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Banater Post

Der unsichtbare Rucksack

Ernest Wichner (links), Leiter des Literaturhauses Berlin, und der Literaturwissenschaftler Norbert Wehr berichteten von ihren Begegnungen mit den Schriftstellern Oskar Pastior und Herta Müller. Foto: Luise Frank

Deportierte Banater und Siebenbürger „Bergarbeiter“ in einem Lager in der ehemaligen Sowjetunion. Der Lagerort und die Namen der Abgebildeten sind nicht bekannt. Landsleute, die hierüber Auskunft geben können, werden gebeten, sich an die Redaktion der „Banater Post“ zu wenden. Foto: Sammlung Rubicon Film, Berlin

Siebzig Jahre ist es her, dass Zehntausende Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert wurden. Die Deutsche Gesellschaft hatte zum Ende dieses Gedenkjahres zu einem Symposium nach Berlin eingeladen. Thema war die Deportation in der rumäniendeutschen Literatur. Literaturexperten stellten die wichtigsten Werke zum Thema Deportation vor, Schriftsteller lasen aus ihren Texten.

Zuvor ordnete Dr. Florian Kühler-Wielach die Ereignisse historisch ein. Der Historiker ist Direktor des Instituts für Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Er verwandte einen Begriff, der im Verlauf des Symposiums immer wieder aufgegriffen wurde: Wie einen „unsichtbaren Rucksack“ hätten die Betroffenen ihr ganzes Leben lang die Erinnerungen an die Deportation mit sich herumgeschleppt. Rund 70000 Deutsche aus den verschiedenen Siedlungsgebieten in Rumänien seien betroffen gewesen, Frauen zwischen 18 und 30 und Männer zwischen 18 und 45 Jahren, wobei die Altersgrenzen nicht immer eingehalten wurden, wenn es Aushebungsquoten zu erfüllen gab. Er zeigte auch, dass das Thema erst sehr spät in die allgemeine Wahrnehmung vorgedrungen sei, nämlich mit den ersten größeren Veranstaltungen zu Jahrestagen der Russlanddeportation.

Einen Überblick über die Deportation der Rumäniendeutschen in der Literatur gab der Literaturwissenschaftler Michael Markel aus Nürnberg, selbst Siebenbürger Sachse. Derzeit gebe es zwei Bühnenstücke, eine Handvoll Kurzgeschichten, sehr wenige Gedichte, eine Erzählung, ein Kinderbuch, aber über ein Dutzend Romane, der bekannteste davon Herta Müllers „Atemschaukel“. Das Thema Deportation sei vor allem in Literatur der Nachwendezeit zu finden, so Markel. Die wenigen Veröffentlichungen, die es aus den frühen Fünfzigerjahren gibt, seien häufig davon bestimmt, „ästhetische Gestaltungsbedürfnisse mit parteilichen Schreibvorgaben zusammen zu zwingen“. So werde in diesen frühen Werken das Lager zum Lernort, die Erfahrungen der Deportation beschönigt. Nach dem Ungarnaufstand 1956 wurde das Thema völlig tabuisiert. In späteren literarischen Aufarbeitungen taucht die Deportation sowohl als eigene Erinnerung auf wie auch als Bericht aus zweiter oder dritter Hand, aus der Lager- oder aus der Heimatperspektive. Mit „Pădurea de sticlă“ (Der gläserne Wald), einem Roman von Marinela Porumb, ist das Thema 2011 auch in der rumänischen Literatur angekommen.

Um dem Publikum auch einen bildlichen Eindruck von der Zwangsarbeit in der Deportation zu vermitteln, zeigte der Dokumentarfilmer Günter Czernetzky (geboren in Schäßburg) Ausschnitte aus seinen Filmen „Arbeitssklaven unter Hitler und Stalin“ sowie „Heimkehr aus der Sklaverei“, in denen historisches Bildmaterial zu sehen ist und Betroffene zu Wort kommen. Sie berichten von der Zwangsarbeit, dem allgegenwärtigen Hunger („Meine Katzen bekommen heute mehr als wir damals.“) oder der schwierigen Wiederannäherung zwischen deportierten Müttern und daheimgebliebenen Kindern, aber auch von Verliebtheit im Lager und der Hilfe durch mitfühlende Russen.

2009 wurde die in Nitzkydorf geborene Schriftstellerin Herta Müller mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Durch ihren im selben Jahr erschienenen Roman „Atemschaukel“ fand das Thema Deportation Eingang in die Weltliteratur. Über die besondere Entstehungsgeschichte dieses Werkes berichteten Ernest Wichner, geboren in Guttenbrunn und Leiter des Literaturhauses Berlin, sowie der Literaturwissenschaftler Norbert Wehr. Wehr hat keine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Rumäniendeutschen, war aber schon immer am Werk des siebenbürgischen Lyrikers Oskar Pastior interessiert. Er erstellte ein Radiofeature mit dem Titel „Hungerengel“ über die gemeinsame Arbeit Oskar Pastiors und Herta Müllers für den Roman. Ausschnitte daraus konnten auch die Symposiumsteilnehmer hören. Herta Müller erzählt darin, dass sie schon lange über das Thema Deportation schreiben wollte, weil auch ihre Mutter betroffen war, aber bislang an der Sprachlosigkeit der Zurückgekehrten gescheitert war. Im Gespräch mit Oskar Pastior entstand die Idee, aus seinen Erinnerungen an die Deportation gemeinsam einen Roman zu gestalten.

Deshalb reisten Pastior und Müller 2004 auch gemeinsam in den Donbass und fanden die Ruinen des Betriebes, in dem Oskar Pastior arbeiten musste. Ernest Wichner hatte die Beiden auf diesem Weg begleitet und berichtete von seinen Eindrücken. 2006 starb Oskar Pastior und Herta Müller entschloss sich nach langem Zögern, den Roman auf Basis der bisher berichteten Erinnerungen allein zu schreiben. So entstand erstmals ein Werk, in dessen Mittelpunkt das Erleben der Deportation und Zwangsarbeit steht: die Aushebung, der Transport, die schwere Arbeit in der Kohleproduktion, der allgegenwärtige, alles überlagernde Hunger. Aber „Atemschaukel“ zeigt auch die Schwierigkeiten, nach der Heimkehr wieder an den Alltag anzuknüpfen und den „unsichtbaren Rucksack“ durchs Leben zu tragen.

Einen Bericht über die Lesungen von Horst Samson und Johann Lippet, die im Rahmen dieses Symposiums stattfanden, lesen Sie in der nächsten Ausgabe der „Banater Post“.