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Banater Post

Ein ehemaliger Deportierter erinnert an die Leidensgeschichte der Russlandverschleppten (1)

Stefan Jäger: Die Verschleppung nach Russland im Januar 1945

Im Januar 2015 jährt sich das Schicksalsjahr der Verschleppung der Deutschen aus Rumänien in die stalinistische Sowjetunion zum 70. Mal. Anlässlich des Gedenktags möchten wir an das unsägliche Leid erinnern, das man unseren Frauen und Männern zugefügt hat. Auch der Zurückgebliebenen, bei denen die Enkelkinder in Obhut geblieben sind, sei gedacht.

Nachdem Rumänien im August 1944 die Fronten wechselte und sich der Anti-Hitler-Koalition anschloss, wurde die deutsche Bevölkerung entrechtet, es wurde ihr die wirtschaftliche Grundlage entzogen. Über 78.000 Banater Schwaben und Siebenbürger Sachen wurden in sowjetische Arbeitslager deportiert. Von diesen kehrten ungefähr 10000 nicht mehr zurück. Über 800 Frauen und Männer wurden allein aus Hatzfeld verschleppt. Davon sind 115 aus dem Inferno nicht mehr zurückgekehrt. Keine Gräber, keine Kreuze, keine Blumen in fremder Erde. Die Jüngsten sind heute 87 Jahre alt und werden immer weniger.

Die Verschleppung in die Sowjetunion begann im Banat in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 1945. Die von den Sowjets von Rumänien geforderten Arbeitsleistungen wurden auf die arbeitsfähigen Deutschen abgewälzt. Die Männer im Alter von 17 bis 45 Jahren und die Frauen von 18 bis 30 Jahren mussten nach Russland. Von der deutschen Bevölkerung waren rund 15 Prozent vor der Roten Armee Richtung Westen geflüchtet, die wehrfähigen Männer kämpften noch in der deutschen Armee oder waren in Gefangenschaft.
Auf dem Hatzfelder Bahnhof standen an Weihnachten 1944 Lastzüge mit verschlossenen Viehwaggons, die von Kikinda aus gekommen waren. Da man deutsche Worte aus den Waggons vernahm, ahnte man Schlimmes. Die Ahnung bestätigte sich, als auf dem Bahnhof Viehwaggons rangiert wurden. Es gab hektische Truppenbewegungen, aber die Behörden bewahrten Stillschweigen. Jene, die noch Fuhrwerke besaßen, mussten Stroh ins Bauernheim fahren. Am 14. Januar 1945 wurden die Leute wie Vieh eingefangen und ins Bauernheim gebracht. Auch mein Vater und ich, damals erst 16 Jahre alt, standen auf der Verschleppungsliste.

Die Abschiedstragödie

Die Zahl der Verschleppten unterschied sich von Ort zu Ort, wobei alle Banater Ortschaften von den Deportationsmaßnahmen betroffen waren. Die Deportation ist nach einem von den rumänischen Behörden in enger Zusammenarbeit mit den sowjetischen Besatzern vorbereiteten Plan abgelaufen. Die Ortseingänge von Hatzfeld wurden vom Militär abgeriegelt, Telefon-, Telegraf- und Eisenbahnverkehr wurden eingestellt, und das Militär ging mit Listen von Haus zu Haus. Im streng bewachten Bauernheim wurden wir den Russen übergeben. Bis zum Donnerstag, dem 18. Januar 1945, waren wir kaserniert, und man konnte so manches, was noch fehlte, sich von seinen Angehörigen durchs Fenster reichen lassen. Die zur Verschleppung bestimmten Personen aus den umliegenden Ortschaften wie Grabatz, Kleinjetscha und Großjetscha waren im Fußmarsch bis zum Hatzfelder Bahnhof gebracht worden.

Das brutale Entreißen der Menschen aus ihrer trauten Umgebung, die Trennung von ihren Lieben, den Ehepartnern, den Kindern, den Eltern, den vielen Freunden, von allen, die in der Not helfen oder trösten hätten können, war das Schlimmste, was einem Menschen passieren konnte. Überall wurden Menschen zusammengetrieben, wie Vieh eingefangen und mit Gewalt zur Sammelstelle gebracht. Söhne und Töchter wurden von den Eltern und junge Mütter von ihren Kindern getrennt. An Flucht war nicht zu denken, Militär schirmte die Dörfer ab und hatte die völlige Kontrolle über das Geschehen.

Eine Fahrt ins Ungewisse

Am 18. Januar 1945 wurden je 32 Personen im Hof des Bauernheims aufgerufen und mit ihren wenigen Habseligkeiten unter Eskorte zum Bahnhof gebracht. Es ging zu Fuß in Achter-Reihen, je vier Personen in einer Reihe, auf dem Fahrweg durch das Zentrum von Hatzfeld bis zum Bahnhof. Meine Gruppe wurde von acht mit Maschinenpistolen bewaffneten Russen begleitet. Unsere verzweifelten Angehörigen säumten den Gehweg, schrien und weinten. Wir hielten einander fest und waren ebenfalls tränenüberströmt. Wenn sich jemand dem Gehweg näherte, schossen die Russen zur Abschreckung eine Salve in die Luft.

