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Banater Post

Horst Samson las im Zeitungs-Café Nürnberg

Der Dichter Horst Samson im Gespräch mit Josef Balazs während der Lesung im Zeitungs-Café Nürnberg. Foto: G. Balazs

Gast der vom Nürnberger Kulturbeirat zugewanderter Deutscher in Kooperation mit dem BildungsCampus Nürnberg im Zeitungs-Café Hermann Kesten veranstalteten LeseReihe Literatur Live war am 12. Mai der aus dem Banat stammende Dichter Horst Samson. Die Lesung stand unter dem Motto „Leben auf einem neuen Blatt“. Mit einem eigens für diesen Abend geschriebenen Text, den wir nachfolgend veröffentlichen, stellte Josef Balazs den Vortragenden vor.

Zwei Fotos hat er uns für den Flyer geschickt. Zur Auswahl. Ich griff instinktiv nach dem Bild, auf welchem Horst Samson vor einer riesigen Bücherwand seinen letzten Gedichtband in Händen hält. Bücher sind faszinierend. Spontan fällt mir die Frage und Antwort der Schriftstellerin Christa Wolf ein: „Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind? Eine der Antworten wäre eine Liste mit Buchtiteln.“

In der Bibliothek von Horst Samson entdeckt man Bücher von Ilse Aichinger, Rilke, Gottfried Benn und das vollständige Werk von Hans Henny Jahnn ... und viele andere. Das sind also seine Lehrmeister! Die sichtbaren.

Das andere Foto ist das Bild des homo faber, des tätigen Horst Samson, an seiner alten Schreibmaschine. Welche alte Schreibmaschine? Die „neue“ alte? Denn, wir, die Leser seiner Gedichte, wissen, dass man seine Schreibmaschine bei der Ausreise aus Rumänien 1987 (März) am Grenzbahnhof Curtici weggenommen, konfisziert, gestohlen hat.

Der Dichter aber ist ein Chronist seiner selbst, er hat diesen Augenblick für die Ewigkeit festgehalten: „Sätze erstarren, es redet / Der Wind. Die Schreibmaschine bleibt da! / Was, schreit der Offizier, gehen mich / Genehmigungen an. Im Grenzbahnhof dauert / Eine Stunde vier Stunden lang?“

Der Dichter Samson ist nämlich der Meinung, dass die Wahrheit dem Menschen zumutbar ist. Dieser Meinung war er auch in Rumänien, nur durfte man dort die Wahrheit unverblümt nicht sagen, schreiben, geschweige denn drucken. Die Wahrheit ist ein Geschenk, das sich nicht jeder gern machen lässt. Wer schreibt, provoziert.

Auf der Leuchtreklame am Eingang der Bibliothek ist diese Lesung mit folgendem Text angekündigt: Horst Samson, preisgekrönter Lyriker, ist einer der wichtigen Vertreter der jüngeren rumäniendeutschen Literatur. Es stimmt alles. Und doch stutzte ich. Denn er lebt seit 29 Jahren in Deutschland und trotzdem gilt er als Vertreter der Literatur eines virtuellen Raumes... Ist er in Deutschland nicht angekommen? Doch, doch, denn er hat das schönste Delfingedicht ganz Deutschlands geschrieben, wurde dafür ausgezeichnet ... und noch mehr.

Sein Schicksal erinnert mich an Hermann Kesten, den Namensgeber dieses Zeitungs-Cafés. Kein geringerer als der große Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bezeichnet das Schicksal des Schriftstellers Hermann Kesten als symptomatischen Fall. Denn es bestehe eine tiefe Kluft zwischen den Dichtern, die im Exil waren, und dem deutschen Publikum. Es scheint sicher, so der Kritiker, dass die Wiedereinbürgerung der Werke der Schriftsteller, die im Exil waren, in Deutschland im Grunde nicht erfolgt sei.

Horst Samson spricht auch öfters vom Exil. Denn er hat seine Heimat nicht freiwillig verlassen. Er hat geschrieben! Gedichte! Er hat provoziert! Diktatoren lesen ungern solche Gedichte. Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.

Horst Samson hat trotzdem geschrieben. Gewitzte Redakteure, selbst Dichter, machten das Publizieren möglich. Dabei spielten sie mit ihrem Leben. Das ist nicht als Floskel gemeint, sondern man nehme es wortwörtlich.

Noch heute packt mich innerlich Angst, wenn ich den letzten in Rumänien veröffentlichten Gedichtband von Horst Samson durchblättere. Die Gedichte verraten dem Lesekundigen – das bedeutete dort: Eingeweihten –, dass ein Mensch an seine äußerste Grenze angekommen ist: „der messingmond hängt wie ein türkensäbel / über unserem hals“ heißt es in einem Gedicht „den schriftstellerfreunden“ gewidmet. Über ihnen hing in der Tat ein Damoklesschwert. In „Tagebuchnotiz“ steht: „sie werfen / mit eisengrauen blumentöpfen nach mir / aber meine stimme fällt nicht um“. Als Motto für dieses Gedicht wählt Samson ein Zitat von Franz Kafka: „bin ich gebrochen?“ Solche indirekte Hinweise waren ein Geheimcode für die eingeweihten Leser.

Kann sich der Mensch des Jahres 2016 vorstellen, welchen Zwängen ein Dichter in der Diktatur, im Rumänien des Jahres 1986, ausgesetzt war?

Die Forderung, wie Literatur zu sein hat, hat der Diktator selbst klar formuliert: „Wir brauchen revolutionäre patriotische Gedichte, die heroisches Schaffen besingen, die großartigen Leistungen der Erbauer des Sozialismus in Rumänien. (...) Vaterlandsliebe war, ist und soll stets ein Gut der Nation, ein Gut unseres Volkes sein, und wer immer vom revolutionären Patriotismus abweicht, entfernt sich vom Volk und dient, ob er will oder nicht, den Interessen der Feinde des Volkes.“

Das bedeutete: Schrieb man als Dichter nicht konform, war man, ob man wollte oder nicht, automatisch ein Feind des Volkes. Dem Sicherheitsdienst Securitate war durch diese publizierte Aussage des Präsidenten Tür und Tor geöffnet, um zu schalten und zu walten.

Man lese in der Biographie von Horst Samson nach, wie das vor sich ging. In dem Gedicht „Verinselung“ – dem listenreichen und mutigen Redakteur Franz Hodjak gewidmet – beklagt der Dichter Samson: „weniger geworden / schnappen wir nach luft / nach mehr luft“.

Der Dichter verlässt seine Heimat, ohne Schreibmaschine, und beginnt ein „Leben auf einem neuen Blatt“.

(Zitiert wurden folgende Autoren: Horst Samson, Christa Wolf, Ingeborg Bachmann, Marcel Reich-Ranicki, Julia Schoch.)