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Banater Post

Banater Schwaben als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung

»Suchpfade und Wegspuren« von Anton Sterbling

Zu dem Band »Suchpfade und Wegspuren« von Anton Sterbling

Der aus Großsanktnikolaus stammende Soziologe Anton Sterbling, seit 1997 als Professor an der Fach-hochschule für Polizei Sachsen in Rothenburg in der Oberlausitz tätig, gehört sicher zu den produktivsten Wissenschaftlern seiner Zunft. Die Ergebnisse seiner Forschungs-, Publikations- und Vortragstätigkeit lassen sich sehen: 52 eigene oder herausgegebene Bücher, weit über 200 wissenschaftliche Veröffentlichungen in Sammelbänden und Periodika und an die 300 Tagungsvorträge (Stand: Ende 2009). Obwohl seine Forschungsinteressen relativ breit angelegt sind, zeichnet sich schwerpunktmäßig eine Hinwendung zu südosteuropäischen Themen ab. Dabei rücken die Migrations- und Minderheitenproblematik, Fragen der gesellschaftlichen Modernisierung und des institutionellen Wandels sowie die Rolle der intellektuellen Eliten in den Transformationsprozessen in Südosteuropa in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Betrachtung. Dies impliziert auch eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Fragen, die sich auf das Banat und die Banater Schwaben beziehen. Einige aufschlussreiche Antworten darauf gibt der im Jahr 2008 in der Reihe „Banater Bibliothek“ veröffentlichte Sammelband „Suchpfade und Wegspuren. Über Identität und Wanderung“. Herausgegeben wurde das Buch vom Landesverband Bayern der Landsmannschaft der Banater Schwaben. Der Titel dieses Bandes deutet an, dass es sich vornehmlich um einen Streifzug durch die Vergangenheit handelt, wobei gleich hinzuzufügen ist, dass – wie der Autor im Nachwort betont – die Ergründung der Spuren des Vergangenen für die Vergewisserung in der Gegenwart und die Suche nach Zukunft geradezu unverzichtbar ist. Dies betrifft sowohl den Einzelnen als auch die Gruppe als Ganzes, wenn es – siehe Untertitel – um die Thematisierung von Identitätsfragen und Wanderungsprozessen geht.

Von den neun in dem vorliegenden Band vereinten Beiträgen sind die ersten beiden von den biographischen Erlebnissen des Autors geprägt. Als 17-jähriger Schüler hatte Sterbling einen Fluchtversuch unternommen. Die gesellschaftlichen und politischen Zwänge, denen er damals ausgesetzt war und aus denen heraus sich der Fluchtgedanke entwickelte, die Hintergründe, Motive und spezifischen Umstände des Fluchtversuchs werden in dem Beitrag „Flucht als Provokation? Bruchstücke einer Erinnerung“ schlaglichtartig ausgeleuchtet. Dass der Fluchtversuch in engem Zusammenhang mit der Reise einer Gruppe von Redakteuren der „Neuen Literatur“ an die deutschen Abteilungen der Banater Lyzeen stand und genau einen Tag vor deren Eintreffen am Lyzeum von Großsanktnikolaus stattfand, findet sich im Titel „Flucht als Provokation“ angedeutet.

Anton Sterbling zählte 1972 zu den Mitbegründern der „Aktionsgruppe Banat“, der er bis zu seiner Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland im Sommer 1975 angehörte. Auf die eigene Erinnerung zurückgreifend, geht er in dem zweiten Beitrag des Bandes mit dem Titel „Einige Anmerkungen zur Aktionsgruppe Banat“ zu-nächst auf die Entstehung, die Vorstellungen und die Aktivitäten der Gruppe ein – es waren „drei Jahre produktiver Provokation“ und zunehmender Gefährdung –, um dann die nicht intendierten Wirkungen und Funktionen der Autorengruppe aufzuzeigen. Diese habe ihre politisch relevante Aktionsmacht und -wirkung paradoxerweise durch ihre erzwungene Auflösung und die dadurch gleichsam exemplarisch sichtbar gewordenen repressiven Züge des spätstalinistischen Ceausescu-Regimes erreicht, so Sterbling.

Der Kennzeichnung der kommunistischen Gewaltherrschaft in Rumänien ist die Studie „Stalinismus in den Köpfen“ gewidmet. Ausgehend von den strukturellen Elementen des Totalitarismus, die sich auch im rumänischen Stalinismus finden, und der Feststellung, dass die stalinistische Diktatur auch und vor allem ein „Zustand in den Köpfen“ war, unterzieht Sterbling die Intelektuellenfrage einer näheren Betrachtung. Anhand von Beispielen aus der rumänischen Geschichtswissenschaft und Literatur arbeitet er eine allgemeine Typologie intelektueller Grundhaltungen im Stalinismus heraus, wobei er die ambivalente Rolle der Intelektuellen deutlich werden lässt. Am Ende seiner Ausführungen geht er noch auf Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem Stalinismus und dem nationalkommunistisch ausgerichteten Neo-
stalinismus der Ceausescu-Diktatur ein.

