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Banater Post

Wege in die Freiheit: „Eine Kiste mit 80 Kilo und 15000 Euro Schulden“

Kaum ein Thema hat die Nachkriegsgeschichte der Deutschen in Rumänien so geprägt wie „das Auswandern“ in die Bundesrepublik. Wenig Fakten, aber umso mehr Gerüchte waren zu erfahren. Man hörte von gelungenen Fluchtversuchen, manchmal von Verschollenen. Geheimtipps und Adressen von Ansprechpartnern machten unter der Hand die Runde – solche, die gegen Zahlung die Akte mit dem Auswanderungsantrag ganz nach oben im Stapel bringen würden. Und man merkte auch, dass immer wieder (und im Laufe der Zeit immer mehr) Nachbarn, Kollegen, Mitschüler oder Lehrer verschwanden und eine Lücke hinterließen. Das abgesehen von der eigenen Verwandtschaft, mit der man in dieser Frage mehr oder weniger „in einem Boot“ saß, denn das Zauberwort für die Ausreise hieß „Familienzusammenführung“.

Außer der Zusammenführung von Ehepaaren galt unter dieser Prämisse die Devise: Eltern durften zu ihren Kindern, Kinder zu ihren Eltern. Eher selten konnten sich Geschwister mit jeweils eigenen Familien darauf berufen. Doch über die Elterngeneration funktionierte dies indirekt doch. Und wo eine Familie zusammengeführt wurde, wurde häufig gleichzeitig eine andere auseinandergerissen, sodass sich ein „Schneeballsystem“ der Familienzusammenführung ergab.

Kaum jemand aus den Reihen der deutschen Minderheit war von dem Phänomen des kontinuierlichen Weggangs von Menschen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld nicht betroffen. Dennoch war das Thema in der öffentlichen Diskussion nicht präsent. Die offizielle Lesart kannte nur parteikonforme und glückliche Angehörige der deutschen „mitwohnenden Nationalität“, die der fürsorglichen Partei dankbar waren für die Infrastruktur, von der sie als Minderheit profitieren konnten: Schulen, Zeitungen, Theater usw. in deutscher Sprache. Und diese Möglichkeiten wurden trotzig genutzt. Auch, um die Lücken zu füllen, die sich durch den Weggang so vieler auftaten. Und obwohl man selbst auch bereits vom Auswandern träumte oder gar schon nahe dran war an den „kleinen“ oder „großen“ Formularen.
Das Gerücht, dass die Bundesrepublik Deutschland den Ausreisewunsch der Rumäniendeutschen nicht nur politisch und moralisch, sondern auch finanziell unterstützte, machte schon früh die Runde. Von „Kopfgeldern“ je nach Ausbildungsstand war die Rede. Nach der Wende stellte sich schnell heraus, dass diese Gerüchte im Wesentlichen zutreffend waren.

Doch erst 2009 wurde der Mann, der am meisten darüber wusste, von seiner Schweigepflicht entbunden und konnte sie bestätigen: Der Rechtsanwalt und Bundestagsabgeordnete Dr. Heinz Günther Hüsch aus dem niederrheinischen Neuss hatte als Privatmann im Auftrag der Bundesregierung von 1968 bis 1989 die Verhandlungen geführt, um die Ausreiseanträge der Rumäniendeutschen zu unterstützen, Quoten und „Kopfgelder“ auszuhandeln, die die zunehmende Devisengier der rumänischen Seite mit den Fürsorge-Interessen der Bundesrepublik in Einklang bringen sollten. Da dieser Menschenhandel in vielen Hinsichten und auf allen Seiten nicht unumstritten war, unterlagen die Verhandlungen strengster Geheimhaltung.

Nach 2009 ging Dr. Heinz Günther Hüsch mit seinen Dokumenten an die Öffentlichkeit. Und nun ist auf deren Grundlage in der Reihe „Banater Bibliothek“ ein hoch interessanter Dokumentationsband entstanden, der die Entwicklung der „Ausreisegeschichte“ der Rumäniendeutschen fundiert und vor allem detailliert beleuchtet. Eine dringend fällige Aufarbeitung auf der Grundlage des Wissens eines hervorragenden Kronzeugen.

Dr. Heinz Günther Hüsch verstand es offenbar, die schlitzohrigen rumänischen Verhandlungspartner ein-zuschätzen und ihnen mit der nötigen Mischung aus Vorsicht, Selbstbewusstsein und Stehvermögen entgegenzutreten. Das zeigen die Protokolle der Verhandlungen, die Hüsch danach aus dem Gedächtnis für seine Auftraggeber erstellt hat und die ausführlichen Rechenschaftsberichte. Diese Dokumente sind spannend und aufschlussreich, doch der Band beschränkt sich zum Glück nicht auf eine Veröffentlichung von unkommentierten Typoskripten als Faksimile.

