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Banater Post

Technikgeschichte und Industriearchäologie

Die 1889 für Fußgänger in Herkulesbad errichtete neue Bogenbrücke über die Tscherna. Foto: Volker Wollmann, 2014

Unverändert seit über hundert Jahren: das Feuerwehrhaus in Lippa. Foto: Volker Wollmann, 2014

Industriekultur – Technikgeschichte und Industriearchäologie – bildeten seit seinen Berufsanfängen am Museum des Banater Berglands in Reschitza einen Themenschwerpunkt in der wissenschaftlichen Arbeit von Volker Wollmann. Eine aufsehenerregende mehrbändige, in rumänischer Sprache im Honterus-Verlag Hermannstadt erschienene Veröffentlichung krönt sein Lebenswerk: „Patrimoniu preindustrial şi industrial în România“ (Vorindustrielles und industrielles Erbe in Rumänien), Bd. I-IV, 2010-2014. Es ist das Ergebnis einer mühsamen Spurensuche dessen, was Wollmann als Industrieerbe im öffentlichen Raum bezeichnet. Darunter versteht er „Zeugnisse der Industriekultur, von der frühen vorindustriellen Zeit bis in die Gegenwart, die von historischer, technischer, sozialer und architektonischer Bedeutung sind“. Bewegliche Artefakte (Werkstätten, Hallen, Speicher, Wassertürme, Elektrizitätswerke, Maschinen und Anlagen, Technologielinien) gehören ebenso dazu wie technische Dokumentationen, Bild- und Audioquellen. Die von ihm unternommene Klassifikation technischer Denkmäler orientiert sich an deren Bedeutung für das menschliche Dasein, an dem wirtschaftlichen Stellenwert und an ihrer Sichtbarkeit.

Die verschiedenen Techniken und ihre Auswirkungen unterlagen im historischen Verlauf unterschiedlichsten Einwirkungen. In die Erkenntnisziele und thematischen Inhalte der Publikation einführend, erklärt der Autor die späte Verbreitung der Dampfmaschine im siebenbürgischen Goldbergbau mit dem Fortbestand effizienter traditioneller Mühlen, die die Arbeitswelt der Bergarbeiter seit Jahrhunderten prägten. Diese Spannung von technischer Tradition und Innovation soll in seiner Darstellung des vorindustriellen Erbes auf weitere Bereiche der Technik im Übergang vom überlieferten Handwerk zur modernen Industrie übertragen werden. Wollmann skizziert die bisherigen Ansätze zum Schutz des Industrieerbes bis in die Gegenwart, wobei er auch eine Übersicht der Museen mit einem reichhaltigen Bestand von Realien und dokumentarischen Belegen wie auch von privaten Bildsammlungen bietet.

Regionale technikhistorische Inhalte

Thematisch behandelt die umfangreiche Publikation ein breites Feld historischer Untersuchungs-
gegenstände. Der erste Band ist auf den Energie- und Rohstoffbereich fokussiert und geht auf die Nutzung der Wasser- und Energieressourcen und den Bergbau ein. Nicht nur die Sicherung von Trinkwasser, sondern auch das Industriewasser stellt durch die vielseitigen Nutzungen hohe Ansprüche an die verfahrenstechnische Kompetenz der Konstrukteure von Anlagen. Im Mittelpunkt stehen Bauwerke, die der Speicherung und dem Transport von Wasser dienten, wie Talsperren, Aquädukte, Kanäle, Wasserwerke, Wassertürme, Anlagen für die Industrie- und Trinkwasserzufuhr, Elektrizitätswerke und Transformatorenstationen. Im Banater Bergland entstand 1722 eine Talsperre in Dognatschka, weitere Anlagen sind später in Bogschan und Anina entstanden. Eine Voraussetzung des Ausbaus der Hüttenindustrie in Reschitza war die Sicherung von Industriewasser für die Dampfmaschinen durch Aquädukte. Wassertechnische Leistungen kennzeichnen seit dem frühen 18. Jahrhundert auch die Entwicklung Temeswars. Der Bau des Begakanals als wichtigste künstliche Wasserstraße der östlichen Habsburgermonarchie war mit der Errichtung von Umleitungsdämmen und -kanälen (Coştei, 1758) verbunden. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts beruhte die Stromerzeugung vorrangig auf fließendem Wasser, daher kommt Wasserkraftwerken eine besondere Aufmerksamkeit zu.

