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Banater Post

Mit Humor und Tiefgang: Stadtgeschichten der Wendezeit

Der Buchumschlag wurde von Ilse Hehn gestaltet.

Gedanken zum neuen Kurzprosa-Band des Temeswarer Schriftstellers Balthasar Waitz:  „Menschen und andere Träume“ - Der 1950 in Nitzkydorf geborene Erzähler und Journalist Balthasar Waitz – er lebt und arbeitet  als einziger Autor der „Aktionsgruppe“-Generation unverdrossen weiter in Temeswar – hat bereits in seinem Debütband „Ein Alibi für Papa Kunze“ (1981) eine eigene erzählerische Handschrift erkennen lassen, die er in den folgenden Prosabänden weiter ausformte, so auch in seinen zuletzt erschienenen Erzählungen „Menschen und andere Träume“ (2016): schnörkellose, unprätentiöse Sprache; scharfe Beobachtung und unsentimental-naive Beschreibung vielsagender, zuweilen skurriler Alltagsszenen; humoristischer, leicht satirischer Unterton in der Offenlegung und Gestaltung gesellschaftlicher Missstände und damit verbundener Biographien. Seine Sympathie scheint von Anbeginn den
Benachteiligten, den menschlich und gesellschaftlich Gestrandeten zu gelten. Sie lehnen sich kaum auf, nehmen das Leben hin, wie es eben ist. So hält sich das Verständnis des Erzählers für gescheiterte Existenzen in Grenzen, sofern sie nicht durch politischen oder anderen Machtmissbrauch so weit gebracht wurden.

Mit seinem Prosaband „Krähensommer“ (2011), dem er den Untertitel „Geschichten aus dem Hinterland“ gegeben hat, war Balthasar Waitz ein richtig beachtlicher Wurf gelungen. Das schwäbische Dorf im Strudel historischer Umbrüche, die davon mitgerissenen Menschen , die verheerenden Wirkungen politischer Willkür auf Menschenschicksale, aber auch die Fähigkeit zu überleben und Bereitschaft zur Anpassung an das Unabwendbare machen die Substanz dieser Erzählungen aus.
Mit dem  hier besprochenen Band „Menschen und andere Träume“ erweitert Balthasar Waitz sein erzählerisches Repertoire. Zum einen ist darin eine deutliche Kontinuität der Schreibweise und inneren Haltung des Erzählers zu Menschen und Lebensverhältnissen erkennbar. Er hat sich die Leichtfüßigkeit des Erzählens, eine treffsichere Situationskomik und einprägsame Beschreibung von Menschenbildern bewahrt. Zum anderen erschließt er – für seine Prosa und wohl auch für die banatdeutsche Literatur überhaupt – neue thematische Aspekte, die aus den Folgen des politischen und wirtschaftlichen Umbruchs in der Nachwendezeit erwachsen. Balthasar Waitz verlagert seine erzählerische Bühne aus dem dörflichen in den städtischen Raum und lässt Personal aus dem entsprechenden Milieu auftreten. Übrigens: Das banatschwäbische Dorf scheint als literarisches Thema ausgeschöpft zu sein. Letzte Ausläufer sind Kindheitserinnerungen, Spurensicherungen der Enkel-Generation oder historische Reminiszenzen.

Ließ der Erzähler in „Krähensommer“ das banatschwäbische Dorf  der Nachkriegszeit und die alles zersetzende, bankrotte sozialistische Landwirtschaft und sogenannte „Verwaltung“ in unnachahmlicher Satire aufleben, so führt er nun seine Leser in die Atmosphäre der Wohnblocks und städtischen Hinterhöfe. Seine Geschichten bieten Einblick in die Lebenswelt der kleinen Leute in den Jahrzehnten nach der „Wende“, alles grau in grau: arbeitslose Akademiker, zerrissene Familien nach Abwanderung der Jugendlichen ins Ausland (was nichts mehr mit der Auswanderung der Schwaben zu tun hat!), Obdachlose, abgehalfterte Gewerkschafter, darunter politische Veteranen, die den kommunistischen Zeiten nachtrauern. In den gegenwartsnahen trostlosen Alltag  ragen eben die Scherben einer nicht „bewältigten“ politischen Vergangenheit und Lebenseinstellung. Satire entsteht dabei wie von selbst, wohnt der dargestellten Realität buchstäblich inne.

Die Geschichten des vorliegenden Bandes sind in vier Abschnitte mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten gruppiert, die sich eher aus den Biographien und den Verhaltensweisen der Gestalten ergeben, als aus zusammenhängenden Handlungssträngen: „Nachtgeschichte“, „Die lose Liebe“, „Was andere Menschen sagen“, „Briefe aus dem Wald“.

Im ersten Teil drehen sich die Kurztexte um ein alterndes Ehepaar, das sich so gut wie nichts mehr zu sagen hat, sich mehr schlecht als recht durch den Tag quält, und doch zueinander steht. Außer alten Familiengeschichten, etwa aus vorherigen Ehen, von Schwiegermüttern und früheren Freunden, fällt ihnen nichts mehr ein. Er ist zum dritten Mal, sie zum zweiten Mal verheiratet. Das spielt hier aber keine große Rolle. Schlimmer sind für Georg, den Ehemann, die Nacht-Träume seiner Frau, die ihr Leben ausfüllen, die sie schon früh morgens erzählt, unaufhörlich. Nicht das gegenseitige Zerfleischen der alternden Eheleute wie in Dürrenmatts „Play Strindberg“ stellt sich ein, sondern eine unausgesprochene Nachsicht: „Hab ich wirklich mal was für sie getan, fragt sich Georg. Darüber muss ich noch nachdenken. Ich weiß jetzt nicht mal, ob sie ihre blauen Nachttropfen genommen hat oder nicht.“ (S. 29) Mit Georgs  ungarischem Kumpan Guszti, einem arbeitslosen Ingenieur, aber erfolgreichen Fahrlehrer, kommt Temeswarer Lokalkolorit ins Bild und der damit verbundene Humor hat freie Bahn: Leben und leben lassen!

