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Banater Post

Die wahre Geschichte hinter der Revolution

Der Journalist Arpad Szöcsi stellte im Münchner Haus des Deutschen Ostens sein Buch über „Die wahre Geschichte hinter der rumänischen Revolution“ vor. Foto: Karin Bohnenschuh

Die immer größer werdende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der politischen Situation in Rumänien Ende der achtziger Jahre ließ deren Unmut ansteigen und den Wunsch nach einem Ausbruch aus dem kommunistischen System immer größer werden. Nur über ausländische Radio- und Fernsehsender, wie Radio Freies Europa, Voice of America, BBC und die Deutsche Welle, konnte die rumänische Bevölkerung Informationen über die tatsächlichen Geschehnisse in ihrem Land und den kommunistischen Bruderstaaten erhalten.

Der in Temeswar tätige reformierte Pastor László Tőkés nutze seine Predigten, um offen Kritik an Nicolae Ceaușescus Politik zu üben, da er die Pläne, das Land zu systematisieren und etwa 700 Dörfer zu zerstören, um landwirtschaftliche Zentren zu errichten, als Gefährdung der Dorfbevölkerung sah. Ihre materielle und kulturelle Substanz würde ihnen dadurch genommen werden. Auch im Ausland wurde man auf diesen rebellischen Pastor aufmerksam. Zwei kanadischen Journalisten gelang es, László Tőkés in Temeswar im Geheimen zu interviewen und dieses Interview über die Landesgrenze zu schmuggeln. Im Sommer 1989 strahlte ein ungarischer Fernsehsender das Interview aus. Die rumänische Parteispitze wurde in große Aufruhr versetzt, und Ceaușescu witterte eine ungarische Verschwörung. Das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarstaaten war zum damaligen Zeitpunkt ohnehin mehr als angespannt.

Das Interview zwischen den kanadischen Journalisten und Pastor Tőkés hatte der kanadische Journalist Árpád Szőczi organisiert. Diese Erlebnisse sowie neue Erkenntnisse rund um Tőkés und die Revolution in Temeswar beschreibt Szőczi in seinem Buch „Timişoara – Adevărata poveste despre revoluţia română“ (Temeswar – Die wahre Geschichte hinter der rumänischen Revolution), das er am 17. Juni im Haus des Deutschen Ostens (HDO) in München vorstellte. Die Buchpräsentation bildete den Auftakt zu den 18. Kultur- und Heimattagen der Banater Schwaben in Bayern. Begrüßt wurde der Autor von Bernhard Fackelmann, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes Bayern und Vorsitzender des Kreisverbandes München der Landsmannschaft der Banater Schwaben.

Árpád Szőczi ist ein kanadischer Journalist und Dokumentarfilmer. Sein Vater stammt aus Ungarn, seine Mutter aus Österreich. Er absolvierte ein Journalistikstudium an der Ryerson Universität in Toronto. Nach Stationen als Produzent beim kanadischen Fernsehen arbeitet er seit 1996 in der Abteilung des englischsprachigen Fernsehprogramms der Deutschen Welle in Berlin als Produzent, Reporter, Übersetzer und Autor. 2009 produzierte er den Dokumentarfilm „Dracula’s Shadow – The Real Story Behind the Romanian Revolution“ (Draculas Schatten – die wahre Geschichte hinter der rumänischen Revolution), wofür er den ungarischen Filmpreis DUNA als bester Dokumentarfilmproduzent im Februar 2010 erhielt.

Nach jahrelangen Recherchen in den Archiven des ungarischen und des rumänischen Geheimdienstes ist Szőczi auf brisante Informationen über den Verlauf der rumänischen Revolution gestoßen, die nun zum ersten Mal an die Öffentlichkeit gelangen. 2012 erschien sein Buch „Timisoara – The Real Story Behind the Romanian Revolution“ zunächst auf englisch und ungarisch, 2014 schließlich auch in rumänischer Sprache.

Neben seinen Archivrecherchen gelang es Szőczi, Miklós Németh – von 1988 bis 1990 Ministerpräsident Ungarns und eine der Hauptfiguren des politischen Umbruchs – zu interviewen. Dieses exklusive Interview präsentierte er hier zum ersten Mal der Öffenlichkeit und bot dem interessierten Publikum somit tiefe Einblicke in die Ergebnisse seiner Recherche. Szőczi ließ sich den Inhalt der Dokumente, auf die er gestoßen war, durch Németh erläutern und deren Wahrheitsgehalt bestätigen.

Németh bestätigte gegenüber Szőczi seine Vereinbarungen mit der polnischen und sowjetischen Führung, in Person von Michail Gorbatschow, Möglichkeiten zu erarbeiten, um Ceaușescu zu entmachten. Des Weiteren seien 1989 mehrere ungarische Geheimagenten in Rumänien abgestellt worden, um die allgemeine Lage zu beobachten und, wenn nötig, zu beeinflussen, aber auch um Tőkés und die von ihm angestoßene Bewegung zu schützen und zu fördern.

Ein weiteres Dokument vom 1. Dezember 1989, auf das Szőczi in den Archiven des ungarischen Geheimdienstes stieß, informiert über den Befehl der rumänischen Regierung, sieben Raketen in Florești zu positionieren. Über arabische Mittelsmänner soll die rumänische Regierung chinesische Raketen gekauft und diese auf das ungarische Kernkraftwerk von Paks, 100 Kilometer von Budapest entfernt, ausgerichtet haben. Németh bestätigt, über diese Pläne informiert gewesen zu sein und Vorbereitungen für einen notwendigen Gegenschlag in die Wege geleitet zu haben, um die Raketen, bei Bedarf, noch in der Luft abschießen zu können. Die Angst vor einer Katastrophe, vergleichbar mit jener in Tschernobyl 1986, bestimmte das Agieren.

Die Einflussnahme der ungarischen Regierung auf den Sturz Ceaușescus konzentrierte sich auf die von Pfarrer László Tőkés angestoßene Protestbewegung, die zum Ausbruch eines landesweiten Aufstands gegen den Diktator führte. Miklós Németh und seine engsten Vertrauten standen in Kontakt mit dem rumänischen General Victor Stănculescu, der eine tragende Rolle beim Sturz des Diktators spielen sollte. Als dieser merkte, „dass der Wind jetzt aus der anderen Richtung wehte, wechselte er die Seite“, so Németh. Unterstützt wurde sein Handeln durch Informationen von Agenten des ungarischen Nachrichtendienstes.

Diese und weitere neue Erkenntnisse über den Verlauf der Revolution in Temeswar hat Árpád Szőczi in seinem Buch „Timişoara – Adevă-rata poveste despre revoluţia ro-mână“ niedergeschrieben. Neue Erkenntnisse, die sicherlich vor allem in Rumänien für kontroverse Diskussionen sorgen dürften.

Das Buch kann beim Autor zum Preis von 15 Euro zzgl. Versandkosten bestellt werden: Árpád Szőczi, Seelingstraße 47/49, 14059 Berlin, E-Mail euronair@aol.com. Eine weitere Auflage des Buches in deutscher Sprache befindet sich in Planung.