Der Themenbereich Rohstoffe führt regional aufgegliedert von der oberflächennahen Schürfung und der Verwendung von Mineralrohstoffen (Metalle, Kohle, Erdöl, Erdgas, Steine, Erden, Salz) über Stromerzeugung, Metall- und Stahlhütten bis hin zu den Gießereien und Walzwerken. Ausführlich werden der Abbau von Nichteisenmetallen im Dognatschkaer Gebirge, die Eisenverhüttung und -verarbeitung in Ferdinandsberg, Bogschan, Anina und Reschitza wie auch die metallverarbeitenden Betriebe in Temeswar und Arad behandelt.

Der zweite Band ist der Baustoff-, Steine- und Erden-Industrie sowie der Textilindustrie gewidmet. Feste nachwachsende Rohstoffe waren für die Industriegesellschaft sehr wichtig. Zunächst wird die Holz- und Zelluloseindustrie behandelt. Im Fokus steht die Verkehrsinfrastruktur – Flößerei und Industriebahnen. Früher war das Flößen die üblichste Methode, geschlagenes Holz zu transportieren. Aus Siebenbürgen in das holzarme Banat auf der Marosch eingeführt, entstanden im frühen 18. Jahrhundert Holzstadel in Lippa und Neuarad, die das gesamte Flachland mit Bau- und Brennholz versorgten. Der Holztransport erfolgte aber auch auf dem Landweg. Der Verfasser verweist auch auf die Anbindung der Holzindustrie an das Eisenbahnnetz. Frühzeitig entstanden auch im Banat Industriebahnen, vor allem im Bergland. Mit der nach 1989 einsetzenden Deindustrialisierung wurden viele Betriebsbahnen stillgelegt oder abgebaut. Schiefe Ebenen, die Bahnlinien in schwierigem Gelände ermöglichten, und alte Seilbahnen gehören zu den vom Autor thematisierten technischen Meisterleistungen.

Im Unterschied zu der heutigen Stromerzeugung mittels von Wasser angetriebenen Turbinen beruhte die traditionelle und frühindustrielle Holzverarbeitung auf der Erzeugung mechanischer Energie in Wassermühlen und Sägewerken. Sägewerke wurden vom Wasser angetrieben, auch das Rundholz wurde mechanisch bearbeitet. Interessant ist der Blick auf eine fast in Vergessenheit geratene Branche – die Zündholzfabriken. Die Entwicklung der Papier- und Zelluloseindustrie vom 16. bis Mitte des 20. Jahrhunderts bildet einen weiteren Themenabschnitt, der von dem Druck- und Buchbindergewerbe abgerundet wird.

Das Kapitel über die Steinbrüche setzt zeitlich mit der römischen Zeit ein. Banater Standorte werden auch hier privilegiert behandelt, so die Marmorvorkommen in Ruschkitza  und Moneasa. Eingegangen wird auch auf die Verwertung porphyrischer Gesteine, die bei der Herstellung von Porzellan, Steingut oder Mühlsteinen verwendet werden. Ausführlich wird die Kalkindustrie mit der ganzen Technologie des Kalkbrennens und die Erzeugung von Zement erläutert. Einen Banater Schwerpunkt weist wiederum die Ziegelsteinindustrie auf. Lugosch und Hatzfeld galten vor dem Ersten Weltkrieg als Zentren von überregionaler Bedeutung. Muschong und Bohn waren in der ungarischen Gründerzeit die Pioniere dieses Industriezweigs. Die metallverarbeitende Industrie erforderte feuerfeste Baustoffe, die seit 1859 in Reschitza, dann auch in Steierdorf erzeugt wurden.

Den Beruf des Töpfers gibt es heute in der offiziellen Berufsnomenklatur nicht mehr. Die traditionelle Töpferei wurde von der Keramik- und Porzellanherstellung abgelöst, die ihren räumlichen Schwerpunkt eher in Siebenbürgen hatte. Das Banat ist jedoch bei der Glasindustrie vertreten. Auch hier vollzieht sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Übergang vom Handwerk zur industriellen Fertigung, für die im Banat die Glashütten von Tomeşti (1819) und Montan-Gladna stehen, deren Entwicklung bis in die kommunistische Zeit nachgezeichnet wird. Der Band schließt mit der Textilindustrie ab, wobei auch hier auf den Übergang von der Hausindustrie zur modernen maschinellen Fertigung abgehoben wird. Abgeschlossen wird der Band mit der Verarbeitung von Leinen, Hanf und Jute und mit der Lederverarbeitung.

