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Banater Post

Auf den Spuren des „Banater Schwabenliedes“

Autograf des von Hermann Zilcher komponierten „Banater Schwabenliedes“, aufbewahrt in der Bayerischen Staatsbibliothek München.

Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923), Schriftsteller, Journalist, Theaterdirektor Foto: Archiv BP

Hermann Zilcher (1881-1948), Komponist, Dirigent und Pianist Quelle: www.hermann-zilcher.de

Adam Müller-Guttenbrunn hat sein berühmtes „Banater Schwabenlied“ im Jahre 1910 gedichtet und es noch im gleichen Jahr im „Neuen Wiener Journal“ (Ausgabe vom 1. April 1910) zum ersten Mal veröffentlicht. Es wurde damals auf einem Festkommers der Verbindung der deutschen Hochschüler aus den Ländern der ungarischen Krone in Wien auf eine Weise von Adolf Kirchl zum ersten Mal gesungen. Den meisten unserer Banater Landsleute ist das Gedicht im Laufe ihres Lebens im Banat schon begegnet, aber meistens eben nur als Gedicht, obwohl es doch als ein „Banater Schwabenlied“ überschrieben war. Das lag daran, dass die verschiedenen Vertonungsversuche, die in den Jahren nach 1910 einsetzten, allesamt nur schwer singbar und sehr getragen waren und dadurch keine Breitenwirkung entfalten konnten. Neben der Vertonung von Kirchl gab es noch weitere von Paul Geilsdorf, Walter Hensel, Johann Weber und Adam Weidmann. Die beiden Letztgenannten waren Banater. Alle diese Vertonungen haben sich jedoch nicht durchgesetzt, so dass das „Banater Schwabenlied“ oft auch nur als Sprechchor vorgetragen wurde.

Eingängige Weise im Banat oft gesungen

Dieser Zustand änderte sich erst Ende der zwanziger, Anfang der dreißiger Jahre, als die Singschar der
Temeswarer Banatia und später dann auch die Adam-Müller-Guttenbrunn-Schule in Arad begannen,
eine neue, schwungvolle Vertonung unter die Leute zu bringen. Es war diese Weise, die nach dem Krieg im Banat noch oft (privat) gesungen wurde. Ich selber habe sie noch als Kind in Neuarad gehört. Sie ist meines Wissens nirgends gedruckt veröffentlicht, aber aufgrund ihrer Eingängigkeit hatte sie schon fast Volksliedcharakter. Da das „Banater Schwabenlied“ in der kommunistischen Zeit aber im Banat öffentlich nicht gesungen werden durfte (man behalf sich mit dem Lied „Mein Heimatland, Banater Land“ von Peter Jung in der Vertonung von Josef Linster), wurde es eben nur privat weitergegeben. Es gab keine Noten, Chorsätze oder gar Aufführungen mit Blasmusik. Der Komponist dieser Weise war unbekannt.

Auf die Spur brachte mich der aus Glogowatz stammende Musiker und Komponist Josef Schmalz (1932-2014). Ihm war diese Vertonung, wie er mir nach einigem Nachdenken am Telefon sagte, ebenfalls bekannt und er erwähnte, dass der Komponist ein gewisser Silcher sei. Der Komponist und Musikpädagoge Friedrich Silcher kam jedoch nicht in Frage, da er im 19. Jahrhundert gelebt hat. Es stellte sich aber heraus, dass Hermann Zilcher (1881-1948) tatsächlich nach 1930 eine Vertonung des „Banater Schwabenliedes“ geschaffen hatte. Das handschriftliche Original befindet sich in der Bayerischen Staatsbibliothek München und die Hermann Zilcher Gesellschaft mit Sitz in Würzburg hat mir danksenswerter Weise eine Kopie zur Verfügung gestellt.

Wie kommt es aber, dass Hermann Zilcher, ein in Frankfurt geborener und in Würzburg wirkender Komponist (ausführliche biographische Informationen finden sich auf der Homepage der Hermann Zilcher Gesellschaft unter www.hermann-zilcher.de), das „Banater Schwabenlied“ vertont hat?

Komposition von Hermann Zilcher entdeckt

Adam Müller-Guttenbrunn hatte sein Gedicht weit verbreitet, zumal sein Roman „Die Glocken der Heimat“, in den es Eingang gefunden hatte, in vielen Zeitungen (außerhalb Ungarns) abgedruckt wurde (zum Beispiel im „Salzburger Volksblatt“ 1911). Und es wurde vermutlich auch von den vielen Banater Amerika-Auswanderern mitgenommen. Bekanntlich gab es damals im Banat eine soziale Schieflage, verursacht durch den Landmangel, aber auch durch die reformunwilligen ungarischen Großgrundbesitzer. Gegen diese Missstände und gegen die Magyarisierung schrieb Adam Müller-Guttenbrunn in seinen Büchern an. Schätzungen zufolge ist ungefähr ein Drittel aller (deutschen) Amerika-Auswanderer aus dem Banat in dieser Zeit ausgewandert (Auskunft hierüber geben die Schiffslisten unter freepages.genealogy.rootsweb.ancestry.com/~banatdata/DDB/
BySurname/surnameindex.htm). Auch meine Urgroßmutter wurde in Chicago geboren.

