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Banater Post

„Kann Spuren von Heimat enthalten“

Bei einem Pressetermin am 5. Oktober führten die Kuratoren Brigitte Steinert, Prof. Dr. Andreas Otto Weber und Patricia Erkenberg (von links) durch die Ausstellung.

In der Tischvitrine sind eine Spritzkrapfen- und eine Prügelkrapfenform sowie zwei Rezeptsammlungen zu sehen, die von der Ulmbacher Kochgruppe aus Rechberghausen zur Verfügung gestellt wurden. Fotos: Walter Tonţa

Über die Jahrhunderte entwickelten die Deutschen des östlichen Europa in ihren jeweiligen Siedlungsgebieten eigene Rezepte für Speisen und Getränke. Essen und Trinken sind nicht nur lebensnotwendige menschliche Bedürfnisse, sondern auch Ausdruck der eigenen Identität und Kultur. Die Flüchtlinge, Vertriebenen, Aussiedler und Spätaussiedler brachten handgeschriebene Familienrezepte, Kochbücher sowie das eine oder andere typische Küchengerät mit nach Deutschland. Durch die Pflege ihrer kulinarischen Traditionen bewahrten sie sich in ihrem neuen Lebensumfeld ein Stück Heimat und ihre eigene Identität. Etliche der für bestimmte Regionen urtypischen Speisen und Gerichte fanden Eingang in die deutsche Küche. Zudem gründeten Vertriebene und Aussiedler eine ganze Reihe von Firmen neu, die spezifische Produkte auf den Markt brachten.

Wieviel von dieser kulinarischen Vielfalt der Deutschen aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa, aber auch von Firmen und Produkten haben nach Flucht, Vertreibung und Aussiedlung den Weg nach Deutschland gefunden? Was wird heute von allen Deutschen gekauft, gegessen, genutzt, ohne dass über Herkunft oder ursprüngliche Produktionsstätten nachgedacht wird? Wieviel hat das jeweilige kulinarische Erbe zum Erhalt der Identität der Deutschen aus dem östlichen Europa beigetragen? Inwieweit haben mitgebrachte Küchentraditionen und neu gegründete Produktionsstätten zur Integration in die westdeutsche Gesellschaft beigetragen? Antworten auf diese Fragen gibt die am 6. Oktober im Haus des Deutschen Ostens (HDO) München eröffnete Ausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten. Essen und Trinken, Identität und Integration der Deutschen des östlichen Europa“.

Nach der 2015 gezeigten Ausstellung „Mitgenommen – Heimat in Dingen“ ist dies die zweite umfangreiche Schau, die von Mitarbeitern des HDO konzipiert und gestaltet wurde. Die Hauptkuratorin Brigitte Steinert, stellvertretende HDO-Direktorin, wurde bei der Entwicklung der Ausstellung von Patricia Erkenberg, Mitarbeiterin im Sachgebiet Kultur- und Bildungsarbeit, und HDO-Direktor Prof. Dr. Andreas Otto Weber unterstützt. Wie schon 2014/15 waren auch diesmal viele Heimatvertriebene oder deren Nachkommen sowie Aussiedler in die Realisierung des Projekts eingebunden, indem sie Exponate zur Verfügung gestellt und die Geschichte hinter jedem einzelnen Objekt erzählt haben.

Die Ausstellung ist in vier Abteilungen gegliedert: Ankunft in Knappheit und Überfluss; Im Supermarkt; Eigener Herd ist Goldes wert; Gast-Haus HDO. Ergänzt wird die Präsentation durch mehrere Roll-Ups, auf denen Lage, landwirtschaftliche Schwerpunkte und kulinarische Besonderheiten der Regionen Baltikum, Ostpreußen, Pommern, Schlesien, Böhmen und Mähren, der Bukowina und der Siedlungsgebiete der Russlanddeutschen, Karpatendeutschen, Donauschwaben und Siebenbürger Sachsen gezeigt werden. Die den Donauschwaben aus dem ehemaligen Jugoslawien, Rumänien und Ungarn gewidmete Präsentation trägt den Titel „Patschkukuruz und Damenkaprizen“.

