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Banater Post

Poetisch-künstlerisches Reisetagebuch

Was kann schöner sein, als selbstgeschaffene Gedichte mit selbstgeschaffenen Bildern, Collagen, Objets trouvés und Fotos zu ergänzen? Ilse Hehn führt dies vor in ihrem wunderbaren Gedichtband „Tage Ost-West“, der vor kurzem im Ludwigsburger Pop-Verlag erschienen ist. Ihre poetischen Betrachtungen führen uns zeitlich und örtlich in entlegene Gefilde, an unbekannte Orte. Es ist eine Zeitreise von Ost nach West und umgekehrt, begleitet von Landschaften, Ereignissen, Gefühlen, Empfindungen, die unsere Nervenfasern vibrieren lassen, wenn wir als Leser – wie die Dichterin – zulassen, dass „Landschaften in uns hineinfahren“ und wir ihnen von unserem Inneren heraus folgen: dem Geräusch des Wassers, der Stille des Petersdomplatzes, dem Song auf dem Friedhof Pythagorio, dem Wind auf der Insel Samos, dem Dram in Schottland, dem Schnee in Lappland, dem Meer in der Bretagne, der Malvenblüte in Burgund, den Felsengräbern in Ägypten bis hin zum Ausgangsort aller Dichtung dieser Autorin: ihrer Heimatstadt Temeswar.

Unter der Oberfläche ihrer poetischen Sprache finden sich verborgene Schichten wie im selbstgeschaffenen Büttenpapier, den Papiercollagen oder den Objets trouvés, deren Zusammenhänge sich häufig einem erst im Nachhinein erschließen. Zahlreiche Verweise spielen auf Dichterverse von Rilke, Kafka, Grünbein, Pessoa, T. S. Elliott, Tranströmer und anderen an und laden sich wechselseitig mit Bedeutung auf: Im „Eigenleben der Wörter“ listet die Autorin die Unworte auf, wie Wendehals, Kriegsgewinn, radioaktiv usw., in „Eigenleben der Zahlen“ deutet sie auf die Securitatesprache hin, die Aktennummer, die Bemerkungen, die Überwachungstermine aus den Akten des kommunistischen Geheimdienstes. In „Strandgut“ greift Ilse Hehn ein hochaktuelles Thema auf und beschreibt die Flüchtlingsströme auf den Meeren, die aus Afrika oder von sonstwo in Europa angeschwemmt werden, jene, „die nicht zum großen Ganzen gehören“, die „unsere Häfen verdrecken“, „unsere Sonnenuntergänge besudeln“. Politisch angehaucht und doch nicht politisch ist die Poesie Ilse Hehns. Es ist eine Poesie des Augenblicks. Ihre Gedichte sind der Zeit entrissene Augenblicke.

Das undatierte Gedichte-Tagebuch / Reisetagebuch mit 62 Gedichten, die weder nach Ländern noch chronologisch angeordnet sind, wird begleitet von Collagen, Fotografien und Überschreibungen, von Objets trouvés – das Ungesagte, das aus dem gefundenen oder geschaffenen Objekt, aus dem Plakat, aus dem überschriebenen Foto spricht. Der 105 Seiten starke Gedichtband ist ein Augenschmaus: Gedichte, dazwischen bunte sowie Schwarzweiß-Fotografien und Überschreibungen. Überschreibungen möchte man fragen, was ist das in der Literatur? Ilse Hehn, die Künstlerin aus dem Banat, hat es zu ihrem Markenzeichen gemacht: Die Schrift durchkreuzt die Fotografie, die Poesie durchkreuzt die Landschaft.

Ihre Gedichte in freien Versen regen zum Nachdenken an. Der Band fängt mit „Landung Rumänien“ an: „mein Land / kommt als Überraschung von Osten her / ins vergessliche Licht der Demokratie / runter gehts rauf gehts doch / immer runter…“  – und endet in Lappland („Aus der Vertäuung. Palimpsest II“): „Nebel über Klang von Wolken / das Stimmenregister letzter Farben / zeichnet Denkfiguren in die Luft verlischt / Nachhall von Schrift / dieser Eindruck man hätte Zeit / eine Spur hinter sich“.

Ilse Hehn: Tage Ost – West. Gedichte und Überschreibungen. Ludwigsburg: Pop, 2015. 105 Seiten. ISBN 978-3-86356-104-8. Preis: 17,80 Euro. Zu beziehen über den Buchhandel oder direkt beim Verlag unter www.pop-verlag.com.