Einen direkten Bezug zu den Banater Schwaben weisen die drei folgenden Beiträge auf, in denen die Problematik des Kirchweihfestes, der kulturellen Identität und der Ausreise untersucht wird. In dem Beitrag „Kirchweih bei den Banater Schwaben. Gestaltung und Funktionswandel“ umreißt Anton Sterbling zunächst den Ablauf und die Gestaltung der Kirchweih und deren Funktionen am konkreten Beispiel seines Geburtsortes, um danach den spezifischen Funktionswandel aufzuzeigen, den dieses Fest – bei einer recht ähnlichen Grundgestaltung und bei der gleichbleibenden Grundfunktion der Vergewisserung und Festigung der kollektiven Identität der örtlichen Gemeinschaft – unter den verschiedenen Kontextbedingungen der Zwischenkriegszeit, der späten sechziger Jahre und gegenwärtig erkennen lässt.

Von der kulturellen Identität als Leitfaden für die soziologische Analyse von ethnischen Minderheiten am Beispiel der Banater Schwaben illustriert, handelt die Studie „Identität und Ethnizität“, in deren Mittelpunkt die spezifischen Ausprägungsformen, Spannungsmomente und Entwicklungstendenzen der kulturellen Identität dieser Gruppe nach dem Zweiten Weltkrieg stehen. Für den Leser nachvollziehbar führt der Autor aus, wie die Entwicklung der kulturellen Identität von dem Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Modernität geprägt war. Dominierten im Zuge der Normalisierung des sozialen Lebens in den fünfziger und frühen sechziger Jahren traditionalistische Wertvorstellungen und Lebensformen, gerieten diese später unter einen Wandlungsdruck, der sich mit der fortschreitenden Auswanderung beschleunigte. Von diesem Aussiedlungsprozess, der zu einer immer stärkeren Orientierung der banatschwäbischen Bevölkerung an der Bundesrepublik Deutschland führte, sei laut Sterbling ein beachtlicher Modernisierungsschub im Selbstverständnis der Banater Schwaben ausgegangen.

Den „Schwierigkeiten der Ausreisewilligen in der Zeit der kommunistischen Spätdiktatur in Rumänien“ wendet sich Sterbling in dem nächsten Beitrag zu, dabei geht es ihm um das Aufzeigen der Handlungsdilemmata der Ausreisewilligen und deren belastende Folgen, das Erklären der Mechanismen, die bei den Betroffenen zur Verschleierung und Verdrängung der Problematik der informellen Zahlungen geführt haben. Der Autor plädiert für eine offene Aufarbeitung der zurückliegenden Geschehnisse, denn nur so seien Verantwortungen deutlich anzusprechen und zuzurechnen und letztendlich jene verhängnisvolle „Komplizenschaft“ zwischen Tätern und Opfern aufzulösen, die im gemeinsamen Vertuschen und Verschweigen liegt.

In engem Zusammenhang mit der Aussiedlung ist auch der Beitrag „Die eigendynamische Komponente von Migrationsprozessen“ zu sehen. An zwei Fallbeispielen – dem Aussiedlungsprozess der Deutschen aus Rumänien und der Arbeitsmigration der Lipowaner (einer russischsprachigen, an der Donaumündung lebenden Minderheit altorthodoxen Glaubens) – verdeutlicht Sterbling das Phänomen der Eigendynamik von Migrationsvorgängen und dessen wichtigsten Aspekte (Familiennachzug, Informationsfluss zwischen den Ausgesiedelten und ihrem Herkunftsmilieu, strukturelle Rückwirkungen massiver Emigrationsprozesse).

Die beiden letzten Beiträge des Bandes befassen sich mit Minderheitenfragen und Migrationsprozessen in den neuen EU-Mitgliedsländern Rumänien und Bulgarien einerseits und mit der Identitäts-problematik einer europäischen Stadt andererseits, womit Görlitz gemeint ist, die östlichste Stadt Deutschlands und Wohnort des Buchautors.

Die in dem vorliegenden Band zusammengefassten Texte geben einen erkenntnisreichen Einblick in unsere jüngere Geschichte. Es handelt sich zwar nur um Teilaspekte, diese aber – unter wissen-schaftlichem Blickwinkel untersucht und durch biographische Bezüge veranschaulicht – sind für die Klärung der Fragen nach dem Woher und Wohin der Banater Schwaben grundlegend. Ihnen, seinen Landsleuten, sei dieser Band zugedacht, betont Anton Sterbling ausdrücklich. Dem Buch ist deshalb eine große Leserschar aus unseren Reihen zu wünschen.

Anton Sterbling: Suchpfade und Wegspuren. Über Identität und Wanderung. Hrsg. vom Landesverband Bayern der Landsmannschaft der Banater Schwaben, München 2008, 176 Seiten, ISBN 3-922979-61-0 (Banater Bibliothek; 8).  Preis 12 Euro zuzüglich Versand. Bezug: Bundesgeschäftsstelle der Landsmannschaft der Banater Schwaben.