Die erste Abteilung verdeutlicht die unterschiedlichen Bedingungen, die Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. Aussiedler in späteren Jahren bei ihrer Ankunft in Deutschland vorgefunden haben. Die Ausgangssituation konnte unterschiedlicher nicht sein: Die einen kamen in ein zerstörtes Land, in dem Wohnungsnot und Lebensmittelknappheit herrschten und die gesamte Bevölkerung vielerlei Entbehrungen hinnehmen musste. Eine Selbstbestimmtheit der Flüchtlinge und Vertriebenen in Bezug auf das Kochen war unter diesen schwierigen bis katastrophalen Umständen nicht oder nur in einem bestimmten Maße gegeben. Die anderen, die Aussiedler und Spätaussiedler, kamen hingegen in ein reiches Land, in dem sie zunächst mit den Auswüchsen des Überflusses konfrontiert waren, der sie verwirrte und überforderte, aber auch mit der Tatsache, dass man sich aus dem Überangebot an Waren bei weitem nicht alles leisten konnte.

Der große Anteil der Flüchtlinge und Vertriebenen am Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wird in der Abteilung „Im Supermarkt“ deutlich. Dort werden beispielhaft rund dreißig im Westen nach Flucht, Vertreibung oder Aussiedlung wieder gegründete Firmen mit ihren Produkten vorgestellt. Darunter sind kleinere und mittlere Unternehmen, die einige Jahrzehnte bestanden haben, mittelständische Firmen, die bis heute das In- und Ausland beliefern, bis hin zu weltweit operierenden Konzernen. Wir müssen uns nur auf einige wenige Beispiele beschränken.

So stammt die von Josef Cersovsky 1949 in Plochingen gegründete Rübezahl Schokoladen GmbH, einer der weltweit größten Produzenten von Schokoladenfiguren, ursprünglich aus dem Riesengebirge. Am heutigen Firmenstandort Dettingen unter Teck produziert die Enkelgeneration jährlich rund 30 Millionen Adventskalender und je 50 Millionen Schokoladen-Osterhasen und -Weihnachtsmänner.

Die Firma Rügenwalder Mühle mit Sitz im niedersächsischen Bad Zwischenahn geht auf einen 1834 in Pommern gegründeten Fleischereibetrieb zurück. Sie stellt mittlerweile in sechster Generation Wurst (darunter die bekannte Rügenwalder Teewurst) und Schinken, inzwischen aber auch viele vegetarische Produkte her.

Der weltweit größte Hersteller von Einkaufswagen und Gepäcktransportwagen ist die Wanzl Metallwarenfabrik GmbH mit Hauptsitz in Leipheim. Rudolf Wanzl sen. hatte seine 1918 in Giebau (Sudetenland) eröffnete Schlosserei nach der Vertreibung 1947 mit seinem Sohn in Bayern wieder gegründet und ließ 1951 den Einkaufswagen mit festem Korb patentieren.

Als letztes Beispiel sei die auch in unserer Zeitung inserierende Supermarktkette MIX Markt angeführt, zu deren Kunden vor allem Russlanddeutsche, aber auch Spätaussiedler aus anderen Ländern wie zum Beispiel Rumänien zählen. Hauptlieferant für das osteuropäische Sortiment der Märkte ist die von Russlanddeutschen gegründete und geführte Unternehmensgruppe Monolith.

In der Zeit des Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren bauten sich viele Vertriebene und Flüchtlinge Häuser oder kauften sich Wohnungen. Die erste eigene Küche mit dem Essplatz oder dem Esszimmer gab ihnen ein Stück Sicherheit und Heimatgefühl. Das alte Sprichwort „Eigener Herd ist Goldes wert“, wie auch der Titel der dritten Ausstellungssektion lautet, erhielt seine Bedeutung zurück. Blickfang in diesem Raum ist eine Sitzecke mit Eckbank, Tisch, Stühlen und Buffet. Die handwerklich soliden Möbel, von einem aus Böhmen vertriebenen Ingenieur selbst angefertigt und bis 2009 in Benutzung, können als Symbol für wiedergewonnene Eigenständigkeit und den Beginn eines bescheidenen Wohlstands gelten.