Moderne Kommunikationstechnik und Elend im Straßenbild kontrastiert der Erzähler zunächst im Kapitel „Lose Liebe“, dessen Geschichten, ähnlich wie im darauffolgenden „Was andere sagen“, den gesellschaftlichen Verfalls thematisieren. Zwischenmenschliche Beziehungen – in der Familie, in der Nachbarschaft, im Nebeneinander oder Miteinander der Generationen – sind in Auflösung begriffen. Ein unbeachteter Obdachloser als Zeichen: „Ein Obdachloser? Ein Herumtreiber? Für die Kinder ist dieser Mensch nur eine komische Figur (...) Dem Menschen hängt eine lange traurige Geschichte aus dem Norden an. Seine ganze Habschaft steckt in einer Nylontüte von Kaufland“. (S. 35)

Die meisten Geschichten dieser mittleren Kapitel ereignen sich jedoch in typischer Wohnblock-Atmosphäre. Einige drehen sich um zwei ältere Herren, die sich gern dem Schachspiel und den Erinnerungen hingeben. Der eine beobachtet jeden Tag vom Balkon alles, was sich rundherum abspielt: „Ist er ein pensionierter Genosse und kann das nicht lassen? Ein frustrierter Major, der nicht mehr praktizieren darf?“ (S. 36) Der andere, einst vorbildlicher Gewerkschafter, namens Demeter, ist „ein Veteran der rumänischen Arbeiterbewegung, der nicht mehr alle beisammen hat, wie die Leute sagen“. (S. 38) Die Szene des sich Woche für Woche wiederholenden Schachspiels der beiden im Hinterhof scheint mir exemplarisch zu sein für Waitz’ spitze Ironie und Situationskomik: „Sie hockten auf umgestülpten Bierkisten. – Servus, grüßt Demeter die Ratten in den Holunderbüschen wie gute, alte Bekannte aus der Gewerkschaft. Er trägt seinen blauen Trainingsanzug.“ (S. 37) In nostalgische Erinnerungen – als es im Hinterhof „ein paar Platanen (gab), auch Akazienbäume, Gras und Gänseblumen wie auf einer Wiese, einen Maulbeerbaum...“ (S. 38) mischen sich große Sorgen. Demeters Tochter lebt in Spanien, in Valencia, und er betet heimlich zu Gott, dass sie „nicht doch noch in einem Bordell landet“ (S. 41). Der Sohn des anderen Schachspielers ist in Deutschland. Vater und Sohn sind sich inzwischen fremd.

Im Abschnitt „Was andere Menschen sagen“ differenziert und erweitert Balthasar Waitz die zeit- und gesellschaftsbezogene Thematik seiner Kurzprosa. Er findet dafür eine originelle Form: In Monologen schildern typisierte gesellschaftliche Repräsentanten ihren meist freudlosen Lebensinhalt, gemessen an ihrem Rollenverständnis: der Vater, die Mutter, die Tochter, eine Nachbarin, der Verwalter, die Putzfrau u.a. Waitz fügt diese Monologe zu einem collagenartigen Gesellschaftsbild.

Der Montage beziehungsreicher Biographien bedient sich der Erzähler konsequent, wie eben in den anderen Abschnitten des Bandes, auch im abschließenden Kapitel „Briefe aus dem Wald“. Mit dem Unterschied, dass an die Stelle vordergründiger Alltagsgeschichten Geschehnisse in einer
psychiatrischen Klinik treten. Diese ist in einem Akazienwäldchen angesiedelt, ähnlich wie in einer Erzählung des Bandes „Krähensommer“. Banater Ortsnamen und Herkunftsorte einiger Patienten lassen keinen Zweifel daran, wo die Anstalt liegt.

Den Erzähler scheint die Frage umzutreiben, was mit Menschen geschieht, die nicht ins übliche Gesellschaftsbild passen. Wie geht man mit ihnen in einem, sagen wir, demokratisch bestimmten Gemeinwesen um? Im „Krähensommer“ handelte es sich noch um total hilflose und ausgelieferte Patienten aus totalitärer Zeit. Die Schatten der Vergangenheit wirken auch in diesem Teil des neuen Erzählbands nach. Die „Briefe aus dem Wald“ mit den farbig beschriebenen, eigenwilligen Charakteren der Insassen, mit dem Blick in das dort funktionierende System der Behandlung und Aufsicht, nicht zuletzt auch das ironisch überspitzt geschilderte Treiben bei den massenhaften Besuchen in der Anstalt, sind voller Spannung und Anspielungen. Sie werfen jedoch grelle Schlaglichter auf den Zustand der Gesellschaft.

Nicht nur über diesen Geschichten des neuen Kurzprosabandes von Balthasar Waitz schwebt im Grunde ein Hauch von Resignation, gemildert durch ein schwejkartiges Lächeln: „Das gibt`s bei uns.“ (S. 15)

Balthasar Waitz: Menschen und andere Träume. Kurzprosa. Temeswar: Cosmopolitan Art Verlag, 2016. 98 Seitenm. ISBN 978-606-8389-87-5. Preis: 14.90 Euro. Zu bestellen über Büchercafe ERASMUS / Schiller Verlag, Hermannstadt/Bonn (http://www.buechercafe.ro). Hier auch noch erhältlich die Bände „Krähensommer“ (Prosa) und „mit schwalben am hut“ (Gedichte).