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Banater Post

Poetische Botschaften eines Daheimgebliebenen

Balthasar Waitz. Quelle: Uniunea Scriitorilor Români

Als der Redakteur der „Banater Zeitung“ Balthasar Waitz – geboren 1950 in Nitzkydorf, Germanistik-
studium in Temeswar und dort immer noch zu Hause – seinen Prosaband „Krähensommer und andere Geschichten aus dem Hinterland“ (2012) veröffentlichte, bezeichnete ein im Westen lebender Literat dies als „noch einen bemerkenswerten Überlebensbeweis“ der rumäniendeutschen Literatur. Gemeint war: ein weiterer Beweis für den Fortbestand dieser Literatur – man nannte sie einst die „fünfte deutsche Literatur“ – auch nach der fast totalen Auswanderung der Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen. Liest man nun die Gedichte in Balthasar Waitz’ neuem Band, könnte man sich fragen, ob er nicht einmal als der letzte namhafte deutsche Dichter des Banats gelten wird, der als Daheimgebliebener die Leere nach dem Exodus in seinen Versen aufgehoben hat, der noch aus den Erzählungen des Großvaters vom Ersten Weltkrieg einen Eindruck erhielt, der aus eigenem Erleben über das banatschwäbische Dorf und dessen Zustand bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts schreiben konnte.

Balthasar Waitz schreibt seine Gedichte durchgehend in freien Rhythmen, pflegt konsequent die radikale Kleinschreibung und setzt keine Satzzeichen. Er fordert den aufmerksamen Leser geradezu heraus, sich die Sätze selbst zurechtzulegen. Dies gelingt fast mühelos trotz der häufigen Zeilensprünge und elliptischen Formulierungen. Als ob der Dichter durch stete Verfremdung gegen harmonische Stimmungen oder Sentimentalität anschreiben und Gefühlsregungen partout verdrängen wolle. Brecht lässt aus der Ferne grüßen. Doch Waitz hütet sich vor Ideologie. In seiner Welt- und Menschenbetrachtung, immer wieder aus kindlicher oder naiver Perspektive, schwingt dauernd ein ironischer oder selbstironischer Unterton mit, durchsetzt von bitterem Humor. Nur so scheint dem Dichter das Leben erträglich zu sein, denn er ist wahrlich nicht auf Rosen gebettet. So klingt schon die Einladung in sein Haus, vielleicht in die Welt seiner Dichtung, an den Anfang des Gedichtbandes gestellt: „...ich könnte deine kirche sein / wenn du an mich glaubst /.../ hier hast du probeweis / den schlüssel zu meinem haus / verdreh nicht die augen / das dach ist löchrig / man sieht ganz schön durch / mond und sterne / die balken krächzen...“

Die Neigung zur Alltagssprache und zu Alltagsmotiven prägen Waitz’  Gedichte, die große Gesten meiden. Im Kleinen, Verborgenen liegt der Kern der poetischen Mitteilung. So auch in den Liebesgedichten, die im ersten Abschnitt des dreigegliederten Bandes unter dem Titel „ich liebe dich sehr wie du nicht bist“ zusammengefasst sind. Alltagssprache zwar, aber auch Widerspruch gegen Verflachung und Sprachschablone. Nicht das einzige Beispiel der Widerspenstigkeit gegen Sinnentleerung. Liebesgedichte im traditionellen Sinn sind nicht des Dichters Sache. Vielmehr vermerkt er, satirisch und resigniert, den Verlust der Liebe im Zeitalter der anonymen, unheimlich schnellen und oberflächlichen Kommunikation, ein wiederkehrendes Motiv seiner Dichtung: „denk bloß nicht / es geht um die liebe /.../ die wahrheit ist / diese sachen mit den damen / ein sms genügt neuerdings...“ („vergiss es“)

Diese Gedichte bewegen sich gewissermaßen in rein privater Innerlichkeit, nur am Rande von Zeitsymptomen berührt, zuweilen auch anrührend und empfindsam oder witzig und heiter. Im zweiten Teil des Gedichtbandes rücken zeitgeschichtliche und gesellschaftliche Motive in den Vordergrund. Schon der Zwischentitel „in unserem garten zwischen kirschbaum und flieder steht der schwarze mann“ verkündet nichts Gutes. Die Farbe Schwarz, verbunden mit unheilverkündenden, ahnunungsvollen Sinnbildern der Natur – Eule und Krähe, schwarze Kröte – dominiert die Atmosphäre dieser poetischen Zeitbilder: „wenn schwarze wolken wieder / über das dorf kommen / fremde reiter aus dem norden / fliegt die eule den kirchturm an ...“ („wenn schwarze wolken wieder“)

