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Banater Post

Als der VfL noch Handball zelebrierte. Hansi Schmidt wird 75

In der Handball-Welt war Hansi Schmidt in den 1960er und 70er Jahren als Schrecken aller Torhüter und als „Bomber der Nation“ gefürchtet. Am 24. September wurde die Handball-Legende 75. Foto: Dirk Adolphs

Szene aus dem Europapokalfinale VfL Gummersbach gegen Dukla Prag 1967 in der Dortmunder Westfalenhalle: Hansi Schmidt steigt hoch, verzögert den Wurf, und Torwart Jiří Vícha ist geschlagen. Der VfL siegt 17:13 (6:7).

Marienfelds Bürgermeister Cornel Vasile Gui überreicht Hansi Schmidt die Ehrenbürger-Urkunde. Foto: Bianca C. Paula

Das Handball-Idol Hansi Schmidt wird am 24. September 75 Jahre alt. Einen Monat vor diesem Tag hat der Gemeinderat seines Geburtsortes ihn zum Marienfelder Ehrenbürger ernannt und ihm damit ein frühes Geschenk überreicht.

Mit dem Namen des gebürtigen Marienfelders ist der steile Aufstieg einer Provinzmannschaft zum weltbesten Hallenhandballteam verbunden. Der VfL Gummersbach war bis zum Sommer 2006 mit zwölf gewonnenen Titeln deutscher Rekordmeister. Im Sommer 2007 hat der THW Kiel die Gummersbacher mit dem Gewinn der 13. Meisterschaft überholt. Zu sieben der zwölf VfL-Erfolge in der Bundesliga hat Schmidt als Torschütze vom Dienst und Spiel-macher entscheidend beigetragen. Es war die Zeit, in der der VfL noch Handball zelebrierte. Für den Gewinn dieser sieben Titel brauchte er elf Anläufe. Zehnmal hat er im Finale um die deutsche Meisterschaft gestanden. Zu den sieben deutschen Meistertiteln kommen vier Siege im Europapokal-Wettbewerb der Meister hinzu. Die weitere Bilanz des Hansi Schmidt: 338 Tore in 53 EC-Spielen, 18 Länderspiele für Rumänien und 98 für Deutschland, 484 Tore für die deutsche Mannschaft, 1066 Tore in 173 Bundesligaspielen für Gummersbach. Von 1967 bis 1971 wird Hansi fünfmal hintereinander Bundesliga-Torschützen-könig. Die Erfolge in Rumänien: einmal Meister mit Steaua Bukarest, einmal Vizemeister mit Știința Temeswar und einmal Vizemeister auf dem Großfeld mit Steaua, ferner einmal Schülerlandesmeister. Dreimal wurde er in die Weltauswahl berufen.

Anlässlich seines Geburtstags hat Johann Steiner mit Hansi Schmidt über den VfL Gummersbach und den Stand des deutschen Handballs gesprochen.

Herr Schmidt, vor kurzem sind Sie Ehrenbürger Ihres Geburtsortes Marienfeld geworden. Die Annahme des Titels Ehrenbürger ist Ihnen anscheinend nahe gegangen...
Ich bin meinem Heimatort nach wie vor verbunden, meine Heimat ist das Banat, das Oberbergische Land, wo ich seit 1963 lebe, meine Wahlheimat. Aber ebenso lieb wie Marienfeld ist mir Lenauheim, wo mein Vater herstammt. Auf der 250-Jahr-Feier anlässlich der Gründung von Csadát in diesem Sommer habe ich Gräber meiner Großeltern und der anderen nahen Verwandten zum ersten Mal besucht. Es war ein bewegender Moment.

Die alte Heimat ist für Sie offenbar wieder attraktiv geworden. Sie waren in diesem Jahr schon zweimal im Banat...
Ich habe wieder Zugang gefunden zum Banat. Bei einem Besuch 2009 war ich doch sehr enttäuscht. Marienfeld hat einen deprimierenden Eindruck auf mich hinterlassen. Inzwischen hat sich einiges zum Positiven gewandelt. Heute plane ich mit Hingabe eine Fahrt ins Banat mit meinen beiden Söhnen, weil die sich einen Besuch in der Heimat ihres Vaters wünschen.

Ihre aktive Zeit liegt Jahrzehnte zurück. Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Anhängern?
Den gibt es nach wie vor. Ich möchte mich bei den Banater Handballfreunden, aber auch bei allen
anderen bedanken, dass sie mir so lange die Treue gehalten haben.