Vielleicht ist Hermann Zilcher bei einer seiner Konzertreisen in den Vereinigten Staaten auch mit Banater Schwaben zusammengetroffen und so mit dem Text in Berührung gekommen. Es ist sogar durchaus wahrscheinlich, dass er über die Lage in Ungarn informiert war, zumal er 1909 den berühmten Geiger Franz von Vecsey bei einer Amerika-Konzertreise begleitet hatte. Béla Bartók, mit dem Vecsey ebenfalls auf Tournee ging, stammte ja auch aus dem Banat. Ob Franz von Vecsey mit den Grundherren von Wetschehausen verwandt war, ist mir nicht bekannt.

Nach dem Ersten Weltkrieg war das Verständnis in der Weimarer Republik für die Deutschen im Ausland viel ausgeprägter als zur Zeit des Wilhelminischen Kaiserreichs. Das war deswegen so, weil die nach 1918 abgetrennten Gebiete ja weiterhin von deutschen Landsleuten bewohnt waren und man erkannt hatte, dass es sich dabei – obwohl sie ihre Staatsangehörigkeit gewechselt hatten und nun jenseits der Grenzen des Deutschen Reiches lebten – immer noch um Deutsche handelt. Man konnte plötzlich den Unterschied zwischen Staatsangehörigkeit und Volkszugehörigkeit anschaulich erleben. So bildete sich in den zwanziger Jahren in der Weimarer Republik und in Österreich ein großes Verständnis in der Mitte der Gesellschaft für die Belange der außerhalb des Mutterlandes lebenden Deutschen heraus. Viele Schulen hatten Kontakte geknüpft, unter anderem auch ins Banat. Die weiter oben erwähnten schwer singbaren Vertonungen des „Banater Schwabenlieds“ sind alle in dieser Zeit entstanden.

Hermann Zilcher dürften diese Vertonungen bekannt gewesen sein. Wahrscheinlich hatte er deren Unzulänglichkeiten erkannt und aufgrunddessen sich an die Arbeit gemacht mit dem Ziel, eine bessere Vertonung zu schaffen. Jedenfalls kam es zu der jetzt entdeckten Komposition, die wahrscheinlich auch über die Verbindungen des Banater Deutschen Sängerbundes den Weg in die deutschen Schulen im rumänischen Teil des Banats fand. Wie mir mehrere ehemalige Banatia-Schüler übereinstimmend berichteten, haben sie das „Banater Schwabenlied“ nach der Weise von Zilcher, ohne gedruckte Noten, in der Schule gesungen. Das war zwar nach 1945 nicht mehr möglich, weil das Lied im kommunistischen Rumänien in der Schule nicht mehr vermittelt wurde, allerdings war der Text nicht verboten. So wurde das Lied weiterhin im privaten Rahmen oft gesungen, zumal die Zilcher’sche Melodie so eingängig ist, dass sie leicht mündlich verbreitet werden konnte. Offiziell wurde Adam Müller-Guttenbrunn ja auch im kommunistischen Rumänien erwähnt, allerdings hauptsächlich weil die Rumänen in seinen Werken stets positiv dargestellt werden. In seinem Geburtsort wurde eine Gedenkstätte errichtet und er war sogar der Namensgeber für den berühmten Temeswarer Literaturkreis. Auch heute wird Müller-Guttenbrunn in Rumänien weiterhin offiziell gewürdigt, es ist eine Straße in Neuarad nach ihm benannt und die nach wie vor bestehende Schule mit Klassenzügen mit deutscher Unterrichtssprache in Arad trägt wieder seinen Namen.

Ein Gewinn für die Banater Schwaben

Der Komponist des „Banater Schwabenliedes“ blieb aber bis zu meinem Fund im Nachlass von Hermann Zilcher ungenannt beziehungsweise unbekannt. Der Text des Liedes findet sich zwar heute auf zahlreichen Seiten im Netz, jedoch ohne dazugehörige Melodie. Mit der Zilcher’schen Vertonung haben wir Banater eine sehr schöne und schwungvolle Vertonung des „Banater Schwabenliedes“ wiedergewonnen. Vielleicht kann ja ein Banater Dichter den Text ergänzen und in ein bis zwei zusätzlichen Strophen aktualisieren, so dass auch die Aussiedlung und Zerstreuung der Banater Schwaben in alle Welt beschrieben werden. Die meisten anderen Strophen sind durchaus auch heute noch singbar.

Mit der Zilcher’schen Vertonung liegt nun eine sehr eingängige Melodie zu einem sehr berühmten eigenen Text vor, der das Schicksal der Banater Schwaben gut beschreibt. Vielleicht machen wir ja beim Heimattag in Ulm oder beim Bundestreffen der Banater Chöre einen Anfang und versuchen das Lied (wieder) bekannt zu machen, womöglich auch mit Blasmusikbegleitung.