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Banater Post

Besondere Verdienste in der Kulturvermittlung gewürdigt

Festakt zur Verleihung des Donauschwäbischen Kulturpreises im Haus der Donauschwaben Sindelfingen (von links): Leitende Ministerialrätin Dr. Christiane Meis, Anton Bleiziffer, Ministerialdirigent Herbert Hellstern, Prof. Dr. Josef Schwing, Innenminister Reinhold Gall, Dr. Heinz Günther Hüsch, Răzvan Georgescu, Ernst Meinhardt. Fotos: Walter Tonţa

Die Festrede zur Verleihung des Donauschwäbischen Kulturpreises hielt Innenminister Reinhold Gall.

Rose Hollich, Josef Zippel, Theresia Rentz und Prof. Anton Hollich (von links) brachten dem preisgekrönten Anton Bleiziffer ein Ständchen dar.

Der Donauschwäbische Kulturpreis 2015 des Landes Baden-Württemberg wurde den Preisträgern am
3. November im Rahmen eines Festaktes im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen von Innenminister Reinhold Gall überreicht (wir berichteten in der vorigen Ausgabe). Im Folgenden stellen wir die Preisträger und ihre in der Kulturvermittlung erbrachten Leistungen kurz vor.

Hauptpreis: Prof. Dr. Josef Schwing

Josef Schwing wurde 1932 in Boschok (Palotabozsok) in Südungarn geboren. Sein in Budapest begonnenes Studium der Romanistik, Hungaristik und Finnougristik musste er infolge des Ungarn-Auftstands 1956 vorzeitig beenden. Er floh nach Deutschland und machte sich nach der Absolvierung einer kaufmännischen Ausbildung selbständig. 1964 nahm er das Studium in den Fächern Germanistik und Romanistik an der Universität Heidelberg wieder auf, danach studierte er von 1967 bis 1971 zusätzlich in Saarbrücken das Fach Phonetik und Phonologie. 1987 promovierte er mit einer Arbeit über die Grammatik der deutschen Mundart seines Geburtsortes.

Ab 1980 war Josef Schwing an der Arbeitsstelle Pfälzisches Wörterbuch in Kaiserslautern tätig, 1990 wechselte er ans Institut für pfälzische Geschichte und Volkskunde Kaiserslautern. Seit 1995 ist er freischaffender Wissenschaftler. 2008 folgte die Habilitation im Bereich Dialektologie und deutsche Sprachgeschichte an der Universität Mannheim. Am dortigen Lehrstuhl für Germanistische Linguistik ist er als außerplanmäßiger Professor tätig.

Besondere Verdienste erwarb sich Josef Schwing in der Erfassung und Erforschung der deutschen Mundarten Südtransdanubiens. Dazu sagte Josef Jerger in seiner Laudatio: „Josef Schwing ging ab den 1990er Jahren zielstrebig an die Erfassung der Mundarten der Schwäbischen Türkei und zeichnete sie auf Tonkassetten auf. An diesem Projekt arbeitet und forscht er bis zum heutigen Tag. (...) Würden alle erfassten Daten auf CD-ROM gespeichert werden, würden sie eine Regalfläche von rund elf Metern füllen.“ Angesichts der enormen Datenmenge bot sich die moderne Computertechnik als Lösung für die Speicherung und Bearbeitung des gesammelten Materials an.

In der Forschungsarbeit des Preisträgers nimmt die Toponomastik (Ortsnamenkunde) einen breiten Raum ein. Mit der Veröffentlichung seiner Habilitationsschrift „Die deutschen mundartlichen Ortsnamen Südtransdanubiens (Ungarn)“ im Jahr 2011 sei eine fast hundertjährige Forderung der ungarndeutschen Germanistik, die ungarndeutschen Ortsnamen zu erfassen und zu deuten, in Erfüllung gegangen, so Jerger. Große Anerkennung in der Fachwelt erntete auch sein 2009 in Deutsch und Ungarisch erschienenes Buch „Die Namen der Stadt Pécs“. Seit 2010 arbeitet Professor Schwing an dem am Sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität Debrecen bearbeiteten namenkundlichen Projekt „Ungarisches Digitales Toponymenarchiv“ mit.

