genannt wurden. Das Leben in der Abgeschiedenheit der Äcker brachte Entbehrungen mit sich, wurde aber auch als ein Akt der Selbstbehauptung verstanden, der die Selbstversorgung einschloss. Wichtigster Tag der Woche war der Semlaker Markttag am Dienstag. Für die Leute von den Salaschen war es wie der Sonntag, an dem man ins Dorf fuhr und seine Überschüsse zu Geld machte: Weizen, Mais, Ferkel, Butter, Eier. Vom Ertrag versorgten sie sich mit Zucker, Salz, Hefe und Petroleum. „Der vielen Kinder wegen“, berichten Katharina und Georg Kaiser im Heimatbuch, gab es draußen zeitweise eine Schule. Aber es blieb „wegen der verschneiten Wege und der kilometerlangen Strecken sehr schwer, täglich zur Schule zu gehen“. Mit sechs Jahren bekam Georg Kaiser ein Dreirad und radelte zum Klein-Jud ins Dorf, wenn auf der Salasch daheim Reibhölzer, Hefe und andere Kleinwaren ausgegangen waren. Klein-Batschi las Mutters Bestellzettel und schrieb es auf. Bezahlt wurde am kommenden Dienstag, wenn Mutter vom Markt kam.

Ländliche Idylle oder existentielle Härte? Georg Braun, Vorsitzender der HOG Semlak, bewertet in seinem Beitrag „Als die Salaschen noch existierten“ die winterlichen Besuche draußen als besonderes Erlebnis. Eines der Hauptereignisse des Jahres war die Schweineschlacht, und der fröhliche Besuch auf der Salasch war zugleich eine willkommene Arbeitshilfe. „Bei meistens zwei, drei oder sogar mehreren bis zu 200 Kilogramm schweren Schweinen war viel Arbeit angesagt“, aber auch echte Fröhlichkeit bei kräftiger Kost und Doppeltgebranntem.

Über das Essen und Trinken informieren Alfred Bartolf und Georg Schmidt, wobei den Zwetschgengärten – genauer dem Rakibrennen – ein eigener Abschnitt eingeräumt wird. Die Semlaker tranken ihn vorzugsweise vor dem Essen, aber auch zu jeder anderen Gelegenheit. „Sogar einige Tropfen im Frühstückstee schmecken gut“, verrät das Heimatbuch neben anderen nützlichen Hinweisen zum Selbstgebrannten. Die Pflaumenlese kam in Semlak der Weinlese gleich, an der die ganze Familie teilnahm. So gut wie jeder Hof hatte seinen Zwetschgengarten, der vorzugsweise auf den weniger ergiebigen Böden entlang der Marosch lag. Die sozialistische Planwirtschaft hat das geändert mit dem Ergebnis, dass die bis dahin vorherrschenden Akazienalleen im Dorf mit Pflaumenbäumen ersetzt worden sind, was zwar das Bild veränderte, aber den Raki nicht verdarb.

Auch das Ende der Salaschen besiegelte die sozialistische Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg, als große Staatsgüter und Produktionsgenossenschaften die herkömmliche Landwirtschaft verdrängten. Die bäuerliche landwirtschaftliche Bewirtschaftungsform galt als überholt und behinderte die mechanisierte Bearbeitung großer Flächen. Ein Dekret verfügte den Abriss der Salaschen, die bis dahin mit Bäumen, Brunnen und Nachbarschaften für viele mehr als nur ein Ersatz-Vaterhaus geworden war.

Uferland

Anders als nach Norden hin, wo sich die Felder unbehindert in eine endlose Weite ausbreiten, ist der Semlaker Hatar im Süden von der Marosch begrenzt. Kantig stürzt der Landblock zum Fluss hin ab, und das sonst geradlinige Dorf tastet sich hier verwinkelt ans Steilufer heran, von dem aus der Blick weit ins „Schwäbische“ hinüber schweift. Die Semlaker Bauern haben ein eher undefiniertes Verhältnis zu ihrem Fluss, der verbindet und zugleich begrenzt, bei Hochwasser die Auen überflutet und im Spätsommer weiße Sandbänke freigibt. Das Dorf kehrt sich den Äckern zu. Lediglich was für den Hausgebrauch und den Schnapskessel benötig wird, wächst im Gartenwinkel zwischen Prunde und Bobar – und für die sommerlichen Strandfreuden nahmen sich die Bauern nicht die Zeit, zumal der Fluss Jahr für Jahr seine Opfer forderte. Kinder, Männer, Lebensmüde. Unter dem Krautfeld legte früher die Semlaker Plätte an, die nicht nur Personen zum Großdorfer Bahnhof (Satu Mare) gegenüber beförderte, sondern auch Waren und ganze Kälberherden, die auf den Maroschwiesen weideten. Eine Bilderbuchidylle, die am 28. Dezember 1948, es war ein Dienstag und Semlaker Markttag, ihr Ende fand, als die mit 22 Menschen, drei Fuhrwerken und sechs Pferden überlastete Plätte unterging. Dreizehn Menschen und sechs Pferde kamen dabei ums Leben.

