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Banater Post

Ein buntes Mosaik aus Erinnerungsorten

Wiederum treten Texte und Bilder des „Temeschburger Heimatblattes“ in einen Dialog mit den Lesern. Die HOG zeichnete einiges an Ereignissen, Entdeckungen, Ehrungen und Impressionen auf und Fred Zawadzki gestaltete zum erlebten, erinnerten, historischen und aktuellen Temeswar ein lebhaftes Mosaik, worauf das Cover einstimmt. Mitglieder bekommen das Heimatblatt zugeschickt, außerdem ist die gedruckte Version für 15 Euro und die digitale für 5 Euro über die Homepage der HOG zu beziehen.

Dr. Hans Gehl definiert die „Schwäbische[n] Erinnerungsorte“ und erläutert diesen Begriff anhand einer Fülle von banatbezogenen Beispielen, die auch literarisch dokumentiert sind. Eine Wechselwirkung zwischen den Wurzeln berühmter Persönlichkeiten und der Resonanz ihres Wirkens auf die Erinnerungsorte zeigen Porträts aus Kunst, Wissenschaft und Journalismus. Eine Hommage an die „transkulturelle Identität“ Ioan Holenders verbindet Uwe Detemple mit der Geburtstagsgratulation an „de[n] ehemaligen Direktor der Wiener Staatsoper zum 80.“ „Vorher war ich in Temeswar übrigens auf dem gleichen Gymnasium wie die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller“. Dieses Zitat aus einem Interview der „Süddeutschen Zeitung“ mit Prof. Dr. Stefan Walter Hell lässt diesen prägenden Ort der Jugend jedes einzelnen Lenauschülers im neuen Glanz erstrahlen. Dipl.-Ing. Josef Lutz stellt das Lebenswerk des Nobelpreisträgers für Chemie 2014 vor.

Dr. W. Alfred Zawadzki würdigt die Persönlichkeit und das Werk Nikolaus Berwangers, des Chefredakteurs der „Neuen Banater Zeitung“ (1969-1984), Dichters und Förderers junger schriftstellerischer Talente und Promoters des Temeswarer Kulturlebens. Das hier abgedruckte Gedicht „Schwur“ greift ein Lebensgefühl auf, das trotz widriger Umstände farbenfroh und selbstbewusst, wenn auch flüchtig, ist. Wie eine Geste das psychologische Überleben während der Zwangsarbeit „Im 32er Schacht“ motiviert, schildert der Auszug aus Coloman Müllers Buch „Die andere Seite“. In Fred Zawadzkis Nachruf auf den Autor klingt Bewunderung und Wehmut, dass der Zauber, den diese Persönlichkeit ausstrahlte, seit dem 15. April 2015 nicht mehr von dieser Welt ist.

Die Stadt, in der die Leute meistens drei Sprachen sprechen, Coloman Müller sprach sogar acht, pflegt ihre multikulturelle Tradition. „Dr. Karl Singer hat uns verlassen“, schreibt Radegunde Täuber, die voller Trauer des Ehrenvorsitzenden des Demokratischen Forums der Deutschen im Banat gedenkt. Dr. W. Alfred Zawadzki stellt eine Persönlichkeit vor, die vor dem Hintergrund der eigenen Familiengeschichte die Banater Kultur und Identität erforscht. „Volksgruppenidentität, sozialer und kultureller Identitätswandel bei den sogenannten Donauschwaben (1683-2008)“, München 2013, ist die Habilitationsschrift des 1960 in Schweinfurt geborenen Dr. phil. habil. Mathias Weifert. In seinem „Donauschwäbischen Unterrichtswerk“ (München 1997) hat er übrigens ein Unterrichtsmodell zu Otto Alscher aufgegriffen. Im Zusammenhang mit Alschers Temeswarer Station während seiner „lebenslangen Wanderung“ findet Fred Zawadzki die entsprechenden Grautöne, die den bewegenden Kontext der grotesken Tiergeschichte „Hans“, ein Vorabdruck aus der Auswahl-Edition „Ein Augenblick und eine Seele. Im Werk Otto Alschers“, in Szene setzt.