Trotz vielfältiger Verpflichtungen habe Josef Schwing immer Zeit gefunden, sich in die landsmannschaftliche Arbeit einzubringen, betonte der Laudator. Er war viele Jahre Redakteur der „Donaudeutschen Nachrichten“ und Schriftleiter des Jahrbuchs „Suevia Pannonica – Archiv der Deutschen aus Ungarn“ sowie geschäftsführender Vorsitzender der Vereinigung Ungarndeutscher Akademiker „Suevia Pannonica“. Dem Landesvorstand der Donaudeutschen Landsmannschaft in Rheinland-Pfalz gehörte er lange Zeit als Pressereferent an. Anerkennung fanden seine Leistungen durch die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande und der Johann-Eimann-Plakette.

Förderpreis: Forschungsgruppe "Familienzusammenführung Rumänien"

Dass die Deutschen aus dem kommunistischen Rumänien ausreisen durften, ist das Verdienst des Rechtsanwalts und langjährigen CDU-Bundestagsabgeordneten Dr. Heinz Günther Hüsch. Von 1968 bis 1989 war Dr. Hüsch im Auftrag der Bundesregierung alleiniger Verhandlungsführer mit der rumänischen Seite. Die getroffenen Vereinbarungen gingen später als „Freikauf“ in den allgemeinen Sprachgebrauch ein, weil Deutschland für jeden Ausgereisten einen genau festgelegten Pro-Kopf-Betrag zahlen musste.
Dass wir heute die wichtigsten Details der deutsch-rumänischen Ausreisevereinbarungen kennen, ist das Verdienst der Journalisten Hannelore Baier und Ernst Meinhardt sowie des Regisseurs Răzvan Georgescu. Sie waren die ersten, denen Dr. Hüsch ab 2009 Einblick in eine jahrzehntelang streng geheim gehaltene Mission gewährte. Der Rechtsanwalt und ehemalige CDU-Politiker entschloss sich mit seinem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen, um den vielen wilden Spekulationen, Gerüchten, Erfindungen und Falschmeldungen in den Medien ein Ende zu setzen. Die Genehmigung, darüber zu sprechen, erhielt er vom früheren Bundesinnenminister und jetzigen Bundesfinanzminister Dr. Wolfgang Schäuble.

Über das, was ihnen Dr. Hüsch in Interviews sagte, berichteten Hannelore Baier und Ernst Meinhardt auf zahlreichen Tagungen und in der Presse in Deutschland ebenso wie in Rumänien. Den Interviews waren ab 2004 umfangreiche Archivrecherchen vorausgegangen. Die beiden Journalisten teilten sich die Arbeit: Hannelore Baier forschte und forscht in Archiven in Rumänien, Ernst Meinhardt in Archiven in Deutschland.

Von den Tagungen hatten vor allem jene in Bad Kissingen (2010), Hermannstadt (2013) und Bukarest (2014) erhebliche publizistische Nachwirkungen. Im Jahre 2013 brachte der Hermannstädter Honterus-Verlag die in verschiedenen Zeitungen veröffentlichten Forschungsergebnisse in Buchform heraus. Das Buch „Kauf von Freiheit. Dr. Heinz Günther Hüsch im Interview mit Hannelore Baier und Ernst Meinhardt“ ist inzwischen in dritter Auflage erschienen. Ende 2014 ist es in rumänischer Übersetzung in den Buchhandel gekommen und somit auch dem rumänischsprachigen Publikum zugänglich.