Nach vier Tagen, am 22. Januar, war es dann so weit: Ein langer Pfiff der Lokomotive, Schreie, Weinen, das Läuten der Kirchenglocken und ab ging es ins „Arbeiterparadies“. Die Daheimgebliebenen hatten vorher ihre Angehörigen noch einmal auf dem Bahnhof durch die vergitterten Waggonfenster sprechen und durch das Loch, das als Toilette diente, noch Verschiedenes hineinreichen können.

In jedem Waggon waren bis zu sechzig Menschen untergebracht, Männer, Frauen, Jungen, Mädchen. Wir hatten nur wenige Sachen dabei, weil man uns gesagt hatte, es ginge zu Aufräumarbeiten. Kein Ofen, keine Latrine und die Waggone blieben verschlossen. Wir froren, wärmten und trösteten uns gegenseitig. Auf der Fahrt schlugen wir noch ein Loch in den Waggonboden, das dann als Klo diente. Zu essen hatten wir nur das von zu Hause Mitgebrachte.

An der rumänisch-russischen Grenze mussten wir Hals über Kopf in andere Waggons umsteigen. Diese waren von außen verschlossen. Mit dem Gefühl, dem Schlachtvieh gleichgestellt zu sein, bei grimmiger Kälte, quälendem Durst und fehlender Waschgelegenheit fuhr der Zug los.

Während der Fahrt hatten wir den ersten Toten zu beklagen. Magdalena Feith, Jahrgang 1924, verstarb in der Nähe von Odessa. Man wickelte die Tote in eine Decke und als der Zug hielt, begrub man sie neben dem Bahngleis. Den Rosenkranz und das Gebetbuch ihrer Mutter wurden beigelegt. Da der Zug längere Zeit hielt, konnte man ihr noch ein Kreuz aus Latten machen.

Der Trauerzug fuhr 16 Tage ins Ungewisse und landete schließlich in Dnjepropetrowsk. Am Bahnhof erwarteten uns Lastautos, die uns in ein Barackenlager außerhalb der Stadt brachten. Es war das Lager Nr. 315, das uns als „Krepierlager“ in Erinnerung geblieben ist. Am Tag darauf wurden wir unter strengster Bewachung in die Fabrik gebracht. In der Früh um 5 Uhr waren wir geweckt worden, dann hieß es aufstehen, anziehen, spärlich waschen, der Reihe nach auf die Toilette gehen. Um 6 Uhr mussten wir im Hof in Viererreihen antreten und mit Wachbegleitung ging es drei Kilometer in die Fabrik.

Sklavenarbeit

Ich arbeitete beim Transport, das heißt beim Entladen der Waggons und hatte eine Woche Nachtdienst und eine Woche Tagdienst. Wir mussten meistens Kohle, vereiste Holzstämme aus Sibirien oder große Kisten mit Maschinen entladen. Unsere Hauptwerkzeuge waren Schaufeln, Brechstangen und Winden. Kamen Waggons mit Kohle an, wurden die Falltüren geöffnet, die Kohle rutschte nach, sodass wir alles zunächst freischaufeln mussten. Danach luden wir die Kohle in eine Trage und brachten diese zur Halde. Wir wurden von den Brigadieren angehalten, zügig zu arbeiten, um bis zum Schichtwechsel fertig zu sein. Nach der Nachtschicht frühstückten wir noch in der Fabrikskantine, wonach uns ein Wachposten ins Lager begleitete, wo wir uns in der Baracke zum Schlafen legten. Schwerstarbeit, Unterernährung und fehlende Hygiene führten dazu, dass etliche meiner Arbeitskameraden starben.

Barackenleben

Die Wohnbaracken für Männer und Frauen waren geteilt. Als Schlaf- und Aufenthaltsraum diente ein großer Saal, in dem über hundert Betten standen. Eine Glühbirne an der Decke warf ihren schwachen Lichtschein in den Raum. Es war jedoch hell genug, um jede einzelne Wanze zu sehen. In der Mitte des Raumes befand sich ein eiserner Ofen, der im Winter angeheizt wurde. Es gab weder Tisch noch Stuhl. Das Bett ersetzte beides. Unter den Betten standen unsere Koffer. Als Schlaflager dienten Strohsäcke und auch die Kopfkissen waren mit  Stroh gefüllt. Die Unterkünfte waren streng bewacht und mit Stacheldraht umzäunt.

Wegen des Ungeziefers wurden wir alle kahl geschoren. Wöchentlich, am Samstag, durften wir ein Bad nehmen, das gleichzeitig der Entlausung diente. Nach dem Duschen standen wir nackt  da und warteten, bis unsere Kleider aus der Heißluftkammer kamen. Das Bad befand sich in der Fabrik, drei Kilometer vom Lager entfernt. Im Lager selbst stand uns ein türkisches Klo zur Verfügung. Es gab keine Intimsphäre, aber daran musste man sich gewöhnen. Das Frauenbad und -klo hatte einen separaten Eingang.

Und dann gab es noch eine Krankenbaracke, die „Krepierstube“. „Wir können nicht helfen, denn wir haben nur Ichthyol zum Einreiben“, sagte die Schwester. Und die russische Ärztin meinte: „Es gibt nur Gesunde und Tote“ oder: „Wer nicht arbeitet, braucht nicht zu essen“. Außer einem Universalpulver gab es keinerlei Medikamente zur Behandlung der Kranken. Die schwere Arbeit, Hunger und Kälte hatten uns so sehr geschwächt, dass die Russen gezwungen waren, die nicht mehr arbeitsfähigen Dystrophiker zu entlassen.