In „Tausende Glanzlichter. Ein Mosaik des rumäniendeutschen Kulturlebens nach dem Zweiten Weltkrieg“ (Teil 2) bietet Hans Fink einen vielschichtigen Überblick über die Verlagslandschaft, die berühmte „Aktionsgruppe Banat“, das Schulwesen und die Lehrbücher, über Folklore, Theater und Musik. Stets spannend erweist sich die Lenau-Rezeption aus unterschiedlichsten Anlässen, im Eingangsbereich der Lenauschule und während der „Rumänischen Kulturwoche“ in Graz 2002 in Dr. Hans Damas Artikel „Ich – Nikolaus Lenau?“ Mit Michael Koppis „Lebenserinnerungen“ (Teil 2) verbinden sich die Verse auf dem Denkmal in Lenaus Geburtsort: „Möchte wieder in die Gegend, / Wo ich einst so selig war, / Wo ich lebte, wo ich träumte / Meiner Jugend schönstes Jahr!“

Grauenhaftes, bislang geheim gehaltenes Kriegsgeschehen: „Im September 1944 mussten sich die U-Boote vor der türkischen Küste selbst versenken“, dokumentiert der Artikel „U-Boote im Banat“ von Harry Graf. Zeitgleich erlebten Kinder glückliche Zeiten, die der Essay „Kinderwelten entlang der Donau“ von Ottmar Baldur Feistammel in Bezug auf die Ausstellung des Donauschwäbischen Zentralmuseums Ulm „Gyula, das Tauschkind – Kindheit, und Jugend bei den Donauschwaben“ beschreibt. Dr. Franz Marschang verknüpft den Namen der Stadt Oulu mit dem Thema der Ausreise. Der Sound des Titels „Fragment über Oulu“, ein Auszug aus dem vierten Band der Tetralogie „Am Wegrand der Geschichte“, verweist auf tragikomische Reiseerlebnisse und Gespräche über den Verkauf der Deutschen.

Amüsiert studieren Kinder den kulturellen Hintergrund ihrer Familie, wie zum Beispiel Remo Zawadzki in seinem Aufsatz „Mein Vater, mit seinem Temeswarer Akzent“. Komik trägt zur guten Stimmung bei, hat doch einst Dr. W. Alfred Zawadzki seine Großmutter ebenfalls als skurril, aber auch weise und prägend, empfunden, wie aus dem Beitrag „Dort lebe ich noch!“ hervorgeht. Über familiäre Begebenheiten erzählt der Text „Alexanders Wunschzettel. Eine Weihnachtsgeschichte“ von Robert Glatt, und Peter Mildenbergers „Anekdotisches“ gibt die Wortverdrehungen eines Pastorenlehrlings zum Besten.
In seinem zuletzt erschienen Gedichtband „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“ (Ludwigsburg 2014) verknüpft Horst Samson den Augenblick mit der Zeitlosigkeit, nostalgisch spielt das Gedicht „Nachklänge“ mit der Liebe „Auf den letzten Blick“. Das Gedicht ist enthalten in der Rubrik „Lyrisches Eck“, in der auch Gedichte von Katharina Eismann, Henriette Stein, Hans Bohn, Margarethe Mayer, Hans Dama, Peter Mildenberger, Ottilie Scherer, Nikolaus Berwanger, Ingrid Huth-Bär und Ernst Temeschburger veröffentlicht werden.

Der Zufall erweist sich als ein Moment, in dem sich Glück und Unglück scheiden. Diktatorische Niedermacherei und kommunistisches Unrecht bestimmten Peter Mildenbergs „Musterung im kommunistischen Rumänien Anfang der 1950er Jahre“. Der Beitrag „In der Heimat gekämpft, gefangen, geflohen, eingemauert. Banater Kriegserlebnisse, erzählt von Anton Krämer (Berns Toni)“ knüpft ein Netz aus existentiellen Grundpositionen und gesellschaftlicher Situierung. Hans Walter Reeb und Ines Reeb Gische betrachten aus der Vater-Tochter-Doppelperspektive die Zeit des inneren Widerstands und des familiären Zusammenhalts: „Wie ich als 14-jähriger Jugendlicher das Kriegsende in Rumänien erlebte – sowie die Zeit danach“. Marliese Knöbl erinnert sich an ihren 1948 aus der russischen Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Vater, der „erst mit der Zeit mein Vati wurde“.

Nach Temeswarer Gusto sind die Beiträge der Rubrik „Gaumenschmaus“: „Vom Wein und Käse“ von Dr. Arnold Töckelt und „Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat darin zu wohnen“ von Dr. W. Alfred Zawadzki. In ihrem Artikel „Die Zauberformel 7-9-25-25 des Meisters Illy“ stellt Anita Hockl-Ungar den aus Temeswar stammenden Erfinder des Espressoautomaten vor und geht der Stimmung im Illy-Kaffeehaus nach. Von psychischer und physischer Konstitution spricht Ernst Meinhardts Artikel „‚Poli’ Temeswar doppelt aufgestiegen“. Alltagsimpressionen schaffen eine heimatliche Verbundenheit in Zawadzkis Schilderung „Ein Alter Moskwitsch 408“ und in Emil Bancius virtuellen Rundgängen, wie sie vom eMedia Verlag angeboten werden.

Dieses thematisch inhomogene Blatt hat den Dialog über ein lebhaftes Kulturleben mit einem weiteren Jahr fortgesetzt, so manchem Thema einen neuen Schwung verliehen, stets in den intensiven Farben des Temeswarer Lokalkolorits.