Als Herausgeberin legt die Landsmannschaft der Banater Schwaben, deren Bundesvorsitzender Peter-Dietmar Leber auf der Autorenliste steht, auf dieser Grundlage eine chronologische Dokumentation der Auswanderungsgeschichte vor, die sich nach 1989 mit einem letzten großen Schwall bemerkbar machte und nun weitgehend zum Erliegen gekommen ist. Die für viele noch sehr präsenten Ereignisse faktisch zu präsentieren, ohne auf die Beurteilung durch den Zeitzeugen Hüsch zu verzichten, ist das große Verdienst dieser Publikation. Vorab fasst Peter-Dietmar Leber die Aussiedlungsgeschichte der Deutschen aus Rumänien zusammen. Dr. Heinz Günther Hüsch beleuchtet in dem folgenden Beitrag die deutschen Bemühungen vor 1968, auseinandergerissene Familien über das Deutsche Rote Kreuz wieder zusammen zu bringen. Danach erläutert er seinen ausführlichen Rechenschaftsbericht, in dem er seine kompletten Bemühungen über 21 Jahre Familienzusammenführung auf 1800 Seiten in fünf Bänden zusammengefasst hat. Das Vorwort wird als Faksimile abgedruckt.

Im Hauptteil  folgt ein chronologischer Blick (fast) im Jahresrhythmus auf die Entwicklung des „Freikaufs“, jeweils nach demselben Muster: Dr. Heinz Günther Hüsch schildert die politische Situation in der Bundes-republik. Es folgt ein Beitrag über die Lage in Rumänien von Hannelore Baier, die als Journalistin der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien (ADZ) bereits mehrere Veröffentlichungen zum Thema vorweisen kann. Unter dieser Prämisse schildert Dr. Hüsch dann die Verhandlungen, die er mit Vertretern des rumänischen Staatsapparats, sprich des Geheimdienstes Securitate führte. Faksimile von Dokumenten lassen diese Schilderungen konkret werden. Auf mehr als 370 Seiten folgt der Band diesem Schema und lässt dabei ein faszinierendes Geschichtsdokument entstehen. Ergänzend werden noch Namen und Daten der Personen, die auf rumänischer Seite an den Verhandlungen beteiligt waren, aufgeführt, danach folgt eine Auswahlbibliographie zum Thema „Freikauf“ der Rumäniendeutschen.

Auch in Rumänien sind Publikationen dazu erschienen. Besonders wertvoll unter diesen Veröffentlichungen sind die seit 2009 geführten Interviews mit dem 1929 geborenen Zeitzeugen Heinz Günther Hüsch, der diese Freikaufsverhandlungen wohl eher zufällig zu seinem Lebenswerk gemacht hat. Er erweist sich zum Vergnügen des Zuhörers als eloquenter und humorvoller Gesprächspartner, bei dem man fast den Eindruck hat, dass er dieser nicht ungefährlichen Mission (zumindest im Rückblick) durchaus ein gewisses Vergnügen abgewinnen konnte. Auffällig ist seine feine Menschenkenntnis gepaart mit einem ausgezeichneten Erinnerungsvermögen. Nicht ohne Grund spielt er auch in dem Dokumentarfilm „Ein Pass für Deutschland / Paşaport de Germania“ des Regisseurs Răzvan Georgescu den „Hauptzeugen“. Seine Berichte vermitteln den Eindruck einer gewissenhaften Aufarbeitung und sind ein wertvoller Datenkorpus.

Ein delikates, zwiespältiges, aber letztlich sehr gewichtiges Kapitel der Geschichte der Rumäniendeutschen wird hier ausgebreitet. Das Finale, sozusagen, das zum Exodus führte. Die andere Seite der Medaille ist der Schwanengesang – nämlich das, was in all den Jahren auf gepackten Koffern im zunehmend düsteren Schein des real existierenden Sozialismus trotz allem noch stattfand und entstand – Ausdruck eines Überlebenswillens der Deutschen in Rumänien bei gleichzeitigem Bewusstsein, dass das Kapitel abgeschlossen ist. Auch da gäbe es noch Dokumentations-bedarf.
    
Heinz Günther Hüsch, Peter-Dietmar Leber, Hannelore Baier: Wege in die Freiheit. Deutsch-rumänische Dokumente zur Familienzusammenführung und Aussiedlung 1968-1989. Herausgegeben von der Landsmannschaft der Banater Schwaben (Banater Bibliothek, Bd. 15). Aachen: Hüsch & Hüsch, 2016. 382 Seiten, Hardcover, Fadenheftung. ISBN 978-3-934794-44-3. Preis: 34,80 Euro zuzüglich 5,20 Euro Porto und Versand als Päckchen. Bestellung: Landsmannschaft der Banater Schwaben, Karwendelstraße 32, 81369 München, Tel.  089 / 2355730, E-Mail landsmannschaft@banater-schwaben.de oder über den Online-Shop unter www.banater-schwaben.de