Gezeigt wird hier außerdem eine ganze Reihe von Küchengeräten, die bei der Flucht, Vertreibung oder Aussiedlung mitgenommen worden waren und nun den neu gegründeten Hausstand nicht nur im praktischen Sinn, sondern auch mit einem Stück Erinnerung an die Heimat ergänzten. Eine wesentliche Rolle spielten in vielen Haushalten ebenso die mitgebrachten Kochhefte, in die, oft über Generationen, die erprobten Lieblingsrezepte der Familie handschriftlich eingetragen wurden, oder Kochbücher. Auch dieser Aspekt wird in der Ausstellung dokumentiert.

In dieser Abteilung werden auch einige aus dem Banat stammende Exponate präsentiert, so eine Spritzkrapfen- und eine Prügelkrapfenform (Leihgeberinnen: Leni Buchmann, Anna Glass und Elfriede Beck), ein handschriftliches Rezeptheft mit einem Zimtkrapfen-Rezept (Leihgeberin: Helga Umstätter) sowie die Rezeptsammlung „Ulmbacher Leibspeisen“ mit einem Prügelkrapfen-Rezept. Zur Verfügung gestellt wurden diese Objekte von der „Ulmbacher Kochgruppe“ aus Rechberghausen, die sich regelmäßig trifft, um gemeinsam alte und neue Rezepte zu kochen und zu backen. Wie die Krapfenformen gehandhabt und wie Spritzkrapfen und Zimtkrapfen hergestellt werden, wird mittels einer Medienstation praktisch demonstriert.

Das Haus des Deutschen Ostens besitzt seit seiner Gründung im Jahr 1970 eine eigene Gaststätte. Dieser ist der letzte Ausstellungsraum gewidmet. Die Gaststätte „Zum Alten Bezirksamt“, auf deren Speisekarte immer wieder traditionelle heimatliche Gerichte zu finden sind, ist für Heimatvertriebene und Aussiedler in München ein wichtiger Begegnungsort. Hier findet auch die Veranstaltungsreihe Erzählcafé statt, in der seit 2006 über 80 Gäste aus ihrem Leben berichtet haben, während das Publikum Kaffee und hausgemachte Kuchen genießt.

Die Ausstellung „Kann Spuren von Heimat enthalten“ zeigt an eindrucksvollen Beispielen die Vielfalt der kulinarischen Tradition der Deutschen des östlichen Europa auf, aber auch den Einfluss, den diese Tradition auf das Essverhalten aller Deutschen genommen hat. Darüber hinaus wird vor allem deutlich, in welch hohem Maß die wirtschaftliche Entwicklung Nachkriegsdeutschlands von den wieder gegründeten Firmen der Vertriebenen und Aussiedler profitiert hat.

Einen Einblick in die Ausstellung vermittelt auch die neueste Ausgabe des HDO-Journals Nr. 15/2016 (online unter www.hdo.bayern.de). Als Ergänzung der Ausstellung wird im März 2017 der reich bebilderte Band „Kann Spuren von Heimat enthalten. Die besten Rezepte der Deutschen des östlichen Europas“ im Münchner Volk Verlag erscheinen. Dieses Kochbuch, in dem erstmals die besten Gerichte aus dem großen Raum zwischen Baltikum und Schwarzem Meer versammelt sein werden, zeigt die Vielfalt der traditionellen Rezepte und die kulinarische Kultur der Deutschen des östlichen Europa.

Die Ausstellung ist bis 31. März 2017 geöffnet. Sie kann montags bis freitags von 10 bis 20 Uhr im Haus des Deutschen Ostens (Am Lilienberg 5, 81669 München) besichtigt werden. An Feiertagen und in den Weihnachtsferien ist das Haus geschlossen.