Band III behandelt die Nahrungs- und Genussmittelindustrie und wird mit den typologisch differenzierten Getreidemühlen eingeleitet. Breiten Raum nimmt die Darstellung der Wassermühlen im Tscherna-, Nera- und Bersautal ein, darunter auch der um 1870 datierten Löffelmühle aus Rudăria (heute Eftimie Murgu), die im Technischen Museum München ausgestellt ist. Unter den Windmühlen finden jene aus Guttenbrunn, Gertianosch und Warjasch Erwähnung. Führend war das getreidereiche Banat bei Walzenmühlen. Von den 19 Mühlen mit einem Ausstoß von ca. vier Waggon Tonnen pro Tag befanden sich im Jahre 1924/25 sechzehn im Kreis Temesch. Die größte Walzmühle, jene der Gebrüder Neumann in Arad, mahlte täglich 36 Waggon Getreide. Ihr folgte die Temeswarer Mühle „Timişoreana“ mit 32 Waggon. Kleiner waren die Mühlen „Eduard Prohászka und Söhne“ in Großsanktnikolaus, „Josef Reitter“ in Lowrin und „Pannonia“ in Hatzfeld, mit einem Ausstoß von jeweils 19 Waggon. Die Brotindustrie und das Teigwarengewerbe wie auch die Herstellung von Stärke und Glukose weisen keine nennenswerte Banater Bezüge auf, dagegen kam dem Reisanbau (Topola) ebenso wie der Kultivierung von Industriepflanzen im Banat seit dem 18. Jahrhundert eine Pionierfunktion zu. Unter den Lagerhäusern findet das 1784 in Deutschbogschan errichtete wie auch der Getreidespeicher in Partosch Erwähnung.

Eine Vorrangstellung kam dem Banat auch in der Bierproduktion zu. Schon 1717 verpachtete die Temeswarer Einrichtungskommission die Brauerei in der Banater Residenzstadt dem jüdisch-mährischen Unternehmer Abraham Krepisch, weitere Bierfabriken entstanden bis im frühen 19. Jahrhundert in Neuarad, Karansebesch, Tschiklowa, Orschowa und Pankota. Die Temeswarer Brauerei wurde in der frühen ungarischen Gründerzeit vom Händler Ignatz Deutsch unter der Bezeichnung „Fabrikshof Brauerei AG“ umorganisiert und erreichte 1908 eine Jahresproduktion von 42600 Hektolitern. Hervorgehoben wird der Anteil des Banats bei der Herstellung von Gärgetränken, Spirituosen (Arad, Temewar, Reschitza) und Essig (Lowrin, Triebswetter, Lugosch, Temeswar, Arad, Margina), wie auch in der Fleischverarbeitung – die 1905 errichtete Temeswarer Fleischfabrik – und Milchverarbeitung, ebenso wie bei der Herstellung von Wachsprodukten und Zigaretten. Grundlage für die industrielle Veredelung von Agrarprodukten waren lokale Vielfalt und Ressourcenreichtum.

Band IV verweist einleitend auf Bestrebungen touristischer Verwertung der Industriekultur und stellt Gebäude und technische Anlagen im öffentlichen Raum in den Mittelpunkt der Darstellung. Der Straßenbahnverkehr wird am Beispiel von Bukarest, Kronstadt, Hermannstadt und Temeswar dargestellt. Die Vorreiterrolle Temeswars in der Entwicklung der Straßenbeleuchtung anerkennend, räumt der Autor mit dem Mythos Temeswar als erste mit elektrischem Strom beleuchtete Stadt (1884) auf. Ein weiteres technisches Element im Landschaftsbild bilden Straßen, Eisenbahnlinien und Brücken. Die Darstellung schlägt hier einen Bogen über das Mittelalter bis in die römische Zeit, um sich auf das bis ins frühe 20. Jahrhundert entstandene Straßennetz zu konzentrieren. Tritt Siebenbürgen durch vielfach verschwundene hölzerne Brücken hervor, so sind es im Banat die Bogen-Metallbrücken. Denkmäler von hohem Anspruch sind die von Karl Maderspach (1789-1849) in Ruskberg, Lugosch, Karansebesch und Herkulesbad errichteten gusseisernen Brücken. In Reschitza entstand 1886 eines der europaweit führenden Brückenwerke (1886), hier wurden seit 1931 auch Brücken in Schweißtechnik hergestellt. Umfassend ist die Darstellung der Temeswarer und Arader Metallbrücken.