Balthasar Waitz hat sich einmal als „Sohn des Dorfes“ bezeichnet, den es in die Stadt „verschlagen“ hat. Das Dorf und die Lebensart seiner Bewohner, deren jüngste Geschichte liefern denn auch den Hintergrund eines guten Teils seiner Zeit- und Milieu-Gedichte, von der Russlanddeportation bis hin zur Auswanderung. So im ergreifenden Russlandgedicht „vogelscheuche“ über den deportierten Großvater: „im siebenundvierziger ist er gestorben / den siebenfachen tod im donbass / an großem hunger allzuviel kälte / wanzen auch / im neunundvierziger kehrte er heim /.../ in unserem garten zwischen kirschbaum und flieder / steht der schwarze mann / mit dem russischen militärmantel“. Der Großvater hat den „siebenfachen tod“ überlebt, aber er ist den Alptraum nicht losgeworden, der ihm in Gestalt des Militärmantels gegenwärtig bleibt, zwischen den dazu kontrastierenden farbenfrohen Eindrücken der vertrauten Natur: „die linde hinterm haus“, „die schlehdornhecke“, „zwischen kirschbaum und flieder“.

Die beklemmende Atmosphäre der ersten Nachkriegsjahre im Dorf ruft der 1950 geborene Dichter in Erinnerung in seinem Gedicht „kurz bevor ich das licht der welt erblickte“: „...es ist eine unruhe im land / schon wieder noch immer /.../ großmutter trägt schwarz / hinter der verriegelten tür hängt / der neue anzug des toten im schrank /.../ ganz still wie im friedhof ists / beim nachbar / noch keiner heimgekehrt / von den jungen von den alten / aus dem weltkrieg aus dem lager ...“.

Waitz beherrscht die Kunst der unprätentiösen Assoziation, der unaufdringlichen Anspielung und des „tiefschwarzen Humors“ (Ingmar Brantsch). Die simple Realität der fünfziger Jahre erscheint im Gedicht „dorftrommler“ wie ein unübertreffliches, groteskes Phantasiebild: „...befehl aus dem gemeindehaus / am mittwochabend tschapajew / im kulturheim ein kriegsfilm /.../ viel schießerei partisanen auch / freitag nochmals am samstag brotsackball / bis zur frühandacht...“. Wer weiß heute noch, mit welch bizarren Sowjetfilmen die „Heldentaten“ der Roten Armee den Kindern eingetrichtert wurden?

Zum kindlichen Unschuldsblick passt die an den braven Soldaten Schwejk erinnernde Neigung, die nackte Realität als beste Quelle der Ironie und des sarkastischen Humors einzusetzen. Der Dichter als Soldat im urkomischen Gedicht „ich war einst das kriegen lernen“: „wir zogen gegen den feind / wie die freiwillige feuerwehr aus nitzkydorf / bis burila mare weit in die gurkenfelder /.../ wir aßen schwarzbrot und zwiebeln beim bauern ...“.

Eine ganze Reihe von Gedichten widmet Balthasar Waitz der Endzeit, der Auswanderung und ihren Folgen für das Leben im Banat, für den Daheimgebliebenen. Nicht die Aussiedlung als große Hoffnung, als langersehntes Ziel oder als Befreiung, sondern aus anderer Perspektive, nämlich als Enttäuschung und großen Verlust an Lebensfreude vermitteln Gedichte wie „frühlingsmanöver auf dem lande“, „letzter bahnhof zum himmel“, „grüße“, „mein armes herz“. Verlassene Orte, Kirchen und Friedhöfe liefern die deprimierenden Bilder über Land und Leute in dieser Zeit. Nur selten zeigt sich Zuversicht: „noch duftet der flieder am zaun / noch hissen die pappeln ihre fahnen im wind / noch flattern tauben in der linde / noch bauen die schwalben ihr nest unter der mauer ...“. („noch“)

Leichtfüßige Gedichte, bunte Natur- und Lebensbilder, Alltagsszenen aus heutiger Zeit, zuweilen mit gesellschaftskritischen Akzenten, versammelt Balthasar Waitz sodann im dritten Teil unter der Überschrift „mit grillen in den taschen und schwalben am hut“. Nostalgische Impressionen aus dem Banater Bergland, in dem sich der Dichter bestens auskennt („heidelbeergedicht“, „süß ist das leben in der tietz-bibliothek“), oder kritische Momentaufnahmen neuer Alltagsgepflogenheiten gehören zum Repertoire dieses Abschnitts, darunter die Auswirkungen moderner Kommunikation auf den zwischenmenschlichen Umgang: „nach der langen sonntagsmesse herr / schon auf den treppen deines hauses / machen die gläubigen schnell ihre kreuze und / fischen ihre handys aus der tasche“. („gebet“)

Balthasar Waitz hat zweifellos seine eigene lyrische Sprechweise gefunden. Überraschend aufleuchtende Einzelbilder wirken immer wieder aus der geballten Kraft eines Wortes oder eines Halbsatzes und reihen sich zu originellen Gesamteindrücken. Eine verdichtete, assoziationsreiche Sprache und verhaltene Emotionalität sind dieser Dichtung eigen, die zuweilen vom Einfallsreichtum des Erzählers Balthasar Waitz im besten Sinne profitiert.