Ausgehend von der Arbeit von Hannelore Baier und Ernst Meinhardt entschloss sich der Regisseur Răzvan Georgescu, das Thema Freikauf mit den Mitteln des Dokumentarfilms zu bearbeiten. Sein erster Film „Deutsche gegen Devisen“, bei dem der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) die Federführung hatte, lief erstmalig am 13. Januar 2014 im Programm der ARD. Der zweite Film „Paşaport de Germania“ (Ein Pass für Deutschland), eine internationale Koproduktion, ist am 27. November 2014 im rumänischen Programm des internationalen Senders HBO gelaufen und war vorab in Kinos in mehreren rumänischen Großstädten gezeigt worden. Eine weitere Ausstrahlung in Rumänien wird voraussichtlich Ende 2015 im öffentlich-recht-lichen Sender TVR erfolgen. Im Mai 2015 wurde der Film vom Verband der rumänischen Filmschaffenden als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet und im Oktober dieses Jahres erhielt er beim Festival des rumänischen Dokumentarfilms in Bukarest den Preis für die beste Regie. Die deutsche Version des Films soll Ende des Jahres in deutschen Kinos anlaufen. Eine Ausstrahlung im Hessischen Rundfunk (HR) und in der ARD soll im Anschluss an den Kinovertrieb erfolgen.

Das große Verdienst von Răzvan Georgescu ist es, dass er das Thema Familienzusammenführung bzw. den Freikauf einem breiten Publikum in Deutschland und Rumänien zugänglich gemacht hat. Neben der historischen Aufarbeitung verleiht der Film vor allem den Betroffenen, den „freigekauften“ Rumäniendeutschen, eine Stimme. Zudem beleuchtet er das Problem der Schmiergeldzahlungen für Ausreisegenehmigungen, die sich vor allem in den 1980er Jahren in Rumänien breit machten. Răzvan Georgescu ist es als erstem gelungen, Schmiergeldzahler und Schmiergeldkassierer vor der Kamera zum Reden zu bringen.

Mit ihren Vorträgen, Veröffentlichungen und Filmen haben die Mitglieder der Forschungsgruppe „Familienzusammenführung Rumänien“ ein wichtiges Kapitel deutscher, rumänischer und europäischer Nachkriegsgeschichte aufgearbeitet. Von Anfang an haben sie sich um größtmögliche Objektivität bemüht. Um unabhängig und frei von Vorgaben zu sein, haben sie grundsätzlich auf eigene Kosten geforscht. Von den vier Beteiligten ist mit Ernst Meinhardt nur einer Donauschwabe. Dr. Heinz Günther Hüsch ist Rheinländer, Hannelore Baier eine in Rumänien lebende Siebenbürger Sächsin und Răzvan Georgescu ein in Deutschland lebender Rumäne.

Vierzig Jahre lang gab es über den Freikauf der Deutschen aus Rumänien viele Gerüchte, Spekulationen, Halbwahrheiten und Erfindungen. Durch die Forschungen der nun ausgezeichneten Persönlichkeiten sind endlich Fakten an ihre Stelle getreten.

Ehrengabe: Anton Bleiziffer

Die Ehrengabe wurde Anton Bleiziffer für seine vielfältige Tätigkeit zur Bewahrung des donauschwäbischen Kulturgutes, besonders im musikalischen Bereich, für den gelungenen Brückenschlag zwischen seinem Heimatland Rumänien und der Bundesrepublik Deutschland sowie für sein ehrenamtliches Engagement für Spätaussiedler in der neuen Heimat zuerkannt. So die Begründung der Jury.

Anton Bleiziffer, Jahrgang 1950, aus Sanktanna stammend, ist ein vielseitiger und äußerst aktiver Kulturschaffender. Als leidenschaftlicher Musiker und studierter Musikpädagoge nimmt die Musik selbstverständlich die Hauptrolle in seinem beruflichen Leben und seinem ehrenamtlichen Wirken ein. Schon als Kind fing er mit dem Akkordeonspielen an, als Jugendlicher wirkte er  in verschiedenen Musikformationen mit, so auch im „Banater Studentenquintett“. Nach dem Musikstudium an der Pädagogischen Hochschule Temeswar arbeitete er bis zu seiner Aussiedlung nach Deutschland im Jahr 1981 als Lehrer.

Bleiziffer trat auch in der aktiven Brauchtumspflege seines Heimatortes Sanktanna in Erscheinung – 1968 war er Organisator und erster Geldherr des groß angelegten 100. Sankt-anner Kirchweihfestes, 1980 gründete er die Vereinigte Komloscher und Sanktannaer Kulturgruppe – und engagierte sich in der deutschen Kulturarbeit des Hochschulzentrums Temeswar. Damals sind auch seine ersten Eigenkompositionen entstanden und seine ersten publizistischen Beiträge erschienen.