Berücksichtigt wird auch die Badekultur in Städten, die seit dem 18. Jahrhundert eng mit der Entstehung von Badeanlagen in Kuranstalten und -bädern mit Thermalquellen (Herkulesbad, Lippa, Busiasch, Kalatscha) verbunden ist. Über private Badezimmer verfügte die Stadtbevölkerung zunehmend erst ab dem 20. Jahrhundert, daher der hohe Stellenwert kommunaler Stadtbäder, die ein Gradmesser für die herrschenden Vorstellungen von Hygiene sind. Ein hohes Risiko bildete die Feuergefahr, deren Abwendung seit dem 18. Jahrhundert wichtige kommunale Ressourcen mobilisierte. Der letzte erörterte Bereich umfasst daher die Feuerwehr – Häuser, Türme, Ausrüstung und Löschtechnik wie auch Vereinsrepräsentation (Fahnen).

Das Dokumentationsprojekt „Vorindustrielles und industrielles Erbe in Rumänien“ soll voraussichtlich zu Beginn des Jahres 2016 mit einem letzten Band abgeschlossen werden. Dabei wendet sich der Autor repräsentativen öffentlichen Brunnen, Sternwarten und Planetarien wie auch im öffentlichen Raum stehenden und aus technischer Sicht relevanten Uhrwerken – Kirchenturm-, Sonnen- und Uhren in öffentlichen Gebäuden – zu.

Bedeutung und Botschaft der Dokumentation

Volker Wollmann hat schon in den frühen 1960er Jahren begonnen, Industrieanlagen zu dokumentieren. Industriearchäologie und Bergbaugeschichte waren damals noch Bereiche, an denen die akademische Forschung kein Interesse fand. Die umfangreiche Dokumentation bezeugt den steigenden Stellenwert technikhistorisch bedeutsamer Fragen. Ihre Relevanz erfährt die Technikgeschichte aus der technischen Prägung unserer Kultur. Ihr Ziel ist die Analyse kultureller und gesellschaftlicher Voraussetzungen, Bedingungen und Folgen von Technik. Dabei beschäftigt sich die Technikgeschichte mit der materiellen Kultur und nimmt stärker als andere historische Disziplinen vor allem Objekte in den Blick. Sie untersucht die Entstehung, Entwicklung und Geltung von Artefakten und komplexen Sachsystemen. Erforscht werden nicht nur die technischen Handlungen von Akteuren und die zugrundeliegenden Wissensformen, sondern auch der Gebrauch und die Aneignung von Artefakten und deren Gebrauch durch Nutzer in allen Lebensbereichen. Durch die Untersuchung des Verhältnisses von Technik und Gesellschaft können Fragen beantwortet werden, die durch politische oder sozioökonomische Analysen keine hinreichende Erklärung erfahren.

Die vorliegende Bestandsaufnahme beruht auf dem gelungenen Zusammenspiel von textlichen und bildlichen Inhalten. Sie stellt kreative Fragen an die Vergangenheit und bietet überraschende Einsichten und robustes lokal- und regionalhistorisches Wissen. Eine wichtige Botschaft ist die Sicherung der in ihrer Existenz gefährdeten Originale der reichen technikhistorischen Überlieferung. Die Dokumentation resümiert Stand und Aufgaben der Bestandserhaltung und bietet die Grundlage für die Entwicklung einer Erhaltungsstrategie. Es zeigt sich, dass die Erhaltung der technischen Denkmäler nicht mehr allein von den vielfach entschwundenen privatwirtschaftlichen Trägern der jeweiligen Einrichtungen oder von den Kommunen sichergestellt werden kann. Hierzu bedarf es vielmehr einer nationalen Anstrengung.

Die Publikation wendet sich nicht nur an Fachleute und Studierende, sondern an all diejenigen, die sich für die Entfaltung und den Wandel von Technik interessieren. Lokalhistoriker, Hobby-Industriearchäologen, Eisenbahnfreunde, Straßenbahnenthusiasten, alle kommen auf ihre Rechnung.

Bestellungen werden vom Verfasser entgegengenommen: Prof. Dr. h.c. Volker Wollmann, Am Steigeneck 31a, 74847 Obrigheim, Tel./Fax 06261 / 64174, E-Mail sv.wollmann@t-online.de. Buchpreise: 14 Euro (Bd. 1), 24 Euro (Bd. 2), 19 Euro (Bd. 3), 19 Euro (Bd. 4), kostenloser Versand; Preis für sämtliche vier Bände 55 Euro, zusätzlich 6,99 Euro Versandkosten.