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Banater Post

Aus Trümmern und Elend zum Wirtschaftswunder

Blick in die derzeit im Donauschwäbischen Zentralmuseum Ulm gezeigte Sonderausstellung „Angekommen“. Foto: Leni Perenčević, DZM

„Angekommen“ heißt eine neue Sonderausstellung im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) in Ulm. Sie thematisiert die schwierige, aber im Ergebnis weitestgehend erfolgreiche Integration von rund 15 Millionen Deutschen, die innerhalb weniger Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat im Osten Europas sowie den östlichen Teilen des Deutschen Reichs ins zerstörte West- und Mitteldeutschland geströmt waren. Die Eingliederung so vieler seelisch und körperlich erschöpfter Menschen, die zudem völlig mittellos waren, hätte schon ein intaktes Staatswesen vor kaum lösbare Probleme gestellt. Sie schien in den ersten Jahren schlicht unmöglich. Neben Hunger und Elend herrschte Mangel an Wohnraum, die Not der Vertriebenen äußerte sich nur deshalb nicht in Tumulten, weil sie zunächst in eine aus Hoffnungslosigkeit geborene Apathie versanken. Statt sich abzukapseln, stellten sie sich den gewaltigen Herausforderungen, bauten sich eine neue Existenz auf, engagierten sich sozial und politisch, veränderten und prägten ihr neues Gemeinwesen, bereicherten die Aufnahmegesellschaft mit ihrem technischen, handwerklichen oder akademischen Wissen, mit ihrer interkulturellen Kompetenz, ihrer Mehrsprachigkeit, auch wenn sie nicht selten auf Ablehnung stießen und lange zwischen die Mahlsteine der politischen Auseinandersetzungen gerieten. Was anfangs unmöglich erschien, gelang zum Erstaunen vieler sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der früheren DDR, wenn auch auf höchst unterschiedliche Weise, und gehört rückblickend zu den größten Leistungen der deutschen Nachkriegsgesellschaft.

Die Ausstellung präsentiert ein umfassendes Bild der Eingliederung der Vertriebenen, angefangen von ihrer Herkunft über die Lebensumstände in den Durchgangs- und Aufnahmelagern, die Suche nach Lohn und Brot bis hin zu den politischen Rahmenbedingungen, wie sie sich im Bundesvertriebenengesetz, im Lastenausgleich, im Bund der Vertriebenen und ihrer Charta von 1950 manifestierten. Zum langen Weg der Integration gehört beispielsweise auch das private und kollektive Erinnern. Leni Perenčević, wissenschaftliche Mitarbeiterin des DZM, hat die schon 2011 vom Zentrum gegen Vertreibungen erstellte Ausstellung mit Exponaten aus den Beständen des Museums und Informationen zur örtlichen Situation in Ulm angereichert, darunter anschauliche Fluchtgeschichten von einzelnen Familien.

Am 21. Mai fand die Eröffnung der Ausstellung statt. Christian Glass, der Direktor des Donauschwäbischen Zentralmuseums, freute sich, rund einhundert Besucher begrüßen zu können. Professor Manfred Kittel vom Deutschen Historischen Museum Berlin führte in das Thema ein, indem er zwischen der vergleichsweise unspektakulären physischen Ankunft der deutschen Ostvertriebenen in den Trümmern der Besatzungszonen und dem vielschichtigen Prozess ihrer mentalen Neubeheimatung unterschied. Zum Geschehen der Integration lasse sich gar nicht sprechen, ohne die aktuelle Flüchtlingsproblematik mit zu bedenken. Fundamentale Differenzen zeigte Kittel beim Vergleich zwischen beiden Vorgängen auf, verwahrte sich aber gegen Missdeutung, indem er vorausschickte, dass das christliche Abendland nicht gleichgültig zusehen könne, wie Menschen im Mittelmeer ertrinken. Im Unterschied zu den deutschen Heimatvertriebenen, bei denen bloß andere Dialekte oder Konfessionen eingegliedert werden mussten, handle es sich heute allerdings um andere Sprachen und Religionen, um nicht nur geografisch, sondern auch kulturell und mental viel weiter entfernte Regionen als bei jenen Deutschen aus Schlesien oder dem Banat etwa.

Während sich Deutschland in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Ausnahmesituation befunden habe, in der die Flüchtlinge dringend gebraucht wurden, Lücken in der Bevölkerungspyramide schlossen, wichtige berufliche Qualifikationen mitbrachten, auf eine prinzipielle Solidarbereitschaft stießen und unausweichlich gemeinsam mit der einheimischen Bevölkerung Neuaufbau und Wirtschaftswunder vollbrachten, erfolge dagegen die heutige Einwanderung in eine saturierte Wohlstandsgesellschaft, die keine politische, bestenfalls eine moralische Verantwortung übernehme. Wenn man sich die trotz aller günstigen Umstände dennoch beträchtlichen Integrationshürden von damals vergegenwärtige, lasse das eine Ahnung davon gewinnen, welche Herausforderung die heutige Situation bei ungleich schwierigeren Konditionen in sich birgt.

Vollends auf ideologisch vermintes Terrain begab sich der Historiker mit der These, dass Flüchtlingspolitik sowohl verantwortungs- wie auch gesinnungsethisch diskutiert werden könne – „mit höchst unterschiedlichen Ergebnissen in Bezug auf die für möglich erachteten Aufnahmekapazitäten“. Es dürfte kaum einem Zweifel unterliegen, dass seine wohltuende Freiheit im Denken ihn 2014 auch den Posten als Gründungsdirektor der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin gekostet hat. Wobei seine gegen den Zeitgeist verstoßenden Studien unter anderem zur Vergangenheitsbewältigung nach 1945 gerade der Bonus für seine Berufung gewesen waren. Beachtenswert ist gerade deswegen, was Kittel resümierend und als Denkanstoß in den Raum stellte: Die Integrationsherausforderung sei gegenwärtig bei insgesamt acht Millionen Menschen in Deutschland „mit ausschließlich ausländischem Pass“ (mitgezählt sind neben Asylanten und Bürgerkriegsflüchtlingen legale Einwanderer und EU-Inländer) von ganz anderer und größerer Art als nach der Epochenschwelle des Kriegsendes. Durch vordergründige Analogien solle man die Geschichte nicht überstrapazieren, ihre Lehren würden zwar nach Jakob Burckhardt weise für immer machen, aber nicht unbedingt klug für ein anderes Mal.

Musikalisch umrahmt wurde die Ausstellungseröffnung von der Flötistin Claudia Weißbarth und der Harfenistin Julia Weißbarth. Die Geschwister – Töchter einer Mutter aus dem Sudetenland und eines Vaters aus der Batschka – haben sich bereits als Duo international einen Namen gemacht und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Zu sehen ist die Ausstellung noch bis 20. September 2015. Der vom Zentrum gegen Vertreibungen schon vor drei Jahren herausgegebene, informative und reich illustrierte Katalog ist im Museumsshop erhältlich und kostet 12,95 Euro.