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Banater Post

Werner Achs: Wenn Musik zur Leidenschaft wird

Die Musik bestimmt den Alltag des Posaunisten, Pädagogen und Komponisten Werner Achs auch im Rentenalter. Foto: privat

Harfen- und Klarinettenklänge beschreiben das hübsche, junge Mädchen und seine Träume. Es ist auf dem Weg zum Gericht. Seine Aufregung nimmt zu, die sanften Klänge der Klarinette werden jäh unterbrochen. Streicher setzen ein, Paukenschläge geben seinen Herzschlag wieder. Alle Instrumente des Orchesters stimmen nach und nach ein. Für eine spannungsgeladene Atmosphäre ist gesorgt. Ein Horn-solo stellt den Auftritt vor Gericht dar. So beginnt das neueste Werk des Komponisten Werner Achs. „Sinfonische Skizze“ hat der in Schenefeld bei Hamburg beheimatete Banater Schwabe es genannt. Ende November vergangenen Jahres wurde das für ein großes sinfonisches Orchester geschriebene Stück vom Hamburger Juristenorchester unter der Leitung von Annalena Hösel in der Aula des Christianeums uraufgeführt. An diesem altehrwürdigen Hamburger Gymnasium hatte Achs lange Jahre Musik unterrichtet.

„Eine solche Uraufführung ist recht selten, denn es erfordert erfahrene Musiker und Zuhörer, die bereit sind, tief einzusteigen und keine Scheu vor Unbekanntem haben“, erklärt der 75-Jährige. Es handelt sich bei dem Stück um erzählende Musik in der Sprache der Impressionisten. „Der Dreiklang wird hierbei überwunden, denn neue Farben werden hinzugemischt. Die Vielfalt der Farben der Instrumente wird in diesem Werk zum Klang gebündelt“, sagt Werner Achs.

Die Erzählung setzt sich mit der Beichte des Mädchens in der Kirche fort, die vom Posaunenchor dargestellt wird. Schließlich kündigt sich ein Verehrer an. Das Ständchen wird in Form eines Trompetensolos dargebracht. Das Solo entwickelt sich dramatisch und stellt hohe Anforderungen an die Musiker. „Allgemein beginnt das Stück harmonisch, aber durch die Wendungen, die die Geschichte nimmt, endet alles spannungsvoll und dramatisch“, erläutert Achs.

„Als Banater Schwabe hat man die Blasmusik gewissermaßen im Blut“, sagt der 1941 in Johannisfeld geborene Musiker. In seiner Familie jedenfalls spielte sie eine wichtige Rolle. Sein Vater spielte Tenorhorn, sein acht Jahre älterer Bruder Klaus war Posaunist und langjähriger Leiter des Polizeiorchesters Schleswig-Holstein. Werner Achs besuchte das Musiklyzeum in Temeswar und absolvierte die Musikhochschule in Bukarest mit Staatsprüfung im Hauptfach Posaune.

Als Student spielte Achs in einer Jazzband, die sich rasch einen Namen machte, im rumänischen Fernsehen und bei Jazzfestivals auftrat. „Irgendwann erhielten wir sogar eine Einladung nach Moskau. Anschließend sollten wir in West-Berlin auftreten“, erinnert sich Werner Achs. Die Aufregung war groß, ebenso die anschließende Enttäuschung. „Mir wurde als einzigem aus unserer Band der Pass verweigert. Man fürchtete, ich würde nicht mehr ins sozialistische Rumänien zurückkehren.“

Monate später traf Werner Achs eine weitreichende Entscheidung. Er wagte 1970 die Flucht über die
Donau in einem Schlauchboot. Ein Grenzer schrie, er solle umkehren. Der Flüchtige blickte in den Lauf
eines Gewehrs. Doch ein Zurück hätte Gefängnis bedeutet. Achs ruderte um sein Leben und entkam. Doch die dramatischen Ereignisse beschäftigen ihn noch lange Zeit. „Ich habe oft von der Flucht geträumt“, sagt der Musiker. Jahrzehnte später sollte er das traumatische Erlebnis, die Entwurzelung und Heimatlosigkeit sowie die Integration in der neuen Heimat in dem dreiteiligen Werk „Auf der Flucht – Balkan Sinfonie“ verarbeiten. Erschienen ist das für sinfonisches Blasorchester geschriebene Werk im Inntal-Musik-Verlag in Oberaudorf.

Der Verlag bat den Kapellmeister der Trostberger Stadtkapelle, Josef Maurer, die Sinfonie uraufzuführen. Maurer, wie Achs Banater Schwabe, stellte sich der Aufgabe. Die Uraufführung fand anlässlich des Frühjahrskonzerts der Trostberger Stadtkapelle im April 2014 statt. „Das Experiment ist geglückt. Das Publikum im Postsaal spendete der sehr anspruchsvollen Sinfonie den gleichen tosenden Beifall wie den anderen Stücken des Abends“, schrieb das „Trostberger Tagblatt“ nach dem Konzert. Werner Achs ist sichtlich gerührt, als er davon erzählt. Ebenso ergriffen war er, als er erfuhr, dass das Blasorchester aus Trostberg sein Stück „Auf der Flucht“ ins Programm des Konzerts aufgenommen hatte, das es im Sommer vergangenen Jahres anlässlich einer Banat-Tournee in Temeswar bestritt.

Werner Achs ging nach seiner Flucht zwei Jahre mit seiner Jazzband auf Tour. Die Musiker waren nach ihrem Auftritt in West-Berlin tatsächlich nicht in ihre Heimat zurückgekehrt. „Irgendwann reichte es mit den Auftritten. Ich wollte mich weiterentwickeln“, erzählt Achs. Er bekam eine befristete Stelle als Posaunist an der Bielefelder Oper. Und studierte erneut, diesmal an der Hamburger Musikhochschule Höheres Lehramt. Das Staatsexamen in der Tasche, wurde er 1974 Lehrer am Hamburger Christianeum.

Dort unterrichtete er 32 Jahre lang. Ebenso lange leitete er die Schüler-Big Band, mit der er viele Erfolge errang. Die Band gewann mehrere Preise, ging international auf Tour. Einmal spielten Werner Achs und seine Schüler sogar auf der Chinesischen Mauer. Daneben gab es Auftritte zur Weihnachtszeit im voll besetzten Hamburger Michel. „Eine schöne Zeit war es“, so Achs rückblickend.

Nach seiner Pensionierung im Sommer 2006 suchte Werner Achs neue Aufgaben. Er übernahm die Leitung des Schenefelder Männerchors Liedertafel Frohsinn von 1877 und frönt seiner Leidenschaft: dem Komponieren. „Die Liebe zum Komponieren habe ich schon früh gespürt und ständig weiterentwickelt“, sagt Achs. Entstanden sind im Laufe der Jahre mehrere Stücke für Posaune und Klavier, die der Musikverlag Martin Schmid (Nagold) herausbrachte, sowie die beiden weiter oben erwähnten sinfonischen Werke. Die Musik begleitet Werner Achs von Kindesbeinen an durchs Leben. Sie war für ihn weit mehr als nur Broterwerb, sie war seine große Leidenschaft und ist es bis heute geblieben.