Nach seiner Aussiedlung fand Anton Bleiziffer im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg als Schallarchivar und Volksliedwart ein neues berufliches Betätigungsfeld. Durch das bereits im Banat herausgebildete Bewusstsein, der Gruppe der Banater Deutschen anzugehören, war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, sich auch hier in Deutschland, wie schon früher in Rumänien, für seine Landsleute einzusetzen – in der Integrationsarbeit mit Aussiedlern, im Erhalt des kulturellen Erbes, insbesondere des Liedgutes, aber auch durch aktive Kulturarbeit.

In der kulturellen Breitenarbeit gelang es Anton Bleiziffer, neue Akzente und Impulse zu setzen, zumal er sich immer offen für Neues zeigte. Dabei scheint es wichtig festzuhalten, dass seine breit gefächerte Kulturarbeit im Dienste seiner Sanktannaer und Banater Landsleute nie auf das landsmannschaftliche Milieu beschränkt blieb; es gelang ihm nämlich, auch „echte Deutschländer“ und Menschen mit anderer Herkunftsheimat in die Kulturarbeit einzubinden.

Anton Bleiziffers vielseitiges Engagement kann hier nur skizzenhaft gewürdigt werden. Auf seine Initiative gehen das mittlerweile zu einer Institution gewordene Freiburger Antonitreffen – eine Veranstaltungsreihe mit dauerhaftem Erfolg – sowie der Freiburger Singkreis zurück, der seit Anfang der 1990er Jahre eine ersprießliche Tätigkeit entfaltet. Als Ideengeber, Organisator, Moderator, Interpret war er die Seele unzähliger kultureller Veranstaltungen mit stets anspruchsvollem und abwechslungsreichem Programm. Bleiziffer kann eine rege publizistische und Vortragstätigkeit vorweisen, er veröffentlichte zahlreiche musikwissenschaftliche Beiträge und gab eine ganze Reihe von Publikationen und Tonträgern von bleibendem dokumentarischem Wert heraus. Er engagiert sich im Freundeskreis Donauschwäbische Blasmusik als wissenschaftlicher Beirat und Moderator der alljährlichen Blasmusikkonzerte. Aus seiner Feder stammen Musik und Text für über einhundert Lieder. Eine unverzichtbare Stütze ist er auch in der Heimatortsgemeinschaft Sanktanna, in der er als Vorstandsmitglied, Kulturreferent und Mitarbeiter des Heimatbriefes wirkt, ebenso in der Ortsgruppe Freiburg, deren Informationsbroschüre „Tick-Tack“ er herausgibt. Diese umfangreiche Tätigkeit zur Bewahrung, Pflege und Weiterentwicklung des Banater Kulturerbes, gepaart mit seinem humorvollen und charmanten Auftreten, haben Anton Bleiziffer hohe Anerkennung und eine ganze Reihe von Auszeichungen und Ehrungen eingebracht. Er erfreut sich der besonderen Wertschätzung seiner Banater Landsleute aus der Herkunftsheimat als auch der Mitbürger in der „Ankunftsheimat“.

Der Preisträger hat die Beziehungen zur alten Heimat nie abbrechen lassen; im Gegenteil, er pflegt rege Kontakte zu den dort verbliebenen Landsleuten, aber auch zu den Menschen anderer Nationalität und Konfession, und nimmt regelmäßig an Veranstaltungen in Sanktanna teil. Er setzt sich aktiv für die Pflege des  überlieferten Brauchtums und die Sicherung von Kulturgut im gegebenen Kontext ein. Anton Bleiziffer ist ein erfolgreicher Brückenbauer im wahrsten Sinne des Wortes.

Lange Jahre war Anton Bleiziffer Vorsitzender der Jury zur Verleihung des Donauschwäbischen Kulturpreises. Diesmal stand er nicht als Laudator am Rednerpult, sondern verdienterweise als Preisträger auf der Bühne.