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Banater Post

Josef Brandeisz: Musiker, Chronist und Forscher zugleich (2)

Der Violinvirtuose und Musikpädagoge Josef Brandeisz überreichte dieses Foto am 10. Mai 1951 Josef Ackermann mit folgender Widmung: „Meinem begabten Schüler Sepp Ackermann zur Erinnerung. Josef Brandeisz“.

Porträt des Komponisten Johannes Brahms (1833-1897), gezeichnet von Josef Brandeisz

Von Kammermusik bis Kirchenmusik - Josef Brandeisz als einen Violinvirtuosen im Sinne eines erfolgreichen reisenden Künstlers zu bezeichnen, würde nicht der Wahrheit entsprechen. Obzwar er die Begabung besaß und die Möglichkeiten zum Reisen gehabt hätte, fanden seine Soloauftritte ausschließlich im Banat und in Siebenbürgen statt und dies meist im Rahmen von größeren Konzertveranstaltungen mit Chor, Solisten und Orchester. Ob in Temeswar, Reschitza, Hatzfeld, Arad, Tschakowa oder Hermannstadt, die Zeitungsberichte fielen stets überschwänglich aus, und das Publikum war von seinem Spiel begeistert. Besonders die regelmäßigen Konzerte in seinem Heimatort Tschakowa lagen ihm sehr am Herzen: Noch in seinen letzten Lebensjahren wird er mit seinem Landsmann, dem Priester und Organisten Josef Gerstenengst, hier in seiner Heimatkirche auftreten.

Die zahlreichen Kirchenkonzerte waren für Josef Brandeisz ebenfalls eine Konstante in der Zeit seines künstlerischen Wirkens. Es gab kaum ein Kirchenkonzert in Temeswar – und von diesen gab es damals sehr viele im Jahr –, bei dem er nicht als Violinist mitgewirkt hätte. Diese Tradition hatte er von seinem Lehrer Béla Tomm übernommen, der ebenfalls als Konzertmeister des Domorchesters tätig war. Brandeisz spielte zum Beispiel bis ins hohe Alter im Orchester der Innerstädtischen Pfarrkirche bei Festgottesdiensten, neben ihm saß sein ehemaliger Schüler Herbert Habenicht.

Das Besondere daran: Selbst in den schwersten Jahren der Nachkriegszeit, in der Zeit der Russlandverschleppung, trat er regelmäßig in Domkonzerten und Kirchenkonzerten auf, wobei das Orchester meist von Franz Stürmer, Hans Weisz oder Paul Wittmann geleitet wurde. Später wird er auch gemeinsam mit der Pianistin, Organistin und Kirchenmusikerin Valeria Tarjányi auftreten.

Dankesschreiben aus New York

Zu seinen ersten Violinschülern um 1925 gehörten die drei Temeswarer Wunderkinder Gabriel Hirsch (Gabriel Banat), Johanna Martzy und Stefan Romaşcanu. Die deutschen, rumänischen und ungarischen Zeitungen berichteten regelmäßig über dieses erfolgreiche Temeswarer Trifolium (Kleeblatt) und dessen berühmten Lehrer. Gabriel Banat (geboren 1926) wird 1945, nach einer Weiterbildung bei George Enescu, in die Vereinigten Staaten ausreisen, Mitglied der Philharmonie in New York werden und zahlreiche Konzerte mit Leonard Bernstein, Aaron Copland und Herbert von Karajan geben. Seinem ehemaligen Lehrer in Temeswar schickte er des Öfteren Programme seiner weltweit bestrittenen Konzerte.

Johanna Martzy (1924-1979) wird als eine der bedeutendsten Violinistinnen ihrer Zeit auf der ganzen Welt Konzerte geben und beispielhafte Tonträger bespielen. Noch vor wenigen Jahren hat ein japanisches Label einige ihrer Aufnahmen wiederverlegt. Auch andere Brandeisz-Schüler machten weltweit Karriere als Solisten, so zum Beispiel Eugen Stoia, Josef Ackermann, Ludwig Lang, Dragoş Cocora, langjähriger Konzertmeister der Temeswarer Philharmonie „Banatul“, Dr. Hans Fernbach, der ebenfalls Konzertmeister dieser Institution war und im Besitz der Violine von Professor Brandeisz (eine Mathias Thier) ist, oder Gabriel Popa, einer seiner letzten Schüler, der heute Violinsolist der Temeswarer Philharmonie ist. Andere seiner Schüler sind als Musikwissenschaftler, Violinlehrer oder Kirchenmusiker tätig, wie zum Beispiel Gottfried Habenicht, Rudolf Krauser (†), Trude Tornaczky-Kerekes, Hannelore Slavik oder Otto Hockel – um nur einige zu nennen.