Danach war dort die Überquerung allein mit dem Kahn möglich. Viele Jahre hindurch hat Baciu Petre Leute, Fahrräder und Kleingepäck in seinem Flachboot übergesetzt. Seit dem 1950 erfolgten Semlaker Anschluss an das Eisenbahnnetz und dem Bau der Brücke zwischen Petschka und Deutschsanktpeter ist der Fährdienst am Unterlauf der Marosch nur noch Geschichte. Wie manches andere auch.
Einen neuen historischen Abschnitt brachte nach der Wende von 1989 die Einrichtung eines Naturparks an der unteren Marosch, der den Tschanader Wald, die Igrischer Inseln, den Prundul Mare und andere Teilgebiete umfasst und grenzüberschreitend an den ungarischen Nationalpark Kreisch-Marosch anschließt. Er soll dazu beitragen, die Vielzahl der hier vorkommenden Lebensformen zu erhalten und eine ökologisch-touristische Erschließung zu fördern.

Blaues Wunder

Flüchtig betrachtet, weisen Semlak und die Banater Kunstgeschichte kaum Berührungspunkte auf, und dieser Eindruck hätte sich wohl erhalten, wäre der Maler Franz Ferch (1900-1981) nicht eher zufällig als gezielt nach Semlak gelangt. „Es war für meine Malerei eine segensreiche Zeit“, bekennt der Künstler in seinen Memoiren. Hier in Semlak fand er die Gestalten und Motive für seine großen Bauernbilder der dreißiger Jahre – ausdrucksstarke Porträts von tiefer Ernsthaftigkeit. Sie kennzeichnen die frühe Schaffensperiode des Künstlers, die im heimatlichen Boden wurzelt, dem er bis ins hohe Alter schöpferisch verpflichtet sein wird. War es eher ein Zufall, der ihn Semlak zuführte, so war es in keiner Weise zufällig, dass er hier einen Menschenschlag vorfand, der seine Heimatverbundenheit in der schlichten Kontinuität des Tagwerks verstand und umsetzte. Es sei kaum anzunehmen, vermerkt Georg Schmidt in seinem Beitrag „Der Maler Franz Ferch und seine Semlaker Bilder“, dass die großen Bauernbilder auch in Temeswar hätten entstehen können. „Selbst in einer der reichen Bauerngemeinden wie Bogarosch hätte Ferch wohl nicht zu jener Elementarkraft hingefunden, die ihm in Semlak wie von selbst zufiel.“ Jedes dieser Bilder hat seinen realen Hintergrund. Das vorliegende Heimatbuch übermittelt Wissenswertes über die Entstehung der einzelnen Bildwerke wie auch über die Porträtierten und das mitunter recht abenteuerliche Schicksal von Ferchs Semlaker Gemälden, die leider nicht mehr vollständig erhalten sind.

Fürs Semlaker Blau fand der Maler, in dessen Bauernbildern die Ockertöne vorherrschen, kaum Verwendung. Es wäre denn, man wolle es im Schurz des „Siedlers“ und, eher versteckt, im gestreiften Flickenteppich, auf dem „’s Kleeni“ steht, ausfindig machen. Bedauerlicherweise ist von dem heute nicht mehr auffindbaren Kinderporträt nur eine Schwarz-Weiß-Reproduktion erhalten, und so bleibt der Blau-Streifen im Teppich nichts weiter als eine halbe Vermutung.

Sein blaues Wunder aber sollte Semlak im Sport erleben, als am 7. Mai 1986, während des Endspiels um den Europapokal der Landesmeister im spanischen Sevilla, der aus Semlak stammende Torhüter der rumänischen Fußball-Auswahl, Helmuth Duckadam, vier Elfmeter hielt. Damit sicherte er seiner Mannschaft „Steaua Bukarest“ den Sieg und sich selbst eine Eintragung ins Guinness-Buch der Rekorde. Er ist heute Präsident seines Bukarester Sportklubs. Dort, wie in seinem Heimatdorf Semlak und bei seinen in Deutschland lebenden Landsleuten ist die Erinnerung an den Tag in Sevilla wach geblieben.

Gut dokumentierten und sorgfältig erarbeiteten Berichten über das Schulwesen, die Vereine, das Brauchtum und Volksgut, die Mundart, über das Bauernhaus, die Kriege, Auswanderungen und Deportationen räumt das Heimatbuch den entsprechenden Raum ein. Dabei wird allerdings auch die Nähe zu den „Schwaben“ südlich der Marosch nicht nur als Schicksalsgemeinschaft erkennbar, sondern auch in der Mundart und Tracht sowie im Bauernhaus und in der Lebensführung. Die religiöse und sprachliche Vielfalt in Semlak ist selbst für Banater Verhältnisse überdurchschnittlich und ein Beispiel mehr für die Besonderheit des Raumes und der Fähigkeit aller für eine gute Nachbarschaft. Umso nachhaltiger erschüttern die Listen der Kriegsopfer und Deportierten und der Exodus der Semlaker Deutschen nach der Wende. Im Ersten Weltkrieg sind 51 Männer gefallen, im Zweiten Weltkrieg 104. Von den 166 in die Sowjetunion Deportierten sind 27 in den Arbeitslagern ums Leben gekommen.

Semlak. Ein Heimatbuch. Im Auftrag der Heimatortsgemeinschaft herausgegeben Georg Schmidt. o.O. 2016. 688 Seiten. Zu bestellen bei Norbert Bartolf, Schürrstraße 6, 91074 Herzogenaurach, Tel. 09132 / 730055 oder unter www.semlak.de