Seit dem Aufstieg des VfL Gummersbach 1966 in die frisch geschaffene Handball-Bundesliga ist der Klub noch nie abgestiegen. In der vergangenen Saison ist die Mannschaft nur dank der besseren Tordifferenz im Oberhaus geblieben. Kurz vor Saisonende ist Trainer Sead Hasanefendić als Retter berufen worden. Er hat Emir Kurtagić ersetzt, der seinerzeit sein Assistenztrainer war. Das wirkt etwas chaotisch. Läuft etwas schief beim VfL?
Es ist in der jüngsten Vergangenheit eindeutig einiges schief gelaufen. Da muss ganz gewiss etwas geändert werden. Nun präsentiert der VfL für diese Saison eine Mannschaft, in der sieben Spieler neu sind. Christoph Schindler ist vom Spieler zum Sportdirektor avanciert, mit Dirk Beuchler ist ein neuer Trainer gekommen. Hoffen wir, dass die Weichen richtig gestellt werden, dann heißt es Daumen drücken. Hasanefendić hätte in der vergangenen Saison viel früher zurückgeholt werden müssen. Der VfL hatte aber Glück, und der Klassenerhalt wurde geschafft.

Der Start in die neue Saison ist missglückt: Der VfL ist in der ersten Pokalrunde gescheitert am Zweitligisten HG Saarlouis (27:28), und im Auftaktspiel zur Bundesliga ist er in eigener Halle gegen Wetzlar regelrecht untergegangen. Mit einem Etat von 5 Millionen, dem neuen Trainer Dirk Beuchler, Christoph Schindler als Sportdirektor und Peter Schönberger als Geschäftsführer will der VfL in der kommenden Spielzeit einen Platz im Mittelfeld erringen. Ist das realistisch?
Trotz der Niederlagen bin ich guter Hoffnung. Ich bin ein Optimist, und deshalb lasse ich mich gerne positiv überraschen und hoffe, dass der neue Trainer die Sache gut anpackt und die volle Unterstützung des Vorstands bekommt. Ganz wesentlich: Die Mannschaft braucht eine Leitfigur, einen Motivator auf dem Spielfeld, der seine Mitstreiter mitreißt und in kritischen Situationen ein Aufbäumen bewirkt. Die Spieler müssen der Zuschauer zuliebe, aber auch sich zuliebe alles geben. Ich wünschte mir, dass eine Symbiose zwischen Zuschauern und Spielern entsteht. Zuschauer und Spieler müssen sich ergänzen. Die Spieler müssen so viel Enthusiasmus entwickeln, dass der Zuschauer verspürt, er sei der achte Mann auf dem Feld. Der Zuschauer möchte gern Teil der Mannschaft sein, er möchte fühlen, dass die Mannschaft ihn braucht. Ich würde gern wieder den VfL-Schlachtruf „Vau-eff-ell“ in der Halle hören statt des Klatschens mit den ausgelegten Hilfsmitteln. Das Team muss aber auch richtig taktisch eingestellt sein, das ist eine der Aufgaben des Trainers. Wenn der VfL in guter Form bei einer guten taktischen Leistung in eigener Halle auch einmal gegen einen sehr guten Gegner unterliegt, dann respektiert der Zuschauer das auch. Wenn man in Gummersbach wieder spürt, dass
einer für den anderen geradesteht, die Spieler einander unterstützen und ergänzen im Sinne eines Kollektivs, dann zieht der Handballanhänger den Hut. Ich habe in letzter Zeit beim VfL die richtige Profieinstellung vermisst. Zuerst muss sich einmal jeder einzelne fragen, was er falsch gemacht hat, um zu versuchen, das abzustellen. Eine ganze Reihe ehemaliger verdienter VfL-Spieler meiner Generation sehen das ähnlich, sie missen die hingebungsvolle Einsatzbereitschaft und die richtige Hingabe für Klub und Zuschauer. Ich hoffe, Dirk Beuchler kann seiner Mannschaft diesen Geist einflößen.

Haben Klubs, die in kleinen Städten mit relativ kleinen Hallen daheim sind, kaum noch Chancen, vorne mitzumischen?
Die Hallengröße ist nicht alles entscheidend. Auch die neue Gummersbacher Halle ist groß genug. Entscheidend sind die Rahmenbedingungen. Offensichtlich ist der VfL in einen Teufelskreis geraten: Ohne Geld können keine guten Spieler eingekauft werden, ohne Klasseleute kann kein attraktiver Handball geboten und damit können auch keine zahlungskräftigen Sponsoren gewonnen werden. Als Hasanefendić vor Jahren Trainer in Gummersbach geworden war, hat er namenlose gute Spieler verpflichtet, sie weiterentwickelt. Er hat mit der Mannschaft 2009 den EHF-Pokal, 2010 und 2011 den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Und dann musste Spieler um Spieler verkauft werden. Einer davon: Momir Ilić, inzwischen Weltklasse, ist über Kiel im ungarischen Veszprém angekommen.