Temeswarer Musikleben

Nach dem Erscheinen des ungarischen Buches „Bánsági Rapszódia“ (Banater Rhapsodie) von Desiderius Braun im Jahre 1937 mussten viele Jahrzehnte vergehen, bis endlich ein ähnliches Meisterwerk auf den Markt kam. Josef Brandeisz sammelte unermüdlich und mit Begeisterung alle Daten zum Temeswarer Musikleben und war bestrebt, trotz hohen Alters, seine Temeswarer Musikgeschichte zu veröffentlichen. Doch diese Arbeit fiel ihm immer schwerer. Wie durch ein Wunder hörte Erwin Lessl, damals Journalist bei der „Neuen Banater Zeitung“, von diesem Unterfangen und bot Brandeisz seine Hilfe an. Die unzähligen Daten und Texte mussten in Buchform mit mehreren Kapiteln gegossen werden. Trotz regelmäßiger Treffen und ermüdender Arbeitssitzungen, Recherchen und Korrekturen, brauchte es seine Zeit, bis sowohl die beiden Autoren wie auch der Kriterion-Verlag in Bukarest das Buch druckreif hatten. Doch für den Hauptautor war es zu spät: Josef Brandeisz starb plötzlich am 7. Juni 1978. Erst 1980 konnte das Buch „Temeswarer Musikleben. 200 Jahre Tradition“ erscheinen.

Natürlich konnten nicht alle Kapitel so gedruckt werden, wie dies sich die Autoren gewünscht hätten. Durch die Vorgaben der Zensur mussten so manche Ausdrücke umformuliert, ja ganze Abschnitte gestrichen werden. Das Nachwort dazu schrieb Eduard Schneider, damals Feuilletonleiter der „Neuen Banater Zeitung“. Leider war die Auflage so klein, dass in kürzester Zeit alle Exemplare vergriffen waren. Heute findet man nur noch gelegentlich welche in Antiquariaten.

Dies war auch der Grund, weshalb eine kritische Neuausgabe dringend notwendig erschien. Besonders durch die Recherchen in Budapest und Wien konnten neue Erkenntnisse zur Temeswarer und Banater
Musikgeschichte gewonnen werden. Auch verschollene Sammlungen und Archive wurden nach 1990 entdeckt, und natürlich standen nun die Tore der ausländischen Nationalbibliotheken für die Banater Musikforschung offen. Eine riesige Arbeit also, die nun auf dem von Desiderius Braun (1937) und Josef Brandeisz (1980) geschaffenen soliden Fundament fortgesetzt werden kann.

Josef Brandeisz hat zwar sein Buch in deutscher Sprache durchdacht und geschrieben, doch darin finden auch rumänische und ungarische Musiker Temeswars ihren Platz. Bezüglich dieses Buches kann man von einem Glücksfall der südosteuropäischen Musikforschung sprechen: Josef Brandeisz und Erwin Lessl gelang es, in konzentrierter Form sowohl die wichtigsten Namen aus der Musikgeschichte Temeswars festzuhalten wie auch die zeitgenössische musikalische Entwicklung dieser Stadt einzubeziehen.

Damals, also vor 35 Jahren, nur wenige Wochen nach Erscheinen des Buches, schrieb ich als junger Organist in der Kronstädter „Karpaten-Rundschau“ voller Begeisterung darüber: „Ein Menschenleben würde nicht ausreichen, um die Musikgeschichte dieser Großstadt auf Papier festzuhalten, von der die heutige Generation viel zu wenig weiß. Temeswar hatte nicht nur der Bürgermentalität oder der Architektur wegen den Beinamen Klein-Wien, sondern auch der Musikkultur wegen. (…) Das Buch ,Temeswarer Musikleben‘ von Josef Brandeisz und Erwin Lessl, das Ende des vorigen Jahres im Kriterion-Verlag erschienen ist, informiert ausführlich darüber. Prof. Josef Brandeisz, eine hervorragende Musikerpersönlichkeit, hat bis zu seinem Tode an diesem Buch gearbeitet. Sein ganzes Leben lang war er ein leidenschaftlicher Sammler von Daten und Dokumenten, die sich auf die Musikgeschichte und die allgemeine Geschichte bezogen. (…) Es gibt noch viele Kapitel, die für künftige Generationen offen bleiben. (...) Es gibt noch unbekannte Schätze, die von der ehemaligen Musikwelt Temeswars zeugen. Das Buch ist nicht nur für Fachleute geschrieben, sondern für jeden, der einen Sinn für Musik, Geschichte, Kultur und Tradition hat. Deshalb ist es ein wichtiger Baustein unserer Musikgeschichte und mag als Ansporn für die junge Generation von Musikern und Musikhistorikern dienen.“

Somit ist nun die Zeit reif, Josef Brandeisz, dem zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Musiker, Chronisten und Pädagogen aus Temeswar, ein würdiges Denkmal zu setzen. Das vor kurzem im Verlag Edition Musik Südost erschienene Buch „Josef Brandeisz und das Temeswarer Musikleben“, dessen Drucklegung durch das Demokratische Forum der Deutschen im Banat ermöglicht wurde, soll letztendlich jenen Menschen würdigen, dessen Namen der in diesen Tagen in Temeswar ausgetragene erste internationale Violinwettbewerb für Schüler und junge Geiger trägt: Professor Josef Brandeisz. Dessen Initiatoren, Dr. Hans Fernbach und das Deutsche Banater Forum, haben damit Geschichte geschrieben.

Franz Metz (Hrsg.): Josef Brandeisz und das Temeswarer Musikleben. Zur Musikgeschichte eines europäischen Musikzentrums. München: Edition Musik Südost, 2016. 324 Seiten. ISBN 978-3-939041-24-5. Preis: 19,50 Euro zuzüglich Versand. Zu bestellen über den Verlag Edition Musik Südost, Hugo-Weiss-Straße 5, 81827 München, Tel./Fax 089 / 450 11 762, E-Mail FranzMetz(at)aol.com