Wie nah ist Ihnen der VfL heute? Ist Ihr Rat noch gefragt?
Der VfL steht mir noch sehr nahe. Wenn ich in der Halle bin, fühle ich es immer wieder: Der VfL ist ein Stück Gummersbach, ein Teil dieser Region, auch ein Stück meiner selbst. Vielen Zuschauern fällt es schwer, sich mit den Spielern zu identifizieren, weil sehr viele Fremde sind. Doch ohne ausländische Spieler geht es anscheinend nicht, weil deutsche Spitzenhandballer sehr teuer sind. Deshalb muss der VfL drei bis vier gute Ausländer unter Vertrag haben, aber um die sollten junge Gummersbacher Nachwuchskräfte aus der VfL-eigenen Akademie eingebaut werden. Der Verein müsste diesbezüglich tätig werden. Vielleicht sollten mehr ehemalige VfL-Spieler zu Rate gezogen werden, auch solche meiner Generation. Zurzeit ist es so beim VfL: Nichts ist älter als der gestrige Tag, deshalb ist der Rat der Alten wie allerorts nicht gefragt. Kluge Menschen lernen aus eigenen Erfahrungen, aber noch viel klügere lernen aus den Erfahrungen anderer. Als Trainer Hasanefendić vor sieben Jahren weggeschickt wurde, war er angeblich zu alt, als er vor einigen Monaten zur Rettung des Klubs zurückgerufen wurde, war er wohl nicht mehr alt. Klar: Hasanefendić war unbequem und hart, aber gerade deshalb erfolgreich; welcher Unbequeme wird schon geliebt? Damals ist wahrscheinlich noch dazu gekommen, dass der Trainer dem VfL zu teuer geworden war.

Wo steht der deutsche Handball im internationalen Vergleich? Es ist sehr häufig von der besten Liga der Welt die Rede...
Diesen Spruch sollte man sich abschminken. In der vergangenen Saison ist keine deutsche Mannschaft in die Endrunde der besten vier, genannt Final Four, gekommen. Kiel ist nicht mehr die Mannschaft, die sie einmal unter Zvonimir Serdarušić war. Kiel kann derzeit offensichtlich gegen jeden verlieren. Ich vermisse die Konstanz bei dieser Mannschaft; bei dem breiten Kader kann ich mich nicht immer mit Verletzungen herausreden. Auch Flensburg ist gestrauchelt. In der Bundesliga sieht es nicht so gut aus, wie es auf den ersten Blick scheint. Außer vier bis fünf Mannschaften haben wohl alle Vereine der ersten Liga finanzielle Schwierigkeiten.

Beim Deutschen Handball-Bund weht seit geraumer Zeit ein frischer Wind. Ist der deutsche Handball auf dem richtigen Weg?
Der deutsche Handball ist wieder in der Weltspitze angekommen. Das war nicht fürchterlich schwer. Das Rezept war einfach: Nationaltrainer Dagur Sigurdsson hat der Jugend eine Chance gegeben – und sehr viel gewonnen. Andererseits: Mit den Dänen, Franzosen und den Spaniern ist die Zahl der Spitzenmannschaften gar nicht groß. Die Jugendarbeit war in Deutschland immer gut. Endlich werden die jungen Talente auch in die Nationalmannschaft berufen. Die sind hungrig und hören auf den
Nationaltrainer. Jetzt etablieren sich immer wieder junge Spieler. Nach dem Weggang Dagur Sigurdssons nach Japan haben wir in Christian Prokop wieder einen guten Bundestrainer, beide sind aus gutem Holz geschnitzt. Im Handball haben wir eine echte Nationalmannschaft. Es ist eine Einheit zwischen Nation und Mannschaft. Ich bin froh, dass sich Bob Hanning als Vizepräsident des Deutschen Handball-Bundes gegen seine Widersacher durchgesetzt hat. Ich wünsche ihm weiter Schaffenskraft und viel Durchsetzungsvermögen. Ein Mann seines Kalibers hat Reibungsflächen, aber das schadet ihm offensichtlich nicht. Er hat noch Ideale, er möchte den deutschen Handball ganz oben etablieren, er ist das Beste, was dem deutschen Handball passieren konnte. Er ist ein Macher, der sich nicht nur mit aller Macht durchsetzt, er ist jemand, der auch der Sache dienen will. Und vielleicht hilft es ihm, wenn er Schopenhauers Worte liest: Die größte Anerkennung in Deutschland sind Missgunst und Neid.

Wer ist für Sie der nächste deutsche Meister?
Ich sehe keine absolut dominante Mannschaft, möglicherweise ist es wieder Mannheim. Auch Flensburg könnte in Frage kommen. Hannover rüstet auf. In Magdeburg wird vernünftig gearbeitet. Berlin ist auch ein hochkarätiger Favorit. Ich wünsche mir, dass Kiel